Heiko Mell

Profit ist nicht alles

Ihre Karriereberatung verfolge ich mit nicht nachlassendem Interesse seit Anbeginn. Die fundierten, oft auch pointierten Ausführungen begeistern mich jede Woche aufs Neue.

Heute nun ein Hinweis zu dem von Ihnen immer wieder verwendeten Begriff „Profit“ als das Ziel jeden unternehmerischen Handelns.

Zwar hat mir einmal ein Amerikaner, als ich ihn fragte, warum er unsere Produkte als Vertreter übernehmen wolle, geantwortet: „to make profit“. Dennoch greift Profitstreben als einzige Motivation eines Unternehmens zu kurz, denn die Befriedigung an und mit der Arbeit, das Lösen von sich selbst oder von Kunden gestellten Aufgaben bis hin zu Erfindungen und Patenten kann für die im Unternehmen Handelnden, jedoch nicht für die Mehrzahl der Anteilseigner, die Sie offensichtlich im Auge haben, mehr als nur Geld bedeuten.

Sicher werden manche Start-ups die Milliardäre Bill Gates oder Mark Zuckerberg als große Vorbilder sehen, dennoch kann man wohl davon ausgehen, dass das Schaffen von etwas Neuem die Haupttriebfeder ihres Einsatzes ist. Die freie Marktwirtschaft hat also außer Geld noch eine ganze Reihe weiterer Triebfedern, um erfolgreich zu sein.

In diesem Sinne: weiter so!

Antwort:

Ich beginne einmal damit, was ich nicht liefere: Dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung über Wirtschaftssysteme im Allgemeinen und die Betrachtung der sozialen Marktwirtschaft mit all ihren Facetten im Besonderen. Sondern ich versuche, meinen Lesern teils zum Erfolg, teils zum Überleben in diesem real existierenden Wirtschaftssystem zu verhelfen. Und diese Zielgruppe besteht überwiegend aus Angestellten (oder Studenten, die erst noch dahin streben).

Ich glaube zu wissen, wie der typische angestellte Mitarbeiter, ob Sachbearbeiter oder Geschäftsführer (lassen wir die juristischen Feinheiten einmal weg) denkt und fühlt, welche Erwartungen er hat und woran er oft scheitert. Meine Instrumente, die ich zu seiner Unterstützung einsetze, sind Information, Aufklärung, Erläuterung von Zusammenhängen, Warnung vor eventuellen Fallen.

Und dabei muss ich leider davon ausgehen, dass man vielen dieser Leser immer wieder in Erinnerung rufen muss, wie das System, in und von dem sie beruflich leben, beschaffen ist. Dazu gehören so Grundsätze wie

– Es gibt kein Recht auf Arbeit; Sie müssen darauf achten, für künftige Arbeitgeber fachlich und persönlich so interessant zu sein, dass diese Sie freiwillig einstellen.

– Wenn Sie eine Anstellung haben, dann beruht diese auf einem Vertrag mit beiderseitigen Kündigungsmöglichkeiten. Sie müssen also nicht nur weisungsgemäß arbeiten, sondern auch darauf achten, Monat für Monat so interessant und wertvoll für Ihren Arbeitgeber zu sein, dass der Sie lieber behalten als loswerden will.

Zusätzlich gibt es Beschäftigungsrisiken, die Sie tragen, ohne sie direkt beeinflussen zu können: Insolvenz, Teilaufgabe von geschäftlichen Aktivitäten, Verkauf oder Fusion des Unternehmens, Umstrukturierungen, technischer Fortschritt, politische Grundsatzentscheidungen etc. etc.

– Das ganze berufliche System gehorcht Regeln, geschriebenen wie ungeschriebenen. Wer die nicht kennt und damit zwangsläufig gegen viele davon verstößt, häuft ähnliches Misserfolgspotenzial an wie ein Golfspieler, der nicht weiß, welchen Regeln jener Sport unterliegt.

– Und: Arbeitgeber beschäftigen keine Mitarbeiter aus allgemeinen gesellschaftspolitischen oder speziellen sozialen Erwägungen heraus, sondern weil sie zur Erfüllung ihrer aktuellen Zielsetzung (die sich ändern kann!) diese Arbeitskräfte brauchen.

– Schließlich kommt der harte Kern dieser ganzen Aussagen: Das Unternehmen gehorcht in der Regel wirtschaftlichen Aspekten: Seine Tätigkeit insgesamt sowie die Aktivitäten seiner einzelnen Geschäftsbereiche müssen Erträge erbringen, das Tun muss sich lohnen, auszahlen, Rendite abwerfen oder eben: Man will, ja man muss Profit machen. Dieses Ertragsdenken kann kurz- oder sogar mittelfristig einmal von anderen Zielen überlagert werden. Etwa weil man ein neues Geschäft erst aufbauen muss, weil man Marktanteile gewinnen und damit den Wettbewerb ausstechen will. Aber am Ende muss dann doch wieder die Rendite stehen. Sonst muss gespart werden – und das geht meist besonders gut und schnell über die Reduzierung von Personalkosten

Ich weiß, wie groß die Gefahr ist, sich im Rahmen einer langfristigen Beschäftigung in einem Unternehmen mit einem hohen „Wohlfühlfaktor“ einzurichten: Die Aufgaben sind herausfordernd, die Kollegen sind nett und die Chefs sind fördernd – das könnte eigentlich ewig so weitergehen. Wer aber das Grundprinzip seiner ganzen beruflichen Existenz „Renditeerwartung des Arbeitgebers“ immer mit im Auge behält, verfügt über eine Art „Frühwarnsystem“.

Dieses Rendite- (oder eben Profit-)Streben ist Kern und Motor unserer Wirtschaftsordnung. In ihrer reinsten Form zeigt sich dieses Prinzip bei unseren großen börsennotierten Aktiengesellschaften.

Am anderen Ende der Skala stehen z. B. die Start-ups. Auch dort muss früher oder später um Rendite gerungen werden, darauf achten schon die Investoren oder anderweitigen Kreditgeber. Aber die kreativen Träger der Idee können durchaus zunächst andere Motive haben. Nur: Welche Rolle spielen diese Kleinstfirmen (mir geht es vorrangig um die Karriere von Mitarbeitern und Führungskräften, weniger um die von Firmengründern oder –eignern) in der volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung?

Dazwischen steht das große „bunte“ Feld mittelständischer Unternehmen in privater Hand, z. B. unter der Führung aktiver Inhaber. Auch die müssen langfristig Rendite abwerfen, aber es ist durchaus möglich, dass diese Überlegungen durch andere vom ersten Platz verdrängt werden. Die Verantwortung für die langjährigen Mitarbeiter oder die Bewahrung der Substanz des Unternehmens für die Enkelkinder kann durchaus im Vordergrund stehen. Aber natürlich können die Erben das dann eines Tages ganz anders sehen und alles verkaufen – auch hier kann es keine absolute Sicherheit geben.

Bleibt das Zitat aus Ihrer Zuschrift: „Dennoch greift Profitstreben als einzige Motivation eines Unternehmens zu kurz, denn die Befriedigung an und mit der Arbeit, das Lösen von sich selbst oder von Kunden gestellten Aufgaben … kann für die im Unternehmen Handelnden, …, mehr als nur Geld bedeuten.“ Sie sprechen dabei von der „Motivation eines Unternehmens“ – wer definiert die? In der Regel jedenfalls nicht die dort angestellten Mitarbeiter. Diese müssen das Glück haben, auf einen (oder mehrere) Unternehmenseigner zu stoßen, die eine solche Motivation des Unternehmens festlegen oder den Eindruck vermitteln.

So ist es denkbar, dass z. B. ein engagierter Techniker aus Begeisterung für die Sache das Automobil erfindet oder doch in die Serienfertigung überführt. Aber einige Jahre später ist daraus ein börsennotierter Konzern geworden, der möglichst hohe Erträge erzielen muss.

Und jetzt kommt ein ebenso interessanter wie raffinierter Zusatzeffekt dieses marktwirtschaftlichen Systems: Auch im Rahmen dieses börsennotierten Konzerns mit der auf Rendite ausgerichteten Hauptzielrichtung finden zahlreiche angestellte Mitarbeiter hinreichend viele und große Räume (die man sogar Freiräume nennen kann), um ihre „Befriedigung an und mit der Arbeit, mit dem Lösen von sich selbst oder von Kunden gestellten Aufgaben“ zu finden. Dabei merken sie über eine längere Zeit oft gar nicht mehr, welchen Generalzielen sie unterworfen sind – und geben mit vollem Engagement ihr Bestes, ohne an der schließlich erreichten Rendite maßgeblich teilzuhaben oder vom Streben danach berührt worden zu sein. Das macht unser derzeitiges System so überaus erfolgreich und bisher im Systemvergleich unschlagbar. Aber: Profit muss sein …

Frage-Nr.: 2920
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-12-08

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