Heiko Mell

Bezahlen die anderen unseren Lebensstandard?

Wie im Sport, so herrscht auch in anderen Bereichen Wettbewerb. Das gilt sowohl für Unternehmen im nationalen und internationalen Rahmen als auch global für ganze Volkswirtschaften. Dieser Wettbewerb führt zwangsläufig zu Differenzierungen: Wo es Sieger geben soll, sind Besiegte oder Verlierer unverzichtbar.

Frage:

Als mitlesende Ehefrau möchte ich mich heute einmal zu Wort melden. Seit vielen Jahren verfolge ich Ihre Beiträge in den VDI nachrichten und empfinde sie als einen sehr treffenden und pointiert geschilderten Spiegel des Berufslebens – so wie es nun einmal ist, ob wir wollen oder nicht.

Dann aber kam der Satz des Einsenders Nr. 3.023 (es ging darum, dass wir uns in Deutschland gegenüber den Schwellenländern nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen können): „Nur so lässt sich erreichen, dass die anderen unseren Lebensstandard bezahlen.“

Soll das die Triebfeder unserer Ingenieure sein? Ich kann nicht glauben, dass Sie diese Leser-Aussage unkommentiert gelassen haben.

Antwort:

Der entsprechende Satz klingt schon etwas hart, er ist unabhängig von seiner Substanz recht überspitzt formuliert. Aber ist er auch falsch? Dass die Aussage in jedem Fall einen „Beigeschmack“ hat, ist die eine Seite – aber ist da nicht tatsächlich etwas dran (wenn man es etwas gefälliger ausdrücken würde)?

Beginnen wir harmlos beim Sport: Man will Sieger, das Publikum will sie – und die Sportler quälen sich auch nicht (mehr), weil „Dabeisein alles“ ist. Sieger sind aber nur möglich, wenn es auch Verlierer gibt. Wenn man so will, siegt jemand durchaus zulasten der nachrangigen Teilnehmer. Sie erst ermöglichen ihm den Sieger-Status, ohne sie ist der Gewinner ein Nichts.

Betrachten wir in der nächsten Stufe unser kapitalistisch-marktwirtschaftliches System. Es ist – u. a. – durch Wettbewerb geprägt, wie im Sport auch. Und so wie nicht alle Läufer eines Rennens gleichzeitig über die Ziellinie kommen, so führt auch der Wettbewerb von Unternehmen zwangsläufig zu Differenzierungen: Alle wollen wachsen, mehr Gewinn machen, Marktanteile hinzugewinnen. Dieser Versuch kann, wie bei den Läufern, nicht damit enden, dass alle Teilnehmer an diesem Wettbewerb der Unternehmen gleichzeitig (mit gleichem Resultat) ihre Ziele erreichen. Für jeden Gewinner braucht es Verlierer, anders geht es nicht.Wenn sich eine neue Technologie durchsetzt, muss eine andere verschwinden – und Unternehmen dieser alten Branche samt ihren Mitarbeitern mit ihnen.

Wer vorgestern Steinkohlekraftwerke besaß, war „König“. Gestern noch schien Zukunft zu haben, wem Atom- oder Braunkohlekraftwerke gehörten oder wer wenigstens dort beschäftigt war. Heute ist das alles totes Kapital.

Fest steht: Unser Wirtschaftssystem bringt schon innerhalb unserer eigenen Volkswirtschaft ständige Veränderungen sowohl im Bereich wirtschaftlicher Erfolge von Unternehmen als auch auf dem Gebiet des Wohlstandes einzelner Bevölkerungsgruppen mit sich. Neue Nummer eins einer Branche kann nur werden, wer die alte Nummer eins von ihrem Platz verdrängt – und elektrisch angetriebene Autos können nur dominieren, wenn dafür die Verbrennungsmotoren einschließlich ihrer Konstrukteure dramatisch an Bedeutung verlieren.

Noch niemals hat es unter diesen Umständen Länder oder Volkswirtschaften gegeben, in denen es allen Unternehmen und allen Menschen gleich gut ging. Wettbewerb führt zwangsläufig zu Differenzierungen.

Jetzt blicken wir über die Landesgrenzen hinaus: Unser Wohlstand beruht zum großen Teil darauf, dass wir mehr exportieren als einführen (positive Handelsbilanz). Aber können beispielsweise alle Länder gleichzeitig Exportweltmeister sein? Auch hier gibt es Wettbewerb, auch hier kann der nur zu abgestuften Ergebnissen führen – und nicht dazu, dass es letzten Endes allen Ländern gleich gut geht.

Ein Sieg auf der einen Seite verlangt auch im Ländervergleich diverse Nicht-Sieger auf der anderen. Wenn also ein Land einen am Durchschnitt gemessen hohen Lebensstandard haben und halten will, dann geht das letztlich im Rahmen unseres globalen Wirtschaftssystems nur, wenn andere Länder in diesem Bereich weniger hoch angesiedelt sind.

Man kann von einer glücklichen Welt ohne Sieger und Nicht-Sieger träumen, aber das sind Utopien.

Auch das alte Rom konnte nur große Teile der bekannten Welt beherrschen, weil andere Länder eben zu den Nicht-Siegern gehörten und beherrscht wurden. An diesem Prinzip dürfte sich so schnell nichts ändern.

Springen wir wieder zurück auf die Eingangsfrage: Bezahlen „die anderen“ unseren (höheren) Lebensstandard? Das klingt immer noch sehr hart formuliert, aber ganz sicher ist: Wenn wir einen am Maßstab aller Länder gemessenen höheren Lebensstandard wollen, dann brauchen wir Länder, die unser Niveau derzeit nicht erreichen. Das ist aus Definitionsgründen nicht anders denkbar.

Wenn nun jemand unbedingt hart und pointiert formulieren will, dann „bezahlen“ in einem Wettbewerb immer andere dafür, dass jemand „vorn“ oder „oben“ landen kann.

Als Trost: Was im nationalen wie internationalen Wettbewerb jeweils als Ergebnis entstanden ist, hat keinen dauerhaften Bestand. Schon morgen ergeben sich neue Rangfolgen oder, wenn man so will, bezahlen neue Nicht-Sieger dafür, dass neue Sieger auf dem „Treppchen“ stehen.

Als Versuch einer versöhnlicher klingenden Formulierung des beanstandeten Satzes:

„Nur so lässt sich erreichen, dass die anderen uns unseren Vorsprung beim Lebensstandard lassen.“ Aber seien Sie versichert: Freiwillig lassen sie ihn uns nicht. Wir müssen jeden Tag erneut darum kämpfen, in einem sehr harten internationalen Wettbewerb. Aus dem Sport wissen wir auch: Wer siegen will, darf sich gegenüber den unverzichtbaren Nicht-Siegern keine allzu sentimentalen Gefühle erlauben. Das Leben ist nun einmal Kampf.

 

Frage-Nr.: 3.040
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-09-20

Von Heiko Mell

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