Heiko Mell

Treue bis zum Untergang?

Ich bin Dipl.-Ing. (TH), mein Examen habe ich Anfang “95 mit „gut“ nach 13 Semestern in Aachen abgelegt. In der Endphase des Studiums und danach habe ich knapp 100 Bewerbungen geschrieben. Mein Ziel war es, entsprechend meiner Spezialisierung im Studium eine Stelle im Anlagenbau zu finden.

Über einen Messekontakt bin ich zu einem ostdeutschen mittelständischen, damals noch nicht privatisierten …-Unternehmen gekommen. Dort hatte man gerade den größten Auftrag der Nachwendezeit bekommen und benötigte personelle Verstärkung. Die weiteren Aussichten für die Firma wurden mir im Vorstellungsgespräch durch den Geschäftsführer als durchaus positiv beschrieben, worauf ich trotz einiger Bedenken zusagte.

Die ernüchternde Bilanz nach 1,5 Jahren: Zwar hatte ich eine sehr interessante Tätigkeit in der Projektabwicklung, mußte aber auch eine erste Kündigungswelle erleben (die ich überstand), mußte eine Änderungskündigung mit Herabstufung im Tarif hinnehmen, durfte die Übernahme des Unternehmens durch neue Gesellschafter kennenlernen, erneut einen Arbeitsvertrag mit weiteren schlechteren Bedingungen hinnehmen und konnte noch eine Entlassungswelle überstehen.

Ende 1996 sah die Situation dann so aus, daß ich erklärtermaßen zum Stamm derer gehörte, mit denen der Neuanfang geschehen sollte. Nach der Abwicklung des Großauftrages (mit dickem Minus in Millionenhöhe) fehlte jedoch die Aussicht auf entsprechende Folgeaufträge. Auch wenn die Geschäftsleitung pausenlosen Optimismus verbreitete, so war doch die Stimmung unter den Angestellten auf dem Nullpunkt.

Ich habe dann begonnen, mich nach Alternativen umzusehen und konnte inzwischen auch einen Vertrag mit einem neuen Arbeitgeber (in den alten Bundesländern) schließen.Wie beurteilen Sie meinen Entschluß? Harrt man bei einem Arbeitgeber in der Krise aus oder verläßt man rechtzeitig das sinkende Schiff, auch wenn die Dienstzeit eigentlich zu kurz ist und man beim Wechsel in puncto Eigenverantwortung sogar einen Rückschritt tut?

Antwort:

In ähnlicher Situation hat mich einmal jemand gefragt, ob er nicht den Vorwurf riskiere: „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.“ Das hätte er wohl als ehrenrührig empfunden. Ich habe ihm geantwortet, diese Handlung sei doch sehr vernünftig von den Ratten. Schließlich hätten sie keinen Einfluß auf die Schiffsführung und könnten im Falle eines Unterganges mit keinerlei posthum verliehenen Orden o. ä. rechnen.

Lassen wir die Ratten, wer mag schon mit denen verglichen werden.

In der Sache gilt: Seit einigen Jahren ist die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern kühler geworden. Konjunkturelle Einflüsse, die Globalisierung der Märkte (Produktionsverlagerung ins Ausland) und der Zwang zur extremen Kostenreduzierung (z. B. Automobilzulieferer) bedingten u. a. deutlichen Personalabbau.

Die erforderlichen Schnitte waren hart, wurden schnell durchgeführt – und werden fortgesetzt. Für die ehemals übliche Honorierung langer Dienstzeiten und/oder „früherer Verdienste um das Unternehmen“ durch den Arbeitgeber blieb und bleibt dabei kaum noch Raum.Spätestens seit dieser Zeit hat auch der Arbeitnehmer keine andere Wahl, als vorrangig an die Sicherung seiner eigenen Existenz zu denken – die Arbeitgeber handeln entsprechend. Also ist der Angestellte bis hinauf zur mittleren/gehobenen Führungsebene gut beraten, so zu planen, wie es für ihn am günstigsten ist. Natürlich muß er sich dabei strikt im Rahmen der Vereinbarungen in seinem Arbeitsvertrag bewegen, aber viel mehr darf die zur härteren Gangart umgeschwenkte Arbeitgeberseite kaum erwarten.

Schließlich kann man nicht eine Sparte schließen, eine Führungsebene feuern, einen Geschäftsbereich samt Produktion ins Ausland verlagern – und vom Rest der zitternden Belegschaft Nibelungentreue erwarten.Wobei der Angestellte gut beraten ist, in seinem ureigenen Interesse mindestens zwei Grenzen zu ziehen:

1. Die sich ergebenden Dienstzeiten pro Arbeitgeber dürfen nicht auffällig kurz werden (Regel: mindestens zwei Jahre beim ersten Arbeitgeber, mindestens fünf Jahre bei den folgenden). Sonst wird der Schaden durch vorbeugende Wechsel größer als der Nutzen.

2. Voraussetzung ist normale, durchschnittliche Arbeitsroutine, aus der man mit der Kündigung ausbricht. Gegenbeispiel: Man hat gerade die Verantwortung für ein außerordentlich wichtiges Projekt übernommen oder ist wegen besonderer Umstände der einzige Know-how-Träger im Hause (in einem bestimmten Fachgebiet). In solchen Fällen führt eine unvorhersehbare, unvorbereitet präsentierte Kündigung zu Reaktionen bis hin zu Enttäuschung und Wut. Beides sind „kritische“ Ratgeber für die Chefs, wenn es für sie gilt, das Zeugnis zu formulieren.

So, geehrter Einsender, dies zum Grundsätzlichen. Ihre Wechselbemühungen waren danach gerechtfertigt, jeder wird Ihre aufkommende Furcht vor Arbeitsplatzverlust nachvollziehen und verstehen können. Da Ihre Dienstzeit dort ziemlich genau zwei Jahre erreicht haben müßte, fällt der Wechsel noch nicht einmal besonders auf im Lebenslauf.

Im Detail viel kritischer kann der Verantwortungsverlust beim Wechsel sein. Er wäre im Lebenslauf eine Art Ausrufezeichen hinter dem schnellen Wechsel. Vorausgesetzt, er fiele dem Leser auf. Das aber liegt an Ihnen! Schließlich haben Sie es in der Hand, die beiden Positionen so darzustellen, daß ein Rückschritt nicht erkennbar wird. Und da die „Erhöhung“ der zweiten Position wider besseres Wissen Hochstapelei wäre, die „Erniedrigung“ der ersten jedoch nur ein Tiefstapeln, da man zwar oft von eingesperrten Hoch-, aber nie von bestraften Tiefstaplern hört, gibt es nur eine Lösung: den Rückschritt darf es nie gegeben haben.

Gesagt sein muß auch, daß sich für die Unternehmensleitung, z. B. für Vorstände und Geschäftsführer, die Dinge nicht so einfach darstellen. Wer ein Schiff steuert, darf nicht als erster abspringen, wenn er in die Nähe einer Untiefe gerät. Auch wäre seine Ausrede nicht so gut wie die eines „kleineren“ Angestellten. Schließlich ist er für die positive wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens verantwortlich – schafft er das nicht, ist das (auch) sein höchstpersönlicher Mißerfolg, dem man sich nicht so einfach durch die Flucht entziehen darf.

Kurzantwort:

Wenn ein Angestellter, der noch keine unternehmerische Verantwortung trägt, seinen Arbeitgeber wegen existenzbedrohender wirtschaftlicher Probleme des Unternehmens freiwillig verläßt, so wird diese Begründung von Bewerbungsempfängern akzeptiert; Treue bis zum Untergang wird nicht erwartet.

Frage-Nr.: 1225
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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