Heiko Mell

„Gut“ ist mir nicht gut genug

Mein Studium der Elektrotechnik an der TU … habe ich 1993 mit der Note 2 innerhalb von 9,5 Semestern abgeschlossen. Meine Intention war damals, so früh wie möglich arbeiten zu können (aus privaten Gründen).

Danach habe ich aufgrund von Unerfahrenheit, Einfallslosigkeit und evtl. der schlechten konjunkturellen Lage zu jener Zeit nach mehreren erfolglosen Bewerbungen eine Stelle als Projektingenieur in einem Unternehmen einer für mich „abwegigen“ Branche angetreten. Diese Stelle war schon zu Beginn nur eine „Notlösung“, und ich hielt permanent nach einer neuen Stelle Ausschau.

Eine Gelegenheit ergab sich 21 Monate später. Das Unternehmen, bei dem ich dann neu begonnen habe und heute noch tätig bin, ist im Bereich der elektrischen ….-technik engagiert. Nach 15 Jahren zuarbeitender Tätigkeit in der Entwicklung wurde ich zum Produktmanager für mehrere Produktgruppen ernannt. Das geschah im Rahmen einer Umstrukturierung, für das Produktmanagement wurden noch einige weitere Kollegen eingestellt.

Während der letzten 25 Jahre bekam ich eine solide Gehaltserhöhung mit Umsatzbeteiligung und eine nicht unerhebliche Sonderzahlung; ein zusätzlicher Mitarbeiter wurde für mich eingestellt, mir wurde ein Lehrgang Technischer Vertrieb bezahlt, ich werde in „Executive“-Seminaren der Muttergesellschaft weitergebildet (gemeinsam mit höherrangigen Abteilungsleitern) und allein auf Messen in Übersee gesandt. Kurz und gut: Mir wird einige Aufmerksamkeit zuteil, meine Meinung und meine Arbeit werden geschätzt (zumindest empfinde ich das so).

Nach 4 Jahren Praxis in der ….-technik (die gleichzeitig Dienstzeit beim derzeitigen Arbeitgeber sind) und davon 25 Jahren als PM, die mir sehr viel Spaß gemacht haben und machen, stellen sich mir folgende Fragen:

1. Ich bin ehrgeizig, habe das Gefühl, gute Arbeit zu leisten und möchte einen größeren Verantwortungsbereich und/oder einfach vorankommen. Aufgrund der flachen Hierarchie (mein direkter Vorgesetzter ist ein GF) ist eine relevante Stelle so schnell nicht neu zu besetzen. Wünschen würde ich mir eine Stelle als Leiter des Produktmanagements (die es noch nicht gibt, die aber Sinn machen würde). Soll ich die Schaffung dieser Stelle (und deren Besetzung mit mir) meinem Vorgesetzten vorschlagen – oder ist dies anmaßend?

2. Soll ich generell in ein anderes Unternehmen wechseln oder wäre dies zu ungeduldig und/oder zu früh?

3. Mein Ziel ist der Vertriebsleiter. Wäre dann bei einem Wechsel eine Position im Vertrieb sinnvoll?

Antwort:

„Gib ihm viel – und er will mehr“, lautet eine alte Regel für Vorgesetzte, die es mit ungestümen jungen Leuten zu tun haben. Da ist etwas dran: Verdoppeln Sie das Gehalt eines Aufsteigers und er wird glücklich sein. Etwa für sechs Wochen. In der siebten beginnt er sich zu fragen, wie es denn gehaltlich so weitergeht mit ihm. Nach weiteren drei Monaten fragt er seinen Chef.

Was nichts anderes bedeutet als: Man bekommt einen „ewig Hungrigen“ nie auf Dauer satter wird stets nur vorübergehend „Ruhe geben“.

Wissen Sie, geehrter Einsender, so am Ende Ihrer Schilderung („… meine Meinung und meine Arbeit werden geschätzt“) hatte ich eine Vision: Nach fast 15 Jahren als Autor dieser Serie würde ich eine „Welturaufführung“ erleben. Ein Mitarbeiter, dessen Arbeitgeber ihm bisher nur Gutes getan hatte, ihn beruflich fast aus der „Gosse“ (ein bißchen übertrieben) geholt hatte, würde hier öffentlich „Danke“ sagen. Einfach so – und überaus originell.

Statt dessen kam aber bloß ein „ich will mehr“. Nun ja, so ist das mit Visionen.

Wobei gerade ich das gut verstehe mit dem Drang nach oben. Nach nur sechs Wochen Tätigkeit in einem Großkonzern und frisch nach Studienabschluß hatte ich erklärt, die Sachbearbeitertätigkeit könnte ich nun – und wo man sich denn um eine Abteilungsleitung bewerben müßte. Ein wohlmeinender älterer Kollege, den ich schon deshalb heute noch bewundere, lächelte nur kurz vor sich hin, klopfte mir auf die Schulter und erklärte, bisher habe man mir nur Spielmaterial zur Einarbeitung gegeben, die richtige Tätigkeit begänne aber demnächst. Und, so meinte er noch, tatsächlich sei viele Jahre nach dem Start ein kleiner Teil ehrgeiziger Mitarbeiter auch schon einmal Abteilungsleiter geworden, aber das käme doch recht selten vor. Nun, damals war ich 21, da wird man – zum Glück – noch nicht so furchtbar ernstgenommen (es hat dann auch tatsächlich noch ein paar Jahre gedauert bis zum Abteilungsleiter).

Betrachten Sie einmal folgendes Grundschema als Richtschnur: Wenn Sie im Durchschnitt etwa alle 5 Jahre befördert werden, kommen Sie problemlos bis zum Geschäftsführer/Vorstand. Mit 19 Abitur, mit 20 Bundeswehr fertig und Studienbeginn, mit 26 Studienabschluß und Berufsstart, Eintritt als Sachbearbeiter. Mit 31 Gruppen-/Team-/Projektleiter, mit 36 Abteilungsleiter (mit „richtiger“, disziplinarischer Führung), mit 41 Hauptabteilungs-/Bereichsleiter, mit 45/46 Geschäftsführer oder Vorstand.

Nun kenne ich keine Karriere, in der es exakt so bilderbuchmäßig gelaufen ist. Aber die Aufzählung zeigt: Kein Anlaß zur Panik. Die jedoch hätte fast ein 32jähriges Vorstandsmitglied ergriffen, dem ich eröffnen mußte, daß vor ihm nun 34 Jahre Berufsarbeit ohne Aufstiegschancen lägen – was furchtbar deprimierend sein kann.

Zum konkreten Thema: Was haben Sie nun eigentlich zu bieten?

a) Ein gut abgeschlossenes, schnell durchgezogenes Studium.

b) Einen Berufsstart in einer – bei Ihrer Ausbildung – sehr „gewöhnungsbedürftig“ klingenden Branche. Natürlich mit viel zu kurzer Dienstzeit von 1,75 Jahren – aber eine längere hätte das Problem eher noch verschlimmert.

c) 1,5 Jahre Tätigkeit in der Entwicklung innerhalb Ihrer heutigen Branche. Das bedeutet Produkt- und Detailkenntnisse, das schmückt im Produktmanagement und im Vertrieb gleichermaßen seinen Mann (oder seine Frau, wenn es denn eine wäre). Aber das geht von der insgesamt noch geringen Berufserfahrung ab und bringt Sie vordergründig nicht weiter (um Positionen in der Entwicklung können Sie sich ja wegen der „Abtrünnigkeit“, die Sie mit dem Wechsel in Vertrieb/Marketing gezeigt haben, nicht mehr bewerben).

d) 2,5 Jahre im Produktmanagement. Das ist weniger als die Hälfte Ihrer gesamten Berufstätigkeit.

Sie sind also heute ein bißchen weiter als ein Mitbewerber, der nach dem Studium nur 2,5 Jahre Praxis, diese aber ausschließlich im Produktmanagement erworben hat – und sehr viel weniger weit als jemand, der wie Sie 5 Jahre Praxis mitbringt, diese aber komplett aus Ihrem heutigen Tätigkeitsfeld. Das alles muß man sehen.

Also gut, geben wir Ihnen 3 Jahre rechnerischer Praxis im Metier. Mit denen als Basis geht es Ihnen nun aber wirklich gut! Irgendwelche weiteren Wünsche sind zwar erlaubt, aber irgendwelche weiteren Aktivitäten in dieser Hinsicht sind absolut noch nicht angesagt. Dies ist Ihr „dritter Versuch“ eines ernst- und dauerhaften beruflichen Engagements. Was immer Sie tun – unternehmen Sie derzeit keinen vierten. Ihnen fehlt ja jetzt schon der klare „rote Faden“ im Werdegang. Also seien Sie dankbar über Ihre Situation und genießen Sie dieselbe.

Und da Ingenieure oft „Zahlenmenschen“ sind: Würden Sie tatsächlich alle 2,5 Jahre aufsteigen, hätten Sie bei den derzeit offiziell so geschätzten flachen Hierarchien in 5 Jahren alles „durch“ und wären „oben“. Das wären dann wieder jene 30 Jahre „Langeweile ohne Perspektive“.

 

Zu 1: Grundsätzlich schaffen Unternehmen neue (Führungs-) Positionen oder ändern sonstwie ihre Struktur, wenn sie dadurch einen Vorteil haben (oder doch eine handfeste Vorteilserwartung hegen). In Ihrem Fall wäre Ihr Hauptargument aber nur: „Würde mir Spaß machen“. Ich rate daher von der Diskussion darüber ab. Vor allem nach so kurzer Zeit im Job. Vielleicht ist ja auch Ihr Chef seinerzeit recht langsam befördert worden und sieht nun gar nicht ein, daß ausgerechnet Sie ….Außerdem wird er sofort unterstellen, daß Ihre – sicher auch irgendwie tüchtigen – Kollegen nicht halb so erfreut wären wie Sie über Ihre Ernennung zu deren Chef. Also müßte er riskieren, „ohne Not“ aus einem funktionierenden Team eine brodelnde Schlangengrube zu machen. Es sollte Ihnen also schon ein toller Vorteil einfallen, den das Unternehmen hätte, beförderte man Sie bloß endlich.

Aber es gibt einen anderen Ansatz: Die beste Lösung ist stets die, auf die der Chef selbst gekommen ist (es funktioniert ebenso gut, wenn er bloß denkt, es sei seine Idee gewesen). Also zwingen Sie ihn erst einmal zum Nachdenken über Sie und Ihre berufliche Zukunft. Und das geht so:
Melden Sie, was man immer anraten kann, Ihre Ansprüche an. Das heißt nicht: fordern Sie. Das bedeutet im Gegenteil: seien Sie behutsam, vorsichtig – als gingen Sie mit wertvollem Porzellan um.

Bewährt hat sich ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Chef. Sie loben erst einmal. Ihn, die Firma, die Arbeitsbedingungen. Und die Chance, die man Ihnen gab. Dann sprechen Sie über sich – und fragen, wie sich die Dinge aus der Sicht des Chefs denn so weiterentwickeln könnten. Sie zeigen ihm damit, daß Sie an Perspektiven interessiert sind, daß Sie Laufbahnfortschritte grundsätzlich anstreben, daß Ihnen an Weiterentwicklung gelegen ist.

Und dabei verlangen Sie nichts, drohen – natürlich – nicht, äußern keine Zeitvorstellungen. Sie fragen ihn lediglich und machen dabei automatisch deutlich: Ich will weiter nach oben. Sie dürfen auch ruhig fragen, wie er denn Ihre Chance bewertet, bald Personalverantwortung übertragen zu bekommen. Wichtig ist: Alles, was er sagt, nehmen Sie höflich, aufmerksam, aber im Negativfalle ohne erkennbare Reaktion einfach zur Kenntnis. Dann bedanken Sie sich, sagen noch etwas Nettes – und gehen an Ihre Arbeit.

Nur keine Angst: Jeder Chef weiß, was dieses Gespräch bedeutet. Vordergründig wird er zumeist versuchen, Sie zu vertrösten, am besten auf später. Aber in der Sache weiß er ganz genau: Dieser Bursche ist vom Karrierebazillus befallen, der will etwas werden, der wird jetzt keine Ruhe mehr geben. Entweder wir tun hier bald etwas für ihn – oder er geht.

Diese Art der Gesprächsführung erlaubt es beiden Seiten, ihr Gesicht zu wahren – Sie haben nichts fordern, Ihr Chef hat nichts ablehnen müssen. Mit der entsprechenden Fragestellung haben Sie jedoch Ihre Forderungen bzw. besser Wünsche unüberhörbar angemeldet. Der Chef beginnt jetzt nachzudenken, da können Sie ganz sicher sein.

 

Zu 2: Das wäre zu früh. Nicht wegen der Dienstzeit beim Arbeitgeber, sondern wegen der Erfahrungen im konkreten Job. Trotz Ihres „Vorlaufs“ in der Entwicklung sollten Sie insgesamt auf 3 bis 4 Jahre in dieser Produktmanagement-Tätigkeit kommen, dann sind Sie „draußen“ ein allseits begehrter Mann.

 

Zu 3: Nach üblichen Vorstellungen gehört das Produktmanagement zum Marketing. Letzteres ist schwer zu definieren. Fest steht jedoch: Im klassischen Industriebereich liegen meistens die größeren Karrierechancen im Vertrieb, weniger im Marketing (die Grenzen sind fließend; im reinen Konsumgütergeschäft kann „Marketing alles“, Vertrieb hingegen eher weniger bedeutend sein; wir reden hier jedoch über Branchen, die Technik verkaufen, da ist Vertriebsleiter schon das richtige Top-Ziel).

Vertriebsleiter wird nur, wer erfolgreich verkauft und dabei Personalverantwortung getragen hat. Produktmanager jedoch verkaufen im Regelfall nicht! Also müssen Sie irgendwann in den umsatzverantwortlichen Vertrieb, wenn Sie Vertriebsleiter werden wollen. Bei einem eventuellen Wechsel wäre dafür ein guter Zeitpunkt.

Prüfen Sie eventuell auch einmal intern die Chance eines Wechsels in den direkten Vertrieb – im Hinblick auf die besseren späteren Karrierechancen am besten gleich mit Zuständigkeiten, die über Deutschlands Grenzen hinausgehen.

Kurzantwort:

Berufliche Erfolgsphasen können erst dann als solide und zu weiteren Karrierewünschen berechtigend gelten, wenn die jeweilige Tätigkeit mindestens drei, besser fünf Jahre angedauert hat.

Frage-Nr.: 1331
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-23

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