Heiko Mell

Als Leiharbeiter den Fuß in der Tür

Als mein erster Arbeitgeber unübersehbar in Probleme geriet (Verluste, Entlassungen, Auftragslöcher) suchte ich mit steigender Intensität vorsichtshalber eine neue Anstellung.

Schließlich wurde mir sehr kurzfristig von einem mir damals unbekannten Planungsbüro eine Stelle in der Projektabwicklung angeboten. Von Beginn an war klar, daß mein Arbeitsort der hochrenommierte XY-Konzern sein sollte. D. h., ich sollte als Leiharbeiter dort tätig sein.

Ich habe dieses Angebot angenommen mit dem Hintergedanken, bei diesem attraktiven Konzern „einen Fuß in die Tür“ zu bekommen. Meine Hoffnung ist, über diesen Kontakt letztendlich direkt bei der XY AG arbeiten zu können, entweder durch meine jetzige Arbeit oder über meinen Zugang zu internen Stellenausschreibungen.

1. Wie sehen spätere Bewerbungsempfänger den Schritt vom Festangestellten zum Leiharbeiter?

2. Sollte ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber, dem Verleiher, nun mehrere Jahre bleiben oder kann ich mich bereits jetzt um eine Anstellung bei dem Konzern bemühen, ohne daß mir später der Makel des allzu wechselfreudigen (unzuverlässigen) Angestellten anhaftet?

Antwort:

Wenn ich recht informiert bin, heißt Ihre „Leiharbeit“ offiziell „Arbeitnehmerüberlassung“. Und „Leiharbeiter“ sollten Sie sich schon deshalb nicht nennen, weil Sie kein „Arbeiter“ sind.

Sie sind Angestellter eines Unternehmens, das Ihre Arbeitskraft nicht selbst benötigt, sondern Sie – im Rahmen enger gesetzlicher Vorschriften – fremden Unternehmen „überläßt“. Dafür berechnet es diesen Firmen mehr als es Ihnen bezahlt, trägt dafür aber erhebliche Risiken (z. B. wenn es plötzlich keine Aufträge mehr hat, bei denen Sie eingesetzt werden können oder wenn Sie wegen Krankheit ausfallen; kommen Sie beim Kunden Ihres Arbeitgebers nicht an, verlangt der Ihre Abberufung, dennoch muß Ihr Arbeitgeber Ihren Arbeitsvertrag erfüllen). Die „fremden“ Unternehmen, bei denen Sie eingesetzt werden, versprechen sich natürlich auch etwas von dieser besonderen Alternative zur Festanstellung: Die entsprechenden Arbeitskräfte gehören nicht zur Belegschaft, blähen die „Kopfzahl“ nicht auf, man kann sie auf unbürokratische Weise einstellen und – wichtigstes Argument – völlig ohne Probleme wieder loswerden. Letzteres kann bedingt sein durch das Auslaufen eines Projektes oder durch das Abflauen einer plötzlich eingetretenen Spitzenbelastung.

Besonders einfach ist es, einen „überlassenen Arbeitnehmer“ wegen schlechter Leistungen wieder aus dem Betrieb zu entfernen. Ein Anruf beim „Verleiher“ reicht in der Regel aus. Kein Betriebsrat, kein drohender Arbeitsgerichtsprozeß, keine Abfindung.

Folgerichtig nutzen manche Unternehmen den Verleiher auch als Basis zum Testen neuer Mitarbeiter (wird auf gewerblicher Ebene gern gemacht). Überzeugt der „Leiharbeiter“, übernimmt ihn irgendwann der Kunde, wenn nicht, taucht er später in keiner Fluktuationsstatistik auf.

Soviel zum Prinzip, das sicher in diversen Varianten praktiziert wird.

Zu Ihrer Frage 1: Auch für einen hochqualifizierten Akademiker mit hohem Marktwert ist die Beschäftigung bei einem Arbeitnehmerüberlassungs-Unternehmen der Arbeitslosigkeit vorzuziehen, soweit dürfte die Beurteilung einhellig sein. Wird aber eine vorherige Arbeitslosigkeit in den „Papieren“ nicht sichtbar und läßt sich auch eine unabwendbar drohende Arbeitslosigkeit nicht eindeutig erkennen, wird es schwierig.

Künftige Bewerbungsempfänger dürften eindeutig Kandidaten aus der klassischen Festanstellung denen vorziehen, die alle paar Wochen oder Monate dem nächsten Kundenunternehmen überlassen werden. Von der Logik her: Bewerbungsempfänger mögen Interessenten, die mehrere Jahre lang in einem Unternehmen kontinuierlich gearbeitet haben, dabei umfassende Erfahrungen sammeln und komplexe Vorhaben über einen längeren Zeitraum in allen Stadien begleiten und verfolgen konnten.

Faktisch ist ein „Leiharbeitnehmer“, der alle paar Monate zwangsläufig die Beschäftigung gebende Firma wechselt, ähnlich zu sehen wie jemand, der alle sechs Monate den Arbeitgeber wechselt (formaljuristisch ist das anders, da beim „Leiharbeitnehmer“ der Arbeitgeber stets derselbe bleibt). Und die Einstellung der Wirtschaft gegenüber Häufigwechslern ist bekannt.

Ein Vorurteil gegen entsprechende Bewerber wird sein: „Der hat jetzt so oft in schneller Folge die Beschäftigung gebende Firma gewechselt, der macht auch in Festanstellung so weiter.“Aber: Gelingt Ihnen auf diesem Weg der Einstieg beim XY-Konzern, adelt der Erfolg den Weg dorthin. Dann war Ihr Schritt „riskant, aber clever“ – und (fast) alles wird gut (Sie könnten in späteren Bewerbungen die Dienstzeiten beim „Verleiher“ und bei XY in einem Block zusammenziehen).

Gelingt der Einstieg nicht, war das Aufgeben der früheren Festanstellung ein schwerer Fehler.

Zu 2: Nein, Sie brauchen jetzt nicht um eine längere Dienstzeit beim Verleiher bemüht zu sein. Ein späterer Bewerbungsempfänger wird in Ihrem Fall diese Beschäftigung ohnehin nur als Mittel zum Zweck sehen – da bringt es nichts, das Erreichen des Zwecks wegen irgendwelcher Prinzipien hinauszuzögern.

Es besteht im Gegenteil sogar die Gefahr, daß man Ihnen eine längere Dienstzeit ankreiden würde. Etwa in dem Sinne: „Dieses etwas ungewisse Wandervogeldasein hat ihm wohl besonderen Spaß gemacht, er mochte ja gar nicht mehr davon lassen.“

Kurzantwort:

Für einen hochqualifizierten Akademiker mit beruflichen Ambitionen kann der Wechsel aus der Festanstellung in die Tätigkeit bei einem Arbeitnehmerüberlassungs-Unternehmen eigentlich nur eine Notlösung sein, die sehr gut überlegt sein will.

Frage-Nr.: 1226
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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