Heiko Mell

Wertevorstellungen als Wechselgrund?

Ein „guter Bewerber“ kommt von einem „guten Arbeitgeber“, der gut organisiert ist, effizient arbeitet und seine Kunden weder täuscht noch betrügt. Andere Gegebenheiten sind gar nicht denkbar – und von Bewerbungsempfängern daher auch nicht gern gesehen.

Frage:

Ich bin seit einiger Zeit nach einer längeren Tätigkeit in einer völlig anderen Branche in einem Unternehmen der Rüstungsbranche beschäftigt. Im Bewerbungskontakt hat man mir vermittelt, dass die Bundeswehr und die Streitkräfte der NATO-Länder die wichtigsten Kunden sind. Waffen für diese Staaten sind für mich ethisch vertretbar. Ziemlich schnell habe ich dann jedoch festgestellt, dass spezielle Staaten von deutlich außerhalb dieser Kategorie mit Abstand die größten Kunden sind. Hier sehe ich Waffenlieferungen sehr kritisch.

Leider war man nicht nur mir gegenüber unehrlich, auch unsere Kunden werden bewusst getäuscht: Die Waffen leisten nicht das, was versprochen wird. Das merken die Kunden jedoch nur selten, da Waffen meist nur ungenutzt im Depot stehen. Designkriterium ist daher, dass die Abnahmetests bestanden werden. Die echte Einsatztauglichkeit ist Nebensache.

Zur Entlastung „meiner“ Firma kann ich sagen, dass die ganze Rüstungsbranche so arbeitet und die Kunden (z. B. Bundeswehr) sich halt auch betrügen lassen. Das sind anscheinend die Spielregeln in dieser Branche.

Ich persönlich lehne solches Geschäftsgebaren aber ab und werde die Firma in ein bis zwei Jahren verlassen. Bis dahin gilt für mich: Beste Leistung zeigen und mitnehmen, was geht (Erfahrung, Weiterbildung etc.).

Meine Frage: Wie begründe ich in einem Bewerbungsschreiben/Vorstellungsgespräch meinen geplanten Wechsel? Die Wahrheit will ich in dieser Direktheit nicht schreiben. Ist es generell ratsam, Wertevorstellungen, Firmenkultur etc. als Wechselgrund zu nennen.

Ich freue mich auf Ihre Antwort!

 

Antwort:

Dem brisanten Inhalt Ihrer Einsendung wird eine systematische Abarbeitung der einzelnen Aspekte sicher am besten gerecht.

  1. Zentrale Ursachen Ihres Problems:

Mit Ihrem Einstieg in dieses Unternehmen haben Sie zwei Fehler gemacht bzw. sind Sie zwei Risiken eingegangen:

1.1 Sie kamen aus einem beruflichen Umfeld mit völlig anderer Ausrichtung. Um Ihre Anonymität zu schützen, will ich keine Details nennen. Aber Sie hatten jahrelang in einer Branche gearbeitet, die tatsächlich sehr weit von „Waffen“ entfernt ist (und die Sie nur verlassen haben, als Ihr Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet).

Solche „brutalen“ Wechsel soll man nach Möglichkeit vermeiden; sie führen leicht zu einer Überforderung des Betroffenen, dem eine gewaltige Umstellung abverlangt wird. In dem neuen Metier wird ganz anders gedacht und gearbeitet, stehen andere Ziele im Mittelpunkt und trifft man sicher auch auf Vorgesetzte mit anderen Erwartungen als man es bisher gewohnt war.

1.2 Ihre Eingangsfrage nach den „wichtigsten Kunden“ bei der Einstellung, zeigt, dass Sie von Anfang an ethische Vorbehalte hatten, die Sie unterdrückt haben, als man Ihnen NATO-Kunden nannte. Das war etwas leichtgläubig. Einmal weiß man doch aus den Medien, welche Wege Waffen letztlich nehmen können; zum anderen steckt in der damaligen Antwort des Unternehmens, NATO-Staaten seien die „wichtigsten“ Kunden der offene Hinweis, dass es immer auch „andere“ Abnehmer gegeben hat und geben würde. Welche denn wohl?

Fazit: Sie, so wie wir Sie in dieser Einsendung kennenlernen, hätten in ein Unternehmen dieses sehr speziellen Metiers niemals gehen dürfen. Das haben Sie vor dem Eintritt geahnt, später im Job bestätigt gefunden – und das hat dann natürlich Ihr Urteil über alles, was Sie dort erlebt haben, sehr stark beeinflusst.

Es können letztlich ja nicht alle, nicht einmal sehr viele Mitarbeiter dieser Unternehmen so denken, sonst hätte längst eine Massenflucht der Beschäftigten eingesetzt.

  1. Die Schilderung der „inneren Angelegenheiten“ bei Ihrem heutigen Arbeitgeber:

Ich kann und will Ihre Schilderungen gerade auch im Hinblick auf die angeführte Täuschung der Kunden oder sogar auf den angeführten Betrug nicht im Detail bewerten oder kommentieren. Aber gestatten Sie mir einige Hinweise:

2.1 Ein Arbeitgeber, der Sie eingestellt hat und der Ihnen ein Gehalt zahlt, hat ein gewisses Grundrecht auf Ihre Loyalität. Massive Vorwürfe in Sachen Täuschung oder gar Betrug der Kunden durch das Unternehmen sind sehr ernst zu nehmende Anschuldigungen, mit denen Sie im eigenen Interesse äußerst vorsichtig und mit großer Zurückhaltung umgehen sollten. Falls Ihr Arbeitgeber eine solche aktive, offensiv vertretene Einstellung bei Ihnen erkennen würde, hätten Sie mit massiven Nachteilen zu rechnen.

Angestellte, die zu solchen „Offenbarungen“ oder auch nur „Verdächtigungen“ neigen, sind weder beim betroffenen Arbeitgeber, noch bei möglichen anderen Unternehmen besonders beliebt, vorsichtig gesagt.

2.2 Abnehmer im Rüstungsbereich sind in der Regel Staaten oder große, personell sehr umfangreich ausgestattete Institutionen im öffentlichen Bereich. Wenn diese Kunden die Produkte speziellen Abnahmetests unterwerfen und im positiven Fall die gelieferten Produkte für gut genug befinden, dann kann man es dem Lieferanten kaum übel nehmen, wenn er sich vor allem darauf ausrichtet, diese Tests zu bestehen. Der Kunde ist König – wenn seine Abnahmeformalitäten unzureichend und die Vorgaben aus dem Lastenheft formal erfüllt sind, geht der Vorwurf zumindest in den Augen eines neutralen außenstehenden Betrachters eher an ihn.

2.3 Was immer da in Ihrem Umfeld abläuft, ob das nun branchenüblich oder in Ihrem Unternehmen besonders ausgeprägt ist: Sie haben das Recht, die Gegebenheiten nicht zu mögen, nicht akzeptieren zu wollen und sich auf dem Arbeitsmarkt anderweitig umzusehen.

Nach dem Prinzip des „kleineren Übels“ würde ich Ihnen raten, Ihren Arbeitgeber möglichst schnell zu verlassen und auf den Aufbau einer angemessen langen Dienstzeit in diesem Sonderfall zu verzichten. Eine Weiterführung Ihrer Beschäftigung dort bringt m. E. insgesamt mehr Risiken für Sie mit sich als der schnelle Wechsel. Ihr bisheriger Werdegang sieht solide aus – und wenn Sie beim nächsten Arbeitgeber Ihre fünf bis sieben Jahre erfolgreich durchstehen, ist diese Episode in der nicht zu Ihnen passenden speziellen Branche „abgehakt“.

Konkret: Ich sehe das deutlich größere „Übel“ auf Sie zukommen,, wenn Sie noch die geplanten ein bis zwei Jahre dort bleiben.

  1. Die Begründung des geplanten Wechsels im Bewerbungsprozess:

Sie formulierten eingangs, Sie wollten „die Wahrheit in dieser Direktheit“ nicht schreiben. Abgesehen von der Frage, ob das denn tatsächlich alles Tatsachen sind und ob Sie die jemals beweisen könnten: Auch ich rate vollkommen davon ab – von Ihrer vermeintlichen „Wahrheit“, auch von abgeschwächten Vorwürfen, von Andeutungen jeglicher Art.

Nach dem unter 2.1 erwähnten Loyalitätsprinzip wird jeder Bewerbungsempfänger (auch wenn er vielleicht nicht seine Kunden täuscht, sondern Arbeitsschutz-Behörden oder die Steuer) schön die Finger lassen von jemandem, der heute die Hand beißt, die ihn füttert.

Die Lösung für Sie ist ganz einfach: Jeder Ihrer Gesprächspartner bei potenziellen neuen Arbeitgebern weiß, dass Waffenproduktion ein sehr spezielles Metier ist, das Meinungen dazu polarisiert. Dass es Menschen gibt, die sich damit anfreunden können und solche, die keinen Fuß in ein entsprechendes Unternehmen setzen würden. Und Sie werden sich ja nur bei Firmen außerhalb der Rüstungsbranche bewerben.

Also: Es war Ihr Fehler (!), Sie hatten sich vor dem Eintritt bei Ihrem heutigen Arbeitgeber nicht hinreichend umfassend mit dem Metier auseinandergesetzt. Jetzt, nach einiger Zeit der Tätigkeit dort, stoßen Sie auf viele Aspekte, die Ihnen nicht zusagen: die ausschließliche Arbeit für staatliche Stellen mit ihren unkalkulierbaren Entscheidungswegen, die begrenzten Abnehmer (weil bestimme Rüstungsexporte von unserer Regierung jeweils genehmigt werden müssen) und die besondere Zusammenarbeit mit den Kunden, bei denen Nachforderungen offenbar viel leichter durchgesetzt werden könnten als im nicht-militärischen Bereich. Punkt. Sonst gibt es nichts Kritisches über Ihr Unternehmen zu sagen. Dass es dort um „Rüstung“ und „Waffen“ geht, wussten Sie ja vorher.

Sagen Sie zusammenfassend, Sie kämen ja nicht aus der Branche, brächten auch keine fachliche Basis mit, die Sie nur dort verwerten könnten – und hätten Angst davor, dass Ihre Qualifikation im nicht-militärischen Bereich nicht mehr anerkannt werden könnte, wenn Sie erst einmal zehn Jahre dort gearbeitet hätten und damit als entsprechend geprägt gälten. Und nun wollten Sie Ihren Fehler (!) so schnell wie möglich korrigieren.

Ich gehe davon aus, dass Sie mit einer solchen Argumentation überzeugen können.

 

Frage-Nr.: 3.043
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-11-15

Von Heiko Mell

Top Stellenangebote

Hochschule Ravensburg-Weingarten-Firmenlogo
Hochschule Ravensburg-Weingarten Professur (W2) Cyber-Physikal Systems Weingarten
Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern Professur (W3) (m/w/d) Maschinenelemente, Getriebe und Tribologie Kaiserslautern
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur - Softwareentwicklung und Embedded Systems Ulm
HBC Hochschule Biberach-Firmenlogo
HBC Hochschule Biberach Stiftungsprofessur (W2) WOLFF & MÜLLER "Baulogistik" Biberach
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof-Firmenlogo
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof Professur (W2) Elektrotechnik mit Schwerpunkt Leistungselektronik Hof
Hochschule Bremerhaven-Firmenlogo
Hochschule Bremerhaven Professur (W2) für das Fachgebiet Werkstofftechnik Bremerhaven
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg-Firmenlogo
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Professur (W2) für Digitale Produktentwicklung im Maschinenbau Regensburg
Montanuniversität Leoben-Firmenlogo
Montanuniversität Leoben Universitätsprofessors/Universitätsprofessorin für das Fachgebiet Cyber-Physical Systems Leoben (Österreich)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Beschichtungstechnologien für die Elektronik Dresden
Fachhochschule Südwestfalen-Firmenlogo
Fachhochschule Südwestfalen Professur (W2) für Mechatronische Systementwicklung Iserlohn
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.