Heiko Mell

Post-Praxis-Promotion?

Herr Mell rät unter Frage 1208 den Zweiflern von einer Promotion ab. Ich stimme ihm völlig zu, wenn es nur um den Erwerb eines Doktortitels geht, ohne die notwendige Qualifikation für die erfolgreiche berufliche Karriere vorweisen zu können.

Ich habe dagegen aber sehr gute Erfahrungen mit Assistenten gemacht, die bereits einen erfolgreichen Einstieg in das praktische Berufsleben der Wirtschaft hinter sich hatten und für eine begrenzte Zeit an die Universität zurückkehrten.

Sie brachten neue Ideen in das Institut ein und konnten wegen des ständig aufrecht erhaltenen Kontakts mit der Praxis nach abgeschlossener Promotion ohne Schwierigkeiten in die Wirtschaft zurückkehren und dort eine erfolgreiche Karriere beginnen. Dazu gehört allerdings die Einsicht, daß für den Berufserfolg nicht etwa der Doktortitel ausschlaggebend war, sondern die persönliche Qualifikation, der Erwerb zusätzlichen Wissens und die in der Promotion verlangte Fähigkeit, ein schwieriges Problem konsequent zu durchdenken und als Lösung darzustellen.

Von großem Nutzen ist für den späteren Berufserfolg auch die Erfahrung im Umgang mit Studenten und das damit verbundene Abhalten von Vorlesungen und Übungen in einem voll besetzten Hörsaal. (gez. Prof. Dr.-Ing. …)

Antwort:

In Ihrer Zuschrift sehe ich vor allem eine wertvolle Anregung im Hinblick auf die sicher absolut wünschenswerte engere Verzahnung von Hochschule und freier Wirtschaft. Die Rückkehr wirtschaftserfahrener Akademiker an die Hochschule für eine begrenzte Zeit und der spätere erneute Wechsel dieser Personen in Wirtschaftsunternehmen würde ganz sicher beide Seiten befruchten – und den heute oft (noch) feststellbaren Graben zwischen ihnen verflachen. Damit kein Zweifel besteht: zum Vorteil beider Seiten.

Soweit ich informiert bin, sind im angelsächsischen System entsprechende Elemente enthalten – die Einstiegsbedingungen in das MBA-Studium sehen vorherige Praxiserfahrungen ausdrücklich vor.

Am Rande bemerkt: Daß Sie – gelegentlich – neben den rein universitär „herangezogenen“ Standard-Assistenten ganz gern einmal auch solche mit Berufspraxis und Wirtschaftskontakten haben, leuchtet mir absolut ein. Ebenso stimme ich zu, daß die Bewährung vor einem vollbesetzten Hörsaal in jedem Fall ein nützliches Training darstellt (unter uns gesagt: Mir macht das heute noch viel Spaß, neben der Alltagsroutine und nach mehr als dreißig Berufsjahren).

Das Problem sehe ich darin, daß – die Warnung an unbefangene Dritte muß sein – unser gesamtes System (noch) nicht so weit ist. Generell, auch wenn bei Ihnen einzelne Erfahrungen dagegen sprechen, kann nicht dazu geraten werden, nach zwei bis drei Jahren Berufspraxis zu kündigen, um eine Position als Hochschulassistent nach BAT anzunehmen – und darauf zu hoffen, fünf lange Jahre später ein anderes Unternehmen zu finden, daß diesen sehr speziellen Weg honoriert. Nach wie vor gilt der Grundsatz, daß bei uns – unter Laufbahn-/Karriereaspekten betrachtet – Hochschule und Berufspraxis einander nachfolgende Abschnitte einer Einbahnstraße sind. Wer gegen die diesbezüglichen Regeln verstößt, erregt ähnliche Aufmerksamkeit wie der Autofahrer, der in der Einbahnstraße wendet, um noch einmal an einen früher bereits passierten Punkt zurückzukehren.

Wirtschaftsunternehmen, bei denen ein derart unkonventionell vorgehender Frischpromovierter als unbekannter externer Bewerber auftauchte, dürften eher skeptisch als begeistert reagieren. Könnte doch, so der „Verdacht“, der Kandidat nach erstem Hineinschnuppern in die Praxis erschreckt (und überfordert) den Rückweg in die „heile, warme Welt der Hochschule“ gewählt haben.

Daraus ergibt sich: Wer diesen Weg wählt, gehe ihn möglichst nicht ohne sorgfältige Vorbereitung und nicht allein. Wenn man es schafft, mit Billigung und vielleicht sogar aktiver Förderung eines industriellen Arbeitgebers diesen Schritt zu gestalten, dann während der Assistentenzeit ständigen Kontakt mit diesem Unternehmen zu halten und bei dem nachfolgenden Rückkehrproblem dort wiederum einen hilfreichen Partner zu finden, steht man wesentlich besser da.

Schließlich gilt auch: Die Lebensplanung der „jungen“ Betroffenen würde noch schwieriger als heute schon. Derzeit ist der frischpromovierte Ingenieur etwa 31 Jahre alt, bevor er sich beruflich „endgültig und auf Dauer“ ein- und sein Privatleben danach ausrichten kann. Hat er vor der (bei Ingenieuren ja extrem zeitaufwendigen!) Promotion noch drei Jahre Industriepraxis, wird er ca. 34 Jahre alt, bevor er mit der Ausbildung endgültig fertig ist und längerfristig planen kann (Zur Erinnerung: Ab 45 muß er damit rechnen, daß jemand „zu alt“ auf seine Bewerbung schreibt).

Aber: Grundsätzlich interessant ist der Denkanstoß. Unser System „Einbahnstraße“ statt „Verzahnung“ ist zu starr und schon aus diesem Grund nicht ideal. Bei der Gelegenheit: Eine kürzere Promotionsdauer in solchen Fällen würde die Bilanz dieses neuen Weges deutlich verbessern! Damit würde auch die Hochschule einen aktiven Beitrag zur Verzahnung mit der Praxis leisten.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1219
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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