Heiko Mell

Zu jung zum Aufstieg?

Frage: Ich bin Dipl.-Ing. TH, 28, und seit weniger als einem Jahr im Beruf. Eingestellt wurde ich wegen als interessant eingestufter Fachpraktika direkt als Assistent eines technischen Leiters in einem Produktbereich eines größeren Unternehmens.
Diese Berufung stieß bei mehreren direkt meinem Chef unterstellten mittleren Führungskräften auf Skepsis.
Im Rahmen einer umfassenden Umstrukturierung könnte ich jetzt übergeordneter Leiter eines größeres Fachbereiches werden. Ich bliebe meinem Chef unterstellt und würde direkter Vorgesetzter der erwähnten Skeptiker. Als Alternative bietet sich eine interessante Projektleitung an.

Antwort:

Im Prinzip ist die Sache ganz einfach:

a) Napoleon hätte ebenso wenig gezögert wie Alexander der Große.

b) Sind Sie Napoleon oder sonst jemand dieses Kalibers?

Wobei noch nicht einmal sicher ist, wie weit diese beiden in einem wohlgeordneten deutschen Großunternehmen gekommen wären (eine reizvolle Frage übrigens). Aber lassen wir das. Beschäftigen wir uns lieber ernsthaft mit den Risiken einer so frühen Ernennung. Ich liste einfach einmal auf:

1. Die Führung, insbesondere die von unterstellten Führungskräften, setzt eine gewisse Persönlichkeitsstärke ebenso voraus wie eine gewisse Sacherfahrung im Metier und eine gewisse Grunderfahrung als Geführter. „Gewisse“ heißt dabei, daß es keine starren Regeln gibt. Aber es herrscht bei Fachleuten Übereinstimmung darüber, daß Sie allein von den Fakten Ihres Lebenslaufes her deutlich(!) unterhalb der Mindestanforderungen liegen.

Letztere gelten schon unter Idealumständen, die hier noch nicht einmal vorliegen. Das Risiko dabei: Sie scheitern und spätere Bewerbungsleser schütteln lebhaft ihre Köpfe. Nicht nur über den Mißerfolg, sondern über den „Wahnsinn“, unter diesen Umständen die Beförderung überhaupt angenommen zu haben („Größenwahnsinnig, der Mann“).

2. Aufstiegskurven sollten, weitere Ansprüche vorausgesetzt, keinen Knick nach unten bekommen. Ihre jedoch liefe von Anfang an so steil nach oben, daß Sie entweder in fünf Jahren Vorstandsvorsitzer sein müßten oder Sie glichen einem Langstreckenläufer, der auf den ersten Kilometern überlegen führt, dann aber ausgebrannt ist und chancenlos hinter dem Feld herkeucht.

Dennoch darf und muß es stets Menschen geben, die Normen durchbrechen es sind jedoch sehr viele bereits beim Versuch gescheitert.

3. Mitarbeiter akzeptieren durchaus einen neuen Chef. Was sollte man auch dagegen tun, sagen sie. Der alte (Chef) ist weg, und irgend jemand mußte ja kommen als neuer. Aber wehe, wenn sich jemand zwischen sie und ihren bisherigen direkten Vorgesetzten schiebt. Das betrachten sie als eine Art Degradierung – die mit allen Mitteln zu bekämpfen ist.

Für Führungskräfte gilt das doppelt. Warum das so ist? Siehe „menschliche Seele“, dortselbst unter „Abgründe/Verborgenes“.

Was würden die „Skeptiker“ also tun? Den neuen, schon als Institution (und bald auch als Mensch) ungeliebten Vorgesetzten ignorieren. An ihm vorbei zum „alten“ Chef vorstoßen, ihm keine oder nicht alle Informationen geben, falsche Anweisungen freudig, richtige schleppend ausführen. Was man halt so macht in solchen Fällen.

4. Führungskräfte, die längere Zeit gebraucht haben, um zu werden, was sie sind, mögen keinen jungen Überflieger, der nur ein Zehntel der üblichen Zeit für das Erringen einer „tollen“ Position braucht. Übliche Reaktion: hinhaltender Widerstand, ignorieren, lächerlich machen („den stutzen wir einmal auf seine natürliche Größe zurecht“).

5. Die „Skeptiker“ waren schon gegen Sie, als Sie bloß Vertrauensperson des gemeinsamen Chefs waren. Damals waren sie ein bißchen eifersüchtig, jetzt aber wären sie richtig verärgert.

6. Ihr Chef kann Sie als Vorgesetzten der „Skeptiker“ installieren und eine Weile stützen. Gibt es aber in Ihrem Zuständigkeitsbereich ständig „Ärger“, werden Sie ihm lästig. Die altbewährten Führungskräfte kann er nicht entbehren. Immerhin sind das die Fachleute; Sie können die vorläufig nicht ersetzen.

7. Wie würde das Rennen wohl ausgehen? Die „Skeptiker“ könnten, ja würden Sie wohl vermutlich „abschießen“. Der Witz dabei: Einen Vorteil hätten diese Führungskräfte nicht davon. Das kann Ihr Chef, kann ein Arbeitgeber nicht durchgehen lassen! Also kommt, nachdem Sie entnervt und nicht freiwillig gegangen sind, ein neuer. Erfahren, stark, durchsetzungsfähig. Und bricht jeglichen Widerstand in drei Monaten. Vielleicht wird auch einer der „Skeptiker“ vorher gefeuert. Nur Sie hätten nichts mehr davon.

Resümee: Der Einstieg in Führungsaufgaben ist schwer genug. Also sei man sehr vorsichtig, sich auch noch ein Feld mit erschwerten Bedingungen dafür auszusuchen. Hier jedoch kommt einfach zu viel zusammen. Daher rate ich Ihnen derzeit zur Projektleitungs-Alternative. Um Facherfahrungen zu sammeln, reifer zu werden, intern als geachteter Partner für schwierige Problemfälle an Ansehen zu gewinnen.

Kurzantwort:

Wenn man ab Berufseintritt etwa alle fünf Jahre um eine volle Stufe befördert wird, reicht das Tempo problemlos aus, um rechtzeitig vor der Pensionierung noch Geschäftsführer oder Vorstand zu werden. Auf diese Intervalle ist das System abgestimmt. Deutliche Verkürzungen sind gefährlich. Es ist wie bei einem gipfelwärts hastenden Bergsteiger, dem keine Zeit für Sicherungsmaßnahmen bleibt. Extrem gefährlich ist der schnelle Aufstieg direkt am Berufsbeginn, wenn persönliche Reife und Erfahrung zwangsläufig noch fehlen.

Frage-Nr.: 1178
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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