Heiko Mell

Das „akademisch unbeleckte“ Elternhaus

Frage: Als Sprößling eines akademisch unbeleckten Elternhauses einschließlich aller Freundeskreise und Kontakte fehlte mir jeder Hintergrund dieses Berufslebens. Deshalb kam ich oft auch gar nicht auf die Idee, ich wüßte etwas Wichtiges nicht. Ich ging davon aus, daß man im Studium eben alles mitkriegt, was man zum Beruf braucht.

Antwort:

Bewußt habe ich diese Aussage, die zu einer ausführlichen Frage gehört, hier verselbständigt. So kann ich diesen sehr wichtigen Komplex separat behandeln er verdient diese Aufmerksamkeit.In Vorstellungsgesprächen frage ich die Bewerber stets nach dem Beruf der Eltern. Mir geht es einfach darum, die Ausgangssituation des Kandidaten zu kennen. Nur auf dieser Grundlage läßt sich sein Weg über Schule, Studium und die ersten beruflichen Schritte richtig beurteilen.

Dabei ist um einer oft erlebten Fehleinschätzung hier vorzubeugen ein elterliches „Viel“ keinesfalls stets positiv, ganz im Gegenteil: Eine hohe Ausgangsbasis führt auch zu hohen Erwartungen, erst beim Schulabschluß, dann beim Studium und später im Beruf. Es ist schon ein Unterschied, ob das Kind eines Oberstudiendirektors die Realschule besucht oder der Sprößling eines Facharbeiters, ob der Sohn eines Vorstandsvorsitzenden mit 40 Jahren Gruppenleiter ist oder der eines Fabrikarbeiters.

Das Ziel dieses Beitrages nun ist es, Problembewußtsein zu wecken bei denjenigen Kindern, deren Eltern ihnen nichts über Studium und spätere Berufsplanung und -gestaltung mitgeben konnten. Das hat kaum etwas mit dem Niveau der elterlichen Bildung und dem erreichten beruflichen Status zu tun, es geht schlicht um Kenntnisse aus dem Metier, in das der Bewerber hineinstrebt.

Ein Ministerialdirektor ist ein Mann, der es zu etwas gebracht hat. Ob er aber seinem Kind, das eine Industriekarriere anstrebt, hilfreiche konkrete Ratschläge in Sachen Studienwahl, Bewerbung, Startposition, Verhalten im Betrieb geben kann, muß doch bezweifelt werden.

Letztlich steckt der Kern des Problems in der Aussage unseres Einsenders: „Ich kam gar nicht auf die Idee, ich wüßte etwas Wichtiges nicht.“ Wer nichts vermißt, sucht auch nicht; wer nicht fragt, bekommt keine Antworten.

Schwierig wird es immer dann, wenn Eltern durch ein völlig anderes berufliches Umfeld geprägt sind und bewußt oder unbewußt ihren Kindern damit ein „falsches“ Denkschema mit auf den Weg geben.

Mit Beispielen könnte man ganze Bücher füllen, ich will mich auf zwei beschränken:

1. Die falsche Prägung: Für Eltern, die nicht studiert haben und auch nicht in einem entsprechenden Umfeld beruflich tätig sind, ist ein Studium nicht nur etwas Besonderes, es ist das Zentrum aller Bemühungen um ihr Kind schlechthin. Der Weg wird zum Ziel, ein akademischer Status des Nachwuchses ist der Mittelpunkt allen Denkens.

Über die dreizehn langen Jahre bis zum Abitur und die folgenden sechs bis zum Dipl.-xx hinweg prägt diese Einstellung das Kind. „Wenn du erst dein Examen besitzt, hast du es geschafft.“ Folgerichtig konzentriert sich der junge Mensch voll auf dieses zentrale und einzige Ziel. Dabei übersieht er, daß er zwar damit für die Ausgangslage viel erreicht hat, absolut gesehen aber nur einen von Tausenden von Berufsanfängern darstellt, der jetzt nicht etwa „fertig“ ist, sondern nun anfangen muß mit sorgfältiger Planung und gezielter Realisierung des Berufserfolges.

Wobei er völlig neues Wissen um Zusammenhänge braucht, die an der Universität gemeinhin nicht gelehrt werden und von denen er gar nicht weiß, daß es sie überhaupt gibt.

2. Die zielorientierte Prägung: Ein junger Mann, der Vater ist Manager in der freien Wirtschaft, arbeitet neben dem Studium als freier Mitarbeiter in einem kleineren Unternehmen. Außer ihm gibt es nur noch einen auch freien Mitarbeiter dort, der ein bestimmtes Spezialgebiet fachlich beherrscht (nehmen wir einmal an, die beiden seien DV-Experten).

Eine zentrale Urlaubsplanung gibt es dort nicht, außerdem sind die beiden halt „freie“ Mitarbeiter. Natürlich legen sie was schiefgehen kann, geht schief ihre Ferien deckungsgleich.Unser väterlich vorgeprägter Student erfährt das, denkt eine Weile nach und verlegt aus eigenem Entschluß die bereits geplante Auslandsreise. Stolz berichtet er das zu Hause: „Ich konnte die dort doch nicht hängenlassen“, meint er großzügig.“Gut gehandelt, aber falsches Motiv“, grinst der Vater. „Denn siehe, du warst in großer Gefahr. Hätten die einen Fachmann während eures Urlaubs gebraucht, hätten die halt einen dritten aufgetan. Und wenn der gut gewesen wäre, hättest du vielleicht später weniger oder gar nichts mehr zu tun gehabt und verdienen können. Es war also eigentlich blanker, richtiger Selbstschutz, was du getan hast. Und nun gehe hin und verkaufe es denen als soziale Tat.“

Verblüfft erkennt der Nachwuchs, daß er noch immer dazulernen muß oder kann, je nach Einstellung. Aber er lernt, in den richtigen Kategorien zu denken.

Resümee: Studium ist nicht alles; es gibt „da draußen“ vieles, wovon man im Hörsaal nichts erfährt. Wer das Glück hat, durch kundige Eltern vorbereitet zu werden, sollte aufmerksam zuhören. Wer nicht hören will (häufig!) oder wem Eltern nichts sagen können, der muß sich kümmern. Möglichkeiten gibt es, man denke nur an diese Serie und die zehn allein daraus resultierenden Bücher.

Kurzantwort:

Die erfolgreiche Bewährung im Berufsleben erfordert ein Wissen über die entsprechenden „Spielregeln“, das im Studium praktisch nicht vermittelt wird. Wer kundige Eltern hat und bereit ist zuzuhören, bekommt einen Informationsvorsprung. Die anderen müssen aktiv nach Informationen suchen.

Frage-Nr.: 1141
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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