Heiko Mell

Entlassung kurz nach der Beförderung

Frage: Nach jahrelangem Lesen der Karriereberatung versuche ich immer, die Ihnen gestellten Fragen vorab zu beantworten. Aus dem Vergleich der Ihrigen mit meiner Antwort leite ich meinen „Lernerfolg“ ab.
Angeregt durch Ihre Beantwortung von Fragen mit der Kernaussage „Man wird besser nicht entlassen“, möchte ich Sie bitten, die folgende Situation zu beurteilen:
Nach Studium (Maschinenbau) und Promotion arbeite ich seit einigen Jahren bei meinem ersten Arbeitgeber (Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern in Deutschland). Vor kurzer Zeit bin ich zum Gruppenleiter befördert worden.Aufgrund der wirtschaftlichen Lage wird es in Kürze zu einem Sozialplan kommen. Ich bin verheiratet und habe ein Kind.
Wegen der Unternehmenssituation und Ihrer Kernaussage „Man kündigt selbst“ muß ich sofort in den Bewerbungsprozeß einsteigen. Die Beförderung zum Gruppenleiter mit Führungsverantwortung ist sicherlich ein Plus. Beim Unternehmenswechsel wäre sie jedoch nur von kurzer Dauer und die Eignung zur Führung wäre nicht beurteilbar. Wie ist die Situation zu beurteilen?

Antwort:

Als Trost für Sie: Auch wenn Sie fremde „Problemfälle“ stets optimal beurteilen könnten in eigener Sache hilft das alles gar nicht. So habe ich stets befürchtet, selbst noch einmal eine Bewerbung schreiben zu müssen, nachdem ich öffentlich als Fachmann in dieser Frage auftrete. Da wäre sicher etwas „Schönes“ dabei herausgekommen.

Der Kern meiner Aussage „Man wird besser nicht entlassen“ ist pure Hilflosigkeit. Soll heißen, daß es Dinge gibt, die geschehen besser nicht. Im vorliegenden Fall liegt das besondere Problem darin, daß die „Spielregeln des Berufslebens“ stets davon ausgehen, daß es eben nicht so „kommt“.

Ein Beispiel: Nach 27 Jahren mit reiner oder überwiegender Angestelltentätigkeit bin ich seit einiger Zeit selbständig. Da kann man nicht mehr entlassen werden, aber in Konkurs gehen, beispielsweise. Fragt nun ein Selbständiger: „Was mache ich, wenn ich Konkurs anmelden muß?“, dann heißt es: „Man geht besser nicht in Konkurs.“ Viel mehr ist nicht zu sagen zum GAU des Berufslebens.Nun zu Ihnen und Ihrem Problem:

1. Man läßt sich schon deshalb nicht Zeit bis zur Entlassung, weil man damit nur (passiv) abwarten und auf die Kündigungsdrohung starren würde wie das Kaninchen auf die Schlange. Wer abwartet, fängt eben auch erst am Tage der Kündigung mit der Bewerbungsaktion an. Damit gäbe er das so wichtige „Gesetz des Handelns“ aus der Hand: Zeitpunkt des Aktionsbeginns und zur Verfügung stehende Zeitdauer (Kündigungsfrist) wären vollständig fremdbestimmt! („Bauen Sie immer erst Hochwasserdämme, wenn Ihr Keller längst unter Wasser steht?“)

Noch viel schlimmer: In sehr kurzer Zeit mit einem sich zufällig ergebenden Starttermin der Aktion findet man nicht die „Traumposition“, sondern nur ein zweitklassiges Engagement. Das ist vielfach unter Beweis gestellt worden. Sie müßten dann aus dem folgenden Engagement auch bald wieder „aussteigen“, weil es auf Dauer nicht taugt und haben dann schon zwei „nicht erfolgreiche“ Anstellungen nacheinander zu „erklären“.

Am allerschlimmsten: Die Sache wird zwangsläufig „aktenkundig“ irgend etwas Kritisches steht im Zeugnis. Auf jeden Fall eben nicht das so erstrebenswerte „Ausscheiden auf eigenen Wunsch“, danach folgt im Lebenslauf vielleicht sogar Arbeitslosigkeit. Das ist stets auch ein Fleck auf der Weste. Und wie beim „richtigen“ Fleck auf einer „richtigen“ Weste gilt: Rotwein ist Rotwein; wer den da raufgekippt hat, ob Sie nun die Schuld tragen oder ein anderer, ist primär nicht wichtig.

Die Leute unterschätzen diesen Aspekt „aktenkundig“ immer. Weil sie denken, sie hätten eine gute „Ausrede“. Gefragt ist der Erfolgsmanager ob er dafür eine Erklärung hat oder nicht, ist gleichgültig. Gefragt ist aber nicht der Mißerfolgsmanager ob der dafür eine Erklärung hat oder nicht, ist ebenfalls gleichgültig. Das Leben ist halt nicht „gerecht“ ist es nie gewesen.

Und die Leute unterschätzen den Aspekt „Zukunft“. Niemand weiß, was noch alles geschieht in einem Berufsleben. Und (aller-) spätestens nach der dritten, wohlbegründeten „Entlassung aus betriebsbedingten Gründen“ zweifelt auch der dickfelligste Bewerbungsleser an der Qualifikation des Kandidaten.

 

2. Für eine Bewerbung braucht man eine Motivation. Der Empfänger will wissen, warum dieser Mensch sich jetzt bewirbt (bei der Gelegenheit, liebe Leser: nicht, niemals, überhaupt nie, weil „meine Qualifikation absolut mit Ihrem Anforderungsprofil übereinstimmt“ wenn eine frischverheiratete junge Frau stets jeder fremden Offerte folgte, nur weil sie genau ist, was andere Männer gerade suchen, würde sie eine Menge Probleme bekommen).

Sie, geehrter Einsender, haben eine Super-Begründung: „Bei meinem Arbeitgeber droht ein Sozialplan.“ Das entlastet Sie von der Verpflichtung, irgendwelche weiteren Gründe suchen zu müssen, warum Sie sich überhaupt bewerben. Denn die Hauptfrage lautet immer: „Warum will der da weg?“

 

3. Der Zeitpunkt ist für Sie selbstverständlich nicht günstig, das ist er in solchen Fällen aber nie. Immerhin haben Sie die erforderlichen Mindestjahre beim ersten Arbeitgeber aufzuweisen. Nur die seit der Ernennung zum Gruppenleiter verstrichene Zeit ist leider zu kurz.

Aber: So schlimm ist das auch wieder nicht. Denn:

Sie würden sich ja wieder um eine Gruppenleiterposition benühen (ersatzweise wegen der schlechten Zeiten und des allerorten „geleanten“ Managements auch um eine Projektleiter-, Teamleiterposition etc.). Bei der Bewerbungsaktion, an der Sie teilnehmen, besteht ein Wettbewerb und den müssen Sie gewinnen. Nur besser als die anderen müssen Sie sein, sonst nichts. Nicht einmal gut nach absolutem Maßstab.Wer und was aber sind Ihre Mitbewerber? Teilen wir sie in Gruppen auf:

a) reine Sachbearbeiter ohne jede Ernennung, die nun extern ihre Beförderung realisieren wollen; deren Potential hat noch niemand bestätigt die müssen sich extern bewerben, weil sie intern nichts „werden“ konnten (obwohl oder weil man sie dort gut kannte); Chancen dieser Gruppe: 5 von 10 Punkten.

b) Gruppenleiter, die seit mindestens drei bis fünf Jahren im heutigen Unternehmen Gruppenleiter sind; kaum ein Unternehmen kann der Versuchung widerstehen, die einzuladen; aber wie wahrscheinlich ist es, daß davon viele (und darunter wieder gute) Bewerber dabei sind? Warum sollte ein derart „dienstälterer“ Gruppenleiter wechseln, nur um woanders wieder Gruppenleiter werden zu wollen den müßten wir eher bei den Kandidaten für eine Abteilungsleiterposition suchen; Chancen dieser Gruppe: 10 von 10 Punkten aber extrem geringe Wahrscheinlichkeit des Auftretens im Feld (es sei denn, es gibt gerade anderswo viele Sozialpläne und auch viele Gruppenleiter, die gar nicht Abteilungsleiter werden wollen).

c) bleiben Bewerber wie Sie frisch ernannte, gerade noch in der Einarbeitung befindliche Gruppenleiter; ein Unternehmen, das diese Kandidaten kannte, hat sie für „würdig“ befunden, sie haben immerhin schon ein bißchen „geübt“ in der neuen Position. Chancen dieser Gruppe und mithin Ihre: 7 8 von 10 Punkten.

 

4. Für den ungünstigen Zeitpunkt gilt, daß er nur unter Langfristaspekten ungünstig ist: Sie müssen mitten in Ihrer Karriere den Job und den Ort (ohne Umzug geht das nicht!) wechseln, ohne daß in der Laufbahn ein Fortschritt daraus wird. Und während Sie in der „alten“ Firma nach drei Gruppenleiterjahren hätten gehen und sich anderswo um eine Abteilungsleiterstelle hätten bemühen können, müssen Sie in der neuen erst einmal wieder Ihre fünf Jahre (als Grundregel) durchstehen.

Kurzfristig jedoch, rein unter dem Aspekt der Existenzsicherung, ist die Situation nicht so schlimm wie sie aussieht: Ihre Chancen auf dem Markt sind recht gut, durch die schon vollzogene Ernennung sind sie besser als sie es ohne wären.

 

5. Konkret sollten Sie folgendes tun:Sie sollten einerseits in den Bewerbungsprozeß einsteigen, Gründe dafür haben Sie. Andererseits sollten Sie nicht vorschnell irgendwo unterschreiben, sondern eher zurückhaltend operieren, abwarten. Abwarten, was hausintern (beim heutigen Arbeitgeber) geschieht. Vielleicht macht man nicht alles zu, sondern nur einen Teil. Vielleicht werden Sie gar nicht entlassen. Dann gewinnen Sie zeitlichen Spielraum.Aber für den Ernstfall sollten Sie auf ein externes Angebot zurückgreifen können. Denn selbst gegangen zu sein und einen Grund gehabt zu haben, ist auch aus späterer Sicht immer eine ganze Stufe besser als „gegangen worden“ zu sein und eine gute Erklärung vorlegen zu können.Ach ja, bliebe die Abfindung. Mitnehmen mit 58, wenn ohnehin nichts mehr geht. Aber „heißes Geld“, wenn man noch so jung ist wie Sie. Leben können Sie davon ohnehin nicht. Zu Ihrer Ehre sei’s gesagt: Sie hatten gar nicht danach gefragt.Ich glaube, Sie werden es packen. Der wichtigste Rat: Ohne Umzug geht es nicht!

Kurzantwort:

1. Bei drohender Entlassung ist passives Abwarten keine Lösung; in jedem Fall sind Bewerbungsaktivitäten zu starten.

2. Der Arbeitgeberwechsel kurz nach einer Beförderung ist zwar unter strategischen Karriereaspekten nachteilig, im Hinblick auf das taktische Problem der kurzfristigen Existenzsicherung jedoch eher nur lästig.

Frage-Nr.: 1131
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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