Heiko Mell

Selbständigkeit und Ortswechsel

Nach 45 Jahren als festangestellter Ingenieur in der EDV-Branche bin ich seit 55 Jahren als freiberuflicher Programmierer und IT-Berater tätig.Ich plane innerhalb der nächsten 1 – 2 Jahre aus privaten Gründen den Umzug in eine andere Stadt. Aufgrund der dort dann fehlenden Geschäftskontakte strebe ich wieder ein festes Anstellungsverhältnis an.

Wird aus Ihrer Sicht der Schritt von der Selbständigkeit zurück in ein Angestelltenverhältnis negativ gewertet (z. B. mangelnde Belastbarkeit) und wie würde man dagegen argumentieren?

Ein weiteres Problem habe ich im Zusammenhang mit dem Arbeitszeugnis: Was erwartet ein potentieller Arbeitgeber eigentlich von einem „Arbeitszeugnis“ eines Freiberuflers hinsichtlich Inhalt, Form und Verfasser?

Antwort:

Letzteres zuerst: Nichts erwartet er – denn es gibt kein Zeugnis und kann keines geben, und damit sind wir mitten im Problem.Zeugnisse werden vom Arbeitgeber geschrieben – der Selbständige jedoch hat keinen. Damit fehlt in späteren Bewerbungen schlicht die „Deckung“ für mehrere Berufsjahre. Nicht auf Sie bezogen und nur als theoretischer Grenzwert eines mathematischen Modells zu sehen: Sie könnten in der Zeit auch im Gefängnis gesessen, unter Brücken geschlafen oder sonstwie Merkwürdiges getan haben. Für einen klassischen Angestellten wäre so etwas „unmöglich“ – und deshalb lautet die Grundregel: Der Weg in die Selbständigkeit ist einer ohne Wiederkehr. Kürzer: Einmal selbständig, immer selbständig.

Die Zeugnisfrage ist dabei nur ein Randproblem. Abhilfe wäre möglich durch schriftliche Referenzen von Kunden. Aber das ist kein vollwertiger Zeugnisersatz!

Die Hauptvorbehalte gegenüber ehemaligen Selbständigen sind:

1. „Sie tun es immer wieder“. Man fürchtet, der einmal vom Bazillus „Selbständigkeit“ infizierte Mensch wird nur auf eine günstige Gelegenheit wartenum erneut das Angestelltendasein zu verlassen.

2 Sie hätten „es“ vermutlich getan, um den Ein- und Unterordnungsverpflichtungen, denen der Angestellte mannigfaltig unterworfen ist „endlich“ zu entkommen: Endlich keinen Chef mehr zu haben, endlich allein entscheiden können, wie Sie Ihre Arbeit machen, wann Sie arbeiten oder Freizeitvergnügungen genießendas ist es doch! Sie hätten damit gezeigt, wie Sie denken – eben nicht wie ein Angestellter.

3. Selbst wenn Punkt 2 im Einzelfall einmal nicht stimmen sollte: Durch mehrjährige Selbständigkeit gelten Sie als „diesbezüglich verdorben“.

Dies ist keine Argumentation gegen die Selbständigkeit, nur gegen die so oft geäußerte Hoffnung: „Wenn es schiefgeht, kann ich ja wieder auf Abhängig Beschäftigt machen, was soll’s“. Das geht nicht so einfach. Die bessere Alternative z. B. bei einem Scheitern der Selbständigkeit liegt im Aufbau einer neuen – auf anderen Gebieten, mit neuen Kunden als freier Mitarbeiter bei neuen Partnern.

Übrigens ist ausgerechnet die von Ihnen beispielhaft angezogene mangelnde Belastbarkeit überhaupt kein Thema, wenn über Bewerbungen ehemals Selbständiger entschieden wird. Ganz im Gegenteil: Jeder weiß, daß im Normalfall Selbständige viel härter arbeiten müssen und viel größeren Belastungen ausgesetzt sind als dies bei Angestellten der Fall ist.

Aber, lassen Sie es mich so sagen: Ein Selbständiger ist eben schon recht „selbständig“ – selbständiger als es seiner Eignung für Angestellten-Positionen guttut.

Das alles schließt nicht aus, daß es dennoch Beispiele geglückter Reintegration gibt. Ich will nur vermitteln, daß ein Betroffener im Bewerbungsfalle besser nicht stolz sagt (oder schreibt): „Und ich war sogar selbständig!“, sondern eher: „Asche auf mein Haupt; ich war leider selbständig.“ Was, wie sicher jeder merkt, nicht wörtlich gemeint ist.

Ach und noch etwas: An jedem Vorurteil ist irgendwie irgend etwas dran. Also hatte mancher Selbständige tatsächlich in seiner letzten Position als Angestellter so ein paar (Unterordnungs-) Probleme mit dem Chef. Und er wußte ja: Nach meinem Ausscheiden mache ich mich selbständig. Dabei ging er davon aus: Ich bewerbe mich nie wieder. Beides zusammen führt leicht zu einem schwächeren Zeugnis! Das aber prüft sehr, ja ganz besonders sorgfältigwer die Bewerbung eines Selbständigen in die Hand bekommt („Wie hat er sich denn so geführt, als er noch einen Chef hatte?“).

Jetzt – aus meiner Sicht – zum Kern Ihrer Frage: Warum geben Selbständige Ihren Status auf und bewerben sich wieder? Darauf gibt es nur eine vernünftige Antwort: Weil es wirtschaftliche Probleme gibt.

Nicht jedoch, weil ihnen ihre privaten Belange dazwischenkommen. Dazu würden beispielsweise Umzugspläne in eine andere Stadt gehören. Hier geht es nicht um Meinungen von Bewerbungsempfängern, hier geht es um typgerechtes Verhalten. Und dazu gehört zwangsläufig und für – fast – alle Selbständigen selbstverständlich:
Das „Geschäft“ geht vor – immer und überall! Ein Selbständiger ist praktisch immer im Dienst, was nicht heißt, daß er keine Freizeit hat. Aber wenn er nachts wach liegt, denkt er ebenso ans Geschäft wie unter der Dusche. Und für einen anrufenden Kunden hört die Familie selbstverständlich mit dem Geklapper am Abendbrottisch auf. Und wartet, bis der Ehemann und Vater (oder die Mutter) den Geschäftskontakt beendet hat. Beispielsweise. Dazu gehört auch: Geschäftsbeziehungen sind etwas so Kostbares, daß man – natürlich – als Selbständiger nicht die Existenz durch einen Umzug aufs Spiel setzt. Welche privaten Probleme auch immer damit gelöst werden sollten – der „richtige“ Selbständige wird sie anderweitig lösenaber nicht auf Kosten „des Geschäfts“. Wer das nicht magsoll nie selbständig werden.

Daher mein Rat an Sie, geehrter Einsender: Tun Sie es nicht! Und meine Warnung: Sie dürften durch Ihren Umzug im beruflichen Bereich größere Probleme bekommen als Sie im privaten lösen wollten. Das aber wäre ein „schlechtes Geschäft“.

Kurzantwort:

Der Weg in die Selbständigkeit sollte nicht nur als einer „ohne Wiederkehr“ geplant werden – er setzt auch voraus, daß man seinem „Geschäft“ gegenüber Privatem einen besonders hohen Stellenwert zuordnet.

Frage-Nr.: 1333
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-23

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