Setzt das System geistige Beschränktheit voraus?

1. Braucht man eine gewisse geistige Beschränktheit, um dieses (von Ihnen ja sehr gut beschriebene) System der modernen Ingenieur-Arbeitswelt überhaupt aushalten zu können? 2. Ist es verwerflich, wenn man selbst nicht über die Skrupellosigkeit verfügt, bei diesem Spiel des nach oben Buckelns und nach unten Tretens mitzumachen– also bei einer offensichtlichen Moraldefizienz (seien Sie mit dem Begriff „Defizienz“ lieber vorsichtig, weder deutscher noch Fremdwörter-Duden kennen ihn; man versteht aber, was gemeint ist; H. Mell) in der deutschen Ingenieur-Gesellschaft – ,nun selber eine geistige Defizienz vortäuscht, sich arbeitsunfähig schreiben lässt, sich in das Hartz-4-Netz fallen lässt und sich dann über die Schönheit des Lebens freut, solange unsere Welt dieses noch erlaubt? Wenn das genug Leute machen würden, vielleicht könnte man so die Konsorten XXX und Co. (im Original steht hier der Name des Vorstandsvorsitzenden eines Premium-Kon­zerns; H. Mell) zu einem Umdenken bewegen …

Antwort:

Wenn man Ihrem Grundgedanken folgt, die Zusammenhänge aber ein wenig anders – positiver – darstellt, dann treffen wir uns sogar irgendwo.Zu 1: Das kommt auf die Sichtweise und die Definition von Beschränktheit an. Sieht man es aus der Sicht eines Hochbegabten (wie er beispielsweise in der Person des Sheldon Cooper in der amerikanischen TV-Serie „The Big Bang Theorie“ persifliert wird), dann muss man fast „ja“ antworten. Denken Sie an meine häufigen Beiträge über Einser-Kandida­ten, die oft (nicht immer) fast ein wenig zu klug oder besser zu intellektuell anspruchsvoll für diese Berufswelt der Industrie oder ähnlich strukturierter Unternehmen sind.Vergessen Sie nicht: Haupt-Daseinszweck der Unternehmen ist das Erzielen von Profit – und danach von noch mehr Profit. Ersatzweise (und wieder auch vom Profit abhängig) zählt noch die Entwicklung des Aktienkurses.Um die dort beschäftigten Menschen geht es gar nicht vorrangig, sie sind eher Mittel zum Zweck.Profit übrigens erzielen Sie, wenn Sie viele Kunden für Ihre Produkte und Leistungen finden – und wenn Sie deutlich teurer verkaufen als Sie hergestellt bzw. eingekauft haben.Das sind letztlich recht „bodenständige“ Anforderungen, für die es keinen Einstein in jeder Führungsposition braucht. Im Gegenteil: Viele Einsteins in Chef-Jobs würden ein unentwirrbares Chaos in diesem bestehenden System anrichten.Also: Man braucht keine „geistige Beschränktheit“, aber auch keine intellektuellen Super-Fähigkeiten. Nach meiner Erfahrung ist eine Begabung, die zu Studienexamen zwischen 1,5 und 2,5 führt, gepaart mit Anpassungsbereitschaft, Dynamik, Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz, Durchsetzungsvermögen und Machtinstinkt eine hervorragende Basis für eine solide Karriere.Unser kapitalistisches/marktwirtschaftliches System hat zwei Besonderheiten, die man sehen und wohl auch akzeptieren muss:a) Es ist schwach, was seine theoretische Basis angeht. Der Kommunismus, beispielsweise, lässt sich insbesondere für den Geschmack junger Leute besser als theoretisches Modell überzeugend darstellen. Mit Reizwörtern wie „Profit“, „Aktienkurs“, „Marktanteil“ und „Wachstum über alles“ lässt sich schwer jemand begeistern, der noch Ideale hat und die Welt möglichst vollkommen sehen möchte. Deswegen operiert unser System parallel zur obigen Definition mit Begriffen wie „soziale Marktwirtschaft“ und – real korrekt – „persönlichen Freiheiten“.b) Es ist von allen bekannten, früher praktizierten bzw. real existierenden Systemen das weitaus effizienteste sowie erfolgreichste. Und eines, in dem sowohl materieller Wohlstand als auch persönliche Freiheit des Einzelnen im Durchschnitt Höchstwerte verbuchen. Man muss nur damit leben, dass es fast jedem relativ gut, aber einigen immer noch sehr viel besser geht. Ich glaube, Franz-Josef Strauß hat einmal formuliert, dass dies der Preis ist, den wir für unseren Wohlstand zahlen müssen.Es hat keinen Sinn, theoretische Überlegungen anzustellen, wie man nur was an welchem existierenden oder existiert habenden System verbessern müsste, um es uns allen noch besser gehen zu lassen. Die Erfahrung lehrt, dass man diese Systeme, so wie sie sich nun einmal herausgebildet haben bzw. hatten, gegeneinander abwägen muss. Und dann spricht sehr viel für unser unvollkommenes.Zu 2: Auch hier wieder kann man viel erreichen, wenn man Ihre Aussage im Kern anders formuliert: Wir haben ein hierarchisches, pyramidal (breite Basis, schmale Spitze) aufgebautes Führungssystem.Oben an der Spitze steht nicht jener „arme“ Vorstandsvorsitzende XXX, der auch bloß Angestellter ist. Nein, oben sitzt der Aktionär, der am besten Großaktionär oder gleich Inhaber ist. Unten stehen die Leute, die Kisten schleppen. Der Rest sitzt dazwischen.Alle Führungskräfte haben Personen „unter sich“, die sie anweisen und steuern – als Ressourcen des Unternehmens, die sie im Auftrag des Arbeitgebers nach seiner Zielsetzung „zum Funktionieren bringen“ (Zeugnissprache: zu einem hohen Leistungsstand führen) müssen. Die Führungskräfte freuen sich, wenn ihnen ihre unterstellten Leute mit Respekt begegnen – und halbwegs tun, was man ihnen sagt. Niemals definieren sie, dass diese Mitarbeiter zu ihnen („nach oben“) buckeln sollen – und niemals glauben sie, dass sie selbst etwa nach unten treten würden. Aber viele Führungskräfte (auch Herr XXX an der Vorstandsspitze) haben auch wieder jemanden über sich – der sie genau so sieht und führt wie sie ihrerseits das nach unten hin tun. Natürlich sehen sie ihre eigenen Chefs nicht als perfekt funktionierende „Engel“, sondern als Menschen mit Stärken und Schwächen, die sie auch gern kritisieren – zur Vorsicht aber am besten hinter deren Rücken.Dieses hierarchische System gab es in Cäsars Legionen, im mittelalterlichen Feudalsystem, in der Parteistruktur von KPdSU und SED und gibt es beispielsweise in der katholischen Kirche.Es hat seine Schwächen, es ist unvollkommen – aber es bewährt sich seit Jahrhunderten bei der Führung der ja auch notorisch unvollkommenen Menschen. Und es ist, wenn es gut praktiziert wird, ungeheuer effizient.Noch zu einigen Kleinigkeiten Ihrer Zuschrift:Mit einer speziellen „Ingenieur-Arbeitswelt“ hat das alles nichts zu tun, es trifft ebenso auf angestellte Kaufleute oder Juristen etc. in der Industrie zu.Um in diesem System überleben zu können, reicht eine Kombination von fachlichem Können, Anpassungs- und Leistungsbereitschaft generell aus. Skrupellosigkeit ist dafür generell und vor allem auf Dauer nicht erforderlich.Um in diesem System jedoch eine mittlere Führungsposition zu erringen und erfolgreich zu halten, sind einige weitere Eigenschaften (s. o.) erforderlich, aber Skrupellosigkeit gehört generell nicht dazu, Ausnahmen sind denkbar.Um in diesem System Vorstandsvorsitzender oder Papst oder Vorsitzender des Zentralkomitees der … zu werden oder zu bleiben, brauchen Sie weitere Eigenschaften. Ich würde nicht wagen zu formulieren, dort sei noch immer keine Skrupellosigkeit erforderlich, kann Sie aber mit der sicheren Erkenntnis trösten, dass man diese Eigenschaft „da oben“ schlicht nicht mehr so nennt. Man spricht dann von „Sachzwängen“ und „Entscheidungen, die halt getroffen werden müssen“.Und in diesem System als TU-Absolvent (wie Sie) mit manipulierter Krankschreibung freiwillig auf Hartz-4-Niveau abtauchen wollen? Nein, dafür spricht pauschal überhaupt nichts. Es gilt sogar: Leistung macht oft Spaß und wird manchmal auch noch belohnt. Vor allem aber erbringt man sie aus eigenem Anspruch an sich selbst heraus – und kann gar nicht anders.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2903
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-09-21

Top Stellenangebote

Wohnungsbaugenossenschaft der Justizangehörigen Frankfurt am Main e. G.-Firmenlogo
Wohnungsbaugenossenschaft der Justizangehörigen Frankfurt am Main e. G. Diplom-Ingenieur/in / Architekt/in (m/w/d) Frankfurt am Main
HOPPECKE-Firmenlogo
HOPPECKE Systemtechniker (m/w/d) deutschlandweit
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Entwicklungsingenieur Berechnung Getriebekomponenten (w/m/d) Bruchsal
M Plan GmbH-Firmenlogo
M Plan GmbH Elektrokonstrukteur (m/w/d) Dortmund
HOPPECKE-Firmenlogo
HOPPECKE Projekt Manager (m/w/d) deutschlandweit
HOPPECKE-Firmenlogo
HOPPECKE Content- und Kommunikationsmanager (m/w/d) deutschlandweit
OSMA-Aufzüge Albert Schenk GmbH & Co KG-Firmenlogo
OSMA-Aufzüge Albert Schenk GmbH & Co KG Leiter Forschung & Produktentwicklung (m/w/d) Bereich Neuaufzüge, Modernisierung und Service Osnabrück
bonafide Immobilien GmbH-Firmenlogo
bonafide Immobilien GmbH Tragwerksplaner / Statiker (m/w/d) deutschlandweit
HOPPECKE-Firmenlogo
HOPPECKE Produktmanager Energiesysteme (m/w/d) deutschlandweit
OSMA-Aufzüge Albert Schenk GmbH & Co KG-Firmenlogo
OSMA-Aufzüge Albert Schenk GmbH & Co KG Leiter Konstruktion (m/w/d) Bereich Neuaufzüge, Modernisierung und Service Osnabrück

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…