Heiko Mell

Stab contra Linie

Frage: Ich habe nach sehr guten Universitätsabschlüssen im In- und Ausland bei einem internationalen Großkonzern ein Traineeprogramm erfolgreich abgeschlossen. Seit kurzem bin ich nun Mitarbeiter der unternehmensweiten Planungs- und Strategieabteilung. Die Aufgaben reichen vom strategischen Controlling der einzelnen Geschäftsgebiete bis zur Entwicklung von Geschäftsmodellen für neue, innovative Märkte. Die Abteilung dient dem Vorstand als Frühwarnsystem und Denkfabrik.
Die mir gestellten Aufgaben sind interessant und abwechslungsreich, meine Vorgesetzten unterstützen mich und äußern sich positiv über meine Arbeit.
Für mich steht aber fest, daß die Mitarbeit in einer strategischen Abteilung nur eine interessante Durchgangsstation ist. Mein Ziel ist, nach einer gewissen Zeit in das operative Geschäft (Führungslaufbahn) zu wechseln. Was wäre ein angemessener Zeitraum, wie schwierig ist der Wechsel zwischen Stab und Linie? War der Eintritt hier karrierefördernd oder -hemmend? Bietet sich ein Wechsel ins operative Geschäft anläßlich eines eventuellen Firmenwechsels an?

Antwort:

Für eine Startposition dieser Art würden viele hoffnungsvolle Jungakademiker ihren „linken Arm“ geben. Eine tolle, einmalige Chance – mit adäquatem Risiko (das ist der gesunde Ausgleich in unserem Wirtschaftssystem).

Sie sitzen „im Zentrum der Macht“ in einem der ganz großen Unternehmen. Was Sie dort auf Dauer sehen und hören, bekommen Durchschnittsgeschäftsführer von Konzerngesellschaften nicht in zehn Jahren mit.“Super“ also (verzeihen Sie mir den Unfug) – aber absolut „tödlich“, wenn Sie dort versagen. Fachlich wäre das auch nicht schlimmer als anderswo. Aber wenn Sie beispielsweise dem Vorstand unangenehm auffielen, dann wären Sie auf ewig „weg vom Fenster“.

Und, das gilt ohnehin, woanders hingehen können Sie von dort aus nicht. Gemeint ist der externe Wechsel. Weder gelobt noch gefeuert sind Sie für fremde Unternehmen 1. Wahl: „Dort im Zentrum der Macht gesessen zu haben und nichts geworden zu sein – damit ist er ganz klar gewogen und zu leicht befunden worden.“ Das beantwortet auch die Frage nach dem Wechsel ins operative Geschäft bei einem Firmenwechsel negativ. Da käme die Hürde Stab – Linie noch hinzu.

Daß Sie dort nicht ewig bleiben können, ist richtig: Stab ist fantastisch für junge Leute mit Intelligenz und Anspruch. Aber er verdirbt. Den Stil, nicht den Charakter. Zehn Jahre Stab und niemand läßt Sie mehr an die Schaltknöpfe. Und die liegen nun einmal im operativen Bereich. Ihr Konzern ist nur aus einem Grund existent, hat nur ein Ziel: Rendite. Und über die spricht ein Planer; ein Operativer jedoch macht sie, draußen an der „Front“.

Natürlich sind alle Planungs- und/oder Stabsfunktionen gerade heute auch extrem wichtig und mit erfolgsentscheidend. Aber stellen Sie sich einmal auf den Flur Ihrer Vorstandsetage und rufen Sie: „Ich betreue planerisch 5 Milliarden Umsatz“ oder verkünden Sie: „Ich verantworte 5 Milliarden Umsatz.“ Sie werden sehen, es ist ein Unterschied.

Also „Durchgangsstation“ ist richtig. Etwa zwei bis maximal fünf Jahre dürften angemessen sein. Dann sollten Sie wechseln. Und zwar konzernintern auf eine verantwortliche Position im operativen Bereich. Irgendwo.

Der Weg dorthin: Sie profilieren sich. Am besten so: Ohne Ihre direkten Vorgesetzten zu überspielen(!) oder sie gar zu hintergehen(!), profilieren Sie sich langsam, aber beharrlich beim Vorstand. Und etwa nach zwei Jahren beginnen Sie, allmählich Ihre Ansprüche anzumelden – bei Ihren dafür zuständigen Vorgesetzten (wie man das macht, stand in einer der jüngsten Ausgaben dieser Serie).

Sie brauchen also dort, wo Sie jetzt sind, eine tadellose Reputation. Über Fachliches reden wir hier nicht, das ist selbstverständlich und nützt allein gar nichts. Die Entscheidung fällt bei der Beurteilung Ihrer Persönlichkeit. Als Tip: Zunächst passen Sie sich an, sind erst einmal wie die anderen in der Abteilung. Nach einem Jahr beherrschen Sie die „Pflicht“ und haben dann Raum für die „Kür“, können sich also profilieren. Wie das geht, müssen Sie schon selbst herausfinden, es kommt auf das gesamte Umfeld an.

Ihr Vorstand dort kann die Welt verändern – na gut, sagen wir einen beachtlichen Teil derselben. Und er kann Ihrer Karriere den entscheidenden „Schubs“ geben, problemlos auch über die Grenze zum Operativen hinweg. Wenn er will – und dazu müssen Sie ihn (oder den, der da sonst als ranghoher Manager zuständig ist und Einfluß hat) eben bringen.

Aber Vorsicht: Man ist als junger Mitarbeiter dort oben natürlich ehrgeizig und karriereinteressiert – aber man zeigt es nicht. Vor allem redet man nicht offen darüber, schon gar nicht ständig. Im Gegenteil: Versteckt wird das hinter der Maske des reinen Engagements für die Sache, für die Interessen der hochkarätigen Chefs und des Unternehmens (letzteres mit Vorsicht, denn es kann im Gegenzug nichts, aber auch gar nichts für Sie tun, Chefs hingegen können).

Klar wird jetzt auch: Die Luft „da oben“ ist nichts für jeden. Man muß da hineinpassen. aber das prüft so ein Konzern schon, bevor er Sie in Vorstandsnähe läßt, da können Sie ganz sicher sein.

Ach ja: Kümmern Sie sich gelegentlich darum, was aus früheren Mitarbeitern dieser Stabsabteilung wurde. Dann sehen Sie, wie die „Standard-Denke“ in Aufstiegsfragen dort ist – und ob Sie den Versuch zum Gegensteuern unternehmen müssen.

Kurzantwort:

Der Berufsstart im Stab der Unternehmensleitung ist eine tolle Karrierechance für den, der da hineinpaßt. Versagt man dort jedoch, ist das schlimmer als im Standard-Linienbereich.

Frage-Nr.: 1337
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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