Heiko Mell

Wann beginnt die Betriebsblindheit?

Jede Woche verfolge ich gespannt und manchmal amüsiert Ihre Antworten.
Vielen Dank!

Seit Ende meines Studiums bin ich nunmehr ca. 9 Jahre bei einem Arbeitgeber als Vertriebsingenieur und Projektleiter beschäftigt. Die Aufgaben sind durch die umfassende Kundenbetreuung und die technische Abwicklung komplexer Projekte sehr interessant und machen mir viel Freude. Mit dem Vorgesetzten und den Kollegen habe ich ein ausgezeichnetes Verhältnis.

Aber dennoch sehe ich die Gefahr, daß sich durch zu lange Betriebszugehörigkeit eine gewisse „Blindheit“ einstellt. Da ich keine Karriereambitionen hege, fehlt mir zu einem Wechsel derzeit die Motivation. Trotzdem möchte ich mir die Möglichkeit eines Wechsels offenhalten (wer weiß, was noch kommt!). Nach wie vielen Jahren sollte man spätestens gewechselt haben, um nicht als „Firmenblinder“ für andere Arbeitgeber uninteressant zu werden?

Antwort:

Mein erster Arbeitgeber nach dem Studium war ein Konzern mit 30000 Mitarbeitern. Und er hatte eine Werkszeitung. Als während meiner Einarbeitung im Personalwesen nichts Besseres anlag, durfte ich auch daran einmal mitwirken. Wer nun denkt, jetzt folgt eine Geschichte über einen flammenden Artikel, der mich mit einem Schlag berühmt oder wenigstens berüchtigt gemacht hätte, der irrt.

Gewollt hätte ich schon und vielleicht sogar ein bißchen gekonnt. Aber gelassen hat man mich nicht. Zeitungen mögen keine selbsternannten Nachwuchstalente, sie suchen nach „anderswo bereits bewährten Kräften“. Oder sie lassen sie so klein anfangen, daß ihnen die Lust vergeht.

Also durfte ich ganz knappe Texte schreiben, die unter die Fotos der in diesem Quartal öffentlich zu ehrenden Jubilare gesetzt wurden. Dazu mußte ich Personalakten lesen, mit dem Vorgesetzten sprechen, das Wesentliche treffen und durfte den Jubilar nicht verärgern (damals freute der Arbeitgeber sich noch über Betriebstreue und hielt sie für einen unverzichtbaren Baustein des Unternehmenserfolges).

Was macht man als Nachwuchsschreiber zuerst? Man schaut, was denn gemeinhin so geschrieben wird in solchen Fällen. Schließlich muß man die Norm kennen, bevor man eigene Wege geht. Denn das nun wollte ich, so etwa 22 Jahre alt, unbedingt. Die erste gelesene Bildunterschrift aus der vorangegangenen Ausgabe hat sich mir unauslöschlich eingeprägt, so erschüttert war ich.

Da stand: „Max Müller, geb. am… Er trat vor fünfundzwanzig Jahren als Gußputzer bei uns ein und ist heute noch dort tätig.“ Ende der Würdigung, mehr an Wohlwollendem war nicht aufzutreiben gewesen (schlecht formuliert war es auch noch).

Damals verstand ich es nicht nur nicht, ich mochte es nicht einmal glauben. Heute weiß ich, daß es so etwas gibt, am Verständnis mangelt es mir allerdings noch immer ein bißchen.

Später erst wurde mir klar, daß andere schon vor mir ähnlich gedacht hatten: „Ein sechzigjähriger Mann ward unlängst beigesetzt: Er kam auf diese Welt, aß, trank, schlief, starb zuletzt“, sagt Gryphius schon 1718. Gellert macht daraus später: „Er ward geboren, er lebte, nahm ein Weib und starb.“ Seither bin ich für diesen Aspekt sensibilisiert.

 

Zum Thema:

Ob er nun lebenslang die gleiche Arbeit verrichten mag oder nicht, ob er Ehrgeiz hat, den Kopf ein bißchen aus der Masse stecken will, ist zweifelsfrei von jedem Menschen selbst zu entscheiden. Niemand sollte ihn dafür kritisieren. Nur bei der Beurteilung von Leuten, die etwas wollen(!), einen Job beispielsweise, wertet der Arbeitgeber auch diesen Punkt. Wobei ich hier die für Akademiker geltenden Maßstäbe in den Mittelpunkt stellen möchte. Da sind mehrere Aspekte zu beachten:

1. Die reine Betriebszugehörigkeit pro Arbeitgeber.

Hier prägt, so unterstellt man, unabhängig von allen anderen Details der Firmenstil des Mitarbeiters Denken. „Immer nur Müller & Sohn“ oder ebenso kritisch „immer nur die ABC AG“, das schleift die automatischen Verhaltensweisen, die Maßstäbe, die Vorgehensweise jedes Jahr ein bißchen tiefer ein. „So also macht man das hier“, sagt der Neuling im Hause, „so macht man das“, sagt der Jubilar mit fünfundzwanzigjähriger Betriebszugehörigkeit zum gleichen Tatbestand.

Merken Sie den Unterschied? Letzterer hat „hier“ weggelassen ein kleines Wort steht für eine ganze Dimension des Denkens. Das Wissen um das, was „hier“ anders ist als anderswo, macht einen wesentlichen Teil der Gesamtqualifikation des Angestellten aus.

Und es ist in der Tat erstaunlich, wie ähnlich sich die Firmen in vielen und wie verschieden sie in anderen Details doch sind. Man muß halt jederzeit einordnen können, ob etwas „hier“ so ist wie überall oder schlicht anders, ob Änderungsabsichten eine Chance haben oder nicht.

Wie leicht man verallgemeinert, zeigt folgende Episode aus der Welt der Wissenschaft. Er habe, schreibt der Forscher in seinem Bericht aus dem Urwald, offenbar einen bisher völlig unbekannten Eingeborenenstamm entdeckt. Und schildert: „Die Angehörigen dieses Stammes haben eine Eigenart, die bisher noch bei keinem anderen Volk beobachtet wurde: Wo sie auch gehen, sie tun es stets und ausschließlich im Gänsemarsch.“ Korrekt ergänzt er per Fußnote: „Jedenfalls der eine Eingeborene, den ich sah, ging so.“

Die Befürchtung potentieller neuer Arbeitgeber, ein Bewerber könnte durch eine zu lange Dienstzeit bei einem Unternehmen einseitig vorgeprägt und dabei seiner natürlichen Flexibilität verlustig gegangen sein, beginnt so ganz leise bei 10 Jahren, wird stark ab 15 und geht bis zur Ablehnung allein aus diesem Grund ab 20 Jahren. Die Abneigung nimmt zu, je mehr die Kreativität, die sachliche und/oder organisatorisch gestaltende Kraft des Positionsinhabers gefragt ist. Das z. B. ist stets bei Führungskräften der Fall.Achtung: Es gäbe diese Vorbehalte nicht, hätte man nicht in der Praxis mit entsprechenden Bewerbern schlechte Erfahrungen gemacht: Die Analyse von Lebensläufen zeigt eindeutig, daß nach sehr langer Betriebszugehörigkeit extrem oft eine sehr kurze folgt (oder zwei, sogar drei). Eben weil der Mitarbeiter sich nicht mehr umgewöhnen konnte.

 

2. Während einer Betriebszugehörigkeit kann es im Berufsweg sehr eintönig oder besonders abwechslungsreich zugehen. Ersteres geht in Richtung meines Gußputzers (was mich damals erschreckt hat, aber für diese Tätigkeitsgruppe hier nicht kritisiert werden soll), letzteres beinhaltet die Übernahme höherer Verantwortung, Beförderungen, Abteilungswechsel etc. Beruflich positiv zu wertende Veränderungen nun schwächen die Bedeutung der langen Betriebszugehörigkeit etwas ab, eine gleichbleibende Tätigkeit verstärkt sie.

 

3. Unabhängig von allem anderen gilt: Nach deutlich mehr als 5 Jahren unveränderter Tätigkeit sind (weitere) Aufstiege immer schwerer durchzusetzen man koppelt sich vom Zug ab, der nach oben fährt (ein Beispiel, das kaum in die Geschichte eingehen wird: Wann wären Züge je nach „oben“ gefahren aber wie koppelt man sich ab z. B. von den besser ins Bild passenden Aufzügen? Schreiben ist mitunter auch nicht so leicht, wie es hinterher aussieht).

Das alles bedeutet für Sie, geehrter Einsender: Ein paar Jahre können Sie Ihre heutige Tätigkeit schon noch weiterführen. Dann jedoch sollten Sie zur Erhaltung Ihres Marktwertes doch um eine Ihre Flexibilität beweisende Veränderung bemüht sein. Eine interne reicht zunächst aus.

Kurzantwort:

Die auch von potentiellen neuen Arbeitgebern (Bewerbungsempfängern) geschätzte Betriebstreue beginnt ab etwa 10 Jahren Zugehörigkeit so langsam in Ablehnung umzuschlagen. Der Aspekt wird verstärkt, wenn über die gesamte Zeit die gleiche Tätigkeit ausgeübt wurde.

Frage-Nr.: 1135
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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