Heiko Mell

Personalverantwortung aufgeben?

Nach Studium und Promotion arbeite ich seit drei Jahren für einen deutschen Großkonzern in einem technischen Funktionsbereich. In dieser Zeit absolvierte ich das hausinterne Traineeprogramm und habe mittlerweile seit anderthalb Jahren Personalverantwortung für zwölf Mitarbeiter. Ich bin 32.

Kürzlich erhielt ich ein interessantes Angebot von einer Personalvermittlungsagentur, die mich als Berater zu einer international bekannten Unternehmensberatung abwerben möchte.

Nach bisher geführten Gesprächen erschien mir dieses Angebot als eine interessante Herausforderung, zumal die Rahmenbedingungen attraktiv sind und ich die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten in meinem gegenwärtig defizitären Geschäftsbereich eher zurückhaltend bewerte.

Allerdings habe ich in der Unternehmensberatung zunächst keine Personalverantwortung.

Wie beurteilen Sie unter Karrieregesichtspunkten dieses mögliche Vorgehen? Wie wird die Aufgabe von Personalverantwortung zugunsten einer Beratertätigkeit in der Wirtschaft gesehen? Wie sehen Sie die Möglichkeiten, nach einigen Jahren Beratertätigkeit eine leitende Funktion in der Industrie zu übernehmen?

Antwort:

Eines Morgens wachen Sie auf – und merken, daß Sie eine besondere Fähigkeit haben oder entwickeln konnten. Mir ging es so und warum sollte es Ihnen, liebe Leser, nicht auch so gehen. Achten Sie einmal darauf: Irgend etwas, so meine Erkenntnis, kann jeder. „Kann“ ist definiert als „besser als andere“. Man muß nur nach seinem Talent suchen und es annehmen, bewußt akzeptieren, wenn man es entdeckt. Und dann sollte man es natürlich noch fördern, wo immer es geht. Wobei ich jede Art von Förderung (Schulung, Kurse, Seminare) ohne Talent für unsinnig halte. Das aber ist ein anderes Thema.

„Schön“, werden Sie sagen, „das mag ja alles sein, aber worauf will er denn damit wieder hinaus?“ Er muß, das ist klar, jetzt ein konkretes Beispiel liefern und zwar im Zusammenhang mit dieser Einsendung. Nun denn:

Ist Ihnen in diesem Brief etwas aufgefallen? Nein? Mir aber. So schreibt unser Einsender, er arbeite „für“ ein bestimmtes Unternehmen. Ich sehe darin bereits den Ausdruck einer aus dem Unterbewußtsein kommenden Distanzierung gegenüber dem heutigen Unternehmen. „Für“ sagt der Außenstehende, der Lieferant beispielsweise. Der engagierte Mitarbeiter sagt „bei“ (unnachahmlich das „mir schaffe beim Daimler“ der Schwaben).

Und da man auf einem Indiz keine Theorie aufbauen soll, hier ein zweites: „Allerdings habe ich in der Unternehmensberatung keine ….“ Noch ist er ja gar nicht dort, noch hat er ja offiziell noch nicht einmal eine Entscheidung getroffen (sagt er). Also hätte er „hätte“ schreiben müssen – „habe“ kommt wieder aus dem Unterbewußtsein, beschreibt schon eine vorweggenommene Tatsache.

Also behaupte ich: Hier tritt jemand auf, der innerlich die Lösung vom bisherigen und die Hinwendung zum neuen Arbeitgeber längst vollzogen hat – und eigentlich keinen „Rat“ mehr sucht, sondern nur noch die Bestätigung für etwas, das er längst vorentschieden hat. Dies nur als Demonstration.

Damit kein Mißverständnis entsteht: Der Einsender hat nichts „falsch“ gemacht, ich habe auch nicht „mit der Lupe nach Fehlern“ gesucht. Ich zeige Ihnen nur, wo man beispielsweise noch unentdeckte Talente haben kann. Dabei hätte ich eigentlich lieber singen wollen, aber dort ist an der Stelle von Talent gar nichts. Nun kann ich statt dessen beispielsweise aus Zeugnissen und anderen wichtigen Schreiben recht gut herauslesen, was der Schreiber vielleicht gemeint hat. Man muß diese Dinge nehmen, wie sie kommen – aber offen sein für überraschende Erkenntnisse. Und nicht vorrangig tun, was man gern macht, sondern was man kann! Bei wenigen begnadeten Menschen fällt das denn auch noch zusammen.

Übrigens gilt das auch für Bewerbungen und Vorstellungsgespräche: Nicht „ich würde gern dies und jenes machen“ reißt den potentiellen Arbeitgeber vom Stuhl, sondern „ich kann das“. So etwas muß nicht wörtlich gesagt werden. Es zeigt Ihnen nur, worauf es ankommt.Nun wieder zu Ihnen, geehrter Einsender: Es gibt sicher hier kein klares Ja oder Nein zu dem Angebot. Sie müssen entscheiden, Ihre besondere Persönlichkeit mit all ihren Stärken und Schwächen ist betroffen. Aber Argumente kann ich liefern. Zunächst die gegen einen solchen Wechsel:

– Die ganze Geschichte war nicht Ihre Idee. Sie vollzögen keinen selbstgeplanten Schritt im Rahmen einer Langfristkonzeption, sondern Sie sind zufällig hineingestolpert in das Projekt. Als Warnung (dabei betreibe ich das Geschäft der Direktansprache selbst): Mit einem hohen zweistelligen Prozentsatz kommt in Karriereberatungsgesprächen als Erklärung für aus späterer Sicht falsche berufliche Schritte die Erläuterung: „Da hatte ich ein Angebot von außen.“ Ein solches Angebot ist a) nicht mehr als die zufällig von Ihnen gelesene Anzeige eines suchenden Unternehmens (und fordert Sie lediglich auf, sich um die vorgestellte Position zu bewerben) und b) unbedingt „gut“ – für den, der es macht. Ob das auch für Sie als Adressaten gilt, ist ebenso offen wie bei der abendlichen Fernsehwerbung für irgendein Produkt. Daß diese Offerte für Sie eine Ideallösung ist, wäre reiner Zufall … (aber auch nicht ausgeschlossen).

Stets ist es besser, Sie konzipieren sorgfältig eine fachliche Richtung Ihrer Laufbahn (Tätigkeit, Branche etc.), wägen in Ruhe alles ab, überprüfen anhand von Informationen vom Arbeitsmarkt (z. B. Stellenanzeigen) Ihr Programm und realisieren es dann. Jetzt jedoch müssen Sie bei der für Sie zu diesem Zeitpunkt doch fast „exotischen“ Richtung Unternehmensberatung unter Zeitdruck fragen, ob das denn überhaupt gut ist für Sie. Antwort: Die Wahrscheinlichkeit spricht zunächst einmal dagegen, wie immer bei spontan auftauchenden „Gelegenheiten“.

– Konkret zur Unternehmensberatung: Für diese Beratung sind Sie grundsätzlich ein interessanter Mann; Sie sind noch jung, gut ausgebildet, haben einen Titel, schon Industriepraxis und kommen von einer „Größe“ der industrielle Landschaft – das läßt sich den Beratungskunden gegenüber gut verkaufen.

Für Sie jedoch ist das Projekt schon deutlich weniger zwingend: Erst Beratung, dann Industrie, also Beratungseinstieg statt Industrietraineeprogramm, das ist ein akzeptables Konzept. Aber Industrie – Beratung – Industrie ist weniger überzeugend und läßt eine solide innere Logik schon vom Konzept her vermissen.

Und: Sie werden älter, da muß man sorgfältig planen, die Zeit für jugendlich-unbekümmerte Experimente ist vorbei. Nun aber würden Sie etwas anfangen, von dem Sie vor allem eines wissen: Es wäre nur ein Übergangsstadium, bleiben will ich da nicht (siehe Ihre Frage bezüglich der späteren „leitenden Funktion in der Industrie“!).

Damit sollten Sie sehr vorsichtig sein. Je älter und erfahrener Sie werden, desto weniger Raum bleibt für reine „Übergangslösungen“ im Werdegang.Und: Berater und Industrieführungskraft sind keineswegs in allen Punkten ihres Anforderungsprofils deckungsgleich. In einigen wichtigen Bereichen gibt es sogar erhebliche Unterschiede. Ich erkenne das sofort, wenn mir gelegentlich ein „längergedienter“ Berater im Vorstellungsgespräch gegenübersitzt – freundlich, verbindlich, gepflegt, redegewandt, geschmeidig auf mich eingehend, dabei intelligent, fachkompetent. Es ist eine Freude, mit ihm zu reden, zu diskutieren, ihn zu befragen. Aber man spürt eben auch, daß er nicht „weisungsgewohnt“ ist – nie darf er anordnen, stets muß er anregen, vorschlagen, argumentieren. Auf Dauer prägt das. Wenn Sie es unbedingt lesen wollen: auch mich hat das geprägt, wie ich gestehe.

Nun fängt diese Prägung nicht nach ein paar Monaten an. Aber Sie mit Ihren drei Jahren beim ersten Arbeitgeber sollten doch schon Ihre fünf Jahre beim zweiten durchstehen, um nicht als „Häufigwechsler“ aufzufallen.

Selbst dann fürchte ich für Sie weniger die Prägung als das Resultat aus der Anmerkung über die unterschiedlichen Anforderungsprofile von Industriemanager und Berater. Nehmen wir einmal an, die Rolle der industriellen Führungskraft liegt Ihnen. Dann sind Sie jetzt schon drauf auf diesem Weg, haben Gefallen gefunden an dieser Art des Tuns, die Ihrer Begabung entspricht. Es gibt – vorsichtig gesagt – keinerlei Sicherheit, daß Ihr Talent ebenso für die Beratung ausreicht – vor allem jetzt, wo die Welt des operativen Tagesgeschäftes in der Industrie Ihren Bezugsmaßstab bildet – und Sie in der Beratung ja verantwortungsvoll arbeiten müßten und nicht mehr so „mitlaufen“ dürften wie ein Berufsanfänger. Somit läge ein Scheitern dort im Bereich des Denkbaren!

Wenn man einmal herausgearbeitet hat, was man kann und was man will und wenn beides auch noch deckungsgleich ist, dann hat man etwas unendlich Kostbares gefunden, das man keinesfalls durch Experimente riskieren sollte. Profaner: Wenn ein Mensch als Bäcker gut, erfolgreich und zufrieden ist, gibt es eigentlich keinen vernünftigen Grund herauszufinden, ob er das alles auch als Friseur erreichen könnte.

Verstehen Sie mich bitte richtig: Ich bin deshalb so engagiert-zurückhaltend, weil Sie den Beraterjob selbst als Umweg im Hinblick auf Ihr Ziel sehen. Hätten Sie angedeutet, der Beraterlaufbahn gälte seit Jahren Ihre ganze Sehnsucht, hätte ich anders argumentiert.Bliebe noch die Betrachtung der Chancen des späteren Wiedereinstiegs in die Industrie. Natürlich – und eben das ist Teil des Problems – hängt diese Rückkehr von Umständen ab, die jetzt nicht alle bekannt und deren Auswirkungen nicht sicher vorhersehbar sind: Konjunktursituation zu jenem Zeitpunkt, Dauer und Erfolg Ihrer Beratertätigkeit usw. Stets wird auch die individuelle Einstellung des jeweiligen Entscheidungsträgers eine Rolle spielen. Aber: Wenn Sie sich völlig „fremd“ als Bewerber irgendwo vorstellen, müßten Sie mit Vorbehalten rechnen (die es bei Bewerbungen „aus der Industrie in die Industrie“ garantiert nicht gäbe!).

Schließlich wären Sie dann in einem Alter und durch Ihr „industrielles Vorleben“ in einer Erwartungshaltung (auch unterstützt durch das recht hohe Beratergehalt!), der nur eine ziemlich ranghohe Führungsposition gerecht werden könnte. Bei der Bewerbung darum fiele aber auf, daß Sie a) dann vielleicht seit Jahren gar nicht disziplinarisch führen und b) eine frühere Führungsposition freiwillig verlassen haben, um zwischendurch ein paar Jahre „den Berater zu spielen“. So richtig überzeugen würde mich das nicht, käme Ihre Bewerbung auf meinen Tisch.Blieben die – absolut gegebenen – Vorzüge der Beratertätigkeit in Ihrem Falle: Da ist der hohe fachliche Anspruch, man lernt sehr viel auch zusätzlich im persönlichen Bereich. Der Verkehr mit Geschäftsleitungen von Kunden gibt vielen Beratern mehr als die ständige Diskussion mit Sachbearbeitern aus Nachbarabteilungen. Manchmal schmeichelt der Beraterstatus sicher auch schlicht der Eitelkeit, vor allem in Verbindung mit einem der „großen Namen“ der Branche.

Und dann vor allem die großen, namhaften Industriekunden: Natürlich hofft man, dort so viel Eindruck zu machen, daß es Übertrittsangebote nur so hagelt. Und ganz sicher kann jede größere Beratung Listen von ehemaligen Mitarbeitern präsentieren, die anschließend in hochkarätige Managementpositionen in Industriebetrieben gewechselt sind. Aber: Wie das so ist mit Erfolgslisten – es stehen halt immer nur Fälle darauf, in denen es geklappt hat. Von Leuten, die „es nicht wieder tun“ würden, redet niemand mehr.

 

Resümee: Sie spüren, bei mir überwiegt die Skepsis. Ich wäre uneingeschränkt für diesen Schritt, wenn Sie mit Ihrem derzeitigen Qualifikationsprofil Ihre berufliche Zukunft in der Beratung sähen. Das aber tun Sie erkennbar nicht.

Warum die Situation in Ihrem „defizitären Geschäftsbereich“ hier bei mir bisher keine Rolle gespielt hat? Weil das kein Grund ist, Berater zu werden! Sondern darauf gibt es eine klassische, absolut bewährte Reaktion: Suchen Sie sich eine andere, weiterführende, bessere, höherwertigere Industrie-Führungsposition. Die Zeitungen sind derzeit wieder voll davon, der Arbeitsmarkt (nicht der für Ungelernte) zeigt Hochkonjunktur-Erscheinungsmerkmale.

Der richtige Zeitpunkt dafür: Nicht bevor Sie Ihre zugeordneten Mitarbeiter nicht mindestens zwei Jahre erfolgreich geführt haben. Aber dann hätten Sie hochinteressante Voraussetzungen für einen über Bewerbungen eingeleiteten Aufstieg – der ja nicht Ihr letzter sein muß!

Ich möchte auf keinen Fall mißverstanden werden: Dies ist kein Beitrag „gegen“ Berater und keine pauschale Warnung vor der Tätigkeit in einer solchen Gesellschaft. Dazu bestünde nicht der geringste Anlaß.

Kurzantwort:

Der drastische Wechsel von einer erfolgreichen Laufbahn in eine weitgehend andere Tätigkeit, in der die eigenen Talente noch nicht erprobt wurden und in der man ohnehin nicht bleiben möchte, will wegen großer Risiken sehr gut überlegt sein. Oder: Nicht alles, was in unbekanntem Gelände wie eine Zeit und Mühen ersparende Abkürzung aussieht, ist auch eine solche.

Frage-Nr.: 1296
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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