Heiko Mell

Mit über 50 zum Wirtschaftsmüll?

Frage: Ihre Karriereberatung verfolge ich seit Jahrzehnten aufmerksam mit unterschiedlicher Zustimmung.
Welche Tips können Sie älteren, arbeitslosen Ingenieuren geben in einer Zeit, in der Menschen über 50 zum Wirtschaftsmüll gehören, der irgendwie entsorgt werden muß? In einer Zeit, in der die höchste Tugend eines Managers das sozialverträgliche Abschieben in die Massenarbeitslosigkeit ist?
Wer als Arbeitsloser aus eigenem Antrieb Fortbildungskurse besucht, verliert seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, weil er dem Arbeitsamt für Arbeitsvermittlungen (die es ohnehin nicht gibt) nicht zur Verfügung steht. Und das Finanzamt erkennt z.B. Ausgaben für Computer nicht als Werbungskosten an, „weil die Aufwendungen nicht im Hinblick auf eine zukünftige, konkret bekannte(!) Berufstätigkeit gemacht werden“.
Die Stellenangebote bieten Ingenieuren über 40 nichts, und ohne absolute Branchenkenntnisse auch nichts. Also jung und betriebsblind ist gefragt.

Antwort:

Sie sind betroffen, verdienen unser Mitgefühl. Und doch kann ich nicht abgehen von meinem Prinzip, die Zusammenhänge so anzusprechen, wie ich sie nun einmal sehe – in der sicheren Gewißheit, daß viele andere Entscheidungsträger (von denen Sie etwas wollen!) sie auch so sehen. Ich hoffe, Sie glauben mir, daß ich keineswegs darauf aus bin, Sie etwa anzugreifen.

1. Sie lesen meine Beiträge „seit Jahrzehnten“ (so lange gibt es sie in dieser Zeitung tatsächlich), Sie sind arbeitslos, haben Zeit. Mußten Sie, ausgerechnet Sie in Ihrer Situation, „Herr Moll“ in der Anrede schreiben? Über die pauschale und damit weder nachprüfbare noch zu beantwortende „unterschiedliche Zustimmung“ reden wir gar nicht.

2. Sie sind verbittert, das ist absolut verständlich. Aber: Die Unternehmen suchen, wenn sie denn suchen, „kampfstarke“, positiv eingestellte, optimistisch denkende, zuversichtlich nach vorn blickende Bewerber. Das ist keine Frage zweifelhafter schauspielerischer Begabung, das ist eine Frage der inneren Einstellung.

3. Das Abschieben von Arbeitskräften ist keine Tugend eines Managers. Handelt er so, dann ist er vergleichbar mit einem Chirurgen, der aus medizinischen Gründen ein Bein amputiert, um den Patienten zu retten. Eine der Ursachen für unsere Probleme ist die unbestreitbare Tatsache, daß viele unserer Arbeitskräfte längst nicht so gut wie im internationalen Vergleich teuer sind. Und Tarifverträge ebenso wie Gepflogenheiten sehen im Problemfall „Entlassung“ offenbar als das kleinere Übel gegenüber „weniger hoch entlohnen“ bzw. „weniger kostspielig sozial absichern“. Es ist, als sei es verboten, jemanden anzubrüllen, aber erlaubt, ihn zu erschießen (wenn man das als Bild für Existenzvernichtung akzeptieren will).

4. Wieso brauchen Sie plötzlich im Alter über 50 Fortbildungskurse, warum haben Sie nicht, als Sie noch arbeiteten, alles, wirklich alles getan, um fachlich „top“ zu sein?. Mit 50 geht ohnehin kaum noch etwas „Neues“, da könnten Kurse höchstens Lücken stopfen. Wieso sind da Lücken? Ich weiß, daß das am Rande des Erträglichen gefragt ist aber ist es auch absolut falsch gefragt?

5. Wieso wollen Sie einen Computer kaufen, warum haben Sie nicht längst einen zu Hause aus der Zeit, als Sie noch arbeiteten und verdienten? Das Ding hätte längst Ihr Hobby sein müssen. Auch diese Frage ist hart aber ist sie auch falsch?

6. Die Erfahrung lehrt, daß arbeitslose ältere Bewerber, die noch dazu nicht ganz exakt das fragliche Aufgabengebiet beherrschen und die fragliche Branche nicht inund auswendig kennen, bei üblichen Anzeigen mit Standard-Positionen kaum Chancen haben. Letztere liegen viel eher in der Bereitschaft, zeitlich befristete Aufgaben zu übernehmen, als freie Mitarbeiter tätig zu sein, beratend oder projektbezogen zu arbeiten. Stets jedoch muß die Frage leicht und eindeutig zu beantworten sein: „Was kann dieser Mann eigentlich, worin ist er langjähriger, erfolgreicher, gut beurteilter (Zeugnisse!) Fachmann?“ Es gibt solche Chancen, man muß nur mit Aufwand und Beharrlichkeit suchen, Firmen ungefragt anschreiben, Bekannte einschalten, Ideen und Initiative entwickeln. Und siehe vor allem Punkt 2.

Kurzantwort:

Schon mit 30 und 40 sollte man sich fragen: Tue ich insgesamt genug, um auch noch begehrt zu sein, wenn ich mit 50 meine Arbeit verlieren sollte? Es gilt, rechtzeitig Strategien zu entwickeln. Für Fortbildungskurse ist es dann sehr spät: 50jährige werden allenfalls gesucht, weil sie schon etwas klar zu Umschreibendes(!) können, jedoch nicht, weil sie notfalls noch etwas lernen könnten.

Frage-Nr.: 1104
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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