Heiko Mell

Nach Auslandstätigkeit Rückkehrprobleme

Ich, Dipl.-Ing. …wesen, bin nach meinem Studium zunächst ins europäische Ausland gegangen, danach vier Jahre nach Übersee. In den sieben Jahren meiner ausländischen Berufspraxis ergaben sich keine Probleme bei der Stellensuche. Ich war bei drei international operierenden Unternehmen tätig.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland vor etwa einem Jahr arbeitete ich – notgedrungen – bei der Vertriebsgesellschaft eines ausländischen Unternehmens, von der ich mich zum Jahresende wieder trennte. Bei schriftlichen Bewerbungen muß ich nun feststellen, daß potentielle Arbeitgeber ohne Kenntnis meiner Persönlichkeit absagen.

Antwort:

Die potentiellen Arbeitgeber tun so etwas, sie tun es erwartungsgemäß (das Phänomen ist bekannt), sie tun es jedoch nicht ganz ohne Kenntnis Ihrer Persönlichkeit. Sie „kennen“ diese zwar nicht, aber sie vermuten halt bestimmte Merkmale.

Der Fachbegriff für Bewerber mit Ihrem Lebenslauf heißt – verzeihen Sie – „auslandsversaut“. Natürlich ist ein solcher Ausdruck nicht sehr schön, eigentlich ist er nicht mehr zeitgemäß – aber in der Sache wäre es auch nicht hilfreicher, wenn die Abneigung gegen Sie einen anderen Namen hätte.

Auslandspraxis wird nun aber doch ebenso empfohlen wie gefordert – und wird nicht auch in dieser Serie geraten, sie unmittelbar im Anschluß an das Studium zu erwerben?

Es wird. Und so ist Auslandspraxis wie Salz in der Suppe des Berufslebens. Drei Gramm pro Topf sind ein Genuß, eine Handvoll jedoch macht alles ungenießbar.

Abgesehen von den immer denkbaren Ausnahmen und den sehr speziell liegenden Einzelfällen gilt: Für eine anspruchsvolle Tätigkeit in Deutschland sollte der beruflich relevante Lebenslauf idealerweise dominierend geprägt sein von Erfahrungen in Deutschland (ich glaube nicht, daß dies in den USA oder beispielsweise Frankreich grundsätzlich total anders ist).

Diese Regel gilt sogar für den Berufsanfänger nach dem Studium: Sein „beruflich relevanter Lebenslauf“ umfaßt die letzten Jahre vor dem Abitur resp. vor der Fachhochschulreife, die Praktika und das Studium.

Sie nun, geehrter Einsender, bieten folgendes Bild: Nach der Regel „Praxis dominiert Ausbildung“ haben Ihre sieben Jahre Berufstätigkeit ein deutlich höheres Gewicht als das – hoffentlich sogar absolut kürzere – Studium. Sie sind, so die allgemeine Auffassung Ihrer Bewerbungsempfänger, inzwischen ein Mensch, dessen gesamte berufsrelevante Prägung durch ausländische Verhältnisse geschah. Wie man arbeitet, sich dabei benimmt, wie man Vorgesetzten und Kollegen begegnet, wie man sich kleidet und wie man auftritt – alles ist bei Ihnen ausschließlich von Erfahrungen geprägt, die „anders“ sind (Deutschland als Maßstab genommen). Wie gefährlich es ist, „anders“ zu sein, können Sie schon bei Kindern im Kindergarten oder in der Schule sehen.

Nun könnte ein Anhänger multikultureller Lebensart sagen, das sei doch eigentlich eine tolle Chance für uns, befruchtet zu werden von fremden Einflüssen. Ist es auch – eigentlich. Damit aber hat es sich dann auch schon.

Leider hat nämlich die theoretische Diskussion keinen Zweck mehr, weil inzwischen hinreichend praktische Erfahrungen mit langjährig und ausschließlich bzw. dominierend auslandsgeprägten Bewerbern vorliegen. Und diese Erfahrungen sind überwiegend schlecht! Nach sechs bis achtzehn Monaten in deutschen Unternehmen waren sehr viele dieser Mitarbeiter wieder „draußen“. Warum auch immer – sie „funktionierten“ halt nicht, wie sie sollten. Wer je die leuchtenden Augen gesehen hat, mit denen manche Rückkehrer über ihre asiatischen Hausboys, ihre tragende Rolle in der deutschen Auslandskolonie oder das „viel freiere Leben dort“ sprechen, der ahnt einige Gründe.

Die Reintegration in die deutschen Verhältnisse dauert halt in solchen Fällen. Meist geht der erste Job „danach“ auf dieses Konto, häufig auch noch ein zweiter oder dritter. Dann klappt es – und nun ist derselbe Mensch plötzlich ein begehrter, weil mit Auslandserfahrungen versehener. Und „entwöhnt“ ist er nun auch endlich.

Und daher sucht die deutsche Wirtschaft „eigentlich“ händeringend Bewerber mit Auslandspraxis. Aber entweder sucht sie sie für erneute Auslandseinsätze. Dann gilt: je mehr dieser Praxis, desto besser. Oder sie sucht sie für das Inland. Dann ist es am besten, wenn die Reintegration schon wieder abgeschlossen ist – am besten bei einem anderen Arbeitgeber.

Übrigens, bevor ein bestimmter Leserkreis nervös wird: Für junge Absolventen, die sofort nach dem Studium für etwa zwei Jahre (Vorsicht bei deutlicher Überschreitung!) ins Ausland gehen, gilt das alles in dieser Form nicht. Zwei Jahre, so die Kurzformel, vermitteln schon Erfahrungen, aber sie prägen noch nicht so furchtbar stark, sie entfremden nicht. Insofern gelten diese ersten zwei Jahre etwa wie ein verlängertes Auslandspraktikum. Und wer bereit ist, sich danach wieder als eine Art „Berufsanfänger mit Top-Zusatzqualifikation“ einstufen zu lassen, dem steht die Welt offen. Jedenfalls die der großen Namen. Und diese Auslandspraxis trägt in jedem Fall ihre Früchte – auch wenn sie sich vielleicht erst später „bezahlt“ macht.

Wieder zurück zu Ihnen, geehrter Einsender. Ahnen Sie schon etwas? Man kann dann noch zusätzlich „dem Affen Zucker geben“. Haben Sie gemacht in den Augen der Bewerbungsempfänger. Als Sie nämlich nach Ihrer Rückkehr einen ersten Job fanden hier in Deutschland, haben Sie den wieder „geschmissen“.

Erstens macht man das in Deutschland nicht, niemals. Es sei denn, man hat nahtlos und rechtzeitig einen neuen. Wer aber freiwillig und auf eigene Initiative hin in die Arbeitslosigkeit geht (die man in diesem Lande besser strikt vermeidet), ist erst einmal „draußen“. Was jeder weiß hierzulande – bis auf diejenigen, die in den letzten sieben Jahren fremde Verhaltensnormen an- und die landesüblichen abgelegt haben. Damit haben Sie, so sieht man es, geradezu bewiesen, daß Sie in Deutschland derzeit kaum einsetzbar sind.

Außerdem, aber das nur am Rande, „trennt“ man sich hierzulande vielleicht von seiner Freundin, nicht jedoch von seinem Arbeitgeber. Man kündigt hingegen – die einzig wirklich als einwandfrei empfundene Art des Verlassens der alten Firma. Die natürlich eine Trennung ist, aber halt nicht so genannt wird, was soll ich machen. „Wir haben uns von ihm getrennt“, sagt hingegen die Firma, wenn sie Sie gefeuert hat. So fein sind nun einmal die Unterschiede – und so schnell fällt man auf, wenn man zu lange „draußen“ war. Wobei Sie mich bitte nicht mißverstehen: Es geht nicht um meine Meinung. Ich erkläre Ihnen nur, was die Empfänger Ihrer Bewerbungen gedacht haben, bevor sie Ihnen absagten.

Ihre Überlegungen im Hinblick auf eine neue Position könnten nun etwa so aussehen:

1. Sie machen eine Tugend aus der Not. Sie suchen sich also gezielt eine Stelle, in der Ihre Auslandspraxis nicht kritisch, sondern positiv gesehen wird. Das ist – natürlich – dann der Fall, wenn neue Auslandseinsätze anstehen, trifft aber auch bei Positionen zu, die zumindest mit Auslandsdienstreisen verbunden sind.

2. Oft sehen deutsche Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen Auslandspraxis im Stammland der Mutterfirma auch dann als positiv an, wenn die Position selbst eine reine Inlandstätigkeit beinhaltet (Beispiel: jahrelanger Frankreichaufenthalt und jetzt Bewerbung bei der deutschen Tochter eines französischen Konzerns).

3. Bewerbungen bei rein deutschen Firmen um reine Inlandstätigkeiten sind sorgfältig so zu gestalten, daß die langjährige Auslandstätigkeit nach planvoll gestaltetem beruflichen Tun und nicht nach „Weltenbummler“ aussieht,eine überzeugende, sachliche Erklärung für Ihre jüngste „Trennung“ von einer in Deutschland ansässigen Firma vorliegt.

Kurzantwort:

Wenn die – in vernünftiger Dosierung sehr gesuchte – Auslandserfahrung im Lebenslauf erdrückend dominiert, wird die Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt leicht zum Problem.

Frage-Nr.: 1218
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-29

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