Heiko Mell

Im Einzelfall doch nach kurzer Zugehörigkeit wechseln?

Seit ungefähr zwei Jahren betreibe ich ein für mich interessantes Spiel: Ich lese die Fragen in Ihrer Karriereberatung und überlege anschließend, wie ich antworten würde (ich bin heute als Abteilungsleiter in einem „High-Tech“-Zulieferunternehmen tätig; Sie haben mir früher einmal mit klaren Aussagen auf meine Frage geholfen). Dann lese ich Ihre Antworten und habe feststellen können, daß ich in fast allen Fällen in der Sache ähnlich geantwortet hätte.

In einem jüngeren Fall ging es um einen Einsender, der sich aus gutem Grund fragt, ob er nicht doch Anlaß hat, nach nur kurzer Betriebszugehörigkeit den Arbeitgeber zu verlassen.

Ich würde es mir sehr wohl durch den Kopf gehen lassen, ob ich nicht unter Umständen schon nach kurzer Zeit wechseln würde, wenn der augenblickliche Zustand der Firma, für die ich arbeite, zu Bedenken Anlaß gibt und die Alternative nachweisbar bessere Perspektiven bietet. Ich habe jedenfalls meinen damaligen Schritt, nach relativ kurzer Zeit in ein anderes Unternehmen zu wechseln, bis jetzt nicht ein einziges Mal bereut.

Antwort:

Vielen Dank für Ihren (hier stark gekürzten) Brief, der für mich gerade wegen des Hinweises auf Ihre frühere Frage besonders wichtig ist: Die Karriere machen unsere Einsender schon selbst, aber wenn wir hier ein wenig dabei helfen können, freuen wir uns immer.

Ihr „Spiel“, das Sie eingangs schildern, scheint immer mehr Anhänger zu bekommen. Auch jetzt werden sich zahlreiche Leser fragen: Was mag dem Autor dazu nun wieder einfallen? Und dann schauen sie nach, ob es auch ihnen …. Was mich stets beflügelt, die Aussage so zu gestalten, daß zumindest eine originelle Verpackung dabei herausspringt. Schließlich habe ich ein Image zu verlieren. In diesem Sinne:
Nehmen wir einmal Ihren letzten abgedruckten Satz. „Ich habe jedenfalls …“. Sie sind also das berühmte lebende Beispiel dafür, daß man Regeln und/oder Ratschläge nicht nur ungestraft mißachten kann, sondern im Einzelfall auch noch gut dabei fährt.

Damit gehören Sie zum berühmtberüchtigten Typ des „Nebelrasers“. Was ich erklären muß, ich sehe es ja ein:
Stellen Sie sich eine Autobahn bei dichtem Nebel vor. Herr Müller, jung, dynamisch, muß dringend irgendwohin und genau da durch. Ein erfahrener Ratgeber empfiehlt nachdrücklich: „Vorsicht, große Gefahr, extremes Risiko, langsam fahren, Vorsicht, Vorsicht.“ Herr Müller mißachtet. Braust durch, überholt alle. Kommt rechtzeitig an, nichts ist passiert. Fortan nimmt er sich als lebendes Beispiel dafür, daß man ruhig auch gegen den Rat der Übervorsichtigen…Der einzige Unterschied zwischen diesem und unserem Beispiel besteht darin, daß man die vielen gescheiterten Nebelraser abends in der Tagesschau sieht (oder doch die Reste ihrer Autos), während die beruflich relevanten Fragen offensichtlich weniger telegen sind.

Zur Klarstellung: Ich habe nie „versprochen“, daß zwangsläufig scheitert, wer ein oder besonders sein erstes Unternehmen zu früh wieder verläßt. Natürlich gibt es wie beim Nebelrasen „Überlebende“, bei denen die Geschichte gut ausgegangen ist. Ich meine ja auch nur, daß die Gefahr eines Scheiterns so groß wird, daß man warnen muß.

Und da das Thema immer wieder auftaucht, hier noch einmal eine kurze Zusammenfassung der Argumente:

1. Jedes berufliche Engagement kann scheitern; ob mit oder ohne Zutun des Betroffenen, ist dabei völlig unerheblich.

2. Jeder abhängig Beschäftigte muß jederzeit damit rechnen, daß er zu einem Arbeitgeberwechsel gezwungen ist.

3. Bei Bewerbungen achten potentielle neue Arbeitgeber aus gutem Grund u.a. auf den Punkt „Dienstzeit pro Arbeitgeber“. Hier sollte sich ein Durchschnitt von etwa fünf Jahren ergeben, wobei beim ersten Engagement nach dem Studium auch zwei bis drei Jahre toleriert werden.

4. Selbstverständlich gelingt es auch Bewerbern mit deutlich kürzeren Zeiten meist, wieder eine neue Stelle zu finden. Sie werden keinesfalls automatisch sofort arbeitslos. Aber: Verschärft sich beispielsweise die konjunkturelle Lage, können die Arbeitgeber bei Bewerbungen also wieder „aus dem Vollen schöpfen“, dann müssen Kandidaten mit Handikaps als erste mit Problemen rechnen. Zu kurze Betriebszugehörigkeiten sind ein solches Handikap.

5. Viel gefährlicher jedoch ist folgende Konstellation: Mit Handikap belastete Bewerber laufen in jeder Konjunktursituation Gefahr, nur noch zweitklassige Positionen zu erhalten. Bei den erstklassigen Jobs machen andere das Rennen; den „belasteten“ Kandidaten bleiben häufig die Angebote, vor denen die Spitzenleute zurückgezuckt sind (weil sie sich Auswahl leisten konnten). Völlig klar ist: Bei zweitklassigen Positionen steigt das Risiko, schnell wieder am Ende zu sein, dramatisch an (und sei es aus Frustration über die „unmöglichen“ Zu- und Umstände). Womit sich eine „Teufelsspirale“ zu drehen beginnt: Da die Chancen bei dem erneut fälligen Wechsel jedesmal noch geringer sind, wird der nächste Job schon drittklassig usw.

6. Man weiß nie, was alles noch kommt (an wesentlich anspruchsvolleren Formulierungen dieser besonderen Erkenntnis haben sich gewiß schon Berufenere versucht). Das Problem besteht gar nicht vorrangig darin, nach einer nur kurzen Betriebszugehörigkeit einen neuen Job zu finden. Ob es gelingt, merkt man ja. Gelingt es nicht, bleibt man eben und sucht weiter. Das Problem beginnt erst, wenn man „fündig“ geworden ist. Man hat dann sein entsprechendes „Konto“ bereits überzogen jetzt darf nichts mehr „passieren“, es gibt kein „Polster“, von dem sich zehren ließe.

Ausgerechnet dann aber geht es nach den Punkten 1 und 2 dieser Argumentation weiter. Und plötzlich schreibt das Unternehmen rote Zahlen, entläßt 500 Leute, konzentriert sich dabei auf die in der Probezeit oder mit wenigen Dienstjahren schon ist eine neue Suche fällig. Bei der droht dann schon Punkt 5.

Oder der Sprung gelingt noch einmal und ausgerechnet bei dem neuen Arbeitgeber entscheidet das weltweite Hauptquartier, die Aktivitäten nach Portugal zu verlegen. Aus.

7. Die tägliche Analyse von Bewerbungen zeigt, daß ein sehr hoher Prozentsatz des Absenders mit dem Problem „zu häufiger Stellenwechsel“ belastet ist. Darunter sind viele Zuschriften, die sofort auf den Stapel „Absage“ kommen.

Es ist also nicht etwa so, daß dies hier ein Randproblem wäre es ist im Gegenteil eines der „großen Themen“ bei der Werdeganggestaltung.

8. Jene Leute mit den längeren Betriebszugehörigkeiten haben nicht etwa nur mehr „Glück“ bei der Auswahl der Arbeitgeber. Dafür gleichen sich Unternehmen und Situationen zu sehr. Es ist im Gegenteil ein Zeichen für eine besondere Qualifikation, fünf Jahre im betrieblichen Dschungel nicht nur zu überleben, sondern dabei auch noch befördert zu werden und mit glänzendem Zeugnis zu einem selbstbestimmten Termin abzugehen.Diese besondere Qualifikation schätzen neue Arbeitgeber (Bewerbungsempfänger) sehr.

Stellen wir uns ein Gespräch vor zwischen dem Personalleiter (P) und dem potentiellen höchsten Vorgesetzten (V) des Fachbereiches über eine Bewerbung, die von der fachlichen Qualifikation her interessant ist:

V (zweifelnd): „Ob der auch mit schwierigen Chefs auskommt? Ich habe da ein oder zwei Abteilungsleiter unter mir, die haben schon so manchen geschafft.“
P: „Der war doch von … bis … sieben Jahre bei der XY GmbH und hat ein glänzendes Zeugnis bekommen. Die haben dort auch ,harte Brocken im Management wenn er die so lange ausgehalten hat, erträgt er auch unsere.“
V (immer noch zweifelnd): „Und die Harmonie mit Kollegen? Bedenken Sie, daß in dieser Abteilung jener Herr … beschäftigt ist, der…“
P: „Sieben Jahre! Da hat er eine Menge Kollegen erlebt. Die haben da auch ihre Problemkinder.“
V:“Ich denke an die Teamarbeit in interdisziplinären Projektgruppen. Steht er das durch, behauptet er sich, erzielt er Resultate?“
P:“Sieben Jahre, Beförderung, glänzendes Zeugnis!“
V:“Und solche Geschichten wie Zähigkeit, Dranbleiben am Problem?“
P: „Sieben Jahre! Die hatten dort drei Entlassungswellen in der Zeit. Hat er alle überlebt. Wer dazu neigt, bei den ersten Problemen gleich wegzulaufen, bleibt nicht sieben Jahre dort.“
V (schulterzuckend): „Sehen wir uns den Mann einmal an.“

9. Für den Fall, daß ein lesender „Häufigwechsler“ (so werden entsprechende Bewerber betriebsintern meist genannt) immer noch denkt, die ersten zwei schnellen Wechsel gäbe er ja noch zu, für den dritten könne er aber nun nachweisbar gar nichts, hier noch ein Beispiel:
Karl F. ist ein notorischer Zuspätkommer und reizt damit seinen Chef ebenso wie mit den stets wechselnden „Erklärungen“. Eines Tages reicht es dem Chef, er wird deutlich und erklärt, nun sei endgültig Schluß. Am nächsten Morgen fährt dem Karl F. ein alleinschuldiger Fremder ins Auto, Karl konnte wirklich nichts dafür und hat damit eigentlich eine gute „Ausrede“ für die zweistündige Verspätung. Sein Pech: Niemand hört ihm mehr zu, er ist am Ende. Der Chef ist „fertig“ mit ihm. Sein Konto war bereits restlos überzogen. Für die stets zu erwartenden(!) Wechselfälle des Lebens gab es keine Reserven mehr.

10. Ich weiß nicht, warum das so ist, kenne aber immerhin den Effekt: Bestimmte Dinge kann man den Leuten ungestraft vorhalten, auf andere hingegen reagieren sie empfindlich. Daß sie mehr für ihre Französischkenntnisse hätten tun sollen, akzeptieren sie beispielsweise. Daß sie hingegen zu häufig den Arbeitgeber gewechselt haben, mögen sie nicht hören (ich werde wohl nicht viel Freude an diesem Beitrag haben).

Kurzantwort:

1. Wenn jemand etwas glückt, was allgemein als riskant gilt, beweist das noch nicht, daß dieses Vorgehen generell empfehlenswert ist.

2. Der zu häufige Arbeitgeberwechsel ist auch dann eine Belastung des Marktwertes, wenn wieder eine neue Position gefunden werden konnte. Ohne eigenes Verschulden kann jederzeit ein nochmaliger Wechsel ins Haus stehen die Schwierigkeiten bei der Stellensuche steigen dann progressiv.

Frage-Nr.: 1127
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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