Heiko Mell

Warum nicht wieder zurück?

Für die Gestaltung meines Werdeganges konnte ich aus Ihrer Serie unschätzbar wertvolle Hinweise gewinnen, für die ich Ihnen vielmals danke. Die aus meiner heutigen Sicht wichtigste Botschaft war: Auch bei Mißerfolg, heftigem Gegenwind, zögerlicher Karriereentwicklung, angespanntem Arbeitsklima etc. so lange durchzuhalten und die Vorgesetzten von sich zu überzeugen, bis man als klarer Sieger den Platz verlassen kann. Das dabei gewonnene Selbstvertrauen ist von außerordentlich hohem Wert.

Nun zu meinem Anliegen: Ich habe meinen letzten Arbeitgeber nach 4,5 Jahren auf eigenen Wunsch verlassen (vor etwas mehr als einem halben Jahr), um in einem ganz anderen Umfeld neue Erfahrungen zu sammeln. Bei meinem Ausscheiden hatte mir die Geschäftsführung angeboten, jederzeit zurückkehren zu können. Ich fühle mich jenem Unternehmen nach wie vor verbunden und empfinde das Fachgebiet als höchst reizvoll.

Nun hat mein früherer Vorgesetzter das Unternehmen inzwischen verlassen und ich hätte beste Aussichten, diese Position einzunehmen. Die Geschäftsführung, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis habe, ist unverändert. Die Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber würde bei einer Rückkehr dann allerdings nur ein gutes Jahr betragen.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hat mich Ihr Hinweis auf die goldene Regel, nicht zum alten Arbeitgeber zurückzukehren, regelrecht aufgeschreckt. Es würde mich daher sehr freuen, wenn Sie die Hintergründe dieser Regel erklären könnten (Lebenslauf liegt bei).

Antwort:

Ich gebe ja zu, daß man es mit mir nicht immer leicht hat, habe ich doch so meine Tücken. Eine ist das Bestehen auf einer „inneren Logik“, die ein Problem bereits in seiner Definition haben sollte. Weil man schon logisch sauber aufbereitete Fälle schwer genug lösen kann, die anderen aber garantiert überhaupt nicht.

Und bei Ihrem Fall fehlt es an dieser inneren Logik. Kann auch heißen: Sie machen sich selbst etwas vor. Was ich beweisen muß, keine Frage.

Also: Sie sind von Arbeitgeber A gegangen, um „in einem ganz anderen Umfeld neue Erfahrungen zu sammeln“. Heute sind Sie bei dem über alle Branchengrenzen hinweg hochrenommierten Arbeitgeber B. Na nun sammeln Sie doch! Erfahrungen beispielsweise.Dann aber hören Sie, daß Ihr alter Chef bei A inzwischen gegangen ist – daraufhin könnten Sie ja ihm eine Beileids- und dem Arbeitgeber A eine Glückwunschkarte schreiben. Oder umgekehrt.

Aber in jedem Fall liegen Sie doch derzeit haargenau „auf Zielkurs“, Sie haben doch alles, was Sie wollten.

Und bei einem eventuellen Zurückgehen zu A wäre es doch Essig mit Ihren neuen Erfahrungen „ganz anderer Art“ – Sie würden sich doch meilenweit von Ihrem selbstgesetzten Ziel entfernen.

Habe ich recht? Ich habe. Und das Problem kommt nur daher, daß Sie sich selbst nicht die Wahrheit sagen. Wenn die Versuchung einer Rückkehr wegen der Aufstiegschance so groß ist, dann sind Sie bei A nicht gegangen, um Neues zu lernen, sondern weil Sie dort „nichts geworden“ sind. Dann sollten Sie das auch – zumindest vor sich selbst – zugeben und diese Suche nach dem „ganz Neuen“ da herauslassen.

Wobei jedoch, ich weise warnend darauf hin, mir die Position bei B nicht so recht als Fortschritt gegenüber der bei A einleuchten will. Sie waren etwas mit „Senior“ im Titel bei A und sind heute etwas mit „Senior“ im Titel bei B. Und in Ihrem Lebenslauf steht bei A etwas von mehreren zu führenden Mitarbeitern und bei B steht nichts davon. Also taugt auch die Theorie mit dem „Ich habe A verlassen, weil ich dort nicht aufsteigen konnte“ nichts. Wäre es so, müßte Ihre heutige Position höher in der Führungshierarchie stehen.

Also brauchen wir eine dritte Theorie, in die alle bekannten Details passen. Ich biete eine an: Das Engagement bei B war schlicht ein Fehler. Und den wollen Sie korrigieren. Damit wüßten wir wenigstens, woran wir sind.

Was aber wiederum eine ganz andere Lösung ins Spiel brächte: Um den Fehler eines Eintritts bei B zu korrigieren, müßten Sie ja nicht zu A zurück. Es käme auch ein C in Frage. Die Frage der kurzen Dienstzeit bei B wäre in beiden Fällen gleichwertig zu sehen. Sicher, man soll damit sehr vorsichtig sein. Aber Sie haben so viele Pluspunkte zu bieten, daß Sie sich diesen einen „Fleck“ auf Ihrer weißen Werdegangweste leisten können (toller Studienabschluß, Promotion zum Dr.-Ing. mit 28, mehr als vier Jahre bei A mit Beförderung in die Personalverantwortung und ein blendend gutes A-Zeugnis).

Aber keinen zweiten (Fleck). Und das ist das Problem. Eventuelle Risiken eines Wechsels zu C kennen wir alle (siehe B als Beispiel; dort gefällt es Ihnen ja auch nicht so). Reden wir also über die Risiken einer Heimkehr zu A, das war ja Ihre Kernfrage.

Probleme, die sich aus oder im Zusammenhang mit der Rückkehr zu einem früheren Arbeitgeber ergeben können:

– Sie sind schon einmal dort weggegangen; damit haben Sie das Band zerschnitten, das ich „Urvertrauen“ nenne und das Arbeitgeber und Arbeitnehmer verbindet. Dieses Band wird im Falle einer Rückkehr nur geflickt, mehr nicht. Der alte/neue Mitarbeiter hat das Urvertrauen nicht mehr – er denkt ständig darüber nach, ob sein Schritt „nicht doch ein Fehler“ war. Schließlich war er ja schon einmal nach langem inneren Ringen zum Ergebnis gekommen, dort müsse er weg. Sicher, jetzt gibt es ein(!) neues Argument, das es früher nicht gab (z. B. Aufstieg). Aber niemand geht letztlich wegen eines einzigen Grundes. Und die anderen Motive („Neues lernen“) sind alle noch da.

Statistisch ist nachweisbar: Dieses geflickte Band hält im Durchschnitt aller Fälle nicht besonders gut, der Mitarbeiter geht relativ bald wieder. Wobei er dann im Bewerbungsprozeß in Argumentationsschwierigkeiten kommt: Beim Eintritt in ein unbekanntes Unternehmen kann man überrascht werden – aber hier hat er doch alles gekannt!

Auch die Vorgesetzten, die natürlich den eingearbeiteten früheren Mitarbeiter zunächst gern wieder nehmen, tun sich schwer mit dem Urvertrauen: Alle anderen Mitarbeiter des Hauses sind dort noch niemals weggegangen, nur dieser eine hat es schon einmal getan. Und irgendwann nagt der Zweifel: Wieder kann man einen Wunsch/eine Forderung des Mannes nicht erfüllen – wird er auch diesmal gehen („sie tun es immer wieder“, die Mitarbeiter und die Bewerber)?

– Der Angestellte hat im Existenzkampf praktisch nur die eine Waffe „Kündigung“ (die nur „scharf“ ist, wenn er vorher einen neuen Job gefunden hat). Er sollte also so operieren, daß er möglichst jederzeit bei jeder denkbaren Bedrohung diese Waffe auch einsetzen kann. Wer einen sehr soliden, von längeren Dienstzeiten geprägten Werdegang sein eigen nennt, hat vorgesorgt. Er könnte im Konfliktfall jederzeit gehen, selbst wenn er beim derzeitigen Arbeitgeber (ausnahmsweise) nur eine sehr kurze Dienstzeit zusammenbekäme.

Genau das aber kann nicht, wer gerade erst frisch beim früheren Arbeitgeber eingetreten ist – er machte sich bei seinen Bewerbungen ja lächerlich („der weiß nicht, was er will“).

– Für den Rest des Berufslebens signalisiert in diesem Falle der Lebenslauf, daß man irgendwann einmal einen Fehler gemacht hat (oder mehrere): entweder mit dem ersten Weggang von A oder mit dem Rückgang dorthin. Und da man nicht weiß, was noch kommt, gilt ja stets: Haltet eure Papiere sauber! Laßt Probleme nicht erkennbar werden!(Die kurze Dienstzeit bei B können Sie aus dieser „Fehlerbetrachtung“ herauslassen, sie ist immer ein Problem, wohin Sie jetzt auch gehen. Woraus sich selbstverständlich ergibt: Mit einem Verfolgen Ihrer Ursprungskonzeption, also mehrere Jahre bei B „Neues“ zu lernen, lägen Sie unter diesem Aspekt voll auf der sicheren Seite. Die plötzliche „Chance“ bei A wäre dann nur eine Episode, eine flüchtig am Wegesrand auftauchende Versuchung – der Sie tapfer widerstehen.)

Es gilt also: Die Rückkehr zu früheren Arbeitgebern ist problematisch und sollte grundsätzlich nicht erwogen werden. Wie immer, kann es im Einzelfall einmal so überzeugende Gründe geben, daß ein Regelverstoß gerechtfertigt zu sein scheint. Aber gewarnt habe ich.

Kurzantwort:

Wer an seinem letzten Arbeitstag nach eigener Kündigung das Unternehmen verläßt, sollte das als „Weg ohne Wiederkehr“ begreifen („Vorwärts immer, rückwärts nie“).

Frage-Nr.: 1325
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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