Heiko Mell

Ich mag nicht mehr

Im Laufe des Ingenieurstudiums mußte ich leider feststellen, daß mein Interesse an der Technik zunehmend verlorenging. Während eines Industrie-Praktikums verstärkte sich der Verdacht, daß ich mit dem „klassisch-fachlichen“ Ingenieurberuf auf Dauer nicht glücklich werden würde.
Dennoch habe ich mich aus verschiedenen Gründen entschlossen, das Studium nicht abzubrechen. Im Vordergrund standen sicherlich diverse Ängste, vor allem aber die Angst vor der Chancenlosigkeit, die einem Studienabbrecher in Deutschland immer wieder entgegenschlägt.

Mit einem guten Diplom in der Tasche habe ich der Sache noch eine Chance gegeben und ein Jahr befristet als Ingenieur erfolgreich im Projektmanagement gearbeitet. Jetzt bin ich seit kurzem wieder arbeitslos und um die (irgendwie unbequeme) Erfahrung reicher, daß mein technisches Interesse inzwischen auf Null gesunken ist. Leider mußte ich dabei auch die Hoffnung aufgeben, gutes Manager- oder Verkäufertalent entwickeln zu können und sehe mich daher in einer Sackgasse.

Ich bin der Meinung, daß ich auf Dauer nur dann einen wirklich guten Job machen kann, wenn ich auch ein gewisses Interesse an der Arbeit mitbringe. Deswegen habe ich jetzt einige Ideen gesammelt und begonnen, fachliches Neuland zu erkunden, indem ich über Praktika in andere Berufe hineinschnuppere. Inwieweit diese „Reise“ mich wirklich vom Ingenieurberuf wegführt oder ob sie mir neue Wege zeigen kann, mein hart verdientes Ingenieurdiplom in einem „nichtklassischen“ Ingenieurberuf nutzbringend für mich verwenden zu können, weiß ich nicht.

Ich höre da schon die (irgendwie bequemen) Schubladen in den Personaler-Köpfen aufgehen: „Der drückt sich nur. Der weiß immer noch nicht, was er will. Der setzt sich keine Ziele.“ Da droht schnell der Ablagestapel ….Wie schnell sinken meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt dadurch, daß ich a) zu lange ohne qualifizierte Anstellung bin und b) mich fachlich zu weit entferne von meiner Ingenieurdisziplin?Was würden Sie mir in meiner Lage raten?

Antwort:

Wenn Sie etwas Berufliches tun, ist es legitim, nach etwas Besserem Ausschau zu halten. Haben Sie das schließlich gefunden und kennen Sie auch einen Weg, um dieses Bessere zu erlangen, dann tauschen Sie.

Aber nehmen wir an, Sie haben ein Auto. Gut. Und das gefällt Ihnen nicht mehr. Auch gut. Dann überlegen Sie eben, welches Fahrzeug Ihnen besser gefällt. Nun planen Sie den Weg zum Erwerb desselben. Haben Sie eine Möglichkeit gefunden, gehen Sie und kaufen ein neues Auto und geben Ihr altes ab. Ganz einfach, nicht wahr?

Nehmen wir jedoch an, Sie haben ein Auto, es gefällt Ihnen nicht – und als Sofortlösung lassen Sie es irgendwo stehen – und haben nun gar kein Fahrzeug mehr. Was Sie wiederum bis ins Mark trifft und fast Ihr Leben ruiniert. Aber Sie wissen nicht, welches andere Auto Sie wollen sollen, Sie wissen nur: das alte nicht! Gut? Schwachsinn!

Machen Sie das einmal mit Nahrungsmitteln. Am Schluß sind Sie verhungert – umgeben von Eßbarem, das Ihrem Geschmack nicht recht entspricht. Wäre auch Schwachsinn!

Zum Glück ist die Frage der Studienrichtung ja nun überhaupt nicht mit Auto- oder Nahrungsmittel-Entscheidungsproblemen vergleichbar. Oder doch? Oder doch!

Fangen wir, wobei Sie hier natürlich stark mit subjektiven Betrachtungen konfrontiert werden, vorne an. Selbstverständlich wollen Sie zwar weniger hören, was Sie falsch gemacht oder versäumt haben, sondern eher, was Sie jetzt tun sollen. Aber bei mir hat der Schutz potentieller Nachahmer unter den Lesern Vorrang. Also dann:

Es ist ebenso „unmöglich“ wie unverantwortlich, daß Sie schon irgendwo mitten im Studium erkannten, die Technik würde Ihnen nicht liegen – aber in den sicher seither verstrichenen Jahren noch immer nicht herausgefunden haben, was denn nun geeignet ist, Ihr Interesse zu finden.

Außerdem müßten Sie inzwischen ja auch ein etwas fortgeschrittenes Erwachsenenalter erreicht haben, in dem Sie – unabhängig von der Vorgeschichte – wissen sollten, was Sie denn gern so täten. Irgend jemand hat entschieden, mit 18 sei man reif, den Bundeskanzler (indirekt, ich weiß) zu wählen, dann wird man auch von Ihnen mit etwa 30 (geschätzt) erwarten können, daß Sie inzwischen so in etwa wissen, wo die berufliche Reise hingehen soll. Wobei ja eines hinzukommt: Noch wissen Sie nicht einmal, was das sein könnte; wenn Sie es denn wüßten, käme erst einmal der Prozeß, in dem Sie die Voraussetzungen für Ihren Wunschberuf erwerben müßten. Ob das dann Biologielehrer, Bademeister oder Bürgermeister wäre – die Vorbereitungen brauchen Jahre.

Da ich auch einmal etwas Positives sagen will: Gut finde ich, daß Sie die einmal begonnene Fachrichtung im Studium erfolgreich zu Ende gebracht haben. Solange Sie nicht wissen, was Sie überhaupt wollen, führen Abbrüche nur ins Chaos. So jedoch haben Sie wenigstens eine Berufsausbildung.

 

Wissen Sie, was ich glaube? Sie haben die falsche Einstellung zum Leben, zum Arbeiten, zum eigenverantwortlichen Ernähren Ihrer selbst. Sie kokettieren mit Wunschträumen, jagen diffusen Idealen nach. Ihnen fehlt der mitunter heilsame Druck, in jedem Fall für den eigenen Unterhalt oder gar den einer Familie sorgen zu müssen.

Sie haben einen Beruf – bevor Sie nichts anderes wissen, übe Sie den erst einmal aus. Der Ingenieurberuf, von Ihnen selbst gewählt, ist so vielseitig, bietet auch als allgemeine akademische Grundlage so viele Chancen, daß einige Varianten davon wohl auch Ihnen zuzumuten wären. Abgesehen von Tätigkeiten, in denen das Wort „Ingenieur“ vorkommt, könnten Sie mit dieser Ausbildung Versicherungen verkaufen, freier Schriftsteller sein, technischer Redakteur oder Fußballreporter werden, in die Lehrlingsausbildung gehen, Meisterstellen im Schichtdienst übernehmen, in eine Bauunternehmung einheiraten oder in die PDS eintreten. Sie könnten Mitarbeiter in Verbänden werden, Feuerwehrhauptmann (später) werden oder als Personalberater an der Auswahl von Führungskräften mitwirken (auch später) und anderen kluge Ratschläge geben (sehr viel später).

Zunächst aber sollten Sie diszipliniert, engagiert und ohne allzuviel Rücksicht auf Ihre Befindlichkeiten arbeiten. In jedem Fall arbeiten. Sonst bleibt Ihnen eines Tages außer freiem Künstler nicht viel. Und vielleicht machen wir es manchen unserer Mitmenschen auch ein bißchen zu leicht in unserem System.

Menschen neigen dazu, von sich auf andere zu schließen – warum also nicht auch ich: In meiner Vergangenheit habe ich so viele verschiedene Tätigkeiten ausgeübt, daß es dafür gar keinen durchgängigen „roten Faden“ mehr gibt. Und – fast – alles hat mir großen Spaß gemacht. Ich habe Feilen gelernt, Schneekettenproduktionsmaschinen bedient, ein Betriebliches Vorschlagswesen eingeführt, in einem Konzern alle Personalanzeigen getextet und bin jetzt auch noch Berater. Mir scheint, es ist eine Frage der inneren Einstellung. Mit Technik oder nicht hat das kaum etwas zu tun.

Kurzantwort:

Mit „Null Bock auf gar nichts“ sind nicht viele Sympathien bei der arbeitenden Bevölkerung zu erringen (als deren Teil der Autor sich fühlt).

Frage-Nr.: 1298
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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