Heiko Mell

Tauge ich zur Managerin?

Ich bin Abiturientin und werde in Kürze mit der Schule fertig sein. Meine Leistungskurse sind Mathematik und Chemie; Physik habe ich abgewählt, da ich mit dem Lehrer absolut nicht zurechtkam (vorher zeigte ich jedoch auch dort gute bis sehr gute Leistungen). Meine Abiturnote wird aller Wahrscheinlichkeit nach um 1,5 liegen. Ich habe mich bis vor einem Jahr in der Schülermitverwaltung und der Schulzeitung engagiert und in den Ferien habe ich schon mehrfach im Verkauf eines amerikanischen Konzerns gearbeitet. Ich spreche fließend Englisch und lerne momentan noch nebenher Französisch.

Wozu ich das alles erzähle? Mein großer Traum ist, Managerin zu werden. Da mir reine BWL aber zu trocken ist, möchte ich in Kaiserslautern Wirtschaftsingenieurwesen studieren. Dieser Plan steht schon seit der elften Klasse.
Doch inzwischen regen sich leise Zweifel. Ich interessiere mich zwar sehr für Technik und habe auch, denke ich, ein Talent für solche Dinge, aber ich bin absolut nicht der Typ Mensch, der einen Wecker auseinanderbaut, um zu sehen, wie er innen drin funktioniert. Mein Wissen ist eher theoretisch, an praktische Basteleien habe ich mich bisher nicht herangetraut. Komme ich trotzdem mit einem Maschinenbaustudium zurecht?

Außerdem kann ich nur sehr schlecht mit Kritik umgehen, weil ich sie sofort persönlich nehme. Nun läßt es sich aber wohl kaum vermeiden, in einer Führungsposition kritisiert zu werden.
Helfen irgendwelche Seminare, muß ich die Zähne zusammenbeißen oder sollte ich gleich die Finger vom Management lassen?

Und drittens: Vorausgesetzt, das mit dem Wecker ist kein Problem und die Kritik kriege ich auch in den Griff – habe ich als Frau überhaupt eine Chance, in absehbarer Zeit Karriere zu machen? Wie kann man Umwege auf dem Weg zum Erfolg vermeiden? Und was kann ich schon während des Studiums tun, um nachher einen guten Berufseinstieg zu erwischen?

Antwort:

Ihr Brief hat mir sehr gut gefallen. Würden sich doch nur mehr Menschen Ihrer Altersgruppe so engagiert mit Fragen der Berufswahl auseinandersetzen! Ihr Vater, dessen VDI nachrichten Sie regelmäßig lesen (wie Sie an anderer Stelle schreiben), ist sicher stolz auf Sie.

Und doch bitte ich um Verständnis für die Warnung, daß dies hier eine seltene Ausnahme bleiben muß. Unser Prinzip: Die „Karriereberatung“ beginnt grundsätzlich ab Berufseintritt nach dem Studium. Dafür gibt es viele gute Gründe – auch den, daß Schülerprobleme „fertige“ Ingenieure eher langweilen. In dieser Einsendung aber werden Themen angesprochen, die auch manchem gestandenen Leser noch etwas geben können – und sei es in seiner Elternrolle.

Zunächst einmal, liebe junge Einsenderin, können Sie jetzt Ihre Fähigkeit zum Ertragen von Kritik ein bißchen trainieren. Ihr Brief ist überall so frisch formuliert und sicher – bei dem Adressaten(!) – mehrfach durchgelesen und überarbeitet worden, daß er eine reine Freude ist. Nur in einem zentralen Punkt haben Sie etwas übersehen: „Da mir reine BWL aber zu trocken ist, möchte ich in Kaiserslautern Wirtschaftsingenieurwesen studieren.“ Dem Satz bzw. dem dort niedergelegten Vorhaben fehlt die innere Logik.“

Da ich kein Geld für ein Fahrrad habe, will ich in den Sommerferien arbeiten“ – gut. Wenn aber alle Leute, denen BWL zu trocken ist, sich in Kaiserslautern zum Wirtschaftsingenieurwesen-Studium träfen, herrschte dort ein ziemliches Gedränge.Gegenbeispiel: „Reine BWL ist mir zu trocken. Ich habe mich daher für Wirtschaftsingenieurwesen entschieden. Studienort meiner Wahl ist Kaiserslautern.“ Als Tip: Vermeiden Sie es im Zweifelsfall, Sätze mit Begründungen zu verschachteln – oft überzeugt letztere nicht. Und kürzer: Fangen Sie im Zweifel gar nicht erst mit „da“ an.

Na, wie war es? Sehen Sie, man kann das überleben.

Gut ist, daß Sie um Ihre Empfindlichkeit wissen. Man kann zwar auf die Schnelle nichts dagegen tun – aber man kann die Folgen drastisch reduzieren. Beispiel: Sie wissen, daß Sie sehr empfindlich auf Kritik reagieren. Also müssen Sie auch wissen, daß Ihre Reaktion darauf anderen vermutlich überzogen scharf vorkommt und Gräben aufreißen kann. Reagieren Sie daher entweder gar nicht spontan auf Kritik, sondern stets erst nach mindestens zehnminütiger Denkpause (dann hat es sich ohnehin erledigt) oder Sie legen sich eine Standardfloskel als Spontanreaktion zurecht (beispielsweise: „Ich finde, das ist eine interessante Meinung, die Sie vertreten. Ich möchte deshalb meinen Standpunkt/meine Haltung dazu nicht gleich ändern, verspreche aber, darüber nachzudenken.“).

Oder sehen Sie es einmal so: Wer Sie kritisiert, beschäftigt sich mit Ihnen; wer Sie angreift, hält Sie für wichtig. Und so ist jede Kritik doch auch ein Zeichen von Anerkennung.

Ist nun Empfindlichkeit gegenüber Kritik eine Eigenschaft, die Ihre Fähigkeit berührt, Managerin zu werden? Aber absolut nicht! Zahlreiche Topmanager reagieren sensibel auf Äußerungen, die sich auch nur so anhören, als seien sie kritisch gemeint – da wären Sie in allerbester Gesellschaft. Nur auf dem Weg nach oben gilt es, auf Kritik von oben beherrscht zu reagieren, staatsmännisch klug mit ihr umzugehen und das Beste daraus zu machen. Dazu ist es keinesfalls erforderlich, zum Wurm zu werden, der sich im Staub vor dem Kritiker windet und sich für seine eigene Existenz entschuldigt. Auch hier wieder ein Beispiel: Der Vorstand hat die Ausarbeitung von Abteilungsleiter Müller gelesen und bestellt diesen zum Rapport. „Unbefriedigend, ohne Aussage, völlig unzureichend und das Problem nicht lösend“ hört Müller sich an. Seine – empfehlenswerte – Reaktion: „Ich bin tief betroffen. Nach wie vor bin ich überzeugt, einen Beitrag zur Lösung dieser Frage liefern zu können und glaube auch, wertvolle Erkenntnisse gesammelt und ebensolche Anregungen erarbeitet zu haben. Aber Ihrer Reaktion entnehme ich, daß es mir nicht gelungen ist, das ansprechend rüberzubringen. Das ist mein Fehler, dafür entschuldige ich mich. Ich schlage vor, daß Sie mir …. Tage Zeit zur Überarbeitung geben und bin sicher, Ihnen dann ein überzeugendes Konzept vorlegen zu können.“ Und dann geht er aus dem Zimmer, murmelt etwas Unanständiges und fragt sich: „Womit, zum Teufel, bin ich dem alten Meckerpott denn jetzt bloß wieder auf die Füße getreten?“

Nun aber zum Kern der Sache: Managerin wollen Sie werden. Schön – aber was ist das eigentlich? Es gibt nicht nur eine Definition, schon gar nicht nur eine richtige. Ich schlage Ihnen hier folgende vor: Ein Manager ist ein Mitarbeiter des Unternehmens, der „von oben“ ausgewählt und ernannt wurde, um im Rahmen ihm „von oben“ gegebener Zielsetzungen unter Einsatz „von oben“ verliehener Kompetenzen und gewährter Mittel (dazu gehören Geld- und Sachmittel ebenso wie ihm zugeordnete, also unterstellte, Mitarbeiter) bestimmte Resultate zu erreichen. Auf dem Weg dahin wird er „von oben“ kontrolliert und hinterher „von oben“ beurteilt – und belohnt bzw. getadelt. Den unterstellten Mitarbeitern gegenüber vertritt er „die da oben“, repräsentiert er den Arbeitgeber, steht er stellvertretend für die Unternehmensleitung – der er wiederum absolute Loyalität in Wort und Tat schuldet.

Die stilistisch scheußliche, penetrante Betonung der absoluten Abhängigkeit des Managers von denen „da oben“ ist Absicht. Sie soll Managementkandidaten helfen, vor dem Weg zur Führungskraft den eigenen Standpunkt und Standort zu klären. (Nur einmal am Rande: Gleichzeitig ist ein Manager stets auch ein Mitarbeiter, siehe das fünfte Wort meiner Definition, der nicht nur Chef ist, sondern einen solchen hat, der nicht nur führt, sondern geführt wird, der nicht nur Gehaltserhöhungen gewährt, sondern um seine bangt, der nicht nur Angst vor Entlassungen verbreitet, sondern selbst solche hat). Und in dem Zusammenhang macht mir Ihr Physiklehrer ein bißchen Sorge. Oder sagen wir besser: Ihr Verhältnis zu diesem. Sie „konnten es“ nicht mit ihm – das ist eine echte Einschränkung Ihrer Managementqualitäten. Ihr Lehrer ist „oben“, die künftige Managerin will „nach oben“, will – symbolisch gesehen – selbst Lehrer werden. Wer zur Bundeswehr geht und Offizier werden will, hat besser nicht ständig Konflikte mit Offizieren.

Natürlich, bisher haben Sie nur von einem(!) Lehrer gesprochen – aber was hat Sie das bisher schon gekostet! Sie allein haben den Schaden, bleiben Ihnen doch nun höhere Weihen der Physik verschlossen. Noch in einigen Jahren könnte jemand im Vorstellungsgespräch fragen: „Chemie, warum eigentlich ausgerechnet Chemie?“ Und dann können Sie gestehen, daß Sie das tun mußten, weil Sie mit dem Lehrer …. Und dann könnte der Gesprächspartner denken: „So unerträgliche Typen wie den Physiklehrer haben wir hier auch als Chefs. Wenn sie dann jedesmal die Klamotten hinwirft und ihr Projekt schmeißt, ist sie bald am Ende.“Nur keine Panik: Sie sind jung, Sie waren damals noch jünger und durften natürlich manches, was man später nicht mehr darf. Niemand bricht den Stab über Sie wegen eines Lehrers. Ich will Sie auch nur mit einem Gedanken vertraut machen, der etwa so lautet: Manager sollten ein gutes Verhältnis zu Vorgesetzten (zu allen!) haben. Manche Menschen haben ein eher gestörtes Verhältnis zu Autoritätspersonen, was sie für die Managerlaufbahn weniger geeignet macht. Und nun kommt es: Die Erfahrung zeigt, daß tiefgreifender Ärger mit den Autoritätspersonen, denen der junge Mensch gegenübersteht – wie Lehrer, später Professoren, nicht zuletzt der Vater – ein Indiz in dieser Richtung sein kann.

So schön übrigens die Arbeit in der Schülermitverwaltung und in der Schülerzeitung ist – nicht immer ist von der Hand zu weisen, daß sich dort auch (keinesfalls nur, nicht einmal überwiegend) Schüler treffen, die ihre Konflikte mit „denen da oben“ abreagieren. Das ist schön, das erzieht kritische Bürger und Wähler „fortschrittlicher“ Parteien, das muß aber nicht gleichzeitig heißen, daß dies auch die Standard-Eingangsqualifikation für Manager unterstreicht.

Ich will, liebe Einsenderin, damit nichts anderes als Denkanstöße geben und Prüfsteine für Ihre Studien- und Berufswahl.

Zu letzterer: Keine Angst, Wirtschaftsingenieure pflegen keine Wecker aufzuschrauben und nachzusehen. Die von Ihnen verspürte Abneigung dagegen wird von vielen hochkarätigen Ingenieuren geteilt. Technik, die Lust an Technik im weitesten Sinne, hat so viele Facetten, daß die eigenhändige Schrauberei keinesfalls zwangsläufig dazugehört. Und gerade der Wirtschaftsingenieur verbindet zwar technisches und betriebswirtschaftliches Wissen – geht aber bei beiden Gebieten nicht so weit in die Tiefe wie ein Diplom-Ingenieur und ein Diplom-Kaufmann zusammen. Er lernt die Grundlagen beider Seiten, ist, wo immer er später auch sitzt, nicht mit Scheuklappen gegen das jeweils andere Gebiet ausgestattet. Er ist prädestiniert für die immer wichtiger werdenden Schnittstellen zwischen Technik und Kaufmännischem, er kann später den Vertrieb leiten oder Tochtergesellschaften, die Kalkulation oder die ganze Firma. Aber Entwicklungsleiter wird er ebenso selten wie Chef des Rechnungswesens.

Soweit ich das beurteilen kann: Mit Ihren Noten, Ihren Leistungskursen, Ihrem Interesse für Technik (Vaters VDI nachrichten), Ihrem Desinteresse fürs Schrauben und Ihrer Hinwendung zum Ziel aller Technik, dem Markt, dem Verkauf (ich weiß, liebe Leser, das ist sehr gewagt in dieser Zeitung) liegen Sie mit diesem Studium goldrichtig.

Was Sie im Studium zusätzlich tun können? Nun, den Wunsch nach einer späteren Tätigkeitsrichtung erarbeiten (z. B. Controlling oder Verkauf), Auslandsbezug nachweisen (Auslandssemester, -praktika), Praxisbezüge erarbeiten (viele Industriepraktika, Diplomarbeit im Industriebetrieb), sich absolute Mobilität erhalten, schnell und mit gutem Ergebnis studieren, dennoch soziale Kompetenz und erste Führungserfahrungen nachweisen (Mitarbeit und ggf. Leitungsaufgaben in studentischen Organisationen, staatstragenden Parteien etc.). Ich habe ja nicht gesagt, daß es leicht ist. Ganz gelassen ausgesprochen: Das Management ist schon eine Art Elite der Unternehmen. Manager wird man ohnehin nie als Hauptziel einer Ausbildung, sondern als eine Art Krönung der Laufbahn nach erfolgreicher Lösung betrieblicher Sach- und Projektaufgaben.

Und als Frau? Aber gerade doch, was für eine Frage. Die Männergesellschaft der Industrieführer braucht Frauen, weiß das, gibt das sogar recht offen zu – und läßt sie dennoch nur schwer hochkommen. Sie finden das nicht logisch? Wundern Sie sich nicht, wo Menschen wirken, ist kaum etwas logisch. Manche behaupten, nicht einmal Frauen würden ausschließlich durch und durch logisch denken und handeln.

Ich glaube also, daß Sie es als Frau durchaus etwas schwerer haben werden – bis hin zur klassischen Konfliktsituation Beruf/Familie. Aber es geht, es gibt positive Beispiele und Sie sollten sich keinesfalls entmutigen lassen. Auch aus vielen Männern ist kein Manager geworden – obwohl sie Männer waren; also ist das Geschlecht nur ein Aspekt unter vielen.

Und das Schönste am Managerdasein: Wir, die wir dabei sein, verfluchen es täglich und möchten es doch keinesfalls missen. Im Vertrauen gesagt, aber verraten Sie es nicht weiter: Es macht nebenbei unendlich viel Spaß – und der Eitelkeit schmeichelt es auch. Dann also: Willkommen im Klub, so in 10 bis 15 Jahren!

Kurzantwort:

Manager zu sein, macht den dafür Begabten u. a. so viel Spaß, daß sie sich nicht mehr vorstellen können, etwas anderes zu tun.

Frage-Nr.: 1303
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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