Heiko Mell

46, Firma pleite; selbständig?

Als Leser der „ersten Stunde“ Ihrer Karriereberatung waren mir Ihre Ratschläge und Hinweise in meiner 20jährigen Berufstätigkeit stets sehr hilfreich.
Ich bin 46 Jahre alt, war nach dem Maschinenbaustudium langjährig als Fertigungsleiter in der Automobilzulieferindustrie und bin nach einer kürzeren Episode jetzt seit acht Jahren als Betriebsleiter bei meinem jetzigen Arbeitgeber tätig.

Dieses Unternehmen hat z. Z. Liquiditätsprobleme und befindet sich im Vergleich. Mißmanagement im kaufmännischen Bereich wird von den Fachleuten als Ursache genannt. Für mich sehe ich in Kenntnis der Firmenstruktur und der genannten Situation in dieser Firma keine Zukunft mehr.

Mein Lebensalter und auch mein sozialer Status (u. a. Firmenwagen mit privater Nutzung, betriebl. Altersversorgung) dürften einer Anstellung in einem anderen Unternehmen in einer gleichwertigen Führungsposition im Wege stehen.

Meine Überlegungen gehen deshalb in Richtung Existenzgründung eines Produktionsbetriebes. Dieser würde als Mitbewerber zu meiner jetzigen Firma auf dem Markt auftreten. Aufgrund meiner weitreichenden Aufgaben habe ich hier einen guten Einblick und vertiefte Kenntnisse.

Auf der anderen Seite hat mein jetziger Chef und Noch-Fimeninhaber mir etwas angeboten: Wenn der außergerichtliche Vergleich nicht zustande käme, würde eine Auffanggesellschaft gegründet, in der ich dann mit finanzieller Beteiligung mitarbeiten sollte. Diese Variante würde mir persönlich nicht sehr zusagen.
Was ist zu tun?

Antwort:

Ich glaube, auch bei Ihnen liegt ein sehr komplexes Problemgemisch vor, das ich in seine grundverschiedenen Einzelteile „aufdröseln“ und so einer Lösung – durch Sie – zuführen möchte. Sagen wir, mein Ziel ist, Ihnen den Umgang mit diesem verschachtelten Puzzle zu erleichtern. Daß ich nicht mehr tun kann, wissen Sie selbst – wie beispielsweise sollte irgend jemand auf dieser Informationsbasis Ihr Vorhaben der Firmengründung umfassend beurteilen können?

Versuchen wir es einmal:

1. Sie sind ein Mann von „Mitte 40“. Das allein reicht schon für eine Menge an Schwierigkeiten. Da neigt man nämlich dazu, sich zentrale Fragen „nach dem Sinn des ganzen Tuns“ zu stellen. Oder man fragt sein Spiegelbild beim Rasieren, eingedenk des jungen Hoffnungsträgers, den man einmal dargestellt und der so große Pläne gehabt hatte: „War das schon alles?“ Schließlich ist in Kürze jede Chance auf dem Arbeitsmarkt dahin, was jetzt nicht klappt, das wird nichts mehr.

Dieser Mann von Mitte 40 (pauschal gesehen, jeder reagiert natürlich anders) läuft Gefahr, „jetzt noch einmal irgend etwas Besonderes“ tun zu wollen. Beliebt ist der Plan, einen totalen Neuanfang im beruflichen (oft auch im privaten) Bereich zu versuchen. „Man müßte einmal ganz etwas anderes machen“, ist schließlich das diffuse Motto – und so sehen die Resultate denn oft auch aus.

Bei Ihnen könnte dieses Phänomen die konkreten Probleme überlagern, so daß Sie am Schluß nicht mehr unterscheiden (können), was worin seine Ursachen hat.

Typisch ist beispielsweise die Idee, gerade jetzt von der Angestelltenlaufbahn in die Selbständigkeit zu wechseln. Fragen Sie sich also, welcher Anteil Ihrer Frustration beziehungsweise Ihrer Pläne eventuell auf diesen Aspekt zurückgeht.

2. Ich will keinesfalls das Altersproblem bagatellisieren, muß ich doch täglich damit umgehen. Aber es gibt in Ihrem Fall nun überhaupt keinen Grund, Bemühungen auf dem Arbeitsmarkt „vor lauter Schreck“ einzustellen! 52 Jahre sind ein sehr großes Problem, 50 Jahre sind ein großes Problem, 48 Jahre sind ein Problem. 46 Jahre sind ein Alter, da beginnen erste Schwierigkeiten, die sich wie eine Lupe über sonstige Unschönheiten im Werdegang legen und sie verstärkt sichtbar werden lassen. Aber sind Sie der Mann, der vor „ersten Schwierigkeiten“ kapituliert?

Also sollten und könnten Sie sich derzeit unter allen Umständen bewerben – engagiert, positiv gestimmt, siegessicher. Und durchaus mit Aussicht auf Erfolg.

3. Ihr „sozialer Status“ mit Auto u. a. in Ehren, aber daraus ein Problem zu machen, ist Ihrer nicht würdig. Wenn es um Existenzsicherung geht, ist ein Dienstwagen ein Schmarrn. Das Ding ist doch nicht wirklich wichtig. Wenn Sie soviel Geld haben, daß Sie eine Firma aufbauen können, dann kaufen Sie sich doch das alberne Auto selbst.

Außerdem ist Ihre Firma ziemlich pleite – da ist dann das Firmenfahrzeug ohnehin bald weg. Und ob das Auto nun bei Bewerbungen stört, liegt an Ihnen. Erwähnen Sie es einfach in der schriftlichen Phase gar nicht und warten Sie ab, wie die Reaktionen auf Ihre Bewerbungen dann sind.

Ein fast schon amüsantes Argument (das Ihnen nicht gefallen muß) am Rande: Vielleicht ist ja Ihr heutiger Arbeitgeber pleite, weil er seinen Betriebsleitern (und anderen) zu viele kostenträchtige „Bonbons“ nachgeworfen hat. Übrigens kann durchaus auch so etwas „kaufmännisches Mißmanagement“ sein.

Und warum trauen Sie sich eigentlich nicht zu, per Bewerbung eine etwas größere Führungsposition dieser Art zu erringen, in der etwas mehr gezahlt und ein Dienstwagen gewährt wird – wenn Sie auf der anderen Seite meinen, die Qualifikation zum Aufbau und zur Leitung einer ganzen Firma zu haben?

Ihr Auto ist eine solche Schwachstelle in Ihrer Argumentation, da stehen dem Fachmann ja die Haare zu Berge.

4. Einkauf in die mögliche Auffanggesellschaft: Da verstehe ich Ihre Bedenken. Oft geht so etwas nach einiger Zeit schief oder kommt gar nicht erst zustande. Und Ihr alter Chef und Inhaber, der die derzeitige Situation ja verantworten muß, wäre wieder dabei und hätte wieder das Sagen – nur steckte jetzt Ihr Geld mit drin.

Natürlich kann man darüber kein endgültiges Urteil fällen, aber zu einer sehr, sehr sorgfältigen Prüfung wird geraten.

5. Für den Aufbau eines eigenen Produktionsbetriebes bin ich sicher nicht der ausgewiesene Fachmann. Aber diese Argumente fallen mir immerhin dazu ein:

a) Neuaufbau einer Produktion in Deutschland (wir kennen allerdings das Produkt nicht) ist sicher ein grundsätzliches Risiko, andere bauen hier eher ab und gehen in weniger teure Länder.

b) Produktionsanlagen sind sehr teuer, erfordern einen hohen Kapitalaufwand und stellen schon von daher ein besonderes Risiko dar.

c) Wenn Sie Ihrem heutigen Chef nicht den Betrieb abkaufen (können), sondern wenn er mit der Auffanggesellschaft auf diesem Markt weitermacht und Sie eben dort neu beginnen – haben Sie in ihm einen Todfeind. Ehemalige Angestellte, die sich auf dem Gebiet des früheren Arbeitgebers selbständig machen, sind automatisch Todfeinde und werden mit allen Mitteln, um jeden Preis und oft gegen jede Vernunft bekämpft. Das müßten Sie einkalkulieren.

d) Die Abnehmer für Ihre Produkte hätten es nach Ihrer Neugründung statt früher mit einem jetzt mit zwei Anbietern zu tun: Einer davon ist ein Neuling, der strampeln muß, der andere war gerade pleite. Beides führt dazu, daß man ordentlich die Preise drückt und beide Wettbewerber hübsch gegeneinander ausspielt. Notfalls bis zur Pleite des einen; zumindest müßten Sie mit deutlich geringeren Preisen als heute rechnen. Wenn die Abnehmer dann noch merken, daß Sie und der andere Anbieter Todfeinde sind ….

e) Extrem wichtig beim Aufbau einer selbständigen Existenz ist stets das Talent (und Fachwissen) zur Auftragsbeschaffung. Haben Sie das?

6. Als Resümee: Ich kann keine zentrale Empfehlung geben, dazu ist das alles zu vielschichtig. Außerdem kann für Person A richtig sein, was bei B in die Katastrophe führt. Vielleicht prüfen Sie einmal, wie stichhaltig Ihnen meine Argumentation zu den Einzelpunkten vorkommt. Und dann durchdenken Sie Ihre Pläne noch einmal – oder Sie realisieren sie; es ist Ihr Leben, ich kann nur Denkanstöße geben.

Wissen Sie, was ich glaube: Ausgelöst durch die Pleite und überlagert von der allgemeinen Sinn-Problematik des Mittvierzigers wollen Sie sich eigentlich mit eigener Firma selbständig machen. Und nun soll ich Ihnen den Gedanken bestätigen, daß doch alle Alternativen gar nicht funktionieren können. Den Gefallen aber kann ich Ihnen nicht tun. Sie verstehen mich bitte richtig: Ich sehe Ihre Probleme durchaus und hätte bei meinem Rat am liebsten gesagt: „In aller Freundschaft …“ – aber wir kennen uns überhaupt nicht. So jedoch möchte ich meine Anregungen verstanden wissen, nicht als banale Kritik.

Kurzantwort:

In beruflichen Problemsituationen prüfe man, ob bei der Bevorzugung denkbarer Lösungsalternativen nicht der Wunsch Vater des Gedankens ist. Zumindest sich selbst darf man nichts vormachen – und etwa Sachargumente vorschieben, wo es doch um Träume geht.

Frage-Nr.: 1355
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-01-07

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