Heiko Mell

Den kündigenden Chef als Referenz benennen?

(In Frage 2.808 vom 18.03.2016 ging es um einen Berufseinsteiger, dem nach nur zwei Monaten gekündigt worden war mit der Begründung, man hätte den Aufwand für die Einarbeitung eines Anfängers unterschätzt. Der Chef wollte beim Zeugnis die Wünsche des Mitarbeiters umsetzen. Ich riet zu einer Formulierung, die „unvorhersehbare geschäftliche Entwicklungen“ als Ursache nennt und den Mitarbeiter darüber hinaus vollständig entlastet; H. Mell).

Zu Ihren Ausführungen möchte ich ergänzend anmerken:

Sofern der vom Fragesteller geschilderte Sachverhalt bzgl. seiner Kündigung zutreffend ist, sollte eine erkennbar wohlwollende Formulierung wie Sie sie beispielhaft beschreiben, für den entlassenden Firmeninhaber keine Hürde darstellen. Wie Sie aber zutreffend bemerken, gehen etwaige Zweifel stets zulasten des Bewerbers. Was kann der also im Rahmen seiner Bringschuld noch tun?

Hier sollte der Bewerber seinen ihm gegenüber trotz betriebsnotwendiger Kündigung wohlgesonnenen Chef bitten, als persönliche Referenz zur Verfügung zu stehen. Das kann der Bewerber dann auch im Rahmen seiner Bewerbung darstellen. Damit zeigt er dem Bewerbungsempfänger Problembewusstsein und bietet ihm darüber hinaus das vielleicht wichtigste Mosaiksteinchen, um – ernsthaftes Interesse am Bewerber vorausgesetzt –vielleicht bestehende Zweifel an dessen Darstellung der Umstände auszuräumen.

Antwort:

Im Prinzip ist die Sache mit der Referenz ein denkbarer Ansatz. In der Praxis jedoch habe ich aus Erfahrung so meine Zweifel.

Da ist zunächst einmal die Ausgangssituation aus der Sicht des Chefs: Er hat einen „Flop gelandet“, keine Frage. Die Einstellung des jungen Mannes war ein Fehler. Sie hat Aufregungen verursacht, Geld gekostet, war in den Augen der anderen Mitarbeiter natürlich „Sache des Chefs“, er hat die Einstellung verantwortet. Nun sind seit Vertragsabschluss mit jenem Mitarbeiter einige Monate vergangen – die Situation ist schlimmer als sie es damals war. Der personelle Engpass, der seinerzeit zu der Einstellung geführt hatte, besteht immer noch, es wurde nicht nur Zeit verloren, es wurde sogar Zeit für die Einarbeitungsversuche vergeudet.

Schön, wenn der Chef ein Heiliger ist, geht er in sich, erkennt zerknirscht, dass er allein die Verantwortung trägt, beschließt, dem armen ehemaligen Mitarbeiter nach Kräften zu helfen, stellt sich als Referenz zur Verfügung und lobt jenen jungen Mann am Telefon von Kopf bis Fuß, spricht den ehemaligen Mitarbeiter von jeder Schuld frei und dieselbe sich allein zu.

Wenn er aber doch ein Mensch wie du und ich sein sollte, dann reagiert er auf den Flop, indem er sich ärgert. Das ist bei Chefs ganz normal. Üblich ist, dass der Ärger jemanden trifft. Nicht so sehr sich selbst; mit ständigem Unmut über Fehlhandlungen der eigenen Person wird man nicht Chef. Nein, sein Blick schweift umher, sucht einen Schuldigen. Was meinen Sie, wie lange es dauert, bis jener ehemalige Mitarbeiter ziemlich weit oben auf einer entsprechenden Liste von Kandidaten steht? Natürlich nimmt er sich in den ersten zwei Minuten des telefonischen Referenzgesprächs zusammen. Aber so langsam bricht dann durch, was ihn bewegt. Gegen Ende könnte das etwa so laufen:

Der Referenznehmer (R): „Der Bewerber meint, Sie hätten den Aufwand für seine Einarbeitung falsch, als zu niedrig eingeschätzt.“ Der Chef (C): „Falsch eingeschätzt, falsch eingeschätzt, was heißt hier falsch eingeschätzt? Wissen Sie, wenn da ein lt. Papier fertiger Ingenieur kommt und gar nichts kann, also alles fragen muss und meine ohnehin überlasteten Leute von der Arbeit abhält, dann können Sie gar nicht so hoch schätzen, wie es hier wohl nötig gewesen wäre.“ Dann beruhigt er sich wieder und erinnert sich an sein Versprechen: „Gut, ich musste oder wollte ihm einen Grund nennen, warum er entlassen wurde. Da habe ich von ‚unterschätzten Einarbeitungsaufwand‘ gesprochen. Ich wollte ihn ja nicht zerstören, indem ich sage, er hätte mich enttäuscht.“

R stellt nun die Kernfrage einer Referenz: „Können Sie ihn mir zur Einstellung empfehlen`?“ C: „Nein, kann ich natürlich nicht. Es gibt ja nichts, was er getan hat, um durch Leistung positiv aufzufallen. Aber ich kann ganz klar sagen, dass es auch keine Vorbehalte gegen ihn speziell gibt. Vielleicht sind heute alle Anfänger so, vielleicht hätte ich keinen Einsteiger einstellen sollen.“Schlussfrage an Sie, geehrter Einsender: Stellt R den Bewerber nun ein?

Kurzantwort:

Service für Querleser:

Wenn sich die Situation „unglücklich“ entwickelt und der Referenznehmer etwas hartnäckig „bohrt“, kann eine eigentlich gut gemeinte Referenz auch negativ ausgehen.

Frage-Nr.: 2853
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-12-01

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