Heiko Mell

Ich und das berufliche System

(Es ist Haupturlaubszeit, ich habe gelegentlich eine Schwäche für Ausgefallenes – und schließlich: warum nicht? Für Außenstehende klingt manches trotz des ernsten Hintergrundes durchaus auch amüsant. Und der Einsender formuliert recht locker. Also dann, riskieren wir es; H. Mell):

Das berufliche System bringt mich zur Verzweiflung. Was ich will, das darf ich nicht, was ich soll, das kann ich nicht.

Anlass für dieses Schreiben ist ein Gespräch mit einem Professor, an dessen Departement ich wissenschaftlicher Mitarbeiter war. Dummerweise habe ich vor 25 Jahren auf Anraten meines Vaters und der Familie gegen meinen Doktorvater geklagt und gewonnen. Ich habe mich entschuldigt, doch das Leben ist kurz, die Rache ist lang!

Antwort 1

Erst müssen wir den Lesern Ihre Kernfakten liefern: Ende 40, Abitur (Note 2,2); Uni-Studium der Chemie (gut); lt. Lebenslauf „seit 96(!) Promotion“ – das wären 22 Jahre, immer noch ohne Abschluss; im Lebenslauf steht dahinter „cave iram!“; das verstehe ich nicht – und das verstehen ganz sicher auch viele andere nicht. Ich habe auch keine Lust zu recherchieren, die für den Leser verständliche Präsentation von Bewerbungsunterlagen ist eine Bringschuld des Kandidaten.

Was in aller Welt haben Sie denn in jenem Prozess gegen Ihren Doktorvater gewonnen, wenn es der für Chemiker unverzichtbaren (!) Promotion nicht genützt hat? So ganz versteht man auch die oben geschilderte Situation nicht: Ist das alles ein und derselbe Professor, der damals Prozessgegner war und mit dem Sie jetzt geredet haben? Wieso kann der sich immer noch an Ihnen rächen (was Beklagte, die keine Juristen sind, gern tun – wie allgemein bekannt sein dürfte)? Was wollen Sie von diesem Mann nach so vielen Jahren? Chefs, mit denen man irgendwann so großen Ärger hatte, dass es bis zum Prozess kam, meidet man für den Rest seines Berufslebens ganz entschieden und geht dorthin, wo sie keinen Einfluss haben.

Wollen Sie etwa immer noch promovieren? Geben Sie das unbedingt auf. Letztlich haben Sie das Projekt „Promotion“ doch mit der Klageeinreichung gegen Ihren Doktorvater schon beerdigt. Wer soll denn bitte einen Lebenslauf witzig finden, in dem 2018 wörtlich steht: „seit 1996 Promotion Chemie …“? Ihr Chemie-Wissen von damals ist längst veraltet, die Promotion ist „tot“.

Ihr Lebenslauf weist übrigens keine Promotionsphase aus, das nur einmal am Rande.

Es finden sich seit Studienende vorwiegend angestellte und selbständige Funktionen im SAP-Beratungsbereich, sich teilweise überschneidend mit Lehr- und Schulungstätigkeiten im SAP- und Informatikbereich. In der Rubrik Weiterbildung stehen eine Ausbildung zum Wirtschaftsinformatiker, ein Java-Lehrgang und einer in Projektmanagement. Das alles ist doch durchaus eine Basis.

Parallel dazu gibt es in den letzten fünf Jahren eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter Wirtschaftsinformatik an einer Hochschule (die jetzt durch Fristablauf beendet wurde). Das Zeugnis ist in seiner Aussage ein bisschen „gemischt“: „Sowohl die Qualität als auch die Quantität seiner Arbeitserfolge sind als positiv anzusehen, …“ – Begeisterung geht anders.

Aber was wollen Sie mit Ihrem verkorksten akademischen Werdegang ausgerechnet an einer Hochschule, dem Hort brillanter akademischer Köpfe etc.? Dort konnten Sie doch nie auf einen „grünen Zweig“ kommen und eine erfolgreiche Laufbahn begründen. Ich hätte an Ihrer Stelle schon nach jenem Prozess eine großen Bogen um jene berufliche Welt gemacht. Entweder passe ich irgendwo hinein, bleibe dann dort und mache meinen Weg oder ich komme dort nicht zurecht, erkläre ihr den Krieg und meide sie fortan wie der Teufel das Weihwasser. Klingt das kompliziert?

Zurück zu Ihrem Text:

Frage 2 

In meiner Lage sehe ich noch die folgenden Möglichkeiten:

  1. a) Weiter selbstständig bleiben. Durch einen Umzug nach Südeuropa und einen Verzicht auf Krankenversicherung lassen sich Fixkosten senken, um bei den Preissenkungen in der Informatik-Beratung länger mitzuhalten.
  2. b) Eine Tätigkeit als Lehrer oder Hochschullehrer, zur Not auch heimlich, zur Not auch ein ähnlicher Job – Hauptsache im öffentlichen Dienst.
  3. c) Reich erben, reich heiraten, sich dann unbezahlte Tätigkeiten an teuren Standorten leisten, um zu sagen, meine Familie und ich sind genau so wie Ihr.
  4. d) Eine nicht statthafte Tätigkeit als Bauarbeiter o. ä., wo es nur darauf ankommt, einfach verständliche, sichtbare Wünsche des Vorgesetzten zu erfüllen oder als „Schauspieler“ ihm ein gutes Gefühl zu geben. Anmerkung: Die männliche Form bei der Chef-Erwähnung ist Teil des Problems.

Antwort 2

Arbeiten wir das erst einmal ab:

Zu a) Das ist blanker Unsinn. Einmal geht ein Selbstständiger nicht dahin, wo es billig ist, sondern wo er Aufträge bekommt; weiterhin ist ein Verzicht auf eine Krankenversicherung indiskutabel unverantwortlich. Diesen Ansatz können Sie vergessen. Ich meine, Sie können schon nach Südeuropa gehen, aber nicht aus den genannten Gründen.

Zu b) So eine Tätigkeit als „heimlicher Hochschullehrer“, das wär es doch. Gehört habe ich davon noch nie, aber es gibt sicher auch Konstellationen, die mir noch unvertraut sind.

Ich rate sehr von diesem Drang zur Hochschule ab. In dem Moment als Sie Ihren Doktorvater verklagten, haben Sie laut ausgesprochen: „Ade, du schöne Welt der Doktorgrade und der professoralen Arbeitsumgebung.“ Nun bleiben Sie doch auch dabei.

Ihre Vorliebe für den öffentlichen Dienst erschließt sich mir nicht. Eine Selbstständigkeit und eine Tätigkeit als Angestellter in der freien Wirtschaft liegen schon recht weit auseinander und erfordern zwei ziemlich verschiedene Persönlichkeiten. Aber zwischen Selbstständigkeit und öffentlichem Dienst liegen Welten!

Außerdem: Ihr Lebenslauf weist nur eine (die letzte) Tätigkeit im ö. D. aus – und die war ja vom Erfolg her nicht so toll. Ziel einer angestellten Tätigkeit ist es, diejenigen Personen, für die man arbeitet und die dafür zahlen, auch nachhaltig zu begeistern. Schafft man das, ist man stets auch für andere Arbeitgeber interessant. Wenn nicht, dann eher nicht.

Zu c) Die Einstufung „nicht statthaft“ gibt es nicht, wir sind ein freies Land. Aber können Sie denn mauern wie ein Bauarbeiter?

So, und nun sind wir wohl am Kern Ihres Problems: Sie verstehen erst nicht, was Chefs von Ihnen wollen und dann können Sie ihnen auch den Gefallen irgendwie nicht tun. Beides jedoch wäre für jemanden, der in unserer Berufswelt überleben will, eine unverzichtbare Grundvoraussetzung.

Ich kenne sehr viele Vorgesetzte aller möglichen Hierarchieebenen, Bildungs- und Altersklassen. Schön, manche mochte ich nicht, manche waren schwierig – aber nie hatte ich auch nur bei einem das Gefühl, es sei nicht zu erkennen, was er von seinen Mitarbeitern erwartete. Geheimnissen Sie nicht zu viel in dieses Thema hinein – unterstellen Sie eher einfache als komplexe Erwartungen. Gehen Sie von Forderungen wie Respekt, Disziplin, weisungsgerechtem Tun aus, meiden Sie jegliche Form von Missachtung oder Spott, unterstellen Sie vorsichtshalber Humorlosigkeit und denken Sie nicht, es ginge um „die Sache“ – es geht fast immer um persönliche Aspekte und Befindlichkeiten, „die Sache“ ist nur ein Aufhänger.

Nein, ich riskiere die Aussage: Wenn Ihnen nach über zwanzig Berufsjahren die Frage „Was wollen Chefs?“ wie ein Buch mit vielen Siegeln vorkommt, dann haben Sie ein persönliches Defizit, dann liegt das Problem bei Ihnen. Ich behaupte sogar: Dieses Chef-Verständnis kann jeder „bringen“, der das will (!) und sich darum bemüht (!), ich fürchte, Sie haben nie so recht gewollt. Das ist erlaubt, hat aber Konsequenzen.

Sehr aufmerksam gelesen habe ich auch Ihren Schlusssatz bei c. Aber ich werde mich hüten, öffentlich darüber zu spekulieren. Nur: Wenn ein Mann nicht mit Männern könnte, dann hätte er in einer (noch) männerdominierten Berufswelt ein Problem, zu dessen Lösung er (!) aufgerufen ist.

Frage 3 

Für die Tätigkeit eines normalen, immer folgsamen Angestellten halten mich meine Chefs – besonders in der freien Wirtschaft – für nicht geeignet; ihnen gelten deshalb auch mein Bedauern und mein Verständnis.

Was ich gerne machen möchte, also Dozent, Wirtschaftsprüfer, zur Not auch IT-Berater, da jedoch komme ich offiziell und hauptamtlich schlecht rein.

Antwort 3

Sie brauchen gar nicht über Ihre bisherigen Chefs zu spotten und sie zu bedauern. Diese Vorgesetzten sind erfolgreich, sind noch im Amt und haben keine Probleme mit dem System, in und von dem sie leben; sie hatten zwar jeweils ein kleines Problemchen mit Ihnen, aber dafür hat eben dieses System Lösungen: Man stellt Sie entweder gar nicht erst ein oder drängt Sie hinaus, etwa indem man befristete Verträge nicht verlängert.

Was Ihre Chefs meinten, war: So wie dieser Mann auftritt, wie er sich führt, wie er sich (nicht) um ein reibungsloses Einfügen in die Strukturen bemüht, ist er für uns nicht zu gebrauchen. Ich wiederhole mich: Jeder kann diesen Erwartungen entsprechen, Sie haben das schlicht nie gewollt. Mit dem bekannten Ergebnis. In Frage/2 d heißt es bei Ihnen abwertend „als Schauspieler“: Dann machen Sie doch einfach mal etwas in der Art. Jeder erfolgreiche, nach oben strebende und kommende Angestellte hat schon geschauspielert. Beispiele:

– Man spielt Kollegen ein Interesse an deren Haupt-Diskussionsstoff vor, das man eigentlich gar nicht hat (Fußball, Kegeln, Frauen).

– Man äußerst sich gewollt positiv über Ideen seines Chefs, auch wenn man die für „hirnrissig“ hält – ist aber für eine offene Konfrontation wegen zweier bereits riskierter Widersprüche in diesem Monat zu vorsichtig,

– Man unterstützt eine „von ganz oben“ kommende dreizehnte Strukturreform, obwohl man die anderen zwölf allesamt hat in der Versenkung verschwinden sehen.

– Man ist freundlich zu Kunden, auch wenn sie erkennbar dumm sein sollten oder den Lieferanten schlicht erpressen.

– Irgendwann bin ich auf eine ganz tolle „Masche“ gestoßen, die aber etwas Altersweisheit voraussetzt: Ich sage in Diskussionen nicht mehr alles, was mir einfällt oder was sich mir förmlich aufdrängt. Ich überlege vielmehr, wo mein Gewinn größer ist: Lasse ich ihn oder sie gewinnen oder beweise ich glasklar, dass er/sie im Irrtum/im Unrecht ist?

Das alles dürfen Sie als „Schauspielerei“ abtun. Aber das Überleben einerseits und der Erfolg andererseits sind in unserem beruflichen System nicht zum Nulltarif zu haben. Der Angestellte ist abhängig beschäftigt – lt. offizieller Definition. Abhängig zu sein, war noch nie ganz einfach, weder unter Cäsar noch unter dem Großaktionär „Hedgefonds ABC“.

Manchmal erinnere ich mich an alte deutsche Sprichwörter. In Ihrem Fall wäre passend: Wie man sich bettet, so liegt man.

Nun träumen Sie z. B. vom Wirtschaftsprüfer? Dann wünsche ich viel Spaß. Das setzt eine ungeheuer tiefe, in tausend Details gehende Ausbildung u. a. in Steuersachen voraus und wird mit einer äußerst schwierigen Prüfung abgeschlossen. Der normale Weg dorthin: erfolgreich abgeschlossenes BWL-Studium, Steuerpraxis, Prüfung als Steuerberater, noch mehr Steuerpraxis, Ausbildung und Prüfung zum WP.

Frage 4

Also begnüge ich mich mit der schlechter dotierten, aber ehrenvollen „Reserve“. Für eine Tätigkeit als Chemiker oder Softwareentwickler bin ich nicht sorgfältig genug und langweile mich schnell. Meine Schwierigkeiten mit dem System: Wenn ich zu viel Gehalt möchte, zürnt mein Chef. Wenn ich zu wenig Gehalt fordere, zürnt zuerst mein Vermieter und dann mein Chef, weil ich in eine „billigere“ Stadt ziehen muss. Aus diesem Grunde bin ich jetzt arbeitslos. Wenn ich sorgfältig arbeite, zürnt mein Chef, weil es zu lange dauert. Wenn ich schneller arbeite, zürnt mein Chef, weil es nicht sorgfältig genug ist.

Frage: Was täten Sie in meiner Lage? Welchen Wert haben eigentlich die Qualifikationen gegenüber dem absoluten Gehorsam?

Antwort 4 

Hören Sie auf, sich mit Zugriffen auf „die Anfänge der Küchenphilosophie“ eine Scheinwelt zu gestalten, in der das System unmenschlich ist und Sie schuldlos sind.

Wo 82 Mio. Menschen von einer Industriestruktur ernährt werden, ist ohne Anpassungsbereitschaft nichts zu gewinnen. Wir anderen mussten und müssen uns ebenso integrieren. Überwinden Sie das, was man einmal den „inneren Schweinehund“ nannte und machen Sie im nächsten Job Ihren Chef glücklich. Es soll auch schon Menschen gegeben haben, die das nur mit „guter Arbeit“ geschafft haben, aber das ist selten. Der Kern Ihres Problems liegt in Ihrer letzten hier abgedruckten Frage: Sie sind Opfer einer selbstgezimmerten, leider völlig falschen Definition. Die Antwort muss lauten:

Es gibt keinen Unterschied zwischen „Qualifikationen“ und „Gehorsam“. Die Bereitschaft zur Anpassung an das berufliche Umfeld und speziell an die Anforderungen der Arbeitgeber-/Kundenseite ist ein wesentlicher, untrennbar mit dem Rest verbundener Teil der Qualifikation eines Mitarbeiters. Ich sage nicht, dass diese Welt schön ist. Aber sie funktioniert nach recht einfachen Regeln.

Frage-Nr.: 2.963
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33/34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-08-17

Von Heiko Mell

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