Heiko Mell

Studienwissen nutzen oder nicht?

Die Vertiefungsrichtung meines Studiums ist Numerik. Im nächsten Frühjahr werde ich in den USA am Georgia Tech meine Diplomarbeit in diesem Gebiet machen.

Ich arbeite nebenbei bei einer größeren Firma als Projekt- bzw. Vertriebsingenieur im Automatisierungsbereich. Dort ist man mit mir sehr zufrieden und gibt mir auch entsprechende Verantwortung. Kürzlich war ich für dieses Unternehmen für drei Monate in Südostasien tätig und habe den dortigen Niederlassungen unsere Technik durch Seminare, Workshops und die Betreuung eines Pilotprojekts nähergebracht.

Nun hat mir diese Firma ein konkretes Jobangebot gemacht (für den Einstieg nach der Diplomarbeit), in Kürze werde ich ein detailliertes Gespräch mit den Verantwortlichen haben. Sehr grob gesagt, soll ich die geschilderte Tätigkeit hauptberuflich machen und in den Regionen Asien und Südamerika ein Netz von fähigen Projektierungsabteilungen für kundenspezifische Lösungen aufbauen und betreuen.

Meine Frage: Ich bin mir nicht sicher, dieses Angebot anzunehmen, da es wirklich nichts mit meinem Studium zu tun hat und ich so gut wie gar nicht mein Spezialwissen der Numerik anwenden könnte. Soll man besser nicht gleich auf den ersten Zug aufspringen oder verspricht dieses Angebot aus Ihrer Sicht (nach meiner knappen Beschreibung) genügend Perspektiven?

Auf der anderen Seite kenne ich mich auch nicht mit Forderungen (Gehalt, Absicherungen) aus, die ich bei einer solchen Tätigkeit an das Unternehmen stellen soll.

Antwort:

Sie haben eigentlich zwei voneinander völlig unabhängige Fragen aufgeworfen, die erste von großer allgemeiner Bedeutung, die zweite wichtig für Sie. Wenn Sie beide getrennt angehen, wird es auch für Sie leichter. Die Fragen lauten:

1. Soll man Positionsangebote annehmen, bei denen die Tätigkeit nichts mit der fachlichen Spezialisierung im Studium zu tun hat?

2. Sollen Sie jenes eine spezielle Angebot annehmen?

Zu 1: Zunächst müssen wir etwas an der Definition tun – Sie gehen da nicht ganz richtig an das Thema heran: „….. da es (das Angebot) wirklich nichts mit meinem Studium zu tun hat“, sagen Sie. Das trifft es nicht!

Ein Studium vermittelt (technische) Grundlagen und vor allem die Fähigkeit, Probleme zu erkennen, sie richtig zu analysieren, Lösungsansätze zu erarbeiten. Es befähigt den späteren Diplom-Inhaber, wissenschaftlich zu arbeiten, sich vorliegende Erkenntnisse für die eigene Arbeit zunutze zu machen, systematisch vorzugehen, Fakten sauber aufzuarbeiten und vernünftige Schlußfolgerungen zu ziehen. Es vermittelt Ehrfurcht vor dem, was man immer noch nicht weiß – und die Erkenntnis, daß dies überwältigend viel ist. Es formt die Persönlichkeit, öffnet den Blick für Zusammenhänge und macht neugierig auf Verborgenes.

Die Definition ist unvollkommen, ich habe einfach aufgeschrieben, was sich mir aufdrängte. Und sie ist absolut nicht erschöpfend. Vor allem aber: Sie enthält das Wort „Fachwissen“ bisher überhaupt nicht! Das kommt noch hinzu – ist aber auch nicht gar so wichtig, es veraltet ohnehin (das ist bewußt ein bißchen übertrieben).

Aber sagen wir es so: Sie als (künftiger) Akademiker bekommen ein Positionsangebot vor allem, weil Sie (erfolgreich) an der richtigen Fakultät studiert haben. Manchmal spielt auch noch eine Rolle, wo Ihre fachliche Spezialisierung lag. Aber außer in konjunkturell schwachen Zeiten, wenn sich 50 oder 500 Berufsanfänger um eine Position bemühen und der Bewerbungsempfänger nicht nur wählen kann, sondern muß, ist das oft gar nicht die zentrale Frage. Jedenfalls nicht, wenn es um Positionen in Laufbahnen geht, die weiter nach „oben“ führen.

Und wer zweifelt: Es ist doch völlig gleichgültig, wo die Studienspezialisierung der Vorstandsvorsitzenden unserer 100 größten Firmen lag. Die Herren werden nicht einmal die gleiche Fachrichtung vorweisen können, geschweige denn eine ähnliche Spezialisierung. Obwohl die 100 Positionen im Tagesgeschäft ziemlich ähnlich gelagert sein dürften.

Also, geehrter Einsender, Ihr Angebot hat sehr wohl viel mit Ihrem Studium zu tun. Konkret: Ohne Studium, nur mit Abitur und beispielsweise gewerblicher Lehre, hätten Sie es nie erhalten!

Und mit meinen Vorstandsvorsitzenden bin ich schon mitten drin im Thema. Fragen Sie einmal „gestandene Leute“ aus mittleren oder gehobenen Führungspositionen der Wirtschaft, inwieweit sie heute noch auf dem speziellen Fachgebiet tätig sind, dem im Studium ihre ganze Leidenschaft galt. Das Ergebnis wird Sie verblüffen – fast immer, behaupte ich einmal, hat es sich im Laufe des beruflichen Werdeganges so ergeben, daß man sich mehr und mehr vom fachlichen Ursprung entfernte. Ja häufig bleibt sogar die ganze Berufsrichtung „auf der Strecke“ – wenn Historiker dann doch lieber Spitzenpolitiker werden, Pfarrer als Talkmaster agieren oder harmlose Wirtschaftsingenieure Karriereberatungen schreiben.

Ich will das Prinzip weder zum Standard erheben, noch will ich es verteidigen. Aber ich will Ihnen zeigen, daß die Entfernung von der fachlichen Studienspezialisierung ein völlig normaler Vorgang in der beruflichen Entwicklung ist.

Natürlich ist das ein Weg, den Sie nicht gehen müssen! Es gibt ebenso Beispiele für Menschen, die ihrer Fachrichtung von Anfang bis Ende treu bleiben. Und glücklich damit werden – allein darauf kommt es letztlich an.

Die Frage lautet also nicht primär: Ist es gut oder empfehlenswert, einen Berufsweg zu gehen, der jetzt oder später nichts mehr mit der fachlichen Spezialisierung im Studium zu tun hat? Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort.

Die Frage lautet allein: Werden Sie glücklich mit einer Laufbahn, die nichts mehr mit Numerik zu tun hat? Und darauf können allein Sie antworten. Aber prinzipielle Bedenken sind nicht angebracht.

Und weil ja auch viele von der konkreten Frage nicht Betroffene dies aus allgemeinem Interesse am „Funktionieren“ des Berufslebens lesen: Es wäre falsch, aus meiner Aussage zu schließen, die Spezialisierung im Studium sei unwichtig. Sie ist im Gegenteil die Standard-„Brücke“, die man als Absolvent(!) in seiner Bewerbung zwischen sich und dem potentiellen ersten Arbeitgeber schlägt. Konkret: Man bekommt am leichtesten eine Startposition auf einem Fachgebiet, von dem man besonders viel versteht.

Unser Einsender hingegen muß sich um die Frage des Brückenschlags nicht vorrangig kümmern – er hat ja bereits sein Einstiegsangebot. Das übrigens in der Form nicht gegen, sondern für meine obige „Brücken-Theorie“ spricht: Man hat ihm den Start auf einem Gebiet angeboten, von dem er schon recht viel verstand – er hatte ja auf diesem Sektor schon während eines längeren Praktikums gearbeitet. Und aus der Sicht der Praxis zählt Praxis stets mehr als eine Studienspezialisierung.

 

Zu 2: Die Frage hat den Charme eines „Soll ich Katrin oder Erika heiraten?“ Was bedeutet, daß der Außenstehende hier absolut überfordert ist. Wollen Sie in Südostasien stationiert sein und von da aus in der „Welt“ herumreisen und den Niederlassungen die Technik des Hauses vermitteln oder nicht?

Sie könnten da unglücklich werden, fachlich vereinsamen, wegen der immer wieder gleichen Aufgabe frustriert trüben Gedanken nachhängen und – nicht ganz zu Unrecht – befürchten, so langsam den Anschluß an die technische Entwicklung zu Hause zu verlieren.

Oder Sie werden da persönlich glücklich, bleiben fünf Jahre dort, verdienen extrem viel – wollen dann zurück und wundern sich, daß Sie hier weder in Entwicklung, noch in Produktion einen Marktwert haben und daß man Ihnen noch vorwirft, so richtig verkauft hätten Sie auch nichts – also sei alles, was Sie könnten, die Vermittlung heimischer Technik an südostasiatische Niederlassungen. Und zufällig hätte man da ein Angebot, den diesmal mittelostasiatischen Niederlassungen des potentiellen neuen Arbeitgebers vor Ort („selbstverständlich, für Deutschland ist er ja verdorben“) die hauseigene Technik nahezubringen.

Sie könnten dort auch froh und glücklich sein, fünf Jahre für Ihren Arbeitgeber wirken, etwas Geld zurücklegen, die Chance Ihres Lebens sehen und sich im Lande selbständig machen. Als Südostasienexperte, als Berater, als Export-Import-Gesellschaft, mit einer kleinen Produktionsfirma – was weiß ich.

Sie könnten auch zwei Jahre lang sehr erfolgreich tätig sein in diesem Job und sich firmenintern damit als Hoffnungsträger profilieren. Und dann ruft man Sie zurück und man befördert Sie hier zu Hause und eine tolle Karriere steht Ihnen offen. Es kann auch alles noch ganz anders kommen, die Lebenserfahrung lehrt das.

Aber als Trost: Numerikspezialist hier oder Südostasienjob dort (der Sie mehr persönlich und als künftiger Manager fordert) sind so verschieden, wie es Katrin und Erika nie sein können. Also müßte Ihnen eine Entscheidung möglich sein. Beides gleichermaßen zu wollen, ist letztlich kaum denkbar.

Falls das eine Hilfe ist: Ich riete grundsätzlich, die Chance anzunehmen. Das würde so oder so Ihr Leben mehr prägen als alles andere. Und Sie hätten noch Ihren Enkelkindern etwas zu erzählen (wären aber vielleicht lebenslang für ein rein inländisches Dasein hier verdorben). Aber wann soll man Abenteuer (das wäre eines) angehen, wenn nicht in der Jugend?

Bliebe die Frage nach den Vertragsbedingungen: Nun, so viele Forderungen werden Sie gar nicht stellen können. Es ist üblich, daß die Arbeitgeberseite sich Gedanken macht, notfalls fachkundigen Rat einholt, ein Angebot ausarbeitet und Ihnen vorlegt. Und das können Sie unterschreiben oder ganz ablehnen (Sie können auch noch bei zwei, drei Punkten Nachbesserungen versuchen, aber dann hat es sich – das sind keine Verkaufsverhandlungen unter gleichberechtigten Partnern).

Dabei müssen Punkte geregelt sein wie

  • bei wem (in Deutschland oder bei einer rechtlich selbständigen Auslandstochter) sind Sie angestellt,
  • wie werden Sie sozialversicherungsmäßig behandelt bzw. abgesichert (das kann eines Tages von Bedeutung werden),
  • gibt es eine Rückkehrgarantie nach Deutschland oder müssen Sie irgendwann „dort unten“ kündigen und sich mühsam selbst auf dem heimischen Arbeitsmarkt um neue Chancen kümmern?

Am besten für Sie wäre ein Vertrag mit dem deutschen Stammhaus, das Sie ins Ausland entsendet. Zusätzlich zu dem üblichen deutschen Gehalt würden dabei erhebliche Zulagen gezahlt. Dazu kommt die z. T. sehr günstige steuerliche Betrachtung dieser Konstellation. Es ist nicht unüblich (aber ich will Ihrem Unternehmen nicht vorgreifen), daß entsprechende Mitarbeiter das deutsche Gehalt in dieser Zeit überwiegend ansparen und von den Entsendungszulagen und -vergünstigungen leben. Aber Sie sollten es nicht des Geldes wegen tun.

Bei diesem Auslandsentsendungsvertrag wäre die Rückkehr nach Deutschland zu regeln (wann, in welche Art von Position, zu etwa welchen Bezügen). Wobei Sie Verständnis haben müssen, daß die Unternehmen kaum in der Lage sind, allzu konkrete Zusagen über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg zu machen, allgemeine Formulierungen sind also üblich. Natürlich müssen Sie akzeptieren, daß das Unternehmen erst sehen will, wie Sie sich bewähren – das klare Aufstiegsversprechen für die Zukunft kann es niemals geben, bei Berufsanfängern schon gar nicht.

Übrigens: Hätten Sie den angebotenen Job nicht im Praktikum schon „ausprobiert“ und sich darin bewährt, hätte ich einem Berufsanfänger davon abgeraten – aber das Unternehmen hätte Ihnen das dann auch gar nicht angeboten.In Ihrem ganz speziellen Fall nun kommt ein – nicht alltäglicher und daher bewußt erst am Schluß behandelter – Aspekt hinzu, der hier eine neue Dimension hineinbringt: Das Angebot kommt zu früh! Ihre Diplomarbeit, auch im Ausland und an einer interessanten Institution, steht ja erst noch an. Sie werden sich dabei weiter mit Numerik beschäftigen – Ihre entsprechende Leidenschaft kann weiter angeheizt oder stark abgekühlt werden.

Daher gelten alle obigen Ausführungen ganz allgemein für entsprechende Konstellationen. Ihnen aber rate ich, die Entscheidung über die Annahme dieses Angebots erst zu treffen, wenn Sie in den USA weitgehend fertig sind mit Ihrem Projekt. Erst dann sind Sie entscheidungsfähig. Das gilt auch, wenn der potentielle Arbeitgeber mit dem Südostasienangebot nicht solange warten will. Das wäre eben Pech – nicht zu ändern.

Bedenken Sie auch, mit welchem psychologischen Druck Sie sonst in die USA reisten und an Ihre Diplomarbeit herangingen. Sie sollen sich dort engagieren und interessiert sowie konzentriert gute Arbeit leisten. Wie wollten Sie das schaffen, wenn Sie doch schon sicher wüßten, daß Sie „nie wieder“ mit Numerik zu tun hätten und beruflich etwas „völlig anderes“ machen würden?

Kurzantwort:

Eine fachliche Spezialisierung im Studium hilft beim (fachlich adäquaten) Berufseinstieg. Da aber sehr viele Werdegänge von Managern später eine völlige Abkehr vom alten Spezialfach zeigen, ist ein prinzipielles Festhalten an dieser ursprünglichen Richtung keinesfalls zwingend. Entsprechend „offen“ sollten vorliegende Positionsangebote beurteilt werden.

Frage-Nr.: 1267
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Top Stellenangebote

wenglor sensoric gmbh-Firmenlogo
wenglor sensoric gmbh Entwicklungsingenieur (m/w/d) Mechanische Konstruktion Eching bei München
Greve & Greve GmbH-Firmenlogo
Greve & Greve GmbH Bauleiter (m/w/d) Breiholz
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG Planer (m/w/d) Pressteile Zuffenhausen
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Entwicklungsingenieur TU/FH (m/w/d) Elektrotechnik/Elektronik Nördlingen
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Projektmanager (m/w/d) Nördlingen
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Entwicklungsingenieur Mechanik (m/w/d) Nördlingen
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Software-Entwicklungsingenieur TU/FH (m/w/d) Nördlingen
Obermeyer Planen + Beraten GmbH-Firmenlogo
Obermeyer Planen + Beraten GmbH Fachplaner Leit- und Sicherheitstechnik (m/w/d) Köln
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH-Firmenlogo
Collins Aerospace - HS Elektronik Systeme GmbH Testingenieur (m/w/d) Elektronische Baugruppen für Luftfahrtanwendungen Nördlingen
AWO Psychiatriezentrum-Firmenlogo
AWO Psychiatriezentrum Architekt / Bauingenieur (m/w/d) für den Bereich Bauplanung und Projekte Königslutter

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…