Heiko Mell

Wo du hingehst, da will auch ich …

Frage: Ich weiß Ihre erfrischende Direktheit schon seit langer Zeit zu schätzen. Nach Abschluß meines Uni-Maschinenbaustudiums habe ich vor zwei Jahren eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer TU angenommen. Die Arbeitsinhalte ergänzen mein Wissen und entsprechen meinen Interessen. Vor einigen Monaten mußte die Weiterführung meines Arbeitsvertrages aus finanziellen Gründen stark in Zweifel gezogen werden. Nach Beratung mit meiner Familie habe ich mich daraufhin in der Industrie beworben. Einer dieser Kontakte könnte zu einem Ar-beitsvertrag führen. Was sich vermeintlich als glückliches Ende anbahnt, löst aus heutiger Sicht einen enormen Zielkonflikt aus.

Die Rahmenbedingungen haben sich inzwischen geändert:
1. Vor dem Hintergrund des scheinbar unvermeidbaren Stellen und damit auch Ortswechsels hat sich meine Frau dazu entschlossen, mit unseren Kindern in die bevorzugte Zielregion vorzuziehen (die mögliche neue Stelle liegt genau in dieser Region).
2. Die Weiterführung des jetzigen Arbeitsverhältnisses konnte wider aller Erwartungen kurzfristig für einen ausreichend langen Zeit-raum gesichert werden.

Mein Konflikt: Kopf gegen Bauchentscheidung, Sicherheit gegen Risiko:
– Aufgabe einer sicheren Stelle, in der ich die vom Berufsweg her zu erwartende Promotion beenden könnte (trotz der Trennung von meiner Familie) gegen
– Wechsel in eine sehr anspruchsvolle, interessante und mit meinen beruflichen Zielvorstellungen sehr gut zu vereinbarende Position in einem „jungen“, internationalen Großkonzern einer dynamischen Branche. Bei erfolrreichem Verlauf könnte der Wechsel sicher als großer Karrieresprung gewertet werden. Soll ich also die Promotion abschließen, soll ich wechseln? Dabei möchte ich nicht unberücksichtigt lassen, daß ich vielleicht das durch den Wechsel angestrebte Ziel nicht erreiche und dann „abgeschoben“ würde. Das wäre im Zusammenhang mit der dann abgebrochenen Promotion kein gutes Aushängeschild für anschließende Bewerbungen. Bitte helfen Sie mir.

Antwort:

Sollten Sie, liebe Leser, bei Ihrem täglichen Tun einmal Langeweile empfinden, dann erwägen Sie doch den Wechsel auf ein berufliches Feld, in dem es nur um Menschen geht. Die können Sie zwar zur Verzweiflung treiben, langweilig jedoch sind sie so gut wie nie. Sehen Sie, wir haben in unserem Metier als einen zentralen Problempunkt die Standortfrage. Norm ist, daß die Bewerber trotz großer Karriereambitionen nicht umziehen möchten und wenn, dann schon gar nicht in die Gegend, in der zufällig die zu besetzende Position angesiedelt ist. Norm ist auch, daß die (Ehe )Partner der Bewerber in dieser Beziehung die eigentlichen „Bremser“ sind. „Bloß nicht hier weg“, ist die Devise. Hier jedoch zieht eine Ehefrau vor lauter Begeisterung schon einmal vor, bevor ihr Mann und – so schätze ich – Familienernährer überhaupt den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Das ist ein neues Element, das hatten wir noch nie. Für andere: Üblich ist, daß der Bewerber den Vertrag unterschreibt, seinen neuen Job antritt und dort seine Probezeit ableistet. Hat er die bestanden, zieht die Familie an seinen neuen Arbeitsort nach. In diesem Fall ist eben alles anders. Nun ist es so, geehrter Einsender, daß ich Ihre Frau nicht zu kritisieren habe; ich bin jedoch, das sei angemerkt, durchaus imstande, gelegentlich auch einmal Empfindungen des Bedauerns zu haben. Aber lassen wir das. Als Rat für alle anderen: Man tut so etwas (Vorab-Umzug) besser eher nicht. Auch deshalb nicht, weil man auf noch nicht unterschriebene Arbeitsverträge absolut nichts geben – und schon gar keine Entscheidungen darauf aufbauen darf. Und schließlich: Man sieht ja, was dabei herauskommt.
So, da dieses „Kind“ (Umzug) nun einmal in den Brunnen gefallen ist, widmen wir uns dem Rest:

1. Sie haben nach abgeschlossenem Examen zwei Jahre Ihres Berufsleben dem Ziel „Promotion“ geopfert. Wie das Examen selbst ist auch die Promotion so zu sehen: Das Ziel ist alles, der Weg allein ist nichts. Ohne Diplom war ein Studium vertan, ohne Dr.-Grad waren es die entsprechenden Jahre. Man steht – goldene Grundregel – durch, was man begonnen hat.

2. Ihr potentieller Industrie-Arbeitgeber nähme Sie nun trotz des Makels, auch das muß man sehen. Aber der scheint einen Mann Ihrer Qualifikation auch dringend zu brauchen – und da übersieht er solche „Kleinigkeiten“. Sie dürfen keinesfalls davon ausgehen, daß spätere Bewerbungsempfänger ebenfalls so gelassen damit umgehen: Sie brauchen nur in einigen Jahren in die nächste Konjunkturkrise mit ihrer zwangsläufig kommenden Bewerber-schwemme hineinzugeraten und schon haben Sie Probleme allein wegen des abgebrochenen Promotionsverfahrens.

3. Ein besonders brisantes Risiko haben Sie schon erkannt: Sollten Sie aus irgendwelchen Gründen in der möglichen neuen Position nach nur kurzer Zeit scheitern, werden Sie zum „Wiederholungstäter“. Promotionsvorha-ben ergebnislos abgebrochen, in der ersten Industriebewährung gescheitert. Dann sähe es sehr, sehr schlecht für Sie aus!

4. Die Grundregel lautet: Schließen Sie jede Phase Ihres Berufslebens so ab, daß hinterher niemand daran „riechen“ kann, eben weil Sie nicht wissen können, was noch kommt.

5. Niemand kann jedoch ausschließen, daß folgendes geschieht: Sie wechseln in eine neue Position, werden glücklich, machen Karriere, bewerben sich nie wieder oder erst in fünfzehn Jahren – und kein Hahn kräht nach der geplatzten Promotion.

6. Würden Sie wechseln, wäre das wie eine lange Autofahrt ohne Reservereifen. Natürlich hat man „nie“ eine Reifenpanne. Die boshafte Frage lautet: Und wenn doch?

7. Durch den Umzug Ihrer Frau sind Sie natürlich in einer etwas schwierigen Situation, sind moralisch unter Druck gesetzt und wären für Jahre zur Wochenendehe gezwungen. So problematisch das ist: Lassen Sie sich dadurch nicht den Blick trüben für die Langfristauswirkungen auf die berufliche Situation. Schließlich soll Ihr Beruf ja wohl auf viele Jahre hinaus die Familie ernähren. Insgesamt also neige ich dazu, Ihnen zu raten: Schließen Sie Ihr begonnenes Projekt ab.

Kurzantwort:

Die Vorliebe für und die Abneigungen gegen bestimmte Orte/Regionen (in Deutschland) hat schon manche Karriere in Gefahr gebracht. Es gilt, die richtigen Prioritäten zu setzen.

Frage-Nr.: 1343
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-11-20

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