Heiko Mell

Einstiegsalternativen auf dem Prüfstand

Ich studiere an der FH … Verfahrenstechnik (Vertiefung Chemie). Zur Zeit absolviere ich meine Diplomarbeit bei Unternehmen A (sehr innovativ, unter 100 Mitarbeiter). Mein bisheriger Notendurchschnitt liegt bei 1,3. Vor dem Studium habe ich eine Ausbildung zum Chemielaboranten absolviert und konnte bereits Berufserfahrung sammeln.

Im 2. praktischen Studiensemester war ich an einer State University in den USA. Die Sommermonate überbrückte ich eigentlich immer mit unterschiedlichen Praktika.

Schon für die Diplomarbeit hatte ich mehrere Möglichkeiten zur Auswahl, darunter waren auch Angebote aus den USA. Jedoch war mein Ziel, diese Arbeit nicht nach dem Standort, sondern nach dem Inhalt auszuwählen. Die Firma Müller ist ein sehr innovatives und fortschrittliches Unternehmen mit sehr guten Wachstumsraten.

Meine Fragen: Aufgrund meiner Leistungen während der Diplomarbeit wurde mir von der Geschäftsleitung die Position des Technischen Leiters angeboten (nicht nur Zuständigkeit für die Produktion, sondern auch Personalverantwortung). Forderungen meinerseits bezüglich Gehalt und einer bestimmten Anzahl bezahlter Tage für Fortbildung etc. wurden von Seiten der Firma akzeptiert.

Natürlich habe ich dennoch Bewerbungen verschickt. Mehrere Vorstellungsgespräche ergaben sich und ich erhielt weitere lukrative Angebote, z. B. als Prozeßingenieur ohne Personalverantwortung im Unternehmen B mit 500 Mitarbeitern.

Aufgrund meiner Überlegungen, daß meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse recht dürftig sind, habe ich mich ebenfalls für das Projekt-Kompetenz-Studium der …-Stiftung e. V. beworben (10monatige Zusatzausbildung zum Master of Business and Engineering). Auch hier habe ich eine Zusage erhalten. Welche beruflichen Vorteile bringt mir ein Aufbaustudium zum MBA?

Zusätzlich bekam ich Kontakt zu einem Spezialisten meines Fachgebietes im UK. Vor kurzem fragte er mich, ob ich nicht Interesse an einer 3jährigen PhD-Ausbildung bei ihm hätte.
Seit Wochen bin ich in der Entscheidungsfindung, was ich nun tun soll.

Antwort:

1. „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht?“

2. Ich weiß nicht, ob ich Ihr Problem lösen kann – aber ich werde Ihnen sagen, wo es herkommt.

3. Als Minimaltest für eine Studienrichtung gilt: Vor Beginn sollte man die Fachrichtung richtig schreiben können, sonst bringt es nichts.

4. Es kann(!) ein Kreuz sein, mit Einser-Kandidaten umgehen zu müssen (obwohl ich sonst sehr für Elite bin).

Dazu nun im Detail, zunächst zu 1: Das ist natürlich ein allseits bekanntes Zitat (Professor Higgins singt es in „My fair Lady“, hier von mir allerdings nur aus dem Gedächtnis zitiert, aber sicher dem Sinn nach korrekt). Ich meine damit im übertragenen Sinne: Kann denn die Studenten keiner lehren, wie man schreibt – vor allem, wenn sie denn schon so intelligent und mit guten Noten gesegnet sind.

Tragen Sie es mit Fassung, geehrter Einsender. Aber wäre dies eine Vorlage bei einem hochrangigen Entscheidungsträger, müßten Sie mit deutlichen Unmutsäußerungen rechnen wegen allzu nachlässiger Aufbereitung des Geschriebenen. Ich habe Ihren Brief kürzen müssen, aber natürlich nicht den Sinn verändert.

Im ersten abgedruckten Absatz wird Ihr Diplomarbeitspartner umschrieben (jetzt von mir als A bezeichnet), aber eben nicht namentlich genannt. Plötzlich, wie ein Kistenteufelchen, taucht überraschend am Schluß des 3. Absatzes eine Firma „Müller“ auf (Name von mir geändert, aber eben ein Name). Wer zum Kuckuck ist das? Bei längerem Nachdenken könnte man schließen, daß es sich um Firma A handelt. Aber sicher ist das nicht! Sie können doch nicht oben im Brief jemanden anonymisieren und – noch dazu ohne rechten Übergang und „beziehungsarm“ an einen „fremden“ Satz angehängt – ihn weiter unten namentlich nennen. Da stutzt man doch! Und vergeudet kostbare Zeit mit der Sucherei, was Sie eventuell sonst noch gemeint haben könnten.

Ja und dann muß es doch jedem (auch Ihnen) spontan auffallen, daß man als Basis der Antwort auf verschiedene Fragen Ihr Alter braucht! Sind Sie jetzt schon über 30, gilt in jedem Fall: Schluß mit der Ausbilderei, rein in die Praxis. Sind Sie jedoch 25, muß man sorgfältig abwägen.Wer so gute Noten und Chancen hat wie Sie, muß sich härteren Maßstäben unterwerfen lassen. Geistesgaben sind nicht nur ein Geschenk, sie sind auch Verpflichtung.

 

Zu 2: Sie haben schon ohne Diplomarbeit einen Schnitt von 1,3. Jetzt kommt die im FH-Bereich gewaltig auf das Endergebnis durchschlagende Diplomarbeits-Note noch dazu. Diese lautet schon bei durchschnittlichen Studenten extrem oft „sehr gut“ – wird bei Ihnen also mindestens eine 1. Damit steht einem Gesamtergebnis „mit Auszeichnung“ (es ist nicht wichtig, ob das an Ihrer FH so heißt) nichts entgegen.

Das und die vielen Chancen gerade auch im Bereich der Zusatzausbildungen, die sich Ihnen jetzt eröffnen, stehen für eine Aussage, die Sie zumindest einmal durchdenken sollten: Bezogen auf Ihre geistigen Fähigkeiten war Ihr bisheriger Weg, sagen wir es einmal so, nicht schwer genug, er hat Sie nicht genug gefordert, Ihre Reserven nicht hinreichend ausgeschöpft. Dieser Umstand kann, so meine Beobachtungen in vielen Jahren, auf Dauer zu großen – schwierigen, weil schwer zu definierenden und zu begründenden – Unzufriedenheiten führen. Und zwar nicht jetzt, wo der Erfolg Ihnen geradezu nachläuft, sondern später im Beruf.

Das gilt in besonderem Maße, wenn Sie dann in Branchen tätig sind, die von promovierten Uni-Absolventen dominiert werden. Die Chemie ist prinzipbedingt anfällig dafür. Und der FH-Absolvent mit „befriedigend“ mag sich erinnern an die Mühe, die er mit diesem Ergebnis schon hatte und wird problemlos anerkennen, daß der Kollege, der dort als promovierter Chemiker oder TH-Ingenieur tätig ist, noch eine ganze Menge mehr an Studieraufwand hat treiben müssen – woraufhin er ihm eine gewisse Vorrangstellung leichter zugesteht. Mit Ihrer „Auszeichnung“ aber ist bewiesen: Das „andere“ Resultat hätten Sie auch geschafft (ich garantiere das).

Jetzt aber spüren Sie, daß Sie bisher nicht ausgelastet sind – und reißen überall unterschiedliche Chancen auf, die – und das ist gefährlich – nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben. Ich will versuchen, sie einzeln zu bewerten:

a) Berufsanfänger als Technischer Leiter im Kleinstbetrieb mit Personalverantwortung (Unternehmen A):

Ich sehe zwei kritische Aspekte:

a) Grundsätzlich ist ein Anfänger mit der Führung von Mitarbeitern überfordert. Er muß sich in das Berufsleben einarbeiten, seinen Stil und seinen Platz in der Welt finden und müßte gleichzeitig andere motivieren, kontrollieren, kritisieren, ihnen Ziele setzen, neue Leute einstellen und alte entlassen. Das ist alles zuviel, das Risiko des Scheiterns ist enorm groß. Wenn er aber nach zwei Jahren als gescheiterter Technischer Leiter wieder auf den Markt geht – als was, bitteschön? Eine neue Führungsposition gibt man ihm nicht, als Sachbearbeiter will ihn aber auch niemand mehr (dafür wäre er „verdorben“).

b) Die klassische Karriere läuft etwa so: Start in einem möglichst großen Unternehmen (dessen Größe später anderen potentiellen Arbeitgebern/Bewerbungsempfängern imponiert) und danach wechseln zu immer wieder etwas kleineren Firmen und dort in der Hierarchie eine Stufe hinaufrutschen (also Gruppenleiter im 2.000-Mitarbeiter-Betrieb, dann Abteilungsleiter im 500-Mitarbeiter-Unternehmen usw.). Das geht auch noch im gleichen Größenbereich – nicht aber umgekehrt (also nicht Gruppenleiter bei 500 Mitarbeitern und dann Abteilungsleiter im 2.000er Betrieb). Der Wert eines Bewerbers auf dem Markt hängt halt auch am Namen des Hauses, aus dem heraus er sich bewirbt. Und kleine Firmen imponieren großen nicht! Man könnte das „Arroganz der Größe“ nennen.

b) Prozeßingenieur ohne Personalverantwortung im Unternehmen B mit 500 Mitarbeitern:Das ist grundsätzlich die klassische Startposition für eine Mittelstandskarriere. Sollten Sie allerdings von einer Vorstandskarriere im Konzern träumen, wäre das nicht der richtige Weg – dann würden Sie „große Namen“ in Ihrem Lebenslauf brauchen und zwar von Anfang an.

c) Der MBA: Er schmückt grundsätzlich jeden Ingenieur, vor allem, wenn er im Ausland erworben wurde. Letztlich vermittelt ein solches Studium betriebswirtschaftliches Wissen, das – in Verbindung mit dem Auslandstouch – der Karriere förderlich ist.

Aber Sie haben das „Business“ im Titel zunächst einmal falsch geschrieben (im Abdruck korrigiert), was auch dann blamabel ist, wenn es nur ein Tippfehler sein sollte. Außerdem stimmt irgend etwas anderes nicht: Sie wollen den „Master of Business and Engineering“ machen und nennen ihn MBA. Wo soll da das „A“ herkommen? Nun ist im Ausbildungsbereich alles möglich, aber prüfen Sie das bitte noch einmal.

Schaden kann ein MBA nur dann, wenn Sie jetzt schon „alt“ und später halt noch älter wären. Aber Sie haben Ihr Alter ja nicht als wichtige Basisinformationen erkannt …

d) Der PhD: Ich will keineswegs zum Spezialisten für Ausbildungsfragen werden, noch dazu auf internationaler Ebene. Dies als Einschränkung, die auch für c gilt.

Ob jener Mann „bei ihm“ einen PhD-Abschluß garantieren kann, weiß ich nicht. Nach meiner Kenntnis handelt es sich dabei um einen in GB üblichen universitären akademischen Grad, der unserem „Dr.“ entspricht und unter bestimmten Voraussetzungen hier auch geführt werden kann ( als „Dr.“; zuständig sind die Landeskultusministerien).

Nehmen wir einmal an, das wäre alles schon abgeklärt: Dann hätten Sie am Schluß eine deutsche FH-Ausbildung mit einem ausländischen Dr.-Titel kombiniert, was Sie mindestens drei Jahre gekostet hätte.

Von einem solchen Aufwand für eine derart „exotische“ Kombination halte ich wenig. Vor allem aber: Sie wird niemals gesucht werden, Sie passen niemals in ein vorgegebenes Suchraster, müssen immer Erklärungen abgeben etc. Und ob die Herren promovierten Dipl.-Chemiker und Dr.-Ing. deutscher Prägung in der Großindustrie (Chemie etc.) Sie als „einen von uns“ anerkennen, wage ich zu bezweifeln. Man könnte Ihnen Vorbehalte entgegenbringen, die größer sind als solche, mit denen sich ein klassischer FH-Ingenieur mitunter in manchen Firmen/Branchen konfrontiert sieht.

Fazit: Setzen Sie sich zunächst einmal mit dem von mir unter 2. angerissenen Problem auseinander. Wenn auch Sie es für möglich halten, daß Sie gerade wegen Ihrer tollen Studienleistungen eines Tages Identifikationsprobleme o. ä. bekommen könnten (Indiz: zwei Ihrer Alternativen betreffen weiterführende Ausbildungen!), weil Sie das Gefühl nicht loswerden, mit Ihrem bisher anvisierten Diplom längst nicht bis an die Grenzen Ihrer Möglichkeiten gegangen zu sein, dann sollte auch die Weiterführung der Ausbildung im Mittelpunkt stehen. Da wäre dann der „richtige“ MBA, da wäre auch ein deutsches Fernstudium (Fernuni) mit möglichst hochwertigem Abschluß. Bevor ich jedoch als FH-Ingenieur drei Jahre in einen ausländischen Doktortitel investierte, prüfte ich eher noch die Chance, hier im Lande zu einem TH-/Uni-Abschluß zu kommen. Vielleicht geht das auf Gesamthochschulen, die ja beides bieten, besonders einfach (sollte es eigentlich).

So, und nun noch zu Nr. 4, vor allem geschrieben für die Leser ohne Einser-Abschluß: Es ist nicht so, daß diese Ausbildungselite (nennen wir sie einmal so) etwa weniger Probleme hätte als durchschnittliche Menschen, ganz im Gegenteil. Mit dem allgemeinen Wissen vergrößert sich auch das über Probleme. Mit den Fähigkeiten wächst auch der Drang, Dinge zu hinterfragen, neue Wege zu gehen – und Regeln nicht einfach hinzunehmen, sondern sie in Frage zu stellen oder eigene aufzustellen. Was mit absoluter Sicherheit zu neuen Problemen führt. Dann haben die guten Noten oft zu einem besonderen Selbstbewußtsein geführt, das von anderen gern als Arroganz bezeichnet wird. Und so richtig beliebt, vergessen wir das nicht, waren sie häufig schon in der Schule nicht, auch das prägt.

Ein „Zweier-Kandidat“, so lehrt die Erfahrung, spuckt in die Hände und fängt an. Da, wo er gerade steht. Und macht etwas daraus. Der „Einser-Mann“ jedoch ist in Gefahr zu überlegen, ob er eigentlich schon alles ausprobiert hat oder ob da nicht noch etwas sein könnte … Natürlich ist auch das eine pauschale Betrachtung, die nicht jeden Einzelfall abdeckt.

Da aber jede noch so gut gemeinte Aussage auch etwas Ungemeintes anrichten kann: Dies war ein Versuch, der oft besonderen Situationen von bestimmten Absolventen mit extrem guten Noten gerecht zu werden und denen eventuell zu helfen. Es war keine Warnung etwa der Art: Vermeidet sehr gute Noten! Ganz im Gegenteil: Holen Sie heraus, was in Ihnen steckt – aber seien Sie sich auch der Probleme bewußt, die Begabung in speziellen Situationen mit sich bringen kann.

Kurzantwort:

Die eventuell bestehenden Alternativen, vor die sich ein Absolvent gestellt sieht, sind nicht nur unter kurzfristigen Aspekten, sondern auch unter langfristigen, auf seine individuelle Persönlichkeit bezogenen Gesichtspunkten zu bewerten.

Frage-Nr.: 1309
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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