Heiko Mell

Auslandseinsatz mit Abstieg

Zunächst möchte ich mich bei Ihnen bedanken für Ihre Ratschläge und Hinweise, die Sie in Ihrer Karriereberatung geben. Sie haben mir stets sehr geholfen und sind damit auch nicht ganz unschuldig an dem Problem: Nach Studienabschluß habe ich vor drei Jahren mit 25 Jahren in einem mittelgroßen Unternehmen meine erste Stelle angetreten. Nicht zuletzt aufgrund einiger Einsendungen zu dieser Serie und vor allem der Beachtung Ihrer Antworten darf ich sagen, daß ich mich in dieser Zeit persönlich und beruflich gut entwickelt habe. Ich bin heute „inoffizieller“ Gruppenleiter (offiziell gibt es diese Ebene nicht mehr) einer Technikgruppe für Kundenbetreuung in einem regionalen Teilbereich. Es ergibt sich durch Veränderungen im Führungsbereich für mich die Möglichkeit einer Ausweitung meiner Aufgabe auf die technische Betreuung des gesamten europäischen Marktes und die technische Unterstützung unserer weltweit angesiedelten Töchter.

Zeitgleich habe ich ein Angebot unserer US-Tochter vorliegen. Ich könnte dort für drei Jahre eine sehr ähnliche Aufgabe wie hier übernehmen, aus organisatorischen Gründen jedoch ohne Mitarbeiterführung.

Welche Alternative wäre für meine weitere persönliche und berufliche Entwicklung die bessere? Ich tendiere vom Gefühl her zum USA-Angebot. Jedoch habe ich Bedenken, daß mir diese Entscheidung später als „Flucht“ vor der Personalverantwortung ausgelegt wird.

Antwort:

In Ihrem Fall kommen mehrere Aspekte zusammen, die ich getrennt besprechen will. So können andere Leser besser erkennen, wo es feste Prinzipien gibt und wo Ihre besonderen Gegebenheiten „durchschlagen“.

 

1. Auslandserfahrung hat für die „derzeitige Jugend“ (ein hübscher Begriff, finden Sie nicht?) einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Der wird eher noch zunehmen für eine Trendumkehr gibt es nicht die geringsten Anhaltspunkte. Übrigens: Schon im Mittelalter gehörte es zum guten Ton, daß ein junger, frischgebackener Handwerksgeselle aus der Enge seines abgeschiedenen Städtchens hinausging, in das, was man damals als „die Welt“ ansah. Es ging darum, andere „Länder“ zu sehen, neue fachliche Techniken zu erlernen, persönlich am Umgang mit fremden Menschen und Gewohnheiten zu reifen. Wie damals ein Handwerker nichts galt, der nicht beruflich über die Mauern seiner Heimatstadt hinausgeblickt hatte, so muß ein junger Akademiker in der Industrie unserer Tage mit Vorbehalten rechnen, wenn er niemals „draußen“ war. Einzige Einschränkung beim Auslandseinsatz ist das Alter. Die Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt ist mitunter schwierig, mit Problemen ist zu rechnen. Stets muß man einkalkulieren, daß man bei der Rückkehr hier vielleicht keinen Arbeitsplatz mehr hat – sich also dann extern bewerben muß. Das wiederum sollte so weit wie möglich vor 45 geschehen, also sollte der erste Gang ins Ausland deutlich unterhalb einer Altersgrenze von 40 erfolgen. Oder einfacher: je früher, desto besser.

 

2. Fast immer gilt: Wer in einem Land Menschen führen will, sollte vorher in diesem Land nichtführend gearbeitet haben. Ausnahmen von diesem Grundsatz gibt es bei sehr erfahrenen, etwas älteren Führungskräften (natürlich schickt man einen 40jährigen deutschen Produktionsleiter mit heute 300 unterstellten Mitarbeitern nicht als AV-Sachbearbeiter nach Tschechien.).

Je jünger jedoch der Betroffene und je geringer seine Führungserfahrungdesto mehr gilt dieses Prinzip. Für einen 28jährigen Deutschen, der hier nur eine Art informeller Gruppenleiter ist, kommt gar nichts anderes in Frage als eine nichtführende Tätigkeit im Top-Land USA. Also wird in Ihrem Falle auch niemand daran Anstoß nehmen, daß Sie dort drüben wieder „unten“ anfangen – von „Flucht“ kann keine Rede sein.

 

3. Auslandserfahrung wirkt lang – nicht unbedingt kurzfristig karrierefördernd. Sicher, Sie hätten jetzt hier in Deutschland eine schöne Chance, Ihr Aufgabenfeld deutlich anzureichern und – unabhängig von sofortigen Hierarchiechancen – mittelfristig etwas daraus zu machen. Mit höchster Wahrscheinlichkeit wären Sie in drei Jahren „mehr“ blieben Sie jetzt schlicht hier.

Es kann sogar sein, daß Ihr Unternehmen bei Ihrer Rückkehr aus den USA hier zunächst gar keine anständige Position für Sie hat und Sie auf irgendeinem „Druckposten“ einsetzt und Sie mit irgendwelchen Sonder- oder Projektaufgaben beschäftigt. Aber in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren, da bin ich ganz sicher, zahlt sich die Auslandspraxis aus!

In jedem Fall tut sie das bei Ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Insgesamt scheint aus meiner Sicht viel für das Engagement in den USA zu sprechen.

Kurzantwort:

Vor allem wenn man noch jung ist gilt: Auslandserfahrung ist ein Wert an (und für) sich; es ist nicht gar so wichtig daß die dort ausgeübte Position perfekt in die bisherige Laufbahn paßt.

Frage-Nr.: 1334
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-23

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