Heiko Mell

Studium – und was nun?

Seit nunmehr zweieinhalb Jahren bin ich ständiger Leser Ihrer Karriereberatung. Zurückblickend muß ich sagen, daß ich mein Studium einteilen könnte in ein „unbekümmertes, naives, zufriedenes Vorher“ und ein „durchdachtes, geplantes, anstrengendes Nachher“.

Ich bin 24, stamme aus den neuen Bundesländern und studiere hier im 10. Semester Wirtschaftsingenieurwesen (Uni), habe Praktika bei renommierten Unternehmen im In- und Ausland absolviert (ca. 9 Monate), zwei Jahre am Lehrstuhl mitgearbeitet und werde in Kürze mit 1,7 abschließen.

Sozusagen durch Ihre Hilfe bin ich zu meinem heutigen Profil gelangt. Ich habe zur Zeit schon mehrere Angebote und könnte somit in den nächsten Monaten ins Berufsleben starten. Aber genau hier beginnt das Problem.

Vorrangig um in dieser für mich neuen Welt „nichts falsch zu machen“ und auch aus Job-Angst, begann ich mit dem Lesen Ihrer Karriereberatung. Daß ich das Studium zügig absolvierte, also auch auf Freizeit und Sommerurlaub zwecks Praktika verzichtete, war somit für mich selbstverständlich, für meine Freunde und letztendlich meine Freundin allerdings nicht. Ich muß jetzt noch meine letzte Prüfung ablegen und den ganzen Sommer hindurch meine Diplomarbeit schreiben.

Jetzt, da mir klar wird, daß ich auch für die nächsten 20 bis 30 Jahre 60 bis 70 Stunden und mehr pro Woche tätig sein werde, bin ich nicht mehr so sicher, das Richtige getan zu haben.

Ich bin noch relativ jung und wäre bei meinen zukünftigen Arbeitgebern trotz anderer Trainees stets der Jüngste und z. T. völlig auf mich allein gestellt. Meine „Traumjob-„Bewerbungen waren nicht erfolgreich und die derzeitigen Trainee-Angebote haben alle einen kleinen „Haken“ (z. B. Marketingkonzept zur Rettung verlorener Märkte als Erstjob? Selbständige Vertriebstätigkeit mit Homeoffice? Beratung einer mir unbekannten Software?). Weitere Bewerbungen stehen noch aus. Bei den vorhandenen Angeboten muß ich mich kurzfristig entscheiden.

Wie schätzen Sie meine Chancen ein, wenn ich nach Abschluß meines Studiums nicht, wie von jedermann erwartet, einen der angebotenen Jobs antrete, sondern für ein bis max. fünf Jahre „auf eigene Faust“ ins Ausland gehe und mich erst danach bewerbe (Lebenserfahrung sammle und die Welt erlebe; später ist es wegen Familie nicht mehr möglich)?

Antwort:

Ihren Brief habe ich ein bißchen gekürzt, Ihre Fragen z. B. von sieben auf eine, weil die mir typisch zu sein schien.

Wissen Sie, woran Sie leiden? Es ist die pure Torschlußpanik. Der Ernst des Lebens klopft an Ihre Tür – und Sie fürchten sich. Alles kommt Ihnen so endgültig vor. Noch wenige Tage und das „Leben“ ist vorbei. Also ist zu überlegen, ob man nicht vorher noch genießen soll, weil in Kürze halt „nichts mehr geht“.

Mir wurde erst allmählich bewußt, warum mich Ihr Stoßseufzer so ansprach: Genau so hatte ich gefühlt, ich weiß es noch wie heute.Im Sommer 1963 (ja, es lebten damals schon Menschen hier) stand ich kurz vor dem Ende meines Studiums. Und ging an einem ganz normalen Arbeitstag unbekümmert-frohsinnig, wie ich es öfter tat damals, über den Marktplatz der Bundeshauptstadt Bonn (ich wohnte in der Nähe). Menschen aller möglichen Altersgruppen, darunter Zwanzigjährige wie ich, eilten hin und her, kauften ein oder machten gar nichts. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Nur wenige Wochen noch und ich würde eingefangen sein von der Arbeitswelt, nie wieder Gelegenheit haben, so ziellos an einem Werktag durch Bonn zu bummeln. Natürlich, es würde Urlaub geben. Aber den würde man zum Verreisen brauchen. Und was waren die paar Tage gegen die schier endlosen Semesterferien eines Studenten.

Es schien mir ein hartes Schicksal zu sein, das mich erwartete. Ich habe, wie Millionen anderer, damit zu leben gelernt.

Sie sollen also erst einmal wissen: „Endzeit-„Gedanken dieser Art sind völlig normal. Ein bißchen Nervenflattern vor der unbekannten neuen Dimension ist es auch. Mit ähnlichen Gefühlen trägt sich das Kind an seinen letzten Grundschultagen („Wie mag es auf der höheren Schule sein?“), der Abiturient vor dem Start an der unbekannten großen Uni und nun eben der Noch-Student vor dem Eintritt in die Berufswelt. Auch ein junger Mensch auf seinem eigenen Polterabend, einen Tag vor der endgültigen (Ehe-)Bindung mag oft so etwas fühlen.

Ist das, was Sie erwägen, jenes letzte umfassende „Austoben“ vor dem endgültigen „Ende“ die Lösung? Vielleicht ist das typbedingt – ich bin jedenfalls sehr skeptisch. Schließlich schieben Sie das Unabwendbare nur hinaus. Und „alles“ können Sie vorher ohnehin nicht tun, sehen, erleben. Vermutlich sind die Fesseln der Tagesroutine nur um so einengender, je größer die „Freiheit“ davor sich darstellt. Wobei diese Freiheit ohnehin nie grenzenlos ist.Familie, so schreiben Sie, stehe dem „Die Welt erleben“ später entgegen. Nun, dann gründen Sie halt keine. Ihre Freundin ist ohnehin schon enttäuscht von Ihnen. Aber ganz im Ernst: Jede neue Phase im Leben bedeutet das Ende einer alten. Und/oder: Was immer Sie tun, Sie müssen als Preis dafür etwas anderes lassen bzw. darauf verzichten.Noch konkreter: Jeder muß Prioritäten setzen. Und damit wissen, was ihm wichtig ist. Keine Frage: Es gibt auch unter unseren Lesern sicher einige, die haben nach dem Studium erst einmal „Lebenserfahrung gesammelt“ oder „Weltenbummler“ gespielt – und sind damit glücklich geworden, möchten diese Zeit nicht missen. Schade wäre es, würde jemand behaupten, diese Phase sei die glücklichste seines Lebens gewesen. Was für ein armseliges Leben muß das dann gewesen sein, das die Basis für dieses Urteil abgibt.

Meine Meinung: Wer begabt und zum Engagement fähig ist, zieht so viel Freude, Selbstwertgefühl und Erfolgserlebnisse aus der beruflichen Arbeit, daß er näher an seine persönliche Zufriedenheit kommt als der lebenserfahrenste Weltenbummler.

Die Arbeitgeber übrigens ziehen Bewerber vor, die nach dreizehn Jahren für das Abitur und sechs Jahren Studium nun darauf brennen, sich in der Praxis zu bewähren, statt eine Erholungspause von ein paar Jahren einzulegen. Bei der Gelegenheit: Erholung wovon? Praxis ist viel(!) anstrengender als Studium. Wer nach letzterem ausspannen müßte, sagte damit, daß er nach jedem Jahr Berufstätigkeit neun Monate Urlaub braucht.

Nein, verehrter Einsender, ein erfülltes Berufsleben bringt so viel an positiven Erlebnissen, da hat man hinterher nicht das Gefühl, etwas verpaßt zu haben. Mein Rat: Suchen Sie mit voller Kraft weiter, die vorliegenden Angebote sind noch nicht optimal für einen 24jährigen Uni-Absolventen mit 1,7. In jedem Fall wäre es doch schade, Ihren so mühsam erworbenen (Alters-)Vorsprung im Wettbewerb mit anderen wieder zu riskieren.

Sie sollten Ihr Herz aber nicht an Trainee-Programme hängen. Bestimmte Unternehmen mit speziellen Anforderungen und Absichten haben sie eingerichtet, weil sie ihren(!) Zwecken dienen. Sie nun dürfen diese Angebote toll finden – aber zu Ihrer Erheiterung wurden sie nicht geschaffen. Auch der Einstieg in ein „Training on the job“ hat seine Vorteile.

Kurzantwort:

Für den Studenten kann die plötzlich auftretende Erkenntnis, daß jetzt der Ernst des Lebens beginnt, ein Schock sein. Das wäre durchaus normal. Wichtig ist das Bewußtsein, daß gerade engagiertes berufliches Tun entscheidend dazu beitragen kann, ein erfülltes Leben zu führen.

Frage-Nr.: 1224
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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