Manager-Erfahrungen aus fast 50 Jahren

Frage/1:Auch nach meinen Renteneintritt lese ich weiterhin Ihre interessanten Beiträge und Empfehlungen. Heute möchte ich einen Teil meiner Erfahrungen an Sie und eventuell auch an die jungen Leser weitergeben:Frage/2: In den letzten Jahren hatte ich die Verantwortung als Geschäftsführer für ca. 400 Mitarbeiter in Deutschland und zwei weitere Werke im Ausland (China und USA). Immer hatte ich den Anspruch an meine Abteilungen, sich ständig zu verbessern. Der Leitsatz, den ich mir schon vor der „López-Ära“ selbst auferlegte, hieß: ständige Verbesserung und aus jedem Fehler lernen! Die große Herausforderung war, diese Vision allen Mitarbeitern zu vermitteln und die gewonnenen Erkenntnisse nachhaltig zu leben; ständig neue Wege zu erproben und auch zurückzugehen, wenn man keinen Erfolg mehr auf diesem Weg sah.Frage/3: Ernüchternd habe ich in mehreren Unternehmen in verschiedenen Regionen feststellen müssen, dass das langfristige Bestehen, also die nachhaltige Stabilität optimierter Prozesse, das größte Problem in unserer Gesellschaft ist. Nur ein Bruchteil der Mitarbeiter und Führungskräfte (ich schätze ca. 10%) sind in der Lage, die oft selbst und mit viel Aufwand erarbeiteten Verbesserungen kontinuierlich zu leben und fortzuführen. Diese Erkenntnis war für mich eine Ernüchterung. Offensichtlich ist das Problem aber weiter verbreitet als viele meinen, wie mir Führungskräfte aus anderen Unternehmen bei informellen Gesprächen vertraulich anvertrauten. Daher ist es meiner Meinung nach die zentrale Aufgabe für die jetzige Generation, hier den richtigen Schlüssel zu finden. Ich konnte im Rahmen meiner Laufbahn mit meinem Team hier nur ansatzweise zur Lösung beitragen.Frage/4: Noch ein Nachsatz zu ausländischen Standorten bzw. Unternehmen: Meine Erfahrung ist, dass die hiesigen industriellen Abläufe überwiegend dem Ausland noch weit, weit überlegen sind und auch noch über Jahre bleiben können – wenn unsere Unternehmen sich ständig weiter entwickeln.

Antwort:

Antwort/1:Ich lese solche Ausführungen immer gern – und lerne aus jeder Zuschrift. Dabei nutze ich die unterschiedlichen Schilderungen und gestellten Fragen, um aus den einzelnen Mosaiksteinchen das Bild unseres „Systems“ immer wieder neu zusammenzusetzen. Nur so war es zu erreichen, dass in den vielen Jahren meiner Arbeit an dieser Serie noch niemand aufgetreten ist etwa mit der Aussage, das werde hier letztlich alles ganz falsch gesehen und in Wirklichkeit sei es in der Praxis völlig anders (was nicht ausschließt, dass es in Einzelfällen auch andere Meinungen gibt – schließlich besteht die Berufswelt aus lauter Menschen, die bei aller Gemeinsamkeit auch ziemlich unterschiedlich sind).Was die Bereitschaft jüngerer Leser angeht, sich freiwillig auf die Erfahrungen von Rentnern einzulassen, bin ich etwas skeptisch. Aber wir haben ja auch viele mittelalte Leser, die in diesen Fragen generell offener sind.Darüber hinaus kann ich Ihre Motivation gut nachvollziehen: Wenn man in die Ruhestand geht, erschrickt man geradezu bei dem Gedanken, dass plötzlich all das mühsam angesammelte Wissen und die hart erkämpfte Erfahrung einfach als eine Art „Muster ohne Wert“ weggeworfen werden sollen. Was gestern noch ausreichte, um mehrere Werke erfolgreich zu führen, kann heute nicht bedeutungslos sein, das gebietet schon die Logik.Antwort/2:Wenn Ihnen, liebe Leser, der Name López kein Begriff (mehr) ist, schauen Sie einmal bei Wikipedia nach: Auf dem Höhepunkt seines „Ruhms“ konnte man in Gesprächen mit Kfz-Zulieferern den Namen nicht erwähnen, ohne dass die Gesichter der Gesprächspartner dunkelviolett anliefen. Lassen wir es hier dabei.Die ständige Verbesserung, z. B. im KVP-System manifestiert, ist auf der einen Seite ein absolut sinnvoller Prozess, wenn man die Struktur und vor allem die Zielsetzung unserer Unternehmen bedenkt. Auf der anderen Seite läuft sie einer festverankerten menschlichen Grundeigenschaft zuwider. Sie können dem Menschen verdeutlichen, dass jeder Ablauf optimiert werden muss, wenn man vorn bleiben oder nach vorn streben will. Das sieht er nach ein bisschen entsprechender Schulung durchaus ein, daran arbeitet er auch gern mit; das bringt Erfolge, an denen man sich erfreut. Die Tücke liegt im K, das für den „kontinuierlichen“ Verbesserungsprozess steht. Um es vielleicht einmal so auszudrücken: Der Mensch ist relativ leicht davon zu überzeugen, dass in gewissen Abständen (!) alle Prozesse auf den Prüfstand müssen, um sie nach allen möglichen Gesichtspunkten zu verbessern. Aber „kontinuierlich“ heißt ja vom Systemgedanken her, dass morgen wieder in Frage gestellt wird, was wir gestern Abend erst mühsam optimiert hatten. Und übermorgen wieder. Das kann, wenn nicht viel in Information, Überzeugung und Schulung investiert wird, den unvorbereiteten Menschen ziemlich nerven. Veränderungen, auch die zum Besseren hin, sind wie Schokolade. Selbst wer sie liebt, will sie nicht täglich.Sehen Sie, das vom meiner Frau und mir genutzte Wohnzimmer ist irgendwie eingerichtet, alles steht irgendwo. Nun könnte meine Frau erklären, sie hätte eine Verbesserung gefunden: Wenn man den Schrank dahin stellt, wo jetzt das Sofa steht und den blauen Sessel gegen den roten im Arbeitszimmer austauscht, dann wäre das viel besser. Es könnte durchaus möglich sein, dass mir das einleuchtet; käme sie jedoch zwei Tage später mit einer neuen Verbesserung dieser Art und kurz danach mit der nächsten, dann wäre ich, vorsichtig gesagt, überfordert. So ähnlich geht es natürlich auch ungeschulten Mitarbeitern im Unternehmen. Deshalb ist Ihr Satz so wichtig: „Die große Herausforderung war, diese Vision allen Mitarbeitern zu vermitteln.“Aber das Grundprinzip, ständig an Verbesserungen zu arbeiten und aus Fehlern zu lernen, kann nur unterstrichen werden.Antwort/3:Sie sagen, dass Ihrer Meinung nach nur ca. 10 % der Belegschaft der Unternehmen bereit und in der Lage sind, entscheidende Beiträge zur Zukunftssicherheit zu leisten. Quoten in der Größenordnung von 10 bis 15 % hört man in solchen Gesprächen relativ oft, wenn es darum geht, diejenigen Hoffnungs- und Leistungsträger zu benennen, „mit denen Sie etwas anfangen können“, „von denen man etwas erwarten kann“ etc. Die anderen brauchen Vorgaben, Anleitung, sind unersetzlich für die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft, sind aber eher ausführend als gestaltend, funktionieren eher nach „Befehl + Gehorsam“.Auch ich höre das immer wieder aus unterschiedlichen Quellen, sodass ich Ihnen in dieser äußerst heiklen Frage nicht widersprechen kann. Eine kleine Schwäche dieser These liegt in der Tatsache, dass jeder, der dazu Stellung nimmt, sich deutlich näher bei jenen 10 bis 15 % sieht als bei dem größeren „Rest“. Was, dies sei schnell noch nachgeschoben, selbstverständlich auch für alle Leser dieser Serie gilt.Antwort/4:Das ist eine hochgefährliche Ansicht. Selbst wenn sie stimmt. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen, glaube es aber nicht. Wir haben nicht nur die ehemalige Überlegenheit in manchen Branchen verloren, wir haben ganze Branchen hier bedeutungslos werden sehen. Gerade eine heute vielleicht noch bestehende partielle Führerschaft in manchen Bereichen muss jeden Tag neu erkämpft und durch sehr große Anstrengungen neu abgesichert werden. Viele Unternehmen sind zwar hier noch ansässig, gehören aber längst zu ausländischen Konzernen – wie wollen Sie das werten? Und vielleicht holt die Konzernmutter das Know-how in die ausländische Zentrale, auch das geschieht. Die zunehmende Globalisierung macht auf Dauer Vergleich „wir im Verhältnis zu den andern“ illusorisch.Aber, fällt mir gerade noch ein: Von solch einer „Karriereberatung“, wie wir sie her praktizieren, habe ich in anderen Ländern nach über 30 Jahren immer noch nichts gehört. Da bleibt uns doch ein kleiner Trost … (Oder sind „die im Ausland“ so gut, dass sie keine permanenten „klugen Ratschläge“ brauchen?)

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2819
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-06-02

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