Heiko Mell

Nachfolger des Inhabers

Seit mehreren Jahren bin ich in einem kleineren Ingenieurbüro als freiberuflicher Mitarbeiter tätig. Zum Inhaber entwickelte sich im Laufe der Zeit ein Vertrauensverhältnis, das sich auch in den übertragenen Aufgaben widerspiegelt.

In einem Gespräch hat mir der Inhaber versichert, daß ich das Büro nach seinem Ausscheiden (er ist Ende 50) übernehmen könnte. Weitere konkrete Schritte außer dieser mündlichen Absichtserklärung erfolgten bisher nicht.

Unter dem Aspekt der Weiterführung des Büros auch in fernerer Zukunft (durch mich) möchte ich die Entwicklung des „Unternehmens“ aktiv mit beeinflussen. Hier deutet sich ein Konflikt mit dem Inhaber an. Er möchte seine Entscheidungsbefugnisse nicht eingeschränkt sehen, vielleicht gibt es hier auch schlicht ein Generationenproblem wegen anderer Sichtweisen des Jüngeren.

Für meine beruflichen Planungen bieten sich folgende Alternativen an:

a) Ich warte, bis der Inhaber in den Ruhestand geht und übernehme das Büro in ca. fünf bis sieben Jahren. Eine heute schon zu treffende vertragliche Regelung ist nach meiner Sicht unumgänglich. Vermutlich sind jedoch Probleme zwischen dem Noch-Inhaber und mir zu befürchten, an denen unter Umständen die Übernahme scheitern könnte (sowohl bei den Diskussionen über den Vertrag als auch danach im „Tagesgeschäft“). Sollte ich mich, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, auf die rein fachliche Mitarbeit beschränken?

b) Ich beende meine bisherige Tätigkeit und eröffne ein eigenes Büro. Ist es unter diesen Umständen legitim (und üblich) den Kundenstamm (zumindest teilweise) zu übernehmen? Wie reagieren potentielle Auftraggeber vermutlich auf die neue Situation?

Eine Frage zum Abschluß: Wann hat ein selbständiger Ingenieur Karriere gemacht? Die Antwort ist sicher äußerst vielschichtig, mich würde Ihre persönliche Ansicht interessieren.

Antwort:

Wissen Sie, wie Sie ohne großen Aufwand Ihren heutigen „Chef“ geradezu tödlich treffen können (mit allen denkbaren Konsequenzen)? Sie lassen ihn wissen, daß Sie ihn „Noch-Inhaber“ nennen. Hier haben Sie es mit dem Schlüsselwort des ganzen Falles zu tun, darum kreist letztlich alles.Beginnen wir ruhig einmal mit Ihrer Abschlußfrage. Deren Thematik eignet sich sehr gut als Einführung: Wann hat ein selbständiger Ingenieur, z. B. der Inhaber eines Ingenieurbüros, Karriere gemacht? Die Antwort, spontan gegeben, dann durch längeres Nachdenken gestützt, verblüfft sicher zunächst: Mit der Erringung seines Status als Inhaber hat er die für ihn mögliche „Karriere“ gemacht, dann ist Schluß. Den Rest nennt man Erfolg (im positiven Fall).

Karriere ist ein Begriff, der mit Laufbahnfortschritten verbunden ist. Er paßt auf Angestellte, nicht jedoch in dieser Form auf Selbständige. „Vor zehn Jahren hat Müller die Firma gekauft und leitet sie. Seitdem macht er ständig Karriere“ – sagt man nicht. Mit einer breiten Skala denkbarer Ausdrücke kann man jetzt zwar den unternehmerischen Erfolg des Firmeninhabers Müller beschreiben, Karriere jedoch macht er nun nicht mehr – selbst wenn die Firmengröße sich verdoppelt und der Gewinn explodiert.

Karriere gilt also als Laufbahnbegriff, ein Inhaber jedoch ist mit der Erreichung dieses Status bereits am Ende seiner Laufbahn angelangt. Er ist „oben“, wie klein die Firma auch sein mag.

Vor allem – alles andere überstrahlend – der „Laden“ gehört ihm. Daß dies ein wesentliches Kriterium ist, haben auch manche Konzernvorstände schon erfahren müssen, als man ihnen auf dem Gipfel der Macht (und Karriere) den Stuhl vor die Tür gesetzt hat.

Die Firma ist also Eigentum des Inhabers. Wie sein Haus, seine Wohnungseinrichtung und andere Dinge. Und dort macht er, was er für richtig hält. Ohne andere fragen, ohne auf fremde Meinung Rücksicht nehmen zu müssen. Das macht den Reiz der Selbständigkeit aus (die anderweitige Tücken hat, um die aber geht es hier nicht).

Auf diesem Eigentum, verbunden mit der nahezu absoluten Gestaltungsmacht in internen Angelegenheiten, ruht die ganze Konstruktion der Selbständigkeit. Wie eine Brücke, die an einem zentralen Pfeiler (und noch an ein paar kleineren) hängt. Zu jenem „Pfeiler“ gehören auch so nette kleine Aspekte wie das uneingeschränkte Recht, den Tag des Wechsels in den Ruhestand selbst zu bestimmen. Auch ein „Pensions“-Alter von 40 ist möglich – wenn“s Geld denn schon reicht. Und von 80jährigen tätigen Inhabern hat man ebenfalls schon gehört.

So, und nun kommen Sie und sägen an dem alles tragenden Brückenpfeiler. Beispielsweise mit Worten wie „Noch-Inhaber“. Und mit Ihrem Wunsch, das Ende dieser Inhaberschaft verbindlich festzulegen. Gegen Sie ist eine tickende Zeitbombe nicht mehr als ein harmloser Sylvesterknaller.

Ich will Ihnen damit nur die Situation verdeutlichen. Sie liegen übrigens mit Ihren Überlegungen völlig richtig – es sind halt zwei Extrempositionen, die hier aufeinanderprallen.

Aus der (emotionalen) Sicht des Inhabers: Er will sich so spät wie möglich festlegen, sowohl hinsichtlich der Person des Nachfolgers wie hinsichtlich des Termins seines Abtretens. Schließt er jetzt schon einen verbindlichen Vertrag, sägt er bereits an dem Ast, auf dem er sitzt. Außerdem, das geschieht ganz unbewußt, verschenkt er enorme Chancen mit einer Festlegung: Solange Sie noch etwas von ihm wollen, werden Sie nett zu ihm sein und sich mächtig ins Zeug legen, was die tägliche Arbeit angeht. Haben Sie Ihren Anspruch erst sicher, könnten Sie sich ja in beiden Bereichen deutlich weniger anstrengen.

Seine Strategie: Unverbindlich bleiben, nicht einklagbare Absichtserklärungen geben, solange es irgend geht. Natürlich, im Interesse seiner Altersversorgung will auch er sein Lebenswerk an einen tüchtigen Mann geben – aber so spät wie möglich. Denn „frei“ fühlt er sich nur bis zu Vertragsunterschrift – die für ihn ähnlich unangenehm ist, als kaufte er sich jetzt schon ins Altersheim ein.

Aus Ihrer Sicht: Sie wollen die Nachfolge. Sie sind bereit, noch sieben Jahre zu warten, aber auch nicht länger. Und Sie wollen nicht riskieren, daß Sie eventuell nach weiteren fünf Jahren hören, er habe sich das anders überlegt – April, April. Sie werden älter, die Zeit läuft. Wird aus der Nachfolge hier nichts, müßten Sie andere Pläne machen, sich vielleicht in einem anderen Büro noch einmal qualifizieren. Das kostet Zeit – schade um jedes Jahr, das Sie hier weiter „vergeudet“ hätten.

Ihre Strategie: Noch sind Sie jung, die Zukunft gehört Ihnen – nicht Ihrem Chef. Je länger Sie warten (können), desto klarer wird ihm, daß „der Tag“ unabwendbar kommt. Alterskollegen (Kunden, eigene Mitarbeiter, Freunde und Bekannte) gehen in Pension, manche Angehörigen des öffentlichen Dienstes sagen auf Befragen, wie lange sie noch „müßten“, wie aus der Pistole geschossen: „Fünf Jahre, drei Monate und siebzehn Tage“ – vermutlich ist ihr Urlaubsanspruch schon davon abgezogen. Das alles wird Ihren Inhaber zermürben – bald werden auch ihn die ersten Leute fragen, wie er sich seine Nachfolge vorstellt. Er wird mehr und mehr gezwungen sein, das Undenkbare dann doch zu überlegen. Also die Zeit spielt für Sie – ohne Garantie, was das Ergebnis angeht.

Natürlich ist Abwarten allein keine Lösung. Aber Sie könnten unter Berücksichtigung aller Aspekte einen Stufenplan erörtern, vertraglich fixieren und dann nach und nach realisieren. Der könnte als erste Stufe für sofort eine schriftliche Absichtserklärung des Inhabers beinhalten. Die ist nicht(!) einklagbar, bindet aber schon moralisch, beruhigt Sie und schützt Sie gegen das eventuell später kommende Argument: „So deutlich habe ich das nie gesagt, das müssen Sie völlig falsch verstanden haben.“Die zweite Stufe, z. B. zu realisieren um den 60. Geburtstag des Inhabers herum (schon bei den Einladungen, die er zu diesem Fest ausspricht, fragt ihn jeder, wie lange er es denn noch machen wolle) wäre eine verbindliche vertragliche Festlegung der Nachfolge und des Übernahmetermins inkl. Berechnungsgrundlage für die von Ihnen zu zahlenden Beträge.

Sträubt er sich sehr, könnten Sie ihm bis zur dritten Stufe eine Rückzugsmöglichkeit einräumen. Noch könnte er den Vertrag kündigen – aber gegen Zahlung einer größeren, zu vereinbarenden Summe (x Monatsbezüge pro bis dahin erreichtem Dienstjahr). Das erleichtert ihm die Zustimmung (weil ein Rückzugsweg eingebaut ist), sichert aber Ihre Existenz ab (mit der Summe könnten Sie sich anderswo einkaufen etc.).

Die dritte Stufe, etwa zwei bis drei Jahre vor den spätesten Termin der Nachfolge gelegt, beendet die Kündigungsmöglichkeit durch den Inhaber, macht die Regelung endgültig und enthält die Klausel, daß spätestens jetzt die Nachfolge überall bekanntgegeben wird – damit auch die Kunden sich auf Sie einstellen können.

Die vierte Stufe ist dann der Tag der Übergabe, an dem er das Haus endgültig verläßt. Notfalls mag es eine fünfte Stufe geben, in der er noch ein bis zwei Jahre beratend zur Verfügung steht – meist ist das mehr Quälerei als nützlich.

Selbstverständlich ist das nur ein Rohgerüst, das Denkanstöße geben soll, diverse Varianten sind möglich. Aber das beider Interessen berücksichtigende Prinzip wird deutlich. Wichtig: Bauen Sie dabei eine Regelung für das eventuelle plötzliche Ableben des Inhabers ein.

Zu Ihrer Frage a: Natürlich ist Ihr Interesse an einer aktiven Mitgestaltung der Unternehmenspolitik vom Tage einer schriftlichen Vereinbarung an absolut verständlich. Ich rate aber hier zur Vorsicht: Genau das, Sie nämlich fragen zu müssen und nicht mehr Herr im eigenen Hause zu sein, ist der Stoff, aus dem seine Alpträume sind. Halten Sie sich an die Fakten: Bis zur tatsächlichen Übernahme bestimmt er, und Sie machen lediglich Vorschläge, geben Anregungen. Danach ist es umgekehrt. Bedenken Sie: Auch der testamentarisch eingesetzte Erbe muß warten, bis der Erbfall eintritt.

Zu b: Das ist eine ausgesprochen ekelhafte Geschichte. Nicht wegen des eigenen Büros, das ist so lange legitim, wie es keine gegenteilige schriftliche Vereinbarung zwischen Ihnen gibt. Die Wegnahme von Kunden jedoch hat gnadenlose Todfeindschaft zur Folge, garantiert. Kundenbeziehungen sind die Lebensgrundlage jedes Selbständigen, jedes Unternehmens. Wer daran auch nur rührt, wird mit allen Mitteln verfolgt. Und sei es solchen, die dem „alten“ Büro nichts nutzen, Ihnen aber schaden.

Fast alle Menschen, die selbst Arbeitgeber oder zumindest selbständig sind, werden Partei für Ihren „alten“ Inhaber ergreifen. Eine Merkwürdigkeit am Rande: Die unmittelbaren Kunden sehen so etwas mitunter als gar nicht so „schlimm“ an – ihre Interessen sind ja nicht tangiert. Im Gegenteil, wenn der „Neue“, der sie ohnehin schon verantwortlich betreut hat in den letzten Jahren, die gleiche Leistung wie bisher jetzt beispielsweise kostengünstiger offeriert, soll es ihnen – oft – recht sein.

Im Prinzip war und ist hier Ihr Inhaber gefordert: Er hätte Verträge mit Ihnen schließen müssen, die Sie verpflichten, seine Kunden im Falle einer Trennung von seinem Büro in Ruhe zu lassen. Grundsätzlich aber berühren Sie hier ein Problem, das zeigt, wie schwer für den „Arbeitgeber“ der Umgang mit Mitarbeitern ist: Zeigt er sich kleinlich, kontrolliert und bestimmt er alles und läßt er die Mitarbeiter niemals selbständig bei Kunden operieren, so murrt die Mannschaft, findet das Klima unmöglich etc. Ist er großzügig, vertraut er seinen Leuten, läßt er sie Kunden selbständig bearbeiten – drohen sie bei erster Gelegenheit damit, sich selbständig zu machen und ihn durch Wegnahme der Kunden zu ruinieren. Wie also sollte der ideale Arbeitgeber reagieren? Es bleibt für ihn eine Gratwanderung.

Kurzantwort:

Die jederzeit korrigierbare freie Entscheidung über das berufliche Tun inkl. eines Datums für das Wechseln in den Ruhestand ist eine zentrale Säule der Selbständigkeit. Verträge, die in diesem Kernbereich Einschränkungen bedeuten, wird der Selbständige nur höchst ungern schließen.

Frage-Nr.: 1234
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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