Leserreaktion

Der Zorn, der Hund und das Sommerloch

(Als 2.963. Frage stand hier der Fall eines Außenseiters, der nicht nur lt. Lebenslauf schier endlos promovierte, sondern auch noch „cave iram“ hinter diese Angabe schrieb. Ich gestand, des Lateinischen nicht mächtig zu sein und hoffte – zu Recht – auf unsere Leser; H. Mell).

  1. Leser A: Warum haben Sie eigentlich auf diese Frage geantwortet? Ich glaube, da wollte Sie einer verar… Na ja, journalistisches Sommerloch eben.
  2. Leser B: Der klassische Spruch, auf den sich der Einsender bezieht, lautet „cave canem“ – „hüte dich vor dem Hunde“. Die entsprechende Aussage hier soll wohl sein „hüte dich vor dem Zorne“.
  3. Leser C: „Cave iram“ ist lateinisch (ich habe noch das Große Latinum auf dem Gymnasium gemacht) und bedeutet: „Hüte dich vor dem Zorne!“ Hier ist vermutlich der Zorn des verklagten Doktorvaters gemeint.

Antwort:

Kurz zur Historie des Falles: Der Einsender hatte vor 25 Jahren seinen (potenziellen) Doktorvater verklagt, musste feststellen, dass der ihm heute immer noch zürnte und brachte das mit „cave iram“ hinter der Zeile des Lebenslaufes zum Ausdruck. Ich kenne den Ausspruch wirklich nicht und wollte hier zeigen, wie vorsichtig man in Bewerbungsunterlagen (Lebenslauf) mit Angaben bzw. Formulierungen sein muss, die der Leser vielleicht nicht versteht. Schön, ich hätte fragen können, meine Frau und beide Söhne haben das Große Latinum (wobei die entsprechenden Kenntnisse der Kinder nur ein sehr, sehr schwacher Abklatsch jener Kenntnisse sind, die man meiner Frau auf diesem Wege früher einmal vermittelt hatte). Aber ich wollte demonstrieren: Der Leser einer Bewerbung wertet, was er versteht. Er recherchiert nicht; Unverständliches legt er unberücksichtigt zur Seite.

Und unser damaliger Einsender hatte etwas herausgefunden, was eigentlich Allgemeingut sein sollte: Verklagt man „normale Mitmenschen“, die keine Juristen sind, resultiert daraus in der Regel eine tiefe, andauernde Feindschaft. Nur Juristen können morgens im Gerichtssaal engagiert aufeinander losgehen und abends gemeinsam beim Bier sitzen.

So stecken allein in dieser kleinen Episode drei nützliche Erkenntnisse: Man schreibt nichts in Bewerbungen hinein, was der Leser eventuell nicht versteht, man verklagt niemanden, dessen Wohlwollen man für die Realisierung eines wichtigen Projektes noch braucht und wir kennen jetzt alle ein weiteres Bildungs-Zitat. Ist das etwa nichts?

Bleibt Leser A: Wenn ich ein Sommerloch befürchte, dann nicht auf der Einsender- bzw. Autorenseite (Fragen liegen stets ausreichend vor), sondern es geht mir um die Leser, die in bestimmten Monaten reihenweise in Urlaub sind. Wirklich „dramatische“ Themen finden in dieser Zeit vielleicht nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätten.

Hat mit jenem Fall jemand versucht, mich auf den Arm zu nehmen? Möglich ist das, aber ich glaube nicht daran. Ich versuche stets, die Schilderungen der Einsender auf Wahrscheinlichkeit abzuklopfen – und scheine damit ganz gut zu liegen. Denn was hätte der Schöpfer einer erfundenen Geschichte von seinen Mühen, wenn er später nicht seinen Triumph genießen und mir einen Brief schreiben könnte, der mit „Ätsch“ beginnt? Es gibt aber bisher keinen solchen Brief.

Natürlich war ich auch in bei jener Frage 2.963 misstrauisch. Aber wissen Sie, was mich beruhigt hat? „Cave iram“ – auf eine solch abstruse Idee kommt nicht, so nahm ich an, wer einen ganzen Fall erfindet. Ein Fälscher muss doch alles tun, um ein in sich unauffälliges Produkt zu schaffen. Das war hier nicht gegeben. Wer etwas frei erfindet, so beschloss ich, macht das besser und weniger extrem. Auch hier ist die Frist überschritten, in der unser Einsender hätte „Ätsch“ sagen können.

 

Frage-Nr.: 2.970
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-10-05

Von Heiko Mell

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