Heiko Mell

Ob Susanne wohl erheitert ist?

Frage: Nachdem ich in einem großen, renommierten deutschen Konzern ein Praxissemester absolviert hatte, schrieb ich dort auch meine Examensarbeit. Obwohl der mich betreuende Abteilungsleiter es gerne gesehen hätte, daß ich in seiner Abteilung anfange, war dies aufgrund des seinerzeitigen Einstellungsstops nicht möglich.
Aufgrund der schlechten Situation auf dem Arbeitsmarkt nahm ich dann vor einem Jahr eine (für einen Wirtschaftsingenieur) relativ schlecht bezahlte Anstellung in einem mittelständischen Betrieb an. Meine Strategie war, auf jeden Fall einen Job zu bekommen und später intern in einen anderen Bereich zu wechseln oder nach zwei bis drei Jahren mit der entsprechenden Berufserfahrung die Firma zu wechseln.
Ist es sinnvoll, meinem jetzigen Arbeitgeber mitzuteilen, daß der Konzern, in dem ich meine Examensarbeit schrieb, mir jetzt doch das Angebot einer Anstellung unterbreitet hat?
Meine Vorstellung ist, meinen jetzigen Arbeitgeber in einem persönlichen Gespräch darüber zu unterrichten und ihm deutlich klarzumachen, daß es mir in meiner momentanen Position außerordentlich gut gefällt und daß ich grundsätzlich nicht wechseln will. Ich möchte ihm aber zusätzlich mitteilen, daß es mir in dem Konzern ebenfalls gut gefallen hat und daß mir dort im Vergleich zu meinem jetzigen Gehalt über 25 % mehr angeboten wurde.
Auf diese Weise erhoffe ich mir eine angemessene Gehaltserhöhung, weil der Arbeitgeber mich sicherlich halten will.

Antwort:

Sie wollten damals Manuela. Die jedoch zeigte sich zwar grundsätzlich an Ihnen interessiert, war aber wegen anderweitiger Bindungen nicht zu konkreten Zugeständnissen bereit. Daraufhin liierten Sie sich mit Susanne.Nun kommt Manuela wieder und signalisiert, sie könne jetzt doch und wolle auch noch. Aber Sie sind außerordentlich zufrieden mit Susanne und möchten gar nicht wechseln. Das wollen Sie Susanne auch sagen. Aber gleichzeitig wollen Sie ihr dennoch von Manuelas konkretem Angebot erzählen. Damit Susanne in einem für Sie wichtigen Punkt freiwillig noch netter zu Ihnen wird. Aus Angst, Sie gingen doch zu Manuela.

Die Frage ist, ob das Susanne wohl erheitert und wie das Ihre Beziehung zu ihr fördert.Wenn sie klug ist, die Susanne (und das sind Frauen in diesen Fragen eigentlich immer – so wie Chefs in Fragen des Umgangs mit Angestellten), dann sagt sie sich: „Jetzt erpreßt er mich in diesem Punkt mit Manuela (so wird sie es sehen). Morgen lächelt eine andere ihm zu – und schon will er, daß ich in Zukunft nicht nur abwasche, sondern auch noch ohne Hilfe abtrockne. Dann geht er in die Badeanstalt mit seinem Luxuskörper – anschließend muß ich allein für unsere volle Wohnungsmiete aufkommen.“Nein, auf dieses Spiel läßt sich ein/e kluge/r Partner/in niemals ein. Wehret den Anfängen, lautet die Devise. Oder: Entweder er „liebt“ mich, so wie ich bin oder er geht. Aber dieses Hochschaukeln einzelner Details in unserer Beziehung je nach Fremdangeboten, das kommt nicht in Frage. Und schließlich sagt sie kühl: „Dann geh doch zu deiner Manuela.“

Konkret zur Frage: Wenn das Geld alles ist, was Sie drückt, dann sind Ihre Probleme nicht groß genug, um solch ein Risiko einzugehen. Sie müssen Ihr Anfängergehalt in Relation zu Ihrem Berufsleben sehen. Ich habe schon öfter erzählt, daß ein junger Ingenieur wie ich 1964 mit 850,00 DM/Monat brutto begann. Was machte das heute wohl für einen Unterschied, wenn es bei mir seinerzeit 980,00 DM gewesen wären? Aber die damals wahrgenommene Aufgabe, der Arbeitgeber mit seinen Chancen und die Chefs mit ihrer Bereitschaft, mich zu fördern, die haben meinen Berufsweg geprägt.Und Sie stellen eigentlich die falsche Frage! Denn der Konzern könnte Ihnen (theoretisch!) Chancen eröffnen, von denen Sie heute bloß träumen. Schließlich ist das die allerletzte Möglichkeit in Ihrem Leben, in einen Großbetrieb überhaupt hineinzukommen. Sind Sie erst einmal vom Mittelbetrieb geprägt, nehmen viele Konzerne Sie gar nicht mehr. Wenn Sie sich also für eine Konzernkarriere eignen(!), dann könnte es durchaus richtig sein, jetzt doch das Angebot anzunehmen und das Risiko des viel zu frühen Wechsels einzugehen.

Natürlich kann das auch schiefgehen. Der Konzern könnte Sie in weiteren zwölf Monaten entlassen (ob mit oder ohne Ihre Schuld, ist ziemlich egal) – und Sie stünden vielleicht vor den Trümmern Ihrer Laufbahn.

Sie müssen jetzt entscheiden, ob Manuela nicht doch die Traumfrau Ihres Lebens ist – und ob sich nicht jedes Risiko lohnt bei diesem „Preis“, der Ihnen da winkt. Das wäre eine Festlegung, bei der ebenso viele Argumente für die eine wie für die andere Variante sprechen. Aber das Angebot der alten Lieblingskandidatin nur zu nutzen, um die Vernunftpartnerin (die Sie nahm, als erstere Sie nicht wollte) ein bißchen gefügiger zu machen, das ist mir zu „billig“ gedacht – trotz der 25 Prozent.

Nun kann ich Ihnen noch eine originelle Entscheidungshilfe geben: Als Berater, der ja auch moralische Mitverantwortung übernimmt und gehalten ist, das Risiko für seine Klienten gering zu halten, empfehle ich Ihnen zu bleiben, wo Sie sind, über das Angebot zu schweigen und aus Ihrem Job das Beste zu machen. In Ihrer Situation und in Ihrem Alter hätte ich jedoch eine starke Versuchung gespürt, das Konzernangebot sehr sorgfältig abzuwägen. Aber nicht wegen des Geldes. Und: Was ich – vielleicht – getan hätte, muß für Sie nicht richtig sein! Ganz klar ist auch: Fair gegenüber Ihrem heutigen Arbeitgeber wäre ein Wechsel zu diesem Zeitpunkt absolut nicht!

Und nun noch ein Argument, das Sie gegen Ihre Grundidee mit dem Ausnutzen des Fremdangebotes gelten lassen müssen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen ganz unbefangen an Ihrem Arbeitsplatz. Da kommt Ihr Chef zu Ihnen. Sie spüren: Irgend etwas will er. Und richtig, da ist es schon: „Müller“, sagt er, „ich habe da eine interessante Information für Sie. Da hat sich jemand bei uns beworben, der hat etwa die gleiche Grundqualifikation wie Sie. Er will nur 75 % Ihres Gehaltes. Nun bin ich mit Ihnen durchaus zufrieden und will gar keinen anderen Mitarbeiter – aber Sie sehen doch sicher ein, daß Sie damit einverstanden sein müßten, ab nächstem Ersten 25 % weniger ….“Hoffentlich liest Ihr Chef diesen Beitrag nicht. Sonst klaut er Ihnen die Idee.

Kurzantwort:

Es ist absolut nicht empfehlenswert, in einem laufenden Arbeitsverhältnis, das man weiterführen will, mit einem Fremdangebot zu „drohen“, um die eigene Position zu verbessern. Was man erreicht, ist eher eine Gefährdung des Vertrauensverhältnisses zum bisherigen Arbeitgeber.

Frage-Nr.: 1317
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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