Heiko Mell

Mein Chef war bei der StaSi

Ich bin als „Wessi“ in einem privatwirtschaftlichen Betrieb in den neuen Bundesländern tätig. Aus einer ex- und einer internen Quelle habe ich erfahren, daß mein Chef und Firmeninhaber zu DDR-Zeiten bei der StaSi war. Daraufhin fühlte ich mich überall überwacht, abgehört und kontrolliert.

Inwiefern kann aus Ihrer Sicht ein Schlußstrich unter die DDR-Vergangenheit gezogen werden? Muß ich mich fragen, wo ich da hingeraten bin? Inwieweit wird meine berufliche Karriere von der Vergangenheit des Firmeninhabers beeinflußt, wo doch anscheinend einige Leute um seine Tätigkeit beim MfS wissen?

Antwort:

Wir bekommen hier wohl nach und nach alles an Brisantem auf den Tisch, was überhaupt denkbar ist. Nun also dieses Thema, das sicher manche Emotionen weckt. Bei der Betrachtung wird auch eine Rolle spielen, ob und wie sich der einzelne Leser betroffen fühlt. Ich schildere Ihnen einfach einmal meine Gedanken dazu. Dabei habe ich die Sicht eines unbetroffenen Westdeutschen, der aber seine Kindheit in der DDR verbracht hat und vieles nicht billigen, manches aber immerhin verstehen kann. Selbstverständlich ist dies, dem Ziel der Serie entsprechend, weniger eine allgemein-politische Betrachtung, sondern eine auf die Berufsproblematik konzentrierte Aussage. In gewohnter und bewährter Form liste ich verschiedene Überlegungen auf:

1. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß es im Westen Deutschlands, hätten hier die Russen als Besatzungsarmee gesessen und hätten sie hier ihre Art von Sozialismus einzuführen versucht, prozentual weniger StaSi-Mitarbeiter gegeben hätte als in der ehemaligen DDR. Gemeint ist damit nicht die Größe des Apparates, sondern die Bereitschaft der Menschen, einem System zu dienen. Also treffen Sie im Osten ggf. auf Chefs, die der StaSi gedient haben – und im Westen auf ebenso viele, die ihr unter anderen Umständen gedient hätten.

Der Unterschied ist nur: Im Osten kann man bestimmten Personen ihre frühere Zugehörigkeit direkt nachweisen, im Westen läßt sich die potentielle Bereitschaft zur Mitarbeit niemals auf einen bestimmten Menschen beziehen.

Die Leute im Westen hatten einfach mehr Glück. Das fing mit den Care-Paketen an.

 

2. Ich glaube, Ihre Angst, „überall überwacht, abgehört und kontrolliert“ zu werden, ist völlig unbegründet – wenn auch verständlich nach allem, was man so gehört hat. Es gingen sicher nicht Menschen zur StaSi, um ihrem Hobby „Überwachen“ zu frönen. Sondern sie dienten ergeben einem Regime. Und das forderte u. a. diese Betätigung von ihnen. Hätte es etwas anderes gefordert, hätte es etwas anderes bekommen. Mancher ist sicher auch in die Zugehörigkeit hineingezogen worden, war nicht stark genug zu widerstehen, das ist in solchen Systemen immer so. Dies soll eine Erklärung sein, keine Entschuldigung.

Aber: Bricht das Regime weg, mag in vielen Fällen persönliche Schuld aus früherer Tätigkeit bleiben, aber eine automatische Weiterführung z. B. von Überwachungstätigkeiten ist nicht zu befürchten. Letztere dienten einem Zweck, den es nicht mehr gibt. Damit entfällt das spezielle Motiv – was im Normalfall das Ende diesbezüglicher Aktivitäten bedeutet.

Ich gebe zu: Wer immer nur im freien Westen gelebt hat, die Nachkriegszeit nicht erleben mußte und keine direkten Berührungspunkte zur ehemaligen SBZ/DDR hatte, wird es schwer haben, das Funktionieren eines solchen Systems restlos zu begreifen.Aber vor was immer Sie dort auf der Hut sein müssen, es sind sicher nicht vorrangig die „Ohren“, die Ihre Bürowände haben.

 

3. Politisch, gesellschaftspolitisch und juristisch hat man offensichtlich entschieden, die reine Mitgliedschaft und Tätigkeit in der StaSi nicht zu verfolgen bzw. sah man keine Möglichkeit dazu. Das kann man werten wie man will, es ist aber ein Aspekt, von dem auch ein Signal für die Bürger dieses Landes ausgeht. Es bleibt die mögliche persönliche Schuld im Einzelfall nach rechtsstaatlichen Gegebenheiten, aber eine pauschale Verurteilung der Zugehörigkeit ist offensichtlich von unserem System nicht gewollt.

 

4. Aber es bleibt der moralische Aspekt, nennen wir es einmal so. Jeder Mensch kann frühere Handlungen anderer unabhängig von der rechtlichen Wertung so beurteilen, wie er das nach seinen Wertmaßstäben für richtig hält. Dazu gehört auch, daß Sie Ihren jeweiligen Chef nach Ihren moralischen Kategorien beurteilen – und daraus Ihre Konsequenzen ziehen können (letzteres vielleicht sogar müssen, um vor sich selbst glaubwürdig zu bleiben). Und wenn Sie nicht billigen können, daß Ihr Chef dem MfS gedient hat, was sehr viele Leser absolut verstehen könnten, dann müssen Sie Ihre persönlichen Konsequenzen ziehen – und kündigen. Das gilt für viele denkbare Verstöße gegen Ihre moralischen Wertvorstellungen, dies hier ist nur eine von zahlreichen Möglichkeiten. Ich will bewußt keine Beispiele für sonstige Felder bilden, auf denen sich andere Chefs die Mißbilligung ihrer Mitarbeiter zuziehen könnten, das würde dieser besonderen Thematik nicht gerecht.

 

5. Die Frage nach einem Schlußstrich unter die DDR-Vergangenheit kann ich nicht beantworten. Ich glaube jedoch, daß dieser Strich niemals gezogen werden wird. Erstens ist niemand berufen, ihn zu ziehen und zweitens zeigt die Erfahrung, daß noch 50 Jahre nach dem Ende diktatorischer Systeme bestimmte Themen aus bestimmten Anlässen wieder aufgegriffen werden. Der Zeitgeist und damit die Bewertung bestimmter Handlungen ändert sich, andererseits sterben die Betroffenen auf beiden Seiten (Täter und Opfer) allmählich aus. Alles das kann die Urteile der Bürger beeinflussen.

Sicher wird man noch viele Jahre manche Dinge im Osten Deutschlands anders bewerten als im Westen. Auch dürfte der alles entscheidende öffentliche Druck anders geartet sein. Der von Ihnen geschilderte Fall hätte hier im Westen sicher andere Konsequenzen als im Osten. Das nicht, weil hier die besseren Menschen wohnen, sondern weil sie anders erzogen, geprägt wurden und vieles nicht verstehen können.

 

6. Ihre berufliche Karriere wird zunächst kaum von der Vergangenheit des Firmeninhabers beeinflußt. Als „einfacher“, sprich ausführender, Angestellter würden Sie vermutlich kaum Beeinträchtigungen erfahren, selbst wenn eines Tages diese frühere Mitgliedschaft – für die Sie bisher, vergessen Sie das nicht, keinen Beweis haben(!) – öffentlich diskutiert werden sollte. Schlimmstenfalls wechselten Sie dann – und hätten auch noch einen allseits anerkannten Grund dafür. Sind Sie zu jenem Zeitpunkt bereits weg, droht Ihnen überhaupt keine Gefahr mehr, nachträglich mit in einen eventuellen „Strudel“ gerissen zu werden.

Aber ein anderer Aspekt muß gesehen werden (Einzelheiten hängen von der Branche, Größe und Art Ihres Arbeitgeberunternehmens ab): Grundsätzlich besteht die Gefahr einer Firmenpleite, wenn die von Ihnen angeführten besonderen Umstände tatsächlich so sind und plötzlich in die Öffentlichkeit kommen. Zumindest viele westdeutsche Geschäftspartner würden ihren Namen nur ungern in Zeitungen lesen, wenn diese denn über entsprechende Zusammenhänge berichteten.

Nein, ich glaube fest, Ihre Entscheidung sollte gemäß Punkt 4 meiner Antwort fallen. Sie allein müssen wissen, wie wichtig Ihnen dieser Aspekt ist. Aber ich wiederhole meine Warnung: Es könnte ja auch üble Nachrede sein.

Kurzantwort:

In Privatunternehmen sind höchster Chef und Firma praktisch identisch. Wer gegen ersteren Bedenken im Bereich moralischer Kategorien hat, wird ggf. eine Trennung von letzterer erwägen müssen.

Frage-Nr.: 1320
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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