Heiko Mell

Enttäuschte Hoffnungen

Frage: Vor relativ kurzer Zeit bin ich mit meiner Frau und meinen kleinen Kindern an unseren neuen Wohnort gezogen, um eine sehr interessante Stelle anzunehmen. Als Abteilungsleiter sollte ich einen Teilbereich der Fertigung leiten und modernisieren. Damals hieß es, der Konzern wolle die kostenintensiven Verbesserungen und verfüge über genügend Kapital für innovative Investitionen.
Vor wenigen Monaten wechselte der Konzern die Geschäftsleitung unseres Hauses und die Betriebsleitung aus. Die beiden neuen Positionsinhaber interessieren sich nicht für Modernisierungspläne, statt dessen werden systematisch Leute entlassen. Neue Produkte werden extern gefertigt, gewinnbringende „ältere“ Produkte ebenfalls verlagert. Da in meiner Abteilung die Maschinen veraltet sind, können wir nicht mit modernen Fertigungsstätten mithalten.
Daher drängte ich meinen neuen Vorgesetzten mehrfach, mich doch über die Zukunft der Abteilung zu informieren. Jetzt wurde mir von der Geschäftsführung mitgeteilt, daß dieser Bereich der Fertigung in absehbarer Zeit geschlossen werden und ich die weitere Verlagerung der Produkte vorantreiben soll. Man möchte mich, so wurde ausdrücklich gesagt, im Unternehmen halten. Derzeit könne man mir aber keinen Vertrag für die Zeit nach der Produktionsverlagerung anbieten und mir auch keine Informationen über die spätere Tätigkeit geben. Desweiteren müßten sich sämtliche Führungskräfte bei dem neuen Betriebsleiter neu bewähren (auch die „langgedienten“).Nun fühle ich mich doch sehr vor den Kopf gestoßen.
Ein weiterer Firmenwechsel würde einen erneuten Umzug bedeuten. Für meine Familie, d. h. vor allem für die Kinder ist es eine sehr schwierige Situation, wieder neue Bekanntschaften zu schließen.Gleichzeitig habe ich ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber meinen Mitarbeitern. Sie sind sehr engagiert und arbeiten freiwillig 40 statt 35 Stunden pro Woche. Da die Schließung der Abteilung nicht offiziell bekannt ist, wurde mir untersagt, darüber zu reden.
Jeden Morgen gehe ich mit weniger Motivation zur Arbeit. Was würden Sie mir raten?

Antwort:

Ein fast deckungsleiches Beispiel benutze ich seit Jahren, wenn ich jungen Heißspornen im Gespräch verdeutlichen will, was es – auch – heißt, Führungskraft zu sein. Ihre Situation ist nachvollziehbar, die Gesamtumstände sind absolut glaubhaft, so etwas geschieht derzeit jeden Tag irgendwo.

Ich will versuchen, Ihnen eine Art Leitfaden zu geben, wie man mit Gegebenheiten dieser oder ähnlicher Art umgehen kann. Denn, das soll unterstrichen werden, Ihre Situation ist durchaus Teil des Spektrums an Konstellationen, mit denen man im Laufe einer Karriere rechnen muß – sogar mit recht hoher Wahrscheinlichkeit.

Spricht man mit „Veteranen“ des Berufslebens, die noch erfolgreich im Amt sind und damit bisher „überlebt“ haben, so lassen diese oft erkennen, daß sie sich eine ganz spezielle Berufsphilosophie zurechtgelegt haben. Mit deren Hilfe gehen sie dann auf entsprechende schwierige Situationen zu und ein, richten sie ihre Reaktionen auf „Vorkommnisse“ aus. Achten Sie einmal auf diesen Aspekt, vielleicht finden Sie eines Tages irgendwo eine für Sie brauchbare Philosophie – oder Sie gestalten, was besser ist, Ihre eigene.

Da dies geradezu nach einem Beispiel schreit, hier gern mein eigenes. Aber, das muß ausdrücklich gesagt werden, es ist nicht als Vorbild gedacht, sondern als Anregung, eigene Überlegungen anzustellen.Ich also bin in mehr als dreißig Jahren zu folgendem Schluß gekommen: Das Berufsleben ist derart von Merkwürdigkeiten, Unsinnigem und/oder Engstirnigem geprägt – daß man es unmöglich stets nur tierisch ernst nehmen kann. Meine Erklärung für die Abweichungen von einem denkbaren Ideal: Es sind halt Menschen, die überall handeln. Und wer sich mit denen intensiv beschäftigt, weiß bald, daß sie immer und jederzeit für ein paar Merkwürdigkeiten gut sind.

Also habe ich mich entschlossen, das Berufliche eher wie ein großes Spiel zu sehen: Man gewinnt, man verliert, es gelten sportliche Maßstäbe. Ich möchte nicht mißverstanden werden: Das hat nichts mit einem „Auf die leichte Schulter nehmen“ zu tun oder mit fehlendem ernsthaften Ringen um erstklassige fachliche Lösungen. Etwas übertrieben gesagt: Wenn ich Skat spiele, gehe ich dann ja auch sehr engagiert und mit ganzer Kraft vor – weiß und berücksichtige aber, daß ich mich in einem Spiel befinde. In dem man gute Karten bekommt und schlechte, in dem sich günstige und ungünstige Konstellationen ergeben (in dem man aber stets so gut spielt wie irgend möglich).

Die „sportliche“ Betrachtung bedeutet dabei: Man muß die Dinge möglichst (eine Idealvorstellung) nüchtern sehen. Da lost man als Fußballmannschaft beispielsweise schon für die Vorrunde einen starken Gegner aus – das ist eben so, hat sich so ergeben, da muß man nun durch. „Ungerecht“ war das schon deshalb nicht, weil es ohnehin keine Gerechtigkeit gibt. Und der starke Gegner oder Gegenwind im Endspiel ist nun einmal da und muß nüchtern eingebaut werden in die eigene Strategie. Das ist kein Grund zum Verzweifeln, nicht einmal zum Ärgern. Man gewinnt nicht nur, man verliert eben auch (das Streben nach öfterem Gewinnen ist absolut erlaubt, ja unabdingbar – aber schon der Versuch, jede Niederlage vermeiden zu wollen, wäre vergebliche Liebesmüh“, ja eigentlich schon naiv).

Zum „großen Spiel“ gehört auch diese Betrachtung: Nahezu alle Unannehmlichkeiten, die mich beruflich treffen, gehen auf Menschen zurück. Da ist man mit Ärger, Wut, Rache schnell bei der Hand. Oder mit Frustration aus erwiesener Ohnmacht, was viel schlimmer ist. Ich helfe mir, aufbauend auf der „sportlichen“ Betrachtung, mit folgender Kontrollfrage:Da hat mich ein Mensch (vielleicht sogar eine Gruppe) irgendwie hart getroffen. Hat er das nun getan mit dem einzigen Ziel, mich zu ärgern – oder hat er aus seiner Sicht nachvollziehbar und logisch gehandelt (und ich stand nur zufällig so ungünstig dazwischen)? Im ersteren Falle denke auch ich über gezielte Gegenschläge nach, aber das ist ganz selten nötig! Meist ergibt sich, daß der zweite Fall vorliegt: Ich muß reagieren auf die Situation, Handeln ist angesagt – aber ich muß mich nicht wirklich getroffen fühlen, eigentlich nicht mehr ärgern als über einen Gegner beim Skat, der zwar eine für mich „tödliche“ Karte zieht – aber doch nur, um sein Ziel zu erreichen, nicht vorrangig, um mir zu schaden.

Übertragen wir das einmal auf Ihren Fall, dann ergibt die Analyse:

1. Das Problem ist da; ohne irgendeine Art von Nachteil kommen Sie nicht mehr hinaus aus der Misere. Es gilt jedoch nüchtern abzuwägen, wie Sie die Nachteile für Sie möglichst minimieren können.

2. Falsch ist Ihr Gefühl, „vor den Kopf gestoßen“ worden zu sein. Niemand hat etwas gegen Sie geplant oder beabsichtigt; alle Beteiligten haben aus ihrer Sicht logisch und nachvollziehbar gehandelt. Sie jedoch standen zufällig ungünstig im Weg.

3. Was ist da nun überhaupt vorgegangen? In einem Konzern hat sich die Meinung über die richtige Strategie bei einer Tochter geändert (geschieht täglich). Eine neue Richtung setzt sich durch, eine neue Politik ist gewollt – und soll nicht mit den alten Managern durchgesetzt werden, sondern mit neuen (ist auch Standard).

Also bekamen Sie neue Chefs, die eine neue Konzeption durchzusetzen hatten: nicht mehr „in den alten Laden investieren“, war angesagt, sondern „weg mit dem verlustbringenden Zeug“. An diesem Punkt war die „Geschäftsgrundlage“ für Ihre Einstellung schlicht entfallen. Sie waren zum Neuanstrich eines Hauses bestellt worden – das in der Nacht vor Arbeitsbeginn abgebrannt war. Also ist eine nüchterne Neuorientierung fällig.

Listen wir einmal die Punkte auf, die angesprochen sind:

a) Der gerade erfolgte Umzug. Er hat nichts mit der Sache zu tun, Ihre Geschichte spricht auch nicht gegen einen solchen Schritt. Denn dies alles trifft ebenso die „altgedienten“ Manager, die immer schon dort tätig waren.

b) Der eventuell anstehende Umzug. Er wird wohl zusätzlich durch die Tatsache erschwert, daß Sie gerade erst umgezogen sind. Ich will auch nicht in Abrede stellen, daß Kinder unter Umzügen leiden können. Aber als engagierter Familienvater und selbst schwer betroffenes Ex-Kind sage ich einmal etwas ganz Extremes (als Meinung, die Sie nicht teilen müssen!):

Das Berufsleben eines erwachsenen, engagierten Menschen ist schon sehr kompliziert, stellt extreme Anforderungen, unterliegt sehr harten Regeln. Besonders hart ist der Zeitfaktor: Mit 30 fangen viele erst an, mit 45 ist man für neue Wechsel fast schon wieder zu alt. Da gilt: Was versäumt wurde, ist kaum nachzuholen, eine zweite Chance gibt es oft nicht. Also muß das aus beruflicher Sicht richtige Handeln eine hohe Priorität bekommen. Selbst wenn das Kind eines solchen Elternteils im extremen Einzelfall durch einen Umzug einmal ein Schuljahr verlieren sollte (was niemand leichtfertig riskieren wird!), dann hat es in seinem noch sehr lange „gestaltbar“ bleibenden Leben viele Möglichkeiten, das ggf. wieder aufzuholen. Man schaue sich nur die durchschnittliche Studiendauer an – hätten die Betroffenen wirklich mit aller Kraft gewollt, wäre oft das eine oder andere Jahr Einsparung „drin“ gewesen.Mancher Familienvater jedoch hat eine solche Chance nicht mehr. Eventuell wird er durch zu langes Zögern sogar arbeitslos, kommt auch später beruflich nicht mehr richtig „hoch“. Ob ein Kind nicht noch mehr unter einem beruflich erfolglosen, frustrierten Vater leidet als unter einem erneuten Umzug, will ich nicht entscheiden müssen.

Also lautet mein Rat: Beachten Sie diesen Punkt, aber hängen Sie ihn nicht zu hoch.Und bitte, liebe Leser, auch ich weiß, daß sich jetzt trefflich polemisieren ließe: Heiko Mell rät zur Karriere um jeden Preis, sogar auf dem Rücken von Kindern. Ersparen wir uns das. Ich gebe Denkanstöße, die Sie nachvollziehen oder auch nicht.

c) Welche Zukunft haben Sie dort intern? Ich befürchte, keine große. Der Geschäftsführer sagt, er will Sie halten (kann sein, kann auch nicht sein, vielleicht will er nur die Abwicklung der Produktionsverlagerung nicht gefährden, vielleicht schätzt er Sie wirklich). „Verdächtig“ ist, daß niemand Ihnen etwas Konkretes sagen will – aber denkbar ist, daß dies derzeit noch gar nicht möglich ist.Besonders kritisch ist die Geschichte mit Ihrem Vertrag – die ich übrigens nicht ganz verstehe: Sie ist nur logisch, wenn Sie heute nur einen befristeten Vertrag hätten; dann jedoch wäre Ihr letzter Wechsel „nicht unleichtsinnig“ gewesen!

Im übrigen wäscht der GF seine Hände in Unschuld, indem er neben allem anderen die Akzeptanz durch den Betriebsleiter zum Maßstab aller Dinge macht. Das ist völlig richtig; da aber Ihr direkter Chef bei dem Gespräch gar nicht dabei war, ist Tür und Tor für jede denkbare „Ausrede“ geöffnet (warum es denn später doch nichts wurde …).

d) Das schlechte Gewissen gegenüber den Mitarbeitern ist ein heikler Punkt. Jeder, der schon einmal geführt hat, wird das verstehen.

Ihnen bleibt nur, die Geheimhaltung total zu wahren und den Leistungsstandard hochzuhalten, sonst bekommen Sie Ärger. Das ist die eine Seite.

Die andere: Nach den Regeln des Systems brauchen Sie keine Bedenken zu haben. Die Mitarbeiter sind dem Unternehmen verpflichtet, nicht Ihnen. Das Unternehmen ist ihr Vertragspartner, nicht Sie, der Sie nur den Arbeitgeber vertreten und Ihrerseits Weisungen ausführen. Moralisch sieht das anders aus. Aber: Wenn Sie sich zu irgend etwas „hinreißen“ ließen und gefeuert würden – zuckten die Mitarbeiter nur die Schultern (was bliebe ihnen auch anderes übrig). Also hier müssen Sie mit sich selbst ins Gericht gehen und abwägen. Ein Teil dieser Problematik ist mit dem höheren Gehalt einer Führungskraft abgegolten … (Ich habe immer gesagt, Sie können nicht Karriere machen und jeden Abend beim Blick in den Spiegel stolz auf sich sein).

e) Was können Sie sich leisten (Lebenslauf liegt mir vor)? Die ersten drei Berufsjahre klingen irgendwie fachlich ungemein anspruchsvoll, sind für Ihre Ausbildung aber nicht gerade typisch. Dann kommt etwas extrem Kurzes, dann wieder etwas auch noch zu Kurzes. Dann kommt dieses. Also Vorsicht: Die Basis ist dünn – und Sie wissen nicht, was kommt! Wenn Sie jetzt nach der kurzen Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber „Pech“ haben und das nächste Engagement geht schief, sind Sie ziemlich schlecht dran. Bei fünf Jahren pro Arbeitgeber als erstrebenswertem (Mindest-)Durchschnitt müßten wir in Ihrem Werdegang jetzt etwa 2020 schreiben, die Differenz zu heute ist Ihr Defizit.

f) Was zu tun ist? Ich empfehle eine Doppelstrategie: Intern engagiert und entschlossen weitermachen und um das Vertrauen Ihres neuen Chefs kämpfen, dabei dem „Verlust“ (Neugestaltung der Abteilung durch Investitionen) nicht nachtrauern. Extern sollten Sie sich begleitend bewerben, die Verbindung zum Markt halten (keine Angst, Ihr Arbeitgeber ahnt, daß Sie das tun, er kalkuliert das ein).

Zielsetzung: So viel Dienstzeit wie möglich sammeln (Sie haben schlicht bisher Ihr Konto überzogen) und dennoch gerüstet sein, wenn intern der „Tag X“ naht und Sie wechseln müssen. Und vielleicht geht es ja doch gut ….

Kurzantwort:

Niemand wird dem Autor dieser Serie Engagement in der Sache und Spaß am beruflichen Tun absprechen. Und dennoch empfiehlt er, nicht alle Aspekte des Berufslebens „tierisch ernst“ zu nehmen – weil dieses Feld komplett von Menschen gestaltet wird (die offenbar kraft genetischer Prägung ständig Merkwürdiges produzieren müssen – auf beiden Seiten).

Frage-Nr.: 1273
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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