Beeinflusst Erziehung die Karriere?

Ich bin Bachelor (FH) und Master (TU), inzwischen Anfang 30, tätig als Ingenieur für Anwendungstechnik bei einem mittelständischen Unternehmen.Ich sehe in meinem Berufsfeld jüngere Absolventen, die in den Beruf einsteigen. Häufig haben diese sehr klare (hohe) Anforderungen an das Gehalt und die Vorstellung, möglichst zeitnah, am besten direkt, Führungsaufgaben zu übernehmen. Das alles am jetzigen Wohnort und ohne viel Aufwand mit super Work-Life-Balance. Ein niedriger bezahlter Job wird gar nicht erst angenommen.Ich habe mich gefragt, woher das Arbeitsbild kommt. Ein Ansatzpunkt war die sich wandelnde Erziehung von autoritär zu demokratisch und weiter zu laissez faire – individualisiert mit wenig Grenzen. Das Kind wird schnell dazu gebracht, seine Meinung durchzusetzen, was im Berufsleben zu einer Selbstüberschätzung führen kann.Für mich stellt sich nun die Frage nach der eigenen Kindeserziehung im Hinblick auf die Karriere des Kindes (vorausgesetzt, das Kind ist gewillt, eine berufliche Karriere Richtung Ingenieur + ggf. Führungskraft einzuschlagen). Subjektiv ist es natürlich so, dass die selbst praktizierte Erziehung stets die beste ist. Konkret stellt sich für mich aber objektiv die Frage:Kann heute ein autoritärer – oder sagen wir ein in Ansätzen autoritärer – Erziehungsstil einen geeigneten Kandidaten für das Ingenieurtum formen? Wird dieser nicht untergehen in einer Umgebung, die von entscheidungsfreudigen, individualisiert erzogenen Mitmenschen geprägt ist? Ich wage zu behaupten, dass autoritäre Erziehung zumindest anfänglich das Hinterfragen und die Entscheidungsfreudigkeit hemmen.Sehen Sie hier einen Zusammenhang und wie würden Sie das angehen?Aus meiner Sicht bleibt mir eigentlich keine andere Chance, als mich den aktuellen Erziehungsstilen (auch wenn mir das zu locker erscheint) komplett anzupassen, um meinem Kind ein „Mithalten“ im Berufsleben zu ermöglichen – auch unter dem Aspekt, dass die Berufsanfänger von heute die Personalentscheider von morgen sein werden.Ich freue mich auf Ihre Antwort und natürlich auch auf die weiteren „Fälle“ in der Karriereberatung.

Antwort:

Ein wirklich „großes“ Thema – das sicher in letzter Konsequenz über die Grenzen dieser Serie hinausgeht. Schließlich gibt es eine Erziehungswissenschaft, die „hauptamtlich“ auf diesem Gebiet forscht, veröffentlicht und leidenschaftlich diskutiert. Und wir beide sind in diesem Metier nur engagierte Amateure. Probieren wir es dennoch; die anderen Leser, die ggf. als Korrektiv dienen können (und werden), sind ja auch noch da.Also liste ich einmal auf, welche Meinung ich dazu habe und welche Erfahrungen ich sammeln durfte. Zunächst sind diese Klarstellungen aus meiner Sicht zu Ihren Ausführungen angebracht:Ich sehe zunächst einmal keine besondere Arbeitsumgebung mit speziellen Anforderungen im Ingenieurbereich. Es geht eher allgemein um das industriell geprägte Umfeld, das für Ingenieure und – beispielsweise – Kaufleute gleich ist, das sich aber – auch beispielsweise – vom Umfeld in einem Ingenieurbüro, einer Redaktion einer technischen Zeitschrift, einer Softwareschmiede oder in einer Stadtverwaltung durchaus unterscheidet. Aber eine spezielle Beziehung von Ingenieuren zu autoritären Strukturen möchte ich nicht festschreiben wollen.Sie schreiben weiter, ein Kind werde mit der „modernen“ Erziehung schnell dazu gebracht, seine Meinung durchzusetzen. Ich glaube, es geht um Schlimmeres als Meinung: Es geht um seinen Willen! Achten Sie einmal darauf, wie selten Eltern noch ihren quengelnden Kindern, die irgendetwas unbedingt wollen, ein konsequentes und eben auch durchgehaltenes Nein entgegenhalten.Es gibt aber später keinen Führungsstil, der in einer Abteilung von 30 Mitarbeitern jedem davon erlaubt, seinen Willen durchzusetzen. Es geht immer nur in eine Richtung – ob diese von einem Mann an der Spitze der Organisationseinheit vorgegeben wird oder ob die Mehrheit in einem demokratischen Prozess die Minderheit dominiert, ist letztlich egal: Es kann nicht 30 durchgesetzte Willen geben, Anpassung und Unterordnung bleiben unverzichtbar.Da stehen dem „Kind“ dann eben später konfliktintensive Lernprozesse bevor oder es wird freier Künstler und pfeift auf den Käufergeschmack.Natürlich verändert sich die Gesellschaft ebenso wie jeder Einzelne, verändern sich Ansprüche und Gepflogenheiten ständig („Panta rhei“ – alles fließt, Heraklit im 6. oder 5. Jhd. v. Chr.). Aber es fließt langsam. Und bevor fünf neue Absolventen in einem 10 000-Mitarbeiter-Unternehmen den Führungsstil des Inhabers revolutionieren, wird sehr, sehr viel Zeit vergehen.Ich habe schon recht früh begonnen, mich mit Erziehungsfragen zu beschäftigen, zuerst mit jenen, die mich betrafen. Als ich etwa zehn Jahre alt war, legte ich ein Schulheft mit dem Titel „Erziehungsfehler meiner Mutter“ an. Ich wollte, wenn ich einmal selbst Kinder haben würde, nicht dieselben schrecklichen Fehler wiederholen, die zweifelsfrei an mir begangen wurden (der Vater blieb außen vor, er war aus dem Krieg nicht zurückgekommen). Jenes Heft ist übrigens nicht über die erste Seite hinausgekommen. Bald erkannte ich, dass die Mutter in schweren Zeiten nur das Beste für mich gewollt hatte – und später wünschte ich mir, sie wäre noch viel konsequenter mir gegenüber gewesen. Heute bin ich ihr für all ihre Bemühungen zutiefst dankbar.So ist dieses erste Projekt in Erziehungsfragen von mir letztlich gescheitert, aber das Interesse am Thema blieb. Ich habe mich beobachtet und Spekulationen darüber angestellt, was an dem, was aus mir geworden ist, wohl erziehungsbedingt, was genetisch angelegt und was Umwelteinflüssen zu verdanken war (Freunde, Lehrer usw.). Ich habe den Weg von Geschwisterkindern verfolgt, Schulkameraden beobachtet und aufmerksam zugehört, wenn Eltern über ihre Kinder, deren Entwicklung und etwaige Probleme in dem Zusammenhang sprachen.Und auf dieser Basis bin ich – ohne Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit oder gar „die Wahrheit an sich“ zu folgenden Erkenntnissen gekommen:Ich glaube, dass – ein Aufwachsen unter normalen bürgerlichen Umfeldbedingungen mit den üblichen Bandbreiten vorausgesetzt – der weit überwiegende Teil der späteren Persönlichkeitsentwicklung genetisch bedingt ist. Nur der kleinere Rest ist durch bewusste elterliche Erziehung und prägende Umwelt dauerhaft beeinflussbar.Hier stütze ich mich auf Beobachtungen, wie überaus verschieden etwa Geschwisterkinder, von denselben Eltern nach – vermutlich – gleichbleibenden Standards erzogen, letztlich „geraten“ können und das in der Regel auch tun.Sehr anschaulich geschildert hat ein Bekannter von uns die überaus hohe „Verlustquote“ der elterlichen Erziehungsbemühungen: „Da bemüht man sich, seine Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen, trägt mühsam quasi Lackschicht um Lackschicht auf – und eines Tages schütteln sie sich, der ganze Lack platzt ab und Sie sehen fassungslos ein nie gewolltes Ergebnis Ihrer Bemühungen.“Jeder kennt wohl auch Beispiele, wie Kinder sich eines Tages unter dem Einfluss eines Partners entscheidend verändert haben und abschütteln, was die Eltern mühsam vermittelt hatten.Und weil ich das alles so sehe, geehrter Einsender, rate ich Ihnen in dieser sehr speziellen Frage zu einem ganz besonderen Denkansatz:In Fragen der Karrieregestaltung ist es überaus ratsam, zuerst das Ziel zu definieren und dann den Weg dorthin zu planen. Für das Vorstandsmitglied eines Konzerns braucht man nun einmal ein anderes Rüstzeug als für den Teamleiter im privat geführten Mittelstandsbetrieb. Also gilt in diesem Metier: Das Ziel bestimmt den Weg (den wiederum nur der entsprechend Begabte gehen kann).Hier jedoch empfehle ich den umgekehrten Ansatz: Kindererziehung fängt vermutlich in den ersten Lebenswochen und –monaten an. In jedem Fall so früh, dass ein Entwicklungsziel des Kindes überhaupt noch nicht absehbar ist. Viele junge Leute machen sogar ihr Abitur und wissen immer noch nicht, was sie später einmal beruflich machen wollen. Und spätestens dann ist die Erziehung längst abgeschlossen.Also beschäftigen Sie sich besser überhaupt nicht mit einem konkreten Ziel Ihrer Erziehungsbemühungen wie etwa der Befähigung zum Erfolg in einem bestimmten Beruf. Damit sind Sie auch die unangenehme Frage los, ob Ingenieure etwa in einer besonders autoritären Welt leben, auf die sie gezielt vorbereitet werden müssen.Nehmen Sie sich hier ausnahmsweise des Weges an, machen Sie tatsächlich ihn zum Ziel Ihrer Bemühungen. Vermitteln Sie Ihren Kindern das, was Sie geben wollen und geben können. Seien Sie dabei konsequent, seien Sie Vorbild, geben Sie sich Mühe – aber versuchen Sie nicht etwa, perfekt zu sein. Geben Sie einfach Ihr Bestes. Seien Sie so autoritär, wie es Ihnen nötig zu sein scheint und lassen Sie Ihren Kindern so viel Durchsetzungsfreiheit, wie Sie es für angemessen halten.Sie werden ohnehin an Grenzen stoßen: Sie erziehen Ihre Kinder permanent. Aber die Sprösslinge verändern sich, lehnen heute ab, was sie gestern noch als den alleinigen Gedanken überhaupt bezeichneten. Und Sie selbst sind Veränderungen unterworfen: Heute erziehen Sie in aller Ruhe, Ihr Verhältnis zur Partnerin ist ebenso harmonisch wie das zu Ihrem Chef. Morgen stehen Sie bei Ihrer Erziehungsaufgabe unter Zeitdruck, haben Krach in der Ehe, sind in der Firma von Entlassung bedroht.Hängen Sie die Latte Ihrer Erwartungen an sich selbst nicht zu hoch, sonst müssen Sie sich zu oft eingestehen, dass Sie wieder einmal nur darunter hergelaufen sind, statt darüber zu springen. Und: Wenn Sie sich zu einem Erziehungsstil zwingen, der nicht in Ihnen selbst verankert ist, werden Sie den nicht über so viele Jahre hinweg durchhalten.Als Trost: Die Erziehung unserer Kinder ist eigentlich die zentrale Aufgabe der Menschheit überhaupt. Und was tun wir? Im öffentlichen Bereich sparen wir an Schulen und Kinderbetreuung, im privaten lassen wir die Leute ohne jegliche Ausbildung auf das Formen des Nachwuchses los. Aber wenn Sie nur anderen Leuten die Haare schneiden wollen, geht ohne mehrjährige Friseurlehre gar nichts. Zum Abschluss berichte ich Ihnen über mein vorerst letztes Erziehungsprojekt: Als unser erstes Kind sich ankündigte, fasste ich den Plan, die Menschheit oder doch unseren Teil davon einen großen Schritt voranzubringen: Ich würde mir mit diesem Kind – es wurde ein Sohn – besonders viel Mühe geben und ihm intensiv und nachhaltig alles beibringen, was ich über „das Leben und seine Erfordernisse“ schon wusste. Es brauchte sich dann nicht mehr damit herumzuschlagen, zeitaufwendig aus selbst gemachten Fehlern Erfahrungen zu gewinnen, sondern konnte auf meinem Wissen aufbauen und gleich den nächsten Entwicklungsschritt angehen (von dem ich nur verschwommene Vorstellungen hatte, aber es musste ihn doch irgendwie geben!).Sie ahnen es, wie die Geschichte ausging: Mein Sohn war an meinen wiederholt dargebotenen wertvollen Erkenntnissen nicht interessiert, sondern ganz wild darauf, selbst herauszufinden, was ich schon seit Jahrzehnten wusste.Das fing mit einer glühenden Herdplatte an: Ich zeigte sie ihm, erläuterte nachhaltig: „Ist heiß, macht aua, also ist das nein, nein.“ Kaum hatte ich mich herumgedreht, erklang großes Geschrei: Er hatte meine „Erkenntnis“ überprüft. Ich wusste sofort: Das würde er mit meiner nächsten machen und mit der übernächsten usw. Und so geschah es denn.Damit vergab die Menschheit die einmalige Chance, in einer Generation einen großen Schritt nach vorn zu tun; ich immerhin war um eine Erfahrung reicher.Ihnen, geehrter Einsender, wünsche ich viel Glück. Sie stehen vor einer großen, nahezu unlösbaren Aufgabe. Irgendwann gewöhnt man sich daran.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2904
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-09-28

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