Heiko Mell

Auslandsjob in der Karriereplanung

Während meines Studiums an einer deutschen Universität absolvierte ich eine Semesterarbeit an einer Hochschule im englischsprachigen, nichteuropäischen Ausland. Während dieser Zeit reifte der Wunsch in mir, später im Berufsleben für eine längere Zeit im Ausland zu arbeiten.

Mittlerweile bin ich 38 und seit 2,5 Jahren als … in einem mittelständischen Unternehmen des Anlagenbaus tätig. Die Arbeit dort ist interessant und abwechslungsreich, nicht zuletzt aufgrund des internationalen Umfeldes, in dem wir arbeiten. Da das Unternehmen zu einem großen deutschen Konzern mit weltweit angesiedelten Tochtergesellschaften gehört, gibt es möglicherweise mittel- bis langfristige Perspektiven, zu einer dieser Auslandsgesellschaften entsandt zu werden.
Nun allerdings eröffnet sich mir die Möglichkeit, aufgrund von persönlichen Kontakten, eine Arbeit in dem Land zu beginnen, das ich während meines Studiums bereits kennenlernte.

Diese Stelle erscheint mir als ein guter Schritt nach vorne in meinem beruflichen Werdegang. Es handelt sich dabei um eine Stelle mit einer Bezeichnung entsprechend meiner heutigen Position, aber in der Projektabteilung eines großen Chemiekonzerns, der entsprechende Anlagen betreibt. Meine Aufgabe bestünde im Erarbeiten von Konzepten für die Planung neuer Produktionsanlagen inklusive Kostenabschätzung und Rentabilitätsuntersuchungen bis hin zur Realisierung und technischen Betreuung der Projekte bis zur Inbetriebnahme.

Als positiv bewerte ich die größeren Projekte, das größere Unternehmen mit größeren Karrierechancen, die Realisierung meines persönlichen Wunsches nach einem Arbeitsplatz im Ausland jetzt, wo ich noch ledig bin, sowie die Chance, Erfahrungen in einem internationalen Unternehmen zu sammeln, die mir später auch bei einem deutschen Arbeitgeber nützlich sein können.
Allerdings beschäftigen mich folgende Fragen:

1. Ist ein Arbeitgeberwechsel nach 2,5 bis 3 Jahren nicht etwas früh („Oft-Wechsler“)?

2. Ist der Weg zu einem ausländischen Unternehmen als Einbahnstraße zu bezeichnen oder bietet sich trotz der Entfernung auch später die Möglichkeit für eine Rückkehr nach Hause?

3. Wie lange darf man im Ausland arbeiten, bevor man in Deutschland als nicht mehr integrationsfähig gilt?

4. Wäre es vielleicht besser, etwas mehr Geduld zu zeigen und auf die Chance zu warten, für einen deutschen Arbeitgeber ins Ausland gehen zu dürfen und damit das Rückflugticket mitzulösen?

Antwort:

Es nützt nichts, daß Sie in Ihrer Positivbewertung das zentrale persönliche Argument schön als drittes von vieren verstecken – man merkt es ja doch. Sie wollen in dieses aus Studienzeiten vertraute Land zurück. Ihre Frage lautet also: „Ich will nach Timbuktu. Helfen Sie mir, eine Ausrede dafür zu finden?“ Und Sie vergessen völlig die Frage, wie später wohl deutsche Unternehmen Ihre in Timbuktu erworbene Fachqualifikation einschätzen. Aus einem Unternehmen, das hier vermutlich niemand kennt.

Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten der Karriereplanung. Je nach Persönlichkeitstyp kommt eine davon in Frage:

A) Der Kandidat hat ein klares Ziel, das er erreichen will. Es gibt eine Position (ggf. eine Bandbreite davon), die man ziemlich genau definieren kann nach Art und Größe des Unternehmens (evtl. sogar inkl. Branche) und Art und Hierarchiestellung des Jobs. Beispiel: Geschäftsführer eines mittelständischen Automobilzulieferers; Hauptabteilungsleiter eines ….-Konzerns. Die Zielsetzung ist schwer, die Planung leicht – man kann recht gut sagen, wie das im Detail vor sich gehen müßte. Die Realisierung ist dann wieder etwas schwieriger. Aber die einzelnen Tätigkeiten auf dem Weg zum Ziel sind Mittel zum Zweck – da muß man durch, mehr nicht.

B) Der Kandidat hat kein definiertes Ziel, aber eine – wenn auch verschwommene – Vorstellung, wo es etwa lang- (nicht hin-)gehen sollte. Also weiß er immerhin, ob er mehr auf der Schiene Konstruktion oder Vertrieb marschieren will. Er ist ehrgeizig, will etwas erreichen, aber: Schauen wir mal, wieviel wir schaffen. Eine Zieldefinitionen gibt es nicht, diese Arbeit spart man schon einmal. Planen kann man aktiv kaum, ist aber passiv stark gefordert: Man muß stets hellwach sein und auf die Chance achten, die sich plötzlich ergeben kann. Kommt keine, wechselt man den Schauplatz, also den Arbeitgeber. Wichtig: Keine großen Fehler machen (die üblichen Regeln einhalten). Die einzelnen Tätigkeiten liegen dabei durchaus auf der Linie der persönlichen Interessen. Man schwimmt im Strom mit und sieht einmal, wie weit man kommt.

C) Der Kandidat hat sein Ziel in bestimmten Tätigkeiten, zu denen stets auch ein bestimmtes Umfeld gehört, z. B. Konstruktion im Kirchturmbereich, Arbeiten unbedingt im Ausland (möglichst in einem bestimmten). Dazu gehört durchaus der Ehrgeiz, sehr gute Arbeit zu leisten. Aber alles wird der „interessanten Aufgabe“ untergeordnet. Karriere ergibt sich dabei irgendwie (es ist tatsächlich nicht möglich, 40 Jahre brillante Leistungen zu erbringen, ohne gelegentlich befördert zu werden). Menschen dieses Typs stellen stets „die Sache“ in den Vordergrund, hassen Taktik – und geraten früher oder später mit dem System aneinander.

Erkennen Sie, wozu Sie gehören – vermeiden Sie dabei möglichst Mischformen. Und machen Sie sich niemals selbst etwas vor. Bei anderen kann man es versuchen, falls man dazu Talent hat. Damit kein Mißverständnis entsteht: Zu keinem Karriereplanungstyp paßt die Bezeichnung „besserer Mensch“!Nun zu Ihren Fragen, geehrter Einsender:

Zu 1: Fünf Jahre pro Arbeitgeber sind anzustreben. In der ersten Anstellung nach dem Studium werden zwei bis drei Jahre durchaus akzeptiert. Also keine Bedenken aus diesem Punkt.

Zu 2: Die Rückkehr wird schwierig. Bewerbungen aus Timbuktu brauchen schon auf dem Postweg „ewig“. Dann steht der Absender nicht für Vorstellungsgespräche zur Verfügung. Einzuplanen wäre: In Timbuktu kündigen und „auf Risiko“ (und eigene Kosten) nach Deutschland kommen, hier arbeitslos sein und dann intensiv die Jobsuche betreiben. Auch das geht besser, wenn man jung, ledig und noch keine große Führungskraft ist. Achtung: Wenn Sie Pech haben, ist dann hier gerade Wirtschaftskrise (wie 1993)! Daher gilt: Wenn Sie gezielt nach Timbuktu gehen, dann weil Sie Spaß dran haben – unter Karriereaspekten wäre das recht problematisch.

Zu 3: Zwei bis drei Jahre sind ein guter Wert. Dann beginnen langsam die Probleme. Kritisch: Kaum eine berufliche Praxis in Deutschland haben, aber acht Jahre in Timbuktu und dort „teure“ Führungskraft geworden sein. Für das Ausland gilt die Regel mit den fünf Jahren pro Arbeitgeber nicht in dieser engen Form.

Zu 4: Das Problem dabei: Niemand weiß, wann und ob das klappt. Und: Auch deutsche Unternehmen, die Deutsche zu ihren Töchtern im Ausland „vermitteln“, geben häufig kein „Rückflugticket“ mehr. Der Mitarbeiter wird oft Angestellter der deutschen Konzerntochter in Rio – und muß sehen, wie er da wieder wegkommt. Aber es ist leichter als die Rückkehr von einem rein „ausländischen“ Unternehmen ohne Verbindungen in die Heimat und ohne Namen in der Branche hier.

 

Ausblick: Vielleicht versuchen Sie Ihr Glück bei einem großen deutschen (oder internationalen) Anlagenbauer, der von hier aus Großanlagen für alle Welt plant? Da ergeben sich in der Akquisitions-, Projektierungs- und Inbetriebnahmephase ständig Auslandskontakte, -reisen und -aufenthalte.

Kurzantwort:

Unter Karriereaspekten ist es stets ein Nachteil, Standortfragen mit „Priorität 1“ zu handeln – gleichgültig, ob man irgendwo unbedingt hin oder irgendwo anders nicht weg will! „Unbedingt nach Timbuktu“ ist ebenso gefährlich wie „nie weg von Wiesweiler-West“.

Frage-Nr.: 1272
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Top Stellenangebote

Kreis Stormarn-Firmenlogo
Kreis Stormarn Leitung des Fachdienstes Wasserwirtschaft (m/w/d) Bad Oldesloe
Diehl Defence GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Diehl Defence GmbH & Co. KG Mitarbeiter (m/w/d) deutschlandweit
Hochschule Ravensburg-Weingarten-Firmenlogo
Hochschule Ravensburg-Weingarten Professur (W2) Fertigungstechnik Ravensburg, Weingarten
Flow Instruments & Engineering GmbH-Firmenlogo
Flow Instruments & Engineering GmbH Ingenieur (m/w/x) für die Entwicklung von Betankungsanlagen für cryogene Gase/Wasserstoff und Messsysteme Monheim am Rhein
über pro search Management Consulting GbR-Firmenlogo
über pro search Management Consulting GbR Elektroingenieur (m/w/d) Rand des bayerischen Allgäus
Deutscher Bundestag-Firmenlogo
Deutscher Bundestag Technischer Referent (w/m/d) Berlin
Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen-Firmenlogo
Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen Sachbearbeiter / Diplom-Bauingenieur (FH) (m/w/d) Höhr-Grenzhausen
Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen-Firmenlogo
Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen Fachbereichsleiter / Diplom-Bauingenieur (FH) (m/w/d) Höhr-Grenzhausen
ADMEDES GmbH-Firmenlogo
ADMEDES GmbH Werkstoffwissenschaftler (m/w/d) Pforzheim
ADMEDES GmbH-Firmenlogo
ADMEDES GmbH Senior Ingenieur QM & Regulatory Affairs (m/w/d) Pforzheim
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.