Heiko Mell

Karriere contra Familie?

Frage:

Meine Frau und ich stehen vor einer beruflichen Entscheidung, bei der wir mit unserem eigenen Latein an unsere Grenzen stoßen und um Ihre objektive und kritische Meinung bitten.

Aktuell bekleiden wir Positionen als Ingenieurin/Ingenieur im produzierenden Gewerbe. Vor einiger Zeit wurden uns beiden Positionen bei einem neuen Unternehmen angeboten, welche für jeden von uns mit einem deutlichen Verantwortungs- und Gehaltsaufstieg verbunden wären. Es handelt sich um ein und dieselbe Firma, jedoch um unterschiedliche Funktionen. Fachlich und organisatorisch würden die Stellen für uns beide eine derart große Chance darstellen, dass wir auch – trotz kürzlichen Immobilienerwerbs – einen deutschlandweiten Umzug in Betracht ziehen würden.

Nun ist aber meine Frau – zum ersten Mal – schwanger geworden. Für uns beide ein großes persönliches Glück, wenngleich es die aktuelle Karriereplanung schwieriger gestaltet. Wir haben unseren potenziellen neuen Arbeitgeber von unserer privaten Situation in Kenntnis gesetzt, er würde uns unerwartet weit entgegenkommen: Meine Frau würde einen langfristigen Arbeitsvertrag mit Eintrittszeitpunkt nach der Elternzeit erhalten; ich würde kurzfristig die neue Position antreten und meine Frau mit Beginn des Mutterschutzes nachholen.

Unser „Problem“ ist nun, dass wir uns die bevorstehenden privaten Änderungen, welche mit der Gründung einer Familie einhergehen, nicht einmal ansatzweise vorstellen können. Ist es in einer solchen Situation ratsam, ein vertrautes Umfeld mit sicherem Arbeitsplatz zu verlassen und eine neue Arbeitsstelle anzunehmen – mit allen Änderungen, die damit einhergehen (Wohnungssuche, Umzug, Eingliederung beim neuen Arbeitgeber, größeres Aufgabengebiet mit höherer Arbeitsbelastung)? Wie können wir die Unsicherheiten zu den offensichtlichen Karrierechancen einigermaßen objektiv gewichten?

Wir würden uns sehr über Ihre Meinung und Einschätzung freuen.

Antwort:

Zerlegen wir das Problem einmal in seine einzelnen Facetten, dann können Sie am Schluss Punkte „pro“ und „contra“ vergeben, wenn Sie wollen. Vielleicht fallen mir dabei ja Aspekte ein, an die Sie noch gar nicht gedacht hatten:

Die neuen Jobs zum Ersten: Ihnen „wurden Positionen angeboten“ – nicht Sie hatten sich zum für Sie optimalen Zeitpunkt um beruflichen Fortschritt gekümmert, sondern Sie wurden angesprochen (abgeworben). Dass Zeitpunkt und Art der Position zufällig für Sie optimal sind, ist theoretisch möglich, liegt aber außerhalb der Wahrscheinlichkeit. Zahlreiche berufliche Katastrophen (aber natürlich nicht alle) beginnen in der Schilderung durch die Betroffenen mit „Da hatte ich ein Angebot“. Es ist ein wenig wie der Unterschied zwischen „Ich gestalte“ und „Ich werde gestaltet“. Es schmeichelt enorm, angesprochen zu werden und also begehrt zu sein, aber Vorsicht und Misstrauen sind stets angebracht. Das Angebot dient immer (!) zuerst den Interessen desjenigen, der es unterbreitet.

Die neuen Jobs zum Zweiten: Was ist das für eine ungewöhnliche Geschichte mit dem parallelen Angebot für den Partner/die Partnerin? Es ist undenkbar, dass man die zweite Person rein fachlich zufällig auch gebraucht und parallel angesprochen hat. Es scheint bei einem von Ihnen um irgendwelche seltenen Fachkenntnisse (oder Kenntnisse intimer Unternehmensdetails?) zu gehen. Man braucht diesen Kandidaten unbedingt und hat, da der anders nicht zu bekommen waren, ein Angebot an den Partner nachgeschoben.

Die neuen Jobs zum Dritten: Es ist nicht unbedingt optimal, wenn Sie und Ihre Frau bei demselben Arbeitgeber beschäftigt sind. Dann ist die gesamte Familie von diesem abhängig. Sollte ein Ehepartner aus persönlichen Gründen dort entlassen werden, kann der andere meist auch nicht bleiben. Mitunter müsste man als Arbeitgeber einem der beiden Eheleute brisante Geheimnisse anvertrauen – kann das aber nicht, weil man nicht will, dass diese Informationen in die Abteilung des Partners durchsickern (von Ehepartnern gegenseitige Verschwiegenheit zu erwarten, ist illusorisch).

Die neuen Jobs zum Vierten: Bei den Problemen, die für Sie mit der Annahme der angebotenen Positionen verbunden sind, müssten diese Stellen exorbitante Verbesserungen mit sich bringen. Beispiele: der lang ersehnte, bisher vergeblich anvisierte Sprung in die Führungshierarchie; die Möglichkeit zum Verlassen einer ungeliebten Branche und/oder eines nicht mehr marktgängigen Tätigkeitsspektrums; eine derart große Gehaltssteigerung, dass man einfach nicht ablehnen kann (das macht aber kein seriöses Unternehmen – der so umworbene Bewerber hätte allen Grund, misstrauisch nach den versteckten „Haken und Ösen“ in der Geschichte zu suchen). Die von Ihnen genannten Vorzüge der neuen Position („deutlicher Verantwortungs- und Gehaltsaufstieg“) reichen mir bei all dem damit verbundenen Aufwand nicht – Sie sprechen z. B. mit keinem Wort von einem echten hierarchischen Schritt nach oben.

 

Die Persönlichkeit des Einsenders zum Ersten: Sie sind zutiefst verunsichert, Sie zweifeln, stecken voller Skepsis. In so einem Fall soll man lieber die Finger davon lassen. Wenn man sich schon zu einem großen, riskanten Abenteuer entschließt, dann muss man zumindest selbst fest an den Erfolg glauben. Sonst erlebt man, was die Psychologen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung nennen – und zwar in Sachen „Niederlage“.

Die Persönlichkeit des Einsenders zum Zweiten: Sie haben sich an mich gewandt, Sie wollten meinen Rat. Was kann ich am besten? Schwangerschaften risikomäßig bewerten? Eher nicht. Aber ich kann Lebensläufe analysieren, Chancen und Risiken einer Position beurteilen, Empfehlungen zu beruflichem Handeln geben. Ich hätte Ihnen recht gut sagen können, ob die neuen Jobs überhaupt zu Ihnen passen und den ganzen Aufwand lohnen. Dafür hätten Sie mir – wie Sie ganz sicher wissen – ein paar zusätzliche Informationen geben müssen (Lebensläufe, Beschreibung der neuen Firma und der neuen Positionen). Das haben Sie nicht getan. Warum nicht? Ich behaupte, weil Sie sich vor meinem diesbezüglichen Urteil fürchten. Oder warum sonst lassen Sie mich nicht auf der Basis von Fakten zu einem eigenen fundierten Urteil kommen? (Dies ist kein Vorwurf, ich bin auch nicht beleidigt, es ist einfach Teil der Analyse.)

 

Der Aspekt Schwangerschaft zum Ersten: Schwangerschaft ist keine Krankheit. Viele, sogar sehr viele Schwangere gehen bis fast zum letzten Tag ihrer Arbeit nach (als Angestellte unterliegen sie Regeln, aber es gibt ja auch Arbeit in „Haushalt und Hof“). Das ist natürlich vom Persönlichkeitstyp und von den unkalkulierbaren Risiken des Schwangerschaftsverlaufs abhängig. Aber generell ausschließen muss man Ihr Vorhaben „neue Positionen“ nur wegen der Schwangerschaft nicht. Es gibt viele Paare, die hätten ein solches Projekt dennoch gemeistert.

Der Aspekt Schwangerschaft zum Zweiten: Es ist keine Frage, dass bei all den unkalkulierbaren Risiken der Schwangerschaft einerseits (auch Persönlichkeitsveränderungen sind möglich) und bei den besonderen Belastungen für den werdenden Vater andererseits das Verbleiben in der vertrauten Umgebung und in der vertrauten Zweisamkeit, in der „nur“ das Kind die große Unbekannte darstellt, vorzuziehen ist. Man ist damit auf der sicheren Seite. Wer dazu neigt, nach eintretenden – hier jederzeit an verschiedenen „Fronten“ denkbaren – Katastrophen „hätte ich doch bloß damals nicht …“ zu rufen, sollte diesen Aspekt besonders ernst nehmen.

So, geehrter Einsender, jetzt gehen Sie die einzelnen Punkte durch, werten selbst und kommen Sie zu einem Gesamturteil. Wenn ich es für Sie tun sollte, käme heraus: Tun Sie es lieber nicht.

 

Frage-Nr.: 3.019
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28-29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-07-12

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Dann kommen Sie auf den VDI nachrichten Recruiting Tag nach Dortmund am 13. September 2019 und stellen Sie ihm Ihre Fragen zu Ihrer Karriere.

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