Heiko Mell

Auslandstouch: Ist allzuviel ungesund?

In Ihrer Karriereberatung betonen Sie oft, daß es gern gesehen und dieser Tage auch zunehmend wichtig sei, schon während des Studiums Auslandserfahrung zu sammeln. Ich selbst habe, nach Hauptpraktikum in Australien und Diplomarbeit in England, nun auch noch ein weiterführendes Studium in England aufgenommen und sollte mein Soll eigentlich gut erfüllt haben.

Nun frage ich mich aber – und so tun es meine deutschen Studienkollegen in England, von denen es mehr gibt als ich dachte (auch und gerade mit FH-Abschluß wie ich), – ob man sein Soll auch übererfüllen kann?

Gibt es eine Schmerzgrenze, bei deren Überschreitung man sich den deutschen Arbeitsmarkt verbaut, eben weil man nicht ihn, sondern den ausländischen kennt oder weil man einen Großteil seiner Ausbildung in einem anderen Land erhalten hat?

Antwort:

Es ist ja nicht etwa so, daß unsere deutschen Arbeitgeber „ganz wild“ auf Amerikaner, Engländer oder Franzosen als Arbeitskräfte wären (unabhängig von der Frage, ob diese Menschen die hiesige Landessprache beherrschen). Nein, was gesucht wird, sind im Normalfalle schon Deutsche, die mit den hier herrschenden Gepflogenheiten vertraut sind, nach den uns vertrauten Methoden ausgebildet und geprüft wurden, die wissen, wie man sich hier bewegt. Aber diese „Deutschen“ (es geht dabei nicht um die Nationalität, wie sicher deutlich wird) sollen eben einen Auslandstouch haben. Zusätzlich etwa wie Salz in der Suppe. Und da gilt: Ohne Salz schmeckt es nicht, richtig gewürzt wird es perfekt – und Salz pur wird ungenießbar.

Aber bis dahin ist es ein weiter Weg, so „schlimm“ ist es ja in Ihrem Fall noch lange nicht. Mit Ihrem Aufwachsen, mit Ihrer Schul- und Studienzeit in Deutschland ist soviel Grundsubstanz da („Suppe“) – die verträgt eine Menge an „Salz“, bevor sie schwer verdaulich wird.

Einschränkungen sehe ich eher in der auch bei rein nationaler Betrachtung wichtigen Frage: Wieviel Zusatzstudium ist noch sinnvoll, wenn man schon einen soliden Standardabschluß hat? Es gibt auch darauf keine allein richtige Antwort – aber es ist klar, daß es Grenzen gibt. Diese verändern sich im Laufe der Zeit, außerdem sind sie der individuellen Beurteilung des jeweiligen Entscheidungsträgers unterworfen. Aber man würde auch im Ausland nichts miteinander kombinieren, was hier bei uns nicht als „passend“ gilt.

Ich will hier bewußt keine Regeln mit zu starren Grenzen aufstellen. Die Einstellung zu dieser Frage hat sich in den letzten 20 Jahren stark gewandelt, niemand kann sagen, wie das um 2017 herum aussehen wird (dann bewerben Sie sich vielleicht wieder und die heutigen Erstklässler fangen damit an). Aber als Orientierung mag gelten:
Als uneingeschränkt erstrebenswert gilt ein deutsches Basisstudium, innerhalb dessen wesentliche Teilbereiche im Ausland absolviert wurden. Mit ein bißchen Glück und viel Geschick bekommen manche das so hin, daß nicht einmal die Studienzeit deutlich verlängert wurde.

Beispiele (die einzelnen Bausteine sind durchaus kombinierbar): mehrere Praktika im Ausland, ein bis zwei Studiensemester im Ausland, Diplomarbeit im Ausland.

Ebenso gehört in diese empfehlenswerte Kategorie ein Zusatz-/Aufbaustudium, das man ohnehin geplant hatte und das man nun im Ausland absolviert. Da die Studiensysteme in den einzelnen Ländern nicht kompatibel sind, ist man auch tolerant gegenüber Abweichungen vom deutschen Standard: So darf dann ein betriebswirtschaftliches Zweitstudium durchaus etwas (nicht unbegrenzt) länger dauern als z. B. das Aufbaustudium zum Dipl.-Wirtsch.-Ing. hier gedauert hätte, auch auf das Niveau des Studiums im Vergleich zum Basisstudium wird nicht so geschaut wie man das im Inland macht. Positives Beispiel: der MBA für Ingenieure.

Grenzen dieser Empfehlung liegen dort, wo sie auch im Inland liegen würden: Zwei Auslandssemester, in das deutsche Studium halbwegs integriert, sind toll. Zwei Auslandssemester ohne eigenen Abschluß nach bestandenem deutschen Examen bringen nicht nur nichts, sie sind vermutlich sogar noch erklärungsbedürftig.

Ebenso sollte, wer mit einem deutschen Studium fertig ist und keine sachliche Begründung für ein zweites Studium hat, nicht ausschließlich wegen des Auslandstouches ein weiteres Studium in anderen Ländern planen. Mehrere ausgedehnte Auslandspraktika oder ein einjähriges Beschäftigungsverhältnis im Ausland würden ihm bei deutlich geringerem Zeitaufwand mehr bringen. Alle Aussagen gelten für den späteren Einsatz auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Versuch eines Befreiungsschlages von mir: Bitte fragen Sie mich nicht nach ganz speziellen Details Ihres ganz speziellen Falles in diesem Zusammenhang. Erstens hat kaum jemand einen totalen Überblick über alle denkbaren internationalen Studienkombinationen, zweites kann eine Geschichte heute falsch sein und gleichzeitig die zentrale Begründung für einen tollen beruflichen Fortschritt in fünf Jahren abgeben – und drittens sind Einzelheiten nicht so wichtig (jedenfalls in der Langzeitbetrachtung).

Kurzantwort:

Auslandsbezug im Lebenslauf wird bereits in der Studienphase (Auslandssemester, Auslandspraktika, Diplomarbeit im Ausland) mehr und mehr erwartet. Grenzen findet diese Orientierung dort, wo auf der Basis bereits abgeschlossener Inlandsstudien im Ausland Ausbildungsphasen angehäuft werden, die man in Deutschland so nicht kombinieren würde.

Frage-Nr.: 1202
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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