Heiko Mell

Leidiges Thema „Wohnortwechsel / Umzug“

Vor einigen Jahren biß ich (gebürtig und heimatverbunden in der XY-Region) in den „sauren“ Apfel und zog berufsbedingt an einen – aus meiner Sicht – wenig liebenswerten Standort (ABC-Region). Ich tat dies bewußt und Ihrem ständigen Rat folgend, keine Kompromisse hinsichtlich des Standorts zu machen, wenn es um die berufliche Entwicklung geht.
Sie sollten recht behalten!

Aus meiner letzten Firma ging ich als Gruppenleiter weg und stieg bei meinem jetzigen Arbeitgeber als Abteilungsleiter ein. Nach kurzer Dienstzeit wurde ich zum Prokuristen bestellt; das Gehalt hat sich exzellent entwickelt, und das Arbeitsklima ist sehr gut. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß mich mein Vorgesetzter sehr schätzt.
(Anmerkung des Autors: Sie hätten hier aufhören sollen mit Ihrem Brief. Bis hierhin ist alles eindeutig und leicht verständlich, mir haben Sie recht gegeben – was ich durchaus schätze. Jetzt konnten Sie diesen guten Eindruck eigentlich nur noch ruinieren. „Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben“ – leiten wir ab aus Schriften des Boëthius, der um 500 herum lebte und noch nicht wußte, daß die Schreibweise seines Namens eines Tages besonderen Aufwand verlangen würde. Nun aber weiter im Originalbrief.)

Insofern wäre also alles bestens, wäre da nicht der ungeliebte Standort. Freilich, leben kann man überall, aber mein Wunsch, zurück in die Heimat zu gehen, ist ungebrochen.

Zum Verständnis meines Anliegens sind folgende Informationen wichtig: Ich bin in einem fachlichen Spezialbereich tätig, also nicht in klassischer Linienfunktion; meine „Abteilung“ besteht nur aus mir und meiner selbständig arbeitenden Sekretärin/Assistentin; mein arbeitgebendes Unternehmen verteilt sich auf verschiedene Standorte, die ich regelmäßig bereise, etwa die Hälfte der Arbeitszeit verbringe ich im Büro.
Diese Konstellation brachte mich auf eine Idee, die zwar einerseits mein Problem lösen würde, die jedoch andererseits ein ungutes Gefühl bei mir hinterläßt.
Ich könnte – natürlich vorbehaltlich der Zustimmung meines Arbeitgebers (mit der ich im Zweifel aber rechne) – meinen „Dienstsitz“ an einen Ort meiner Wahl (nämlich in der alten Heimat) nehmen. Mein Büro würde ich zu Hause einrichten und von dort aus die zu betreuenden Unternehmensteile besuchen. Am heutigen Dienstsitz, wo meine Mitarbeiterin nach wie vor tätig wäre, könnte ich zwei Tage pro Woche anwesend sein.

Dem Argument, daß mein Beispiel Schule machen könnte, würde ich entgegnen: Ich muß häufig Termine an einem Ort wahrnehmen, der sogar deutlich näher an meinem Lieblingsstandort liegt. Dadurch ließen sich sogar Reisekosten einsparen.

Wie beurteilen Sie mein Vorhaben? Darf man spezielle Umstände für seine Zwecke (bevorzugter Wohnort) nutzen? Oder „gehört“ es sich nicht für eine Führungskraft, auch nur den Anschein zu erwecken, man nutze besondere Gegebenheiten für sich aus? Ich habe die wichtigsten Unterlagen über mich beigefügt..

Antwort:

„Zwiebel“ ist die Lösung. Jedenfalls die des mir selbst gestellten Problems, für Ihren Fall eine anschauliche Umschreibung zu finden. Schale folgt auf Schale, hat man eine abgelöst, ist zwar die Zwiebel etwas kleiner geworden – aber man steht eigentlich nur vor einer neuen Schale (oder Haut oder was auch immer, wer kennt sich schon mit Gemüse so genau aus).

Die erste Schale ist die nicht oft genug zu wiederholende Erkenntnis, daß ein Akademiker nur herausholen kann, was in seiner hochwertigen Ausbildung an Potential drinsteckt, wenn er problemlos dorthin geht, wo es optimale Arbeit gibt. Und nicht wartet, bis die Arbeit zu ihm kommt.Vielleicht, da kommt mir ein schrecklicher Verdacht, stehen ja manche Politiker (oder Stammtischpolitiker) nur deshalb nicht als Kanzlerkandidaten zur Verfügung, weil ihnen der neue Dienstsitz Berlin nicht zusagt. Ach, das halten Sie nicht für wahrscheinlich. Warum eigentlich nicht?

Oder vielleicht hat es bei mir nie zu einem Mercedes-Vorstand gereicht, weil mir Stuttgart …. Das wird es, wie mir immer deutlicher wird, in letzter Konsequenz gewesen sein. Klingt auch ganz originell so als Erklärung, finde ich.

Sie, geehrter Einsender, bestätigen erst einmal das Grundprinzip. Dafür bin ich dankbar. Es hapert nämlich in Deutschland sehr an Verständnis dafür. Zitieren wir zur Sicherheit schnell noch einmal die Regel:Der Job bestimmt den Standort, nicht umgekehrt.

Pellen wir diese Schale ab, damit sind wir nun fertig.Die zweite Schale zeigt, daß nicht jeder an jedem Ort glücklich wird, ich habe auch nie das Gegenteil behauptet. Sagen wir es einmal so: Jede neue Position besteht aus mehreren Komponenten. Beispiele: Art und Branche des Unternehmens, Solidität der Firma, Bezeichnung und Hierarchieebene der Position, Aufgaben und Zuständigkeit, Chancen und Risiken, Person des Chefs, Arbeits- und Führungsstil des Hauses, weitere zwanzig Aspekte nach Wahl – und dann der Standort. Jedes dieser Details im Idealbereich zu halten, das geht nicht (auch bei jedem Bewerber ist ja nicht jedes Detail im Idealbereich angesiedelt).

Die Summe entscheidet. Ein Nachteil hier wird ausgeglichen durch einen besonderen Vorteil dort. Dabei kann jeder einzelne Faktor negativ auffallen. Auch der Standort. Mancher ist wirklich scheußlich, keine Frage. Aber so schön, daß es sich nur dort leben läßt, ist auch kein anderer.

Sie, geehrter Einsender, hat es nun ausgerechnet an einen jener wenigen deutschen Standorte verschlagen, die „Härte im Nehmen“ erfordern. Etwas abgelegen, großstadtfern, mit einem besonders geprägten Menschenschlag, der sicher nicht jeden Fremden mit offenen Armen aufnimmt. Ich kenne die Gegend, nenne sie aber hier natürlich nicht (ich habe genug Feinde).

Keine Frage: Im extremen Einzelfall und bezogen auf die individuellen Bedürfnisse eines bestimmten Menschen kann jeder jener Einzelaspekte, die eine neue Position ausmachen, sogar schlicht unerträglich sein. Da hilft dann manchmal auch kein Ausgleich durch andere Faktoren mehr. Oder? Ob z. B. Wolfsburg der beliebteste Ort Deutschlands ist, mag ich nicht beurteilen. Ob aber schon viele Manager die Berufung in den Vorstand eines dort ansässigen großen Konzerns mit Hinweis auf „die Gegend“ abgelehnt haben, ist mir nicht bekannt. Warum hört man so selten davon – gibt’s doch stets einen Ausgleich oder reagiert man „da oben“ vernünftiger? Mit dem Gehalt, da dürfen Sie sicher sein, hat das nichts zu tun.

Also in Ihrem Fall hätte ich Verständnis für das Teilproblem „nicht an diesem Ort bleiben“, kaum jedoch für die scheinbare Lösung „statt dessen ausschließlich an jenen Ort hingehen“. Ich glaube, Sie schütten das Kind mit dem Bade aus. Warum verändern Sie sich nicht demnächst gezielt – und suchen sich bei der Gelegenheit einen weniger extremen Standort als heute? Aber um jeden Preis heim ins Reich der Kindheit, das ist natürlich erlaubt, jedoch für einen Mann Ihres Kalibers, der so viel in seine Ausbildung gesteckt hat, nicht die denkbar beste Lösung.

Vor allem: Was wollen Sie, wenn jetzt der regionale Rückzug zu Ihren Ursprüngen erfolgte, beim nächsten Arbeitgeberwechsel tun? Auf den muß der Angestellte stets vorbereitet sein. Selbst wenn Ihr heutiger Arbeitgeber das „Spiel“ mitmachte, der nächste wird es nicht wollen!

Widmen wir uns der dritten Schale, werfen wir einen Blick auf Ihre Person, so weit die gebotene Diskretion das zuläßt.

Sie kommen, so meine Vermutung, aus einem nichtakademischen Elternhaus. Das ist, ich muß es immer wieder betonen, vollkommen wertneutral, wenn man es absolut betrachtet. Aber man könnte aus diesem Umstand schließen, daß Sie vermutlich nicht schon Grundregeln für angestellte Manager in größeren Unternehmen „mit der Muttermilch“ aufgenommen haben. Hier dürfte keine entsprechende Vorprägung vorliegen – Sie gingen ohne Kenntnis der Regeln des anspruchsvollen Berufslebens in die (Arbeits-)Welt hinein.

Woraus ich auf die erwähnten Umstände schließe? Nun, Sie haben nicht nur eine absolute Eliteausbildung mit „allen denkbaren Schikanen“, es wimmelt dabei auch noch von „mit Auszeichnung“ und „sehr gut“. Aber einen Menschen mit dieser Begabung hat man nicht auf eine höhere Schule geschickt, sondern er mußte sich den ganzen mühsamen Weg von unten her hocharbeiten, Stufe um Stufe. Ein promovierter Industriemanager als Vater, so die – erlaubte – Vermutung, hätte diese Begabung früher erkannt und andere als die anspruchsvollsten Schulen gar nicht erst diskutiert.Ob das, dieses Hocharbeiten von ganz, ganz unten, etwa schädlich sei? Natürlich steht es für Arbeits- und Lerndisziplin und, und, und. Aber: Ich habe schon oft beobachtet, daß dieser besondere Weg nicht immer(!) zu einer so frei entwickelten Persönlichkeit führt wie es auf dem klassischen Wege möglich ist. Die speziellen Mühen vor dem Ziel würden das ja auch verständlich machen.

Das wiederum heißt für Sie, geehrter Einsender: Sie sind vermutlich ein bißchen anders als andere. In wichtigen Bereichen viel, viel besser – in anderen aber vielleicht auch ein bißchen „komplizierter“ (wie immer man das im Detail definieren will). Daraus könnte man folgern, daß auch manche Ihrer Ideen und Vorstellungen im außerfachlichen Bereich anderen etwas „komplizierter“ vorkommen.Nahezu folgerichtig beschreibt auch das Zeugnis Ihres vorigen Arbeitgebers einen „fleißigen“ Mitarbeiter mit hoher Fachkompetenz, aber keinen künftigen Top-Manager mit Führungsqualifikation. Es ist also durchaus denkbar, daß die sehr anspruchsvolle, aus Karriereaspekten aber in einer Nische oder Sackgasse angesiedelte fachliche Spezialrichtung, der Sie sich gewidmet haben, schon richtig gewählt war.

Als vierte Schale des Problems stoßen wir dann endlich auf Ihre Kernfrage: Sollen Sie einen Antrag stellen, Ihr Büro ein paar hundert Kilometer von der Firmenzentrale entfernt in die „alte Heimat“ zu verlagern?

Ich bin da außerordentlich skeptisch. Dabei spielen technische Gründe überhaupt keine Rolle. Ob das durchführbar ist, Reisekosten spart oder nicht, das alles ist vermutlich vollkommen sekundär.

Zunächst glaube ich, daß diese Idee für Sie keine wirkliche Lösung brächte (siehe oben). Denn Sie würden damit einen Arbeitgeberwechsel praktisch unmöglich machen. Der aber ist die einzige „Waffe“ im Existenzkampf des abhängig Beschäftigten.

Unternehmensintern geht es weniger um das, was Ihr direkter Chef von dem Plan hält: So etwas spricht sich sofort herum und muß ohnehin von der Unternehmensleitung genehmigt werden. Die jedoch dürfte in der Mehrzahl der Fälle nicht begeistert sein. Deren Mitglieder haben ihren Dienstsitz auch an diesem ungeliebten Ort und müssen damit leben. Außerdem dürften sie befürchten, daß eine Flut ähnlicher Anträge über sie hereinbräche („Ausreden“ oder Begründungen dafür lassen sich schnell finden).

Ich gestehe, zu jenen Managern zu gehören, die ihre Mitarbeiter „greifbar“ um sich haben wollen. Im Normalfall kann jeder in ein paar Minuten mit dem fraglichen „Vorgang“ in der Hand vor mir stehen und wir können darüber reden. Das wird mir durch kein Telefon ersetzt, auch durch keines mit Bild.

Natürlich kenne ich auch die moderne Idee der Heimarbeitsplätze mit Telekommunikationsverbindung zum Büro. Aber es gilt auch: Warten Sie bei allzu revolutionären Neuerungen lieber ab, bis es firmenintern ein Verfahren dafür gibt. Wer ernsthaft den ersten Antrag im Hinblick auf eine vielleicht extrem „ungeliebte“ Neuerung macht, kann sich schnell zum ungeliebten Außenseiter befördern. Und: Der Vorschlag „stinkt“ schon deshalb, weil es ganz und für jeden erkennbar nicht um einen Vorteil für das Unternehmen, sondern ausschließlich für Sie als Person geht! Darauf aber warten Vorstände und Geschäftsführer bloß. Was geschieht aus der Sicht der Unternehmensleitung z. B., wenn Sie erst in Ihrer geliebten Heimatprovinz sind und dann kündigen? Dann gibt es für einen Nachfolger nicht einmal mehr ein Büro im Hause.

Nein, ich rate ab – und empfehle einen gelegentlichen Stellenwechsel in eine „nettere“ Gegend. Unser schönes Land ist voll davon.Und um Mißverständnissen vorzubeugen: Das hat nichts zu tun mit dem so beliebten Wechsel in jene eine, einmalige Heimatregion. Der wäre gefährlich – weil es sicher hundert „nette Gegenden“ in Deutschland gibt, aber nur eine, in der man zufällig geboren wurde.

Kurzantwort:

Der hervorragend ausgebildete Akademiker kann sein berufliches Erfolgspotential niemals ausschöpfen, wenn er nur einen einzigen Standort akzeptiert und jeden anderen ablehnt. Konkrete Standortziele aus privaten Gründen sind die denkbar schlechtesten Ratgeber bei beruflichen Vorhaben.

Frage-Nr.: 1210
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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