Heiko Mell

Verzweifelt …

Ich bin Dipl.-Ingenieurin (FH), Mitte 30 und noch bei meinem dritten Arbeitgeber, der Firma C, tätig.Meinen zweiten Arbeitgeber (B) hatte ich verlassen, weil ich mit meiner Aufgabe dort unzufrieden war. Ich hatte dort in der Dokumentation (Betriebsanleitungen u. ä. ) begonnen, wollte dann aber als Konstrukteurin arbeiten. Kurzfristig gelang mir das auch. Als dann jedoch eine Kollegin aus der Dokumentation entlassen wurde, mußte ich wieder in dieses Arbeitsgebiet wechseln. Da mein mehrfach geäußerter Wunsch, wieder in der Konstruktion zu arbeiten, nicht erfüllt wurde, bewarb ich mich erfolgreich bei Unternehmen C.

Dort bekam ich ein zunächst befristetes Arbeitsverhältnis als Konstrukteurin. Meine Probezeit betrug drei Monate. Nach zwei Monaten wurden Visitenkarten für mich gedruckt, nach 2,5 Monaten bekam ich drei Wochen Urlaub. Nach Rückkehr aus diesem Urlaub fiel eine Kollegin wegen Schwangerschaft aus. Alle laufenden Projekte mußte ich allein betreuen und zusätzlich Fragen der Fertigung und Montage klären.

Ich habe für eine termingerechte Auslieferung der Anlagen gesorgt. Jedoch kamen alle übrigen Konstruktionen trotz Überstunden zu kurz.
Seitdem meine Kollegin ausgefallen war, verschlechterte sich die Stimmung zwischen meinem Chef und mir. Teilweise informierte er mich nicht mehr ausreichend. Trotzdem habe ich alle Arbeiten erfolgreich ausgeführt.
Vor einigen Tagen kam meine Kollegin nach einer Fehlgeburt zurück. Noch am gleichen Tag bekam ich die Kündigung, ohne daß vorher ein klärendes Gespräch stattgefunden hatte.

Mein Chef gab als Kündigungsgrund an, ich wäre zu langsam. Es würde zu lange dauern, bis ich mich eingearbeitet hätte, im übrigen hätte ich die laufenden Projekte nicht genügend vorwärtsgebracht. Ein so hohes Gehalt wie ich würden in seiner Firma nur sehr wenige Leute erhalten.

Außerdem sei es ein Fehler gewesen, eine Frau einzustellen, das würde er auch nicht wieder tun. Ich habe den Eindruck, daß ich als Frau gekündigt worden bin, da es ja sein könnte, daß ich wegen Schwangerschaft ausfalle.

Ich erlebe es immer wieder, daß mich Firmen zu Bewerbungsgesprächen einladen und meinen beruflichen Werdegang positiv bewerten, mich jedoch nicht einstellen, da sie, wie ich von Dritten erfuhr, eine mögliche Schwangerschaft befürchten.

Ich habe jetzt zufällig wieder Kontakt zu meinem damaligen Chef beim Arbeitgeber B bekommen. Ich erzählte ihm, daß ich gekündigt worden bin und bald viel Zeit hätte. Ist es sinnvoll, ein neues Arbeitsverhältnis dort zu beginnen?
Zur Zeit arbeite ich sehr unkonzentriert und mache ständig Fehler, die ich dann wieder korrigiere. Ich habe seit kurzem gesundheitliche Probleme. Im Betrieb bin ich nicht mehr belastbar und kann Konfrontationen nicht mehr verkraften. Ich bin sehr deprimiert und sehe meine Zukunft verbaut. Ich bin derzeit nicht in der Lage, mich in einer neuen Firma einzuarbeiten. Wie soll ich diese Kündigung in meiner nächsten Bewerbung verarbeiten?

Antwort:

Was mache ich nur mit Ihnen? Sie geben insbesondere gegen Schluß Ihres Briefes recht deutliche Signale, die darauf hindeuten, daß Ihre individuelle Belastungsgrenze erreicht, wenn nicht überschritten ist.

Für mich ist es ein Risiko, Ihren Fall aufzugreifen. Ich muß stets alle Details offen analysieren – und kann damit Ihre depressiven Stimmungen allzu leicht noch verschlimmern. Aber ich habe Ihre Einsendung auch als Hilfeschrei verstanden. Und wenn ich den ignoriere, wer hilft Ihnen dann?

Natürlich bin ich kein Therapeut, ja nicht einmal ein Diagnostiker, soweit seelische Probleme betroffen sind. Ich bin auf berufliche Situationen spezialisiert. Wenn weitergehende, ins Medizinische hineinreichende Ursachen für Probleme vorliegen, gehört das in entsprechend qualifizierte Hände. Bitte nehmen Sie diesen Hinweis ernst.

Mit aller Behutsamkeit, in der Sache aber unverzichtbar konsequent, muß ich Ihre Situation so durchleuchten, daß sich – hoffentlich – auch für Sie eine Lösung daraus ergibt (und für viele andere ebenso).

Seien wir zunächst einmal realistisch und sehen wir uns an, wer Sie waren, als Sie zum heutigen Arbeitgeber C kamen (Sie haben dankenswerterweise Unterlagen beigefügt):
Mittlere Reife auf dem Gymnasium. Das ist fast immer ein Warnzeichen (wer begabt ist, bleibt und macht sein Abitur – so eine weitverbreitete Meinung). Sie waren damals 18 (16 ist üblich) und erreichten ein 3,2. Das alles deutet auf massive Schulprobleme hin. Die „ausreichende“ Mathematiknote unterstreicht die nicht ideale Ausgangslage für ein Ingenieurstudium.

Dann kommt eine Berufsfachschule, die ich nicht recht einordnen kann; da das aber nur ein Jahr gedauert hat, macht das nichts. Die nachfolgende gewerbliche Lehre im Metallberuf schließt in der Fertigkeitsprüfung mit 1, in der Kenntnisprüfung mit 3 ab. Jetzt waren Sie schon fast 22 Jahre alt.

Die folgende Fachhochschulreife zeigt in allen wichtigen Fächern des allgemeinen Bereiches nur befriedigende Leistungen. Interessant ist der fachrichtungsbezogene Lernbereich: „Technologie“ ist „ausreichend“, „Technisches Zeichnen“ ist sehr gut. Inzwischen waren Sie 27 und begannen das FH-Studium.

Ihr Studium dauerte zehn Semester. Die Noten schwanken zwischen „sehr gut“ und „ausreichend“, nicht zuletzt durch die sehr gut bewertete Diplomarbeit kommt eine Note von 2,05 zustande. Nimmt man sich einmal den Kern der Ergebnisse vor, nämlich die sechs Noten im Bereich des „Pflichtwahlfächerblocks Konstruktionstechnik“, darunter die Methodik der finiten Elemente, CAD-Konstruktion usw., so ergibt sich dort ein Durchschnitt von nur 3,0. Beim Abschluß waren Sie 32 Jahre alt.

Bis hierher springt den Leser folgende Erkenntnis geradezu an:

  • Ihre Begabung im praktischen Bereich scheint deutlich größer zu sein als Ihre auf rein theoretischem Gebiet.
  • Das extrem hohe Lebensalter beim Studienabschluß in Verbindung mit den insgesamt eher mittleren Ergebnissen im gewählten Schwerpunktbereich stützt Ihren Wunsch nach ausschließlicher Tätigkeit in der Konstruktion eher nicht. Als Warnung: persönliches Interesse an einer Tätigkeit und Begabung dafür müssen nicht deckungsgleich sein. Vielleicht liegen Ihre Talente auf ganz anderen Gebieten.

Jetzt analysieren wir den inzwischen vierjährigen Berufsweg seit Studienende: Arbeitgeber A war gar keiner, Sie waren schon seit einem Jahr vor Studienende bis etwa ein halbes Jahr danach freiberuflich als selbständige Konstrukteurin tätig. Darüber gibt es naturgemäß keine Zeugnis, über den Erfolg ist nichts bekannt. Selbst wenn Sie sich nicht hätten halten können auf dem Markt, wäre dies übrigens kein Beweis für fehlendes Talent: Aus dem Studium heraus in die Selbständigkeit, das ist so schwer, daß man Durchschnittsnaturen unbedingt davon abraten muß (manchmal gelingt es hochbegabten Erfindertypen, die noch dazu Vermarktungsgeschick mitbringen). Also kein Negativpunkt für Sie – aber halt auch kein Beweis für Konstruktionstalent.

Die Zeit bei Arbeitgeber B haben Sie weiter vorn ausführlich dargestellt. Das Zeugnis aus dieser Zeit fehlt bei den Unterlagen (es wäre das wichtigste von allen gewesen). Aber allein aus Ihrer eigenen Schilderung ergibt sich: Ihr Arbeitgeber hatte Sie erst und später noch einmal in der Dokumentation eingesetzt – und war nach Ihrer dazwischen liegenden Konstruktionstätigkeit ganz offenbar nicht davon überzeugt, eine begnadete Konstrukteurin kennengelernt zu haben. Er ließ Sie lieber gehen als Sie entsprechend einzusetzen. Das ist ein deutliches Signal.

Bei Arbeitgeber C waren Sie nun endlich im „gelobten Land“ der Konstruktion. Gut, es gab erschwerende Umstände. Aber was hat Ihr Chef gesagt? Sie seien zu langsam, würden die laufenden Projekte nicht deutlich genug vorwärtsbringen etc. Also: Auch er glaubt nicht an Begabung für und Ihre Zukunft in der Konstruktion.

Sehen wir es doch einmal so: Mit dem Verlassen des Gymnasiums begannen Sie einen Weg einzuschlagen, der Sie eines Tages zum Beruf der Konstrukteurin führen sollte. An Ihrem Ziel sind Sie aber viel(!) später als andere angekommen, die Resultate waren schon im Ausbildungsbereich nicht gut, in der Praxis geradezu verheerend schlecht. Jetzt müssen Sie nur noch die Konsequenzen ziehen und Abschied vom Jugendtraum der Konstrukteurin nehmen. Sie müssen schlicht ein Tätigkeitsfeld für sich als Ingenieurin finden, das besser zu Ihren tatsächlichen Begabungen paßt. Vielleicht ist das die Dokumentation, vielleicht sind das Bedienungsanleitungen, vielleicht werden Ihre die besten der Welt (die meisten heutigen sind schlecht bis unbrauchbar).

Und Sie haben noch so viele andere Dinge getan, auf denen Sie aufbauen könnten (ich zitiere aus Ihrer Selbstdarstellung aus früheren Tätigkeiten, auch vor dem Studium): Montage und Erprobung von Prototypen, Herstellung komplizierter Anschauungsmodelle, Gestaltung von Messeständen, Vorführungen bei Kunden, Beratung von potentiellen Kunden im In- und Ausland. Versuchen Sie, daran anzuknüpfen!

Aber einen Sinn ergibt das alles erst, wenn Sie mit der – für Sie – eher unseligen Konstruktionsleidenschaft aufhören. So können Sie sogar Ihre letzte berufliche Niederlage in Bewerbungen „verkaufen“: Sie hätten erkannt, daß Sie Ihre Ziele gar nicht begabungsgerecht gesetzt gehabt hätten. Jetzt, nach sorgfältiger Analyse, hätten Sie sich entschlossen, an frühere Erfolge anzuknüpfen und als … tätig sein zu wollen. Zum früheren Arbeitgeber übrigens geht man nur im Notfall zurück. Der allerdings ist bei Ihnen langsam gegeben.

Das alles wird nicht leicht für Sie, aber es ist ein Weg, eine Chance. Kämpfen Sie darum. Werden Sie wieder zu der engagierten, an sich glaubenden jungen Frau, die Sie früher einmal gewesen sein müssen.Soweit dazu. Aber das war noch nicht alles. Schließlich habe ich einen Ruf zu verteidigen. Und kann mir nicht nachsagen lassen, ich würde langsam nachlässig. Hat er, so werden altgediente Leser fragen, dieses und jenes etwa nicht gemerkt und will er das etwa unkommentiert lassen? Keine Angst: hat er unbedingt und will er keineswegs. Alsdann:

  1. Neuer Job bei C. „Nach 2,5 Monaten bekam ich drei Wochen Urlaub.“ „Bekam“ heißt ja wohl „hatte ich beantragt und wurde mir genehmigt“. Eine tolle Idee, also wirklich. Urlaub nicht nur in der Probezeit, sondern auch noch nach nur wenigen Wochen Dienstzeit. Mitten in der Bewährungsphase. Ob das nun genehmigt war oder nicht: kein Chef liebt das! Noch ist völlig offen, ob der neue Mitarbeiter überhaupt etwas kann, den Anforderungen genügt – da geht der in Urlaub. Ich schwöre, daß damit das Verhältnis zum Chef den ersten Knacks bekommen hat.Die Sache ist doch ganz einfach: Entweder man ist für den Arbeitgeber ein wertvoller Mitarbeiter oder nicht. Bei „oder nicht“ wird man sowieso irgendwann gefeuert, also können wir das vergessen. Wertvoll ist man nun aber nur, wenn man präsent ist. Fehlt man, ist das in jedem Falle für den Chef unangenehm – immer, auch nach mehreren Dienstjahren. Bloß hat man dann ein Guthaben auf seinem „Konto“. Und nun die Kernfrage: Ist es ratsam, in den ersten Monaten eines neuen Arbeitsverhältnisses unangenehm aufzufallen? Sehen Sie, das war zu beweisen. Urlaub – man faßt es nicht.
  2. Noch einmal bei C: „Jedoch kamen alle übrigen Konstruktionen zu kurz.“ Und: „… verschlechterte sich die Stimmung zwischen meinem Chef und mir.“ Klar tat sie das. Der Chef war sauer, weil die Arbeit nicht vorwärtsging, ja teilweise liegenblieb.Das darf niemals geschehen! Ein Chef darf notfalls alles kritisieren (was jeweils schlimm genug ist), aber niemals(!) so massiv die Arbeit. Das ist stets das Ende des Arbeitsverhältnisses. Gleichgültig, wie die Umstände sind, wer sie „eigentlich“ verschuldet hat: die Erwartungen des Chefs hinsichtlich Menge und Qualität der Leistung müssen erfüllt werden. Schlimmstenfalls ändert man seine „Verkaufstaktik“ dem Chef gegenüber oder manipuliert durch geschickte Argumentation dessen Erwartungen. Aber diese werden erfüllt. Und wenn „Überstunden“ nicht reichen, dann wird – vorübergehend – nicht nur 24 h am Tag gearbeitet, dann wird auch die Nacht noch dazugenommen (der Chef darf halt bloß nicht denken, man hätte auch mehr tun können). Man kann sich dann ruhig eine neue Stelle suchen, weil einem der alte Job zu anstrengend ist (denkt man, sagt man aber nicht).
  3. Ihre schwächste Leistung war die Argumentation im drittletzten Absatz (die laden Sie ein und nehmen Sie dann doch nicht, weil Sie ja schwanger werden könnten). Zuerst: Die können lesen und sehen. Daß Sie eine Frau sind, weisen Vorname und Foto eindeutig aus, das haben die also bei der Einladung gewußt und akzeptiert. Was also erzählen Sie (ledig) im Vorstellungsgespräch, aus dem man schließen könnte, Sie wollten jetzt unbedingt schwanger werden? Ich habe noch niemals gehört und glaube auch absolut nicht, daß jemand Angehörige einer bestimmten, für ihn uninteressanten Bewerbergruppe zur Vorstellung einlädt – um sie dann mit der vorher feststehenden Absage zu ärgern. Diese Vermutung grenzt an Verfolgungswahn, in jedem Fall ist sie realitätsfern.

Kurzantwort:

Mitunter zeigt die Lebenslaufanalyse, daß es von der Schulzeit an Symptome gab, die eine Begabung für die vermeintliche berufliche „Traum“-Richtung eher unwahrscheinlich erscheinen lassen.

Frage-Nr.: 1251
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Top Stellenangebote

Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern Professur (W3) (m/w/d) Maschinenelemente, Getriebe und Tribologie Kaiserslautern
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur - Softwareentwicklung und Embedded Systems Ulm
HBC Hochschule Biberach-Firmenlogo
HBC Hochschule Biberach Stiftungsprofessur (W2) WOLFF & MÜLLER "Baulogistik" Biberach
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof-Firmenlogo
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof Professur (W2) Elektrotechnik mit Schwerpunkt Leistungselektronik Hof
Hochschule Bremerhaven-Firmenlogo
Hochschule Bremerhaven Professur (W2) für das Fachgebiet Werkstofftechnik Bremerhaven
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg-Firmenlogo
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Professur (W2) für Digitale Produktentwicklung im Maschinenbau Regensburg
Montanuniversität Leoben-Firmenlogo
Montanuniversität Leoben Universitätsprofessors/Universitätsprofessorin für das Fachgebiet Cyber-Physical Systems Leoben (Österreich)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Beschichtungstechnologien für die Elektronik Dresden
Fachhochschule Südwestfalen-Firmenlogo
Fachhochschule Südwestfalen Professur (W2) für Mechatronische Systementwicklung Iserlohn
HSR Hochschule für Technik Rapperswil-Firmenlogo
HSR Hochschule für Technik Rapperswil Professorin/Professor für Additive Fertigung / 3D Druck im Bereich Kunststoff Rapperswil (Schweiz)
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.