Heiko Mell

Nach Paris der Liebe wegen?

Frage: Ich studiere Verfahrenstechnik an der TU …. Während meines Studiums habe ich mich aus persönlichen Gründen sehr stark in Richtung Osten, d. h. Polen, orientiert. Ich war häufig Gast in diesem Land, habe Sprachkurse besucht und dort auch mein Grundpraktikum absolviert.
Diese eindeutige Tendenz möchte ich in meine Arbeitsplatzsuche einbinden. Aus diesem Grund denke ich über eine Tätigkeit für einen deutschen oder anderen westlichen Produzenten in Polen nach.
Ein Jahr vor dem Abschluß meines Studiums beginne ich erste Kontakte zu möglichen Arbeitgebern zu suchen. Leider habe ich bisher noch keine Unternehmen gefunden, welche Ingenieure für diesen Zweck suchen.
Meine Frage ist also erst einmal, ob es überhaupt sinnvoll wäre, als Berufsanfänger sofort eine Anstellung im Ausland anzustreben. Vielleicht sind ja erst ein paar Jahre Erfahrung im Inland notwendig, bevor man den Aufgaben im Ausland gewachsen ist.
Wie bekommt man möglichst schnell Kontakt zu solchen Firmen? Ich denke dabei nicht nur an die normalen Wege wie z.B. Messebesuche (Messen gibt es in meinem Fachgebiet nur alle zwei Jahre).

Antwort:

Kanaldeckel. Dieses Land braucht Millionen von Kanaldeckeln. Oder WC-Sitze; wahrscheinlich, aber sicher bin ich nicht, braucht das Land sogar noch mehr WC-Sitze als Kanaldeckel. Entscheidend für unser Problem ist diese Frage aber nicht. Obwohl sie eindrucksvoll zeigt, wie wenig man über manche Zusammenhänge weiß.

Also gebraucht werden diese Produkte. Und hergestellt. Genauer: Zahlreiche Ingenieure widmen sich der Entwicklung, der Konstruktion, der Arbeitsvorbereitung, der Produktion und der Qualitätssicherung von beispielsweise Kanaldeckeln. Wobei ich sicherheitshalber noch betone, daß dieses Erzeugnis nur stellvertretend steht für eine riesige Zahl von Produkten, die aber auch sein müssen.Und nun stellen Sie sich vor, ich interviewe einen Bewerber. Der nun sagt: „Der Produktion von Kanaldeckeln gilt seit der Kindheit meine ganze Leidenschaft. Schon früh träumte ich davon, hier eines Tages mein Wirkungsfeld zu finden. Ich habe es geschafft und möchte nichts anderes mehr tun.“Ist die Geschichte glaubhaft? Ist sie nicht, sie klingt ein wenig idiotisch, nicht wahr.Was aber lehrt sie uns? In diesem Wirtschaftsprozeß entstehen viele Produkte. Bei sehr vielen, vielleicht bei einer soliden Mehrheit davon, ist es kaum vorstellbar, daß jemand diese Erzeugnisse geradezu „liebt“, unbedingt nur sie „machen“ will. Gebraucht aber werden sie.

Daraus kann als Erkenntnis nur resultieren: Es wird weder verlangt, noch angestrebt, noch ist es überhaupt vorgesehen, daß eine Verbindung zwischen persönlichen Interessen sowie Vorlieben des einzelnen Angestellten und dem Umfeld seiner Tätigkeit besteht. Letzteres bezieht sich auf die Produkte ebenso wie auf Branchen und Regionen! Ja, die Erfahrung lehrt sogar, daß diese Verknüpfung vom System her nicht nur nicht vorgesehen ist, sondern daß sie sogar bewußt vermieden werden sollte.

Konkret: Machen Sie Ihr Hobby nicht zum Beruf. Bewahren Sie sich als Mensch Ihre Neigungen und gehen Sie denen nach in Urlaub und Freizeit, als Fachliteraturleser oder vielleicht sogar -autor. Aber in Ausübung des Berufs sollte man eher der kühle Profi sein mit ganz fundiertem Fachwissen und -können, das man souverän einsetzt. Also gestaltet der AV-Fachmann Arbeitsabläufe und/oder -plätze, daß es eine Freude ist. Ob aber dort nun insgesamt ein Produkt herauskommt, dem seine ganze Leidenschaft gehört, ist dabei nicht relevant.

Und wer den Schwarzwald liebt, macht ebenda besser Urlaub oder kauft sich ein Wochenendhaus, als mit Gewalt dort seine berufliche Heimat zu suchen. Seine Entscheidungsfähigkeit in Sachfragen wäre sonst beeinträchtigt (weil alles durch den Filter muß: „Rettet mir das den Dienstsitz im Schwarzwald?“).Nun hat diese Theorie Probleme in zwei Richtungen:

1. Für jeden Menschen gibt es Grenzen, die er(!) nicht mehr überschreiten mag. Und so gibt es eben auch Produkte und Regionen, die er einfach nicht akzeptieren will. Er sollte aber als karriereinteressierter Profi diese Ausgrenzungen so klein wie möglich halten und immer bemüht sein, sie in der Tendenz eher „gegen Null“ laufen zu lassen.

2. Unternehmen als Bewerbungsempfänger ziehen zusätzliche Grenzen, indem sie fast immer ihre eigene Branche oder doch extrem ähnliche Gesamtumstände bevorzugen, wenn jemand eingestellt wird. Insofern legt sich der aufstrebende Angestellte mit jeder positiven Entscheidung für ein Unternehmen stets auch etwas für die Zukunft fest.

Insgesamt aber bedeutet das: Wenn Sie Polen lieben, sollten Sie keineswegs allein deswegen dort arbeiten. Wenn Sie Musik lieben, ist absolut nicht der Musikgerätehersteller Ihr bester Arbeitgeber. Und wenn Sie Umweltengagement zeigen wollen, ist die Tätigkeit bei einem Unternehmen der Umwelttechnik durchaus nicht zwangsläufig empfehlenswert. Das Einbringen derartiger persönlicher Vorlieben führt fast immer zu Enttäuschungen oder es erschwert den rechtzeitigen Absprung etc.

Falls Sie, geehrter Einsender, es aber doch tun: Deutsche Unternehmen schicken tatsächlich gern solche Ingenieure ins (billiger produzierende) Ausland, die schon etwas können. Man läßt halt nicht so gerne Anfänger auf die komplexen (auch menschlichen) Probleme in diesen Ländern los.

Eine Möglichkeit, potentielle Arbeitgeber zu finden, könnte in der Kontaktaufnahme mit den deutsch-ausländischen (z. B. deutsch-polnischen) Handelskammern bestehen. Diese sind im Ausland ansässig und kennen meist die Vorhaben entsprechender Firmen.

Kurzantwort:

Es empfiehlt sich grundsätzlich nicht, persönliche Neigungen (Hobbys) und/oder regionale Vorlieben allzu eng mit dem Beruf zu verknüpfen. Man fährt meist besser, wenn man beruflich als sehr engagierter, aber nicht emotional an Firma, Branche und Standort gebundener Profi operiert.

Frage-Nr.: 1130
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-29

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