Heiko Mell

Wechseln oder auf die Entlassung warten?

Vor drei Jahren habe ich mein Studium in der Regelstudienzeit beendet, Abschlußnote „gut“. Anschließend ging ich für ein Jahr zu einer kleinen EDV-Beratung, bei der ich schon während des Studiums gearbeitet hatte.

Seit nunmehr zwei Jahren bin ich bei einem kleinen Unternehmen als Außendienstmitarbeiter für eine Region tätig. Wir vertreiben technische Produkte für die Industrie. Meine Aufgabe umfaßt u. a. Neukundenaquisition, Stammkundenbetreuung, Beratung bei Projekten, Preisverhandlungen.

Bedingt durch die momentane Rezession haben wir in diesem Jahr einen erheblichen Umsatzeinbruch erlitten, worauf durch die Geschäftsleitung Personalreduzierungen signalisiert wurden, falls keine Besserung eintritt. Ich weiß nicht, ob möglicherweise meine Stelle gefährdet ist und überlege nun, ob ich abwarten oder jetzt schon vorbeugend eine andere Stelle suchen soll. Ich bin jetzt Anfang 30 und möchte, daß mein Werdegang so geradlinig wie möglich verläuft, damit ich mir keine Aufstiegsmöglichkeiten verbaue.

In einem Ihrer letzten Beiträge erwähnten Sie, man müsse ca. fünf Jahre bei einer Stelle bleiben, um nicht den Eindruck zu erwecken, man hätte kein Durchhaltevermögen. Also, was soll ich Ihrer Meinung nach tun.

Antwort:

In den Duden schauen, meine ich. Und einmal nachlesen, wie sich das, was Sie beruflich tun, denn eigentlich so schreibt. Es gibt nämlich Fachleute mit guten und solche mit geringeren Fähigkeiten aber traue nie einem Akademiker, der das, womit er sein Geld verdienen will, nicht richtig schreiben kann.

Soweit ich das festellen konnte, gibt es überhaupt keine Aquisition. Jedenfalls nicht in der deutschen und nicht einmal in der englischen Sprache. Bei uns ist das eine Akquisition. Ich weiß auch nicht, wie das „k“ dahingekommen ist, auch mache ich die Regeln der Rechtschreibung nicht persönlich. Aber das „k“ ist nun einmal da. Und wer den Beruf des Akquisiteurs ausübt, sollte ihn ich wiederhole mich auch schreiben können.

Bei der Gelegenheit: Können Sie sich vorstellen, warum ich gerade bei den jüngeren Lesern keine Beliebtheitsquote von 100% erreiche? Mir jedenfalls fällt eigentlich kein Grund dafür ein. Ich helfe doch, wo ich kann. Denn Sie, beispielsweise, werden jetzt bis an Ihr Lebensende wissen, warum man jenes Wort im Wörterbuch nur findet, wenn man weiß, daß man unter“Ak“ suchen muß. Undank ist der Welt Lohn immer schon gewesen.

Und ebenfalls bei der Gelegenheit: Auch in den Bewerbungen von Akademikern sieht es immer ein bißchen scheußlich aus, wenn sie ihre Profession nicht richtig schreiben können. Was häufig vorkommt, sonst würde ich nicht so engagiert darauf eingehen.

Da wir gerade dabei sind: „Also, was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“ ist nicht direkt böse, aber doch ein bißchen provozierend formuliert. Und wer sich ein bißchen provoziert fühlt, könnte durchaus einmal entsprechend reagieren. Ich natürlich nicht, keine Frage. Aber, so sagt Schiller, (in der Glocke): „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, …Guter Mann, das (der Schiller).

Zu den fünf Jahren: Arbeitgeber bevorzugen neu eingestellte Mitarbeiter, bei denen sich die Einarbeitung und die gesamten Beschaffungskosten „lohnen“. Außerdem bringen neue Leute Unruhe ins Team, sind Risiken; Wechsel machen Kunden nervös etc. Aber es scheidet ja kein hochmotivierter Mitarbeiter schlagartig aus.

Dieser Prozeß läuft etwa so ab:

1. Phase: Frustration, erst beginnend, dann stärker. Mehr und mehr kommt der Mitarbeiter zu der Erkenntnis, daß hier seines Bleibens nicht sein sollte (Tätigkeit, Aufstieg, Chef, Geld etc.). Am Ende dieser Phase steht der Entschluß: Ich gehe hier weg.

2. Phase: Suche nach der neuen Position. Beginnt mit dem Blick in die Zeitung, umfaßt den gesamten Bewerbungsprozeß und endet mit der Vertragsunterschrift. Nun will er gehen, nun kann er gehen, aber noch darf er nicht gehen es folgt die

3. Phase: Abwarten der Kündigungsfrist. Drei Monate zum Quartalsende oder sechs Monate zum Monatsende sind bei entsprechenden Positionen durchaus üblich.

Das alles bedeutet: Zwischen Dienstantritt und Austritt bei einem Arbeitgeber liegen vier Phasen (Einarbeitung vorn + 3 am Ende), in denen man durchaus behaupten könnte: Hier bekommt der Arbeitgeber nicht die volle Leistung für sein Geld. Wer geht schon hochmotiviert, voller Ideen und Schwung zur Arbeit, wenn er täglich mit dem Gedanken ringt, die Firma zu verlassen. Oder wenn er täglich Bewerbungen schreibt, zu Vorstellungsgesprächen fährt oder sogar schon gekündigt hat.

Bei halbwegs anspruchsvollen Positionen für karriereinteressierte Akademiker darf man diese vier Phasen sicher mit je sechs Monaten ansetzen. Also sind das zwei Jahre(!), die man von der auf dem Papier stehenden Dienstzeit abziehen muß, um die „Kernzeit“ zu erhalten, in der für das volle Gehalt(!) auch voll gearbeitet wurde. Daß dies eine stark vereinfachende, zum Zweck der Anschaulichkeit so gewählte Betrachtung ist, muß nicht erwähnt werden.

Dem Arbeitgeber wird man das Ansinnen nicht abschlagen, die zumindest theoretisch „voll“ abgeleistete Dienstzeit (voll von Motivation, Schwung und Elan) möge zumindest jene vier Phasen mit „teilweise“ erbrachtem Einsatz ein bißchen überschreiten und das beginnt so etwa bei fünf Jahren (drei „volle“ + jene zwei „eingeschränkt vollen“ Jahre).

Diese fünf Jahre pro Arbeitgeber sollten es also schon sein. Als Ausnahme werden bei jungen Berufsanfängern auch zwei bis drei Jahre beim ersten(!) Arbeitgeber einmalig(!) zugestanden.

Wer jene fünf Jahre (die nicht sklavisch eng zu sehen sind; vier und dann wieder einmal sieben bis neun gehen in Ordnung) nicht bringt, fällt bei Bewerbungsanalysen zunächst einmal auf. Das heißt nicht automatisch „Absage“, das bedeutet aber eine im Kopf des Analytikers angehende Warnlampe, erhöhte kritische Aufmerksamkeit bei der Wertung aller Details, insbesondere die Suche nach Zwischentönen in Zeugnissen.

Da jeder jederzeit in die Lage versetzt werden kann, unfreiwillig (wie im hier vorgelegten Beispiel unseres Fragestellers) den Arbeitgeber wechseln zu müssen, sollte man mit freiwillig durchgeführten Wechseln sehr vorsichtig umgehen. Wer klug ist, überzieht nicht ohne Not sein entsprechendes „Konto“ indem er etwa jeweils gleich bei den kleinsten Schwierigkeiten zum Radikalmittel „Kündigung“ greift. Die Firmen (Bewerbungsempfänger) suchen Mitarbeiter, die mit Problemen fertigwerden und keine, die augenscheinlich immer gleich das Handtuch werfen, wenn etwas bei dem selbst ausgesuchten(!) Partner nicht so läuft wie gehofft.

Bliebe noch das Problem „schuldig“ oder „unschuldig“. Konkret: „Ich konnte gar nichts dafür, die ganze Abteilung wurde geschlossen“ ist das nun eine akzeptierte Ausrede oder nicht? Zunächst einmal ist es eine Ausrede. Das Problem dabei: Jeder bringt eine, niemand mag sie mehr hören. Die eigenen Kinder haben sie bei schlechten Noten, Mitarbeiter haben sie bei Fehlern, schwachen Leistungen, Unpünktlichkeiten, Chefs haben sie bei ihrem Fehlverhalten selbstverständlich auch.

Dann sind sie nicht nachprüfbar. Papier, auch Zeugnispapier, ist geduldig. Außerdem widersprechen Mißerfolge jeder Art dem Erfolgsprinzip. Auch die Aktionäre eines Unternehmens wollen Erträge, nicht gute „Ausreden“ für Verluste. Fußballfreunde wollen EM-Siege, nicht gute Erklärungen für Niederlagen. Hinzu kommt noch ein Argument, das man nicht unterschätzen darf: Wer beispielsweise zehn Berufsjahre mit ständigen Wechseln zugebracht hat warum auch immer ist schließlich daran gewöhnt. Ihm fehlt völlig die Erfahrung, wie es ist, einmal längere Zeit irgendwo „durchzuhalten“, er wird so weitermachen wie bisher!

Daher gilt: Der Bewerber mit soliden, längeren Dienstzeiten pro Arbeitgeber hat in jedem Falle einen Vorteil gegenüber dem Häufigwechsler, ob dieser nun freiwillig so oft gekündigt hat oder nicht: Er hat seine Bereitschaft und vor allem seine Fähigkeit zum Durchstehen einer längeren Dienstzeit bei einem Unternehmen unter Beweis gestellt. Der andere kann sie nur behaupten.

Zum konkreten Fall: Sie, geehrter Einsender, liefern ein durchaus eindrucksvolles Beispiel für meine stete Warnung: Wechseln Sie nicht nach kurzer Dienstzeit ohne echte Not es könnte beim neuen Arbeitgeber alles noch schlimmer kommen. Wie eben bei Ihnen, wo es beim zweiten Arbeitgeber letztlich schlimmer kam als beim ersten.

Nun wäre für Sie bei einem erneuten Wechsel ja nicht „alles aus“. Der Markt würde vermutlich wegen des ersten sehr schnellen Wechsels ein Auge zudrücken („1993 konnte man nicht groß wählen“) und jetzt vermutlich die „betriebsbedingten Gründe“ eventuell noch akzeptieren. Schlecht dabei: Ein „wegen Umsatzrückganges“ entlassener Außendienstmitarbeiter argumentiert haarscharf am Abgrund vielleicht lag es ja (auch) an seinen Fähigkeiten.

Mein Rat lautet: Versuchen Sie, so lange wie möglich zu bleiben, arbeiten Sie hart und „rackern“ Sie so, daß Ihre Chefs das anerkennen. Parallel dazu sollten Sie den Arbeitsmarkt sorgfältig beobachten, stets die Stellenangebote lesen, gezielt einzelne Bewerbungen schreiben, sich laufend Alternativen erarbeiten. Tritt die Katastrophe beim heutigen Arbeitgeber dann ein, könnten Sie nahtlos „auf eigenen Wunsch“ wechseln. Für den späteren Betrachter Ihres Werdeganges hätten Sie dann „nur“ zu oft gewechselt. Warten Sie bis zur Entlassung, hätten Sie das praktisch auch und müßten sich zusätzlich mit dem Verdacht herumschlagen, daß kein(!) Unternehmen jemals die erfolgreichsten Außendienstler zuerst entläßt (Sozialauswahl hin oder her).

Und für die anderen Leser ein Hinweis: Die Leute gehen zur Tagesordnung über, wenn ich sage, sie sollten beispielsweise ihren Chef nicht beschimpfen. Aber sie reagieren stets sehr ärgerlich, wenn man ihnen sagt, sie sollten in ihrem eigenen Interesse nicht so oft den Arbeitgeber wechseln. Sofern also gerade Sie sich ebenfalls ärgern: Ich kenne den Effekt schon (tue meine Aufklärungspflicht natürlich dennoch).

Kurzantwort:

Wer eigentlich wegen zu kurzer Dienstzeiten derzeit besser nicht wechseln sollte, aber von Entlassung bedroht ist, sollte eine Doppelstrategie verfolgen: intern alles tun, um so lange wie möglich dabeibleiben zu können, gleichzeitig aber stets ein waches Auge auf den Arbeitsmarkt werfen, um im Notfall relativ schnell und noch „auf eigenen Wunsch“ wechseln zu können.

Frage-Nr.: 1154
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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