Heiko Mell

Ich mag nicht mehr

Nachdem ich nun über fünf Jahre mit Freude und Interesse Ihre Artikel in den VDI nachrichten gelesen habe, glaube ich halbwegs, die Grundregeln des Berufslebens verstanden zu haben. Um die andere für mich relevante Hälfte auch noch verstehen zu können, schildere ich Ihnen meine Situation.

Nach den abgeschlossenen Studiengängen …. (FH) und …. (Uni) – „ja, das gibt es“ – habe ich 3,5 Jahre Berufserfahrung in einer Firma gesammelt. Nun bin ich seit einem knappen Jahr in einer zweiten Firma tätig, in der ich dieselbe Tätigkeit ausübe wie in der ersten. Es ist ein Weltkonzern mit guter Bezahlung und Aussicht auf Karriere.

Nach den von Ihnen beschriebenen Regeln sollte ich noch ca. 4 weitere Jahre im jetzigen Unternehmen verweilen, um den Idealen eines weiteren Arbeitgebers hinsichtlich meiner beruflichen Laufbahn zu entsprechen.

Nun habe ich mit 32 Jahren aber eine eigene Geschäftsidee, die ich ausführen möchte. Das bedeutet, daß ich den derzeitigen Arbeitgeber nach nur einem Beschäftigungsjahr verlassen werde, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Nach diesem Schritt wird es zwei Möglichkeiten geben:

1. Es gelingt mir, ein profitorientiertes Unternehmen ins Leben zu rufen und zu führen. Dann ist für mich beruflich alles in Ordnung.

2. Es gelingt mir nicht. Daraus würde resultieren, daß ich wieder in das Angestelltenverhältnis zurückgehen muß.

Wie reagieren zukünftige Arbeitgeber darauf, wenn der 2. Fall eintritt? Welche Rolle spielen verschiedene Zeiträume im 2. Fall (nach einem Jahr, nach 10 Jahren) wo doch gilt „Chefs stellen ungern Chefs ein“?
Sie würden mir entscheidend weiterhelfen, wenn ich durch Ihre Antwort eine klarere Vorstellung zu diesem Thema bekomme.

Antwort:

Was soll letzeres denn nun heißen? Andere sind schon mit einer „Antwort“ zufrieden, Sie jedoch stellen die Bedingung, daß Sie durch dieselbe eine „klarere Vorstellung“ bekommen. Es ist schön, daß Sie nicht übermäßig bescheiden sind – im Dschungel des unternehmerischen Tuns wäre das tatsächlich wenig hilfreich.

Aber bedenken Sie: Andere Leute gehen zum Arzt und sagen: „Helfen Sie mir, bitte“. Sie gehen dorthin und sagen: „Wenn Sie mich gesund machten, würden Sie mir entscheidend weiterhelfen.“ Es bleibt ein Unterschied.

Übrigens sollen Sie nicht etwa fünf Jahre pro Arbeitgeber verweilen, „um den Idealen eines weiteren Arbeitgebers …. zu entsprechen“, sondern um als „Produkt“, das sich auf einem Markt zum Verkauf anbietet, wichtige Eigenschaften nachweisen zu können. Sie wollen doch, so unterstellt man, Stehvermögen, Zähigkeit, Beharrlichkeit etc. demonstrieren; Sie wollen doch den Anschein erwecken, bei Ihnen lohnten sich die hohen Beschaffungs- und Einarbeitungskosten, die, auf sechs Monate Beschäftigungszeit umgelegt, jede(!) und auf achtzehn Monate umgelegt, fast jede Einstellung zum Flop (für den Arbeitgeber) machen. Sie wollen doch möglichst überzeugend darlegen, daß man Ihnen die Verantwortung für Projekte übertragen kann, die sich über mehrere Jahre hinziehen. Und so weiter.

Es liegt also in Ihrem ureigenen Interesse, Ihre Fähigkeit (es ist eine!) zum Durchstehen fünfjähriger Dienstzeiten unter Beweis zu stellen (und zwar nicht nur bei schönem, sondern auch bei schlechtem Wetter). Es handelt sich hingegen nicht um eine Marotte von Arbeitgebern, die Bewerber ärgern wollen.

Dann fiel mir noch auf, daß Ihr Brief wunderschön demonstriert, warum Arbeitgeber so ungern (ehemals) Selbständige einstellen: Sie, geehrter Einsender, wollen ein Unternehmen aufbauen, darin Ihr eigener Herr sein, damit Gewinne erzielen und davon leben. Gut.

Wenn es denn nicht klappt, dann greifen Sie zähneknirschend auf die „Lösung zweiter Klasse“ zurück – und möchten gern wieder Angestellter sein. So weit, so klar. Sie sehen das so – und alle anderen auch.

Fatal daran ist nur: „Alle anderen“ schließt auch alle potentiellen Arbeitgeber ein. Die wissen genau, daß sie für Sie nur „2. Wahl“ sind, wenn Sie eines Tages wieder als Bewerber um eine Angestelltenposition dort auftauchen. Und wer mag schon gern für einen Partner „2. Wahl“ sein, ganz leicht erkennbar und in aller Öffentlichkeit demonstriert?

Noch fataler ist: Die Menschen, die auf Arbeitgeberseite später über Ihre Bewerbung als gescheiterter Selbständiger entscheiden würden, sind Angestellte, waren Angestellte und werden immer Angestellte bleiben. Sie finden es in der Regel gar nicht so reizvoll, jemanden einzustellen, der doch eigentlich ausgezogen war, etwas „Besseres“ zu werden. Nicht nur „besser“ als er selbst es vorher war, sondern als sie es waren und sind! Es gibt noch mehr Argumente in dieser Richtung, aber lassen wir es erst einmal dabei.

Jedenfalls folgt daraus die Grundregel: Der Weg in die Selbständigkeit ist einer ohne Wiederkehr. Man plane ihn möglichst so, daß man nicht auf eine Rückkehr ins Angestelltenverhältnis angewiesen ist. Natürlich muß man bei jedem größeren Vorhaben rechtzeitig eine Auffanglösung für den Fall eines Scheiterns ausarbeiten. Ich predige das bei der klassischen Angestelltenkarriere anläßlich jedes geplanten Arbeitgeberwechsels, es gilt natürlich auch hier. Aber beim Sprung in die Selbständigkeit gilt eher: Die Auffanglösung im Fall eines Scheiterns sollte besser eine Selbständigkeits-Alternative sein.

Dennoch zu Ihrer konkreten Frage für den Fall der Rückkehr von der Selbständigkeit ins Angestelltendasein: Sie müßten mit großer Zurückhaltung rechnen, das habe ich deutlich gesagt. Schließlich hätten Sie ja vor kurzem demonstriert, daß Sie sich nicht vorrangig zum abhängig beschäftigten Weisungsempfänger berufen fühlen, sondern zu jemandem, der zumindest firmenintern sein eigener Herr sein, sich dort seine eigenen Regeln machen will.

Und wie bei jeder – echten oder unterstellten – Prägung durch eine nicht positiv bewertete Situation gilt: viel ist schlimmer als wenig. Zwei Jahre Arbeitslosigkeit sind dem Bewerbungserfolg abträglicher als zwei Monate. Und so ist es bei Selbständigkeit auch. Mit jedem Jahr nimmt die „falsche“ Prägung des Bewerbers durch sein Unternehmertum zu. Nach zehn Jahren Selbständigkeit stellt ihn kaum noch jemand ein, manchmal schon nach fünf Jahren nicht. Und auch nach zwei Jahren hat er es sehr schwer, eine „Traumposition“ zu finden, mit einem zweitklassigen „Job“ sieht es dann vielleicht noch etwas besser aus.Apropos Unternehmertum: Brauchen wir nicht gerade in Führungspositionen unternehmerisch denkende Menschen und wäre daher das Wagnis Selbständigkeit nicht eine gute Empfehlung für einen Bewerber? Wir brauchen und es wäre – aber da ist noch ein Problem: Wir brauchen Bewerber, die Anlaß zur Hoffnung geben, sie könnten in einer unternehmerischen Angestelltenposition erfolgreich sein. Weniger brauchen wir Bewerber, die gerade erst „bewiesen“ haben, daß sie als Unternehmer gescheitert sind. „Bewiesener Mißerfolg“ taugt leider nicht als Qualifikationsbeweis.

Falls Sie aber trotz allem das Türchen für eine Rückkehr aufhalten wollen, gilt: Da zum Zeitpunkt einer Rückkehr-Bewerbung die letzte Phase Ihres Berufslebens eine Pleite war, wäre alles, worauf Sie sich stützen können, die Phase davor, in Ihrem Falle also Ihre heutige Position. Und da hätten Sie schlechte Karten: Sie wären bei einem Top-Unternehmen „mit guter Bezahlung und Aussicht auf Karriere“ gewesen. Aber auch diese allerfeinste Umgebung hat Sie nicht gefesselt, war für Sie nur zweitklassig. Da fehlen Ihnen dann leicht überzeugende Argumente, wenn Sie reumütig, kleinlaut und gescheitert zurückwollen.

Auch Ihr eines Dienstjahr dort wird kritisch. Sie haben dann nicht nur einen Fehler gemacht, sondern zwei: zur Selbständigkeit kommt noch die viel zu kurze Verweildauer bei einer Top-Adresse (schlimmer als bei einer Klitsche!) – und Weltkonzerne neigen dazu, nach so kurzer Zeit nur ein sehr(!) zurückhaltendes Zeugnis zu schreiben. Das wiederum wird, da es Ihr letztes ist, künftige Bewerbungsempfänger nicht erheitern.

Alles in allem also ein engagiertes Plädoyer gegen den Sprung in die Selbständigkeit? Aber woher denn! Dieses Land braucht solche Menschen, die Großkonzerne allein können uns weder alle beschäftigen noch sonstwie ernähren. Wer also einen realistischen Plan zur Geschäftseröffnung hat, soll ihn ruhig angehen. Schließlich bin ich auch selbständig geworden, da werde ich diesen Schritt bei anderen absolut nicht verdammen.

Natürlich bleibt dabei ein erhebliches Risiko. Aber das ist in einer Marktwirtschaft mit großen Chancen immer verbunden. „Und wenn ich nun scheitere?“ darf nicht die zentrale Frage sein – die Menschen, die uns in der Vergangenheit weitergebracht haben, können auch nicht ständig Angst vor jedem Risiko gehabt haben. Auch die erste Beförderung in die Führungsebene ist mit dem Risiko der Entlassung verbunden, ebenso die Ernennung zum Hauptabteilungsleiter. Und auf der Fahrt zum Vorstellungsgespräch sind Sie nicht gegen einen tödlichen Verkehrsunfall gefeit.

Was ich möglichst verhindern will, ist lediglich die ebenso bequeme wie trügerische Einstellung: Wenn es schiefgeht, dann kann ich ja immer noch da weitermachen, wo ich als Angestellter aufgehört habe. Das wäre eine Illusion. In Wahrheit wären Sie dann schlechter dran als vorher. Aber was für eine Chance ist doch mit einer Selbständigkeit verbunden, wenn sie greifbar nahe liegt!

Also nur Mut – und richten Sie den Blick nach vorn. Die Spekulation auf den Wiedereinstieg ins Angestelltenverhältnis entspräche doch nur der Rückkehr in ein Umfeld, das man ganz bewußt hatte eintauschen wollen. Man kauft ja auch seinen eingetauschten Gebrauchtwagen nicht zurück, wenn man die Raten für das neue Superauto nicht mehr bezahlen kann. Im schlimmsten Falle fährt man eine Weile Fahrrad – und kauft irgendwann ein neues Traumauto.

Kurzantwort:

Wie immer man den Sprung in die Selbständigkeit für sich selbst werten will: Eine nahtlose Rückkehr ins Angestelltenverhältnis ist mit so vielen Problemen behaftet, daß man sie nicht als jederzeit verfügbares „Netz unter dem Drahtseil“ betrachten darf.

Frage-Nr.: 1299
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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