Der Konflikt zwischen Gehorsam und Gesetzestreue

Anmerkung von Heiko Mell: In der Angelegenheit „Manipulation der Abgaswerte durch einen großen deutschen Fahrzeughersteller“ haben mich wieder mehrere Zuschriften mit unterschiedlichen Themenstellungen erreicht. Das Problem dabei: Noch wissen wir zu wenig darüber, was eigentlich im Detail geschehen ist, wer wofür die Verantwortung trug etc. Bevor wir auf diesen Komplex eingehen, sollten wir mehr Informationen haben; geben Sie uns also noch etwas Zeit. Die hier vorliegende Frage jedoch ist allgemein genug gehalten, um schon jetzt diskutiert werden zu können.

Frage: Was raten Sie den Beteiligten, die während einer Produktentwicklung mangelnde Gesetzeskonformität und deren offensichtliche Vertuschung erkennen? Sollte man mit solchen kritischen Informationen notfalls auch einmal eine oder gar mehrere Hierarchiestufen überspringen? Oder gilt auch hier die alte Weisheit, dass man zwar den Verrat liebt, aber den Verräter hasst?Wie sichert man sich als leitender Angestellter der mittleren Führungsebene juristisch ab, wenn man weiter oben kein Gehör findet?

Antwort:

Der letzte Satz Ihre Frage enthält seine Antwort bereits im Wort „juristisch“: Solche Probleme dürfen Nichtjuristen nicht öffentlich zu lösen versuchen. Hier sollten Sie einen Anwalt konsultieren, vor allem wenn Gesetzesverstöße betroffen sind. Letztlich läuft das auf die Frage hinaus: Muss ich den Behörden melden, wenn ein Kollege oder mein Chef bewusst eine „rote Ampel“ überfährt? Oder wenn jemand Körperverletzung begeht? Oder greift das erst bei Totschlag und Mord? Ich gestehe, nicht einmal das ganz genau zu wissen.Aber ich weiß etwas anderes: Sie sind bei einem Unternehmen angestellt, das von Ihnen ein bestimmtes Maß an Loyalität erwartet. Sie haben, das wird Ihr Arbeitgeber so sehen, nach Möglichkeit Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Und wenn Sie von einem Vorgehen anderer Mitarbeiter wissen, das dem Arbeitgeber großen Schaden zufügen wird oder könnte, dann wird dieser extrem wütend sein, wenn Sie auch nur stiller Mitwisser waren, der die „Lawine“ kommen sah, aber nicht warnend ins Horn gestoßen hat. Ihre Firma wird nicht erwarten, dass Sie schnurstracks zu irgendeiner Behörde laufen (im Gegenteil, das wäre zwar primär staatsbürgerlich ehrenwert, aber sekundär stark geschäftsschädigend; und geschäftsschädigend ist immer Hochverrat – mit allen Konsequenzen).Betrachten wir also allein die interne Sicht der Dinge. Und da wird es kompliziert:Der Vorgesetzte hat also etwas getan, etwas veranlasst oder will etwas tun, was ihm vielleicht nützt oder Nachteile von ihm persönlich abwendet, was aber dem Unternehmen das Risiko eines Schadens aufbürdet. Und da ging es hier nicht um Briefmarken, sondern um existenzbedrohende Summen im Milliarden-Bereich.Der bedauernswerte Mitarbeiter in Ihrem Fall („leitender Angestellter der mittleren Führungsebene“) sieht sich dann zwei verschiedenen Loyalitätsforderungen ausgesetzt:a) Laut „betrieblicher Übung“, aber schriftlich praktisch nie irgendwo festgelegt, haben die unmittelbaren und die nächsthöheren Vorgesetzten einen ganz klaren Anspruch auf Loyalität des Mitarbeiters ihnen persönlich gegenüber.Dieser als selbstverständlich geltende Anspruch wird z. B. erhoben, wenn der Vorgesetzte in Konflikt mit anderen Führungskräften steht, wenn er sich mit externen Stellen (z. B. Behörden) streitet – und sogar, wenn er mit seinem eigenen Vorgesetzten im Kampf begriffen ist.Wer in einem solchen Fall seinem Chef in den Rücken fällt, riskiert durchaus die Entlassung. Nicht nur der eigene Vorgesetzte betreibt die, auch dessen Kollegen und dessen Chefs mögen niemanden, der seinem Chef in den Rücken fällt – schon aus Prinzip und wegen möglicher Nachahmungseffekte nicht. Also versuchen sie alle, „so einen“ loszuwerden.Fazit: Wer seinen eigenen Chef anschwärzt, ist weitgehend „tot“. Der „Apparat“ sieht das so – und andere Chefs im Hause wollen „Verräter“ auch nicht.b) Völlig unstrittig hat der Arbeitgeber, bei dem der Angestellte unter Vertrag steht und den er bezahlt, ein unabdingbares Anrecht auf die Loyalität seines Angestellten. Dieser Anspruch ist juristisch untermauert und sehr umfassend. Die Wegnahme von drei Briefmarken kann bereits ausreichen, um „Maßnahmen“ auszulösen, an Schäden von diversen Milliarden EUR hat bisher überhaupt niemand zu denken gewagt.c) Was geschehen kann, aber nicht geschehen darf, weil es die größte anzunehmende Katastrophe in diesem Fall darstellt, ist ein klarer Konflikt zwischen den beiden Loyalitätsforderungen, also der des Chefs und der des Unternehmens. Dies ist für den Mitarbeiter etwa so, als würde er zwischen zwei Mühlsteine geraten: Dabei bleibt er in jedem Fall auf der Strecke.Das liegt daran, dass ein solcher Konflikt im System schlicht nicht vorgesehen ist. Schließlich ist der Chef für den Mitarbeiter nicht nur „weisungsbefugter Vorgesetzter“, er ist für ihn „der Arbeitgeber“ schlechthin. Für eine massive Interessenkollision zwischen diesem „kleinen Arbeitgeber“ (Chef) und dem „großen Arbeitgeber“ (Unternehmen) gibt es grundsätzlich keine überzeugenden Regeln. Was die betroffenen Mitarbeiter nur sehr bedingt tröstet.Um in der Zukunft Neuauflagen dieses Konfliktes möglichst zu vermeiden und dennoch zu erwartende Vorkommnisse dieser Art besser beurteilen und einordnen zu können, muss gelten:1. Die Lösung des Problems liegt vor allem bei den Unternehmen. Dort liegen auch die zentralen Ursachen. Warum z. B. halten es mitunter die „Täter“ für einfacher, ein Milliarden-Risiko einzugehen, statt „oben“ zu melden, dass das Entwicklungsbudget um einige 100 Millionen hätte überschritten werden müssen?2. Es sind intern Maßnahmen zu treffen, die eine Wiederholungsgefahr drastisch reduzieren. Hauptansatzpunkt für Schulungen, Regeln und detaillierte Handlungsanweisungen sind die Vorgesetzten. Diese müssen nicht nur dazu gebracht werden, alles zu unterlassen, was dem Unternehmen Schaden zufügt oder ein entsprechendes Schadensrisiko mit sich bringt, sie müssen auch lernen, dass es gegen elementare Regeln verstößt, ihnen unterstellte Mitarbeiter in einen existenzbedrohenden Loyalitätskonflikt mit dem Unternehmen zu stürzen. Und sie müssen sicher sein dürfen, aufgetretene Probleme der hier relevanten Art „oben“ offen melden zu können.Das erfordert in vielen Fällen einen Kulturwandel, der Jahre bis Jahrzehnte andauern kann, der sorgfältig definiert, der unbedingt von „ganz oben her“ gelebt – und der durch entsprechende Instrumentarien aktiv umgesetzt und kontrolliert werden muss.3. In manchen Unternehmen bereits vorhandene Strukturen (Stichwort Compliance) in diesem Zusammenhang müssen konsequent ausgebaut werden, dabei ist auf Praktikabilität zu achten.So kann es auf Dauer keine überzeugende Lösung sein, den Mitarbeitern eine Gelegenheit zu bieten, entsprechende Verstöße anonym zu melden. Das ist nicht der Geist, den man fördern sollte! Schließlich stärkt das auch nicht die vertrauensvolle Zusammenarbeit, wenn jeder Chef damit rechnen muss, jederzeit Opfer anonymer Anzeigen und damit Verleumdungen werden zu können.Aber bereits das Angebot, im Zweifel mit einer uneingeschränkt vertrauenswürdigen Person offen reden zu dürfen, wäre hilfreich. Diese Stelle müsste über die Mittel verfügen, den Mitarbeiter ggf. sogar beim Aufbau einer Existenz außerhalb des Unternehmens zu unterstützen, wenn er intern nicht bleiben will oder kann.4. Solange es im jeweiligen Unternehmen geregelte und abgesicherte Wege gem. 3 nicht gibt, ist dem Mitarbeiter zur Vorsicht zu raten. Der direkte Chef fällt ohnehin als Gesprächspartner aus – aber auch der nächsthöhere Vorgesetzte, letztlich sogar der Vorstand kann zu den Akteuren oder doch Mitwissern bestimmter Machenschaften gehören. Für den einzelnen Mitarbeiter kann in einer solchen existenzbedrohenden Situation tatsächlich das Weglaufen (neue Position extern suchen und dann kündigen) die „moralisch“ nicht sehr überzeugende, insgesamt aber klügste Handlungsalternative sein.PS: Ich nenne die Regeln des Berufslebens ja nicht ohne Grund „Spielregeln“, ich vergleiche das System mitunter direkt z. B. mit dem Monopoly. Auch dort zieht man gelegentlich die Karte „Gehe ins Gefängnis“ – ohne dass es auf die Frage „Was habe ich falsch gemacht?“ eine Antwort gäbe.

Kurzantwort:

Der Mitarbeiter kann in einen Konflikt geraten zwischen den Loyalitätsansprüchen seines Chefs und denen seines Unternehmens, die durchaus differieren können. Lösbar ist dieser Konflikt nur dann, wenn die Unternehmen zu großen Anstrengungen in diesem Bereich bereit sind („Kulturwandel“).

Frage-Nr.: 2797
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-02-04

Top Stellenangebote

VDI Verlag GmbH-Firmenlogo
VDI Verlag GmbH Abteilungsleiter Herstellung (m/w/d) Düsseldorf
Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern Professur (W3) für "Nachrichtentechnik - Bildsignalverarbeitung" Kaiserslautern
Hochschule München University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule München University of Applied Sciences W2-Professur für Produktentwicklung und Flugzeugkonstruktion (m/w/d) München
Hochschule München University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule München University of Applied Sciences W2-Professur für Sachverständigenwesen und Fahrzeugaufbau (m/w/d) München
Hochschule Bremerhaven-Firmenlogo
Hochschule Bremerhaven Professur (W 2) (w/m/d) für das Fachgebiet Medizintechnik Bremen, Bremerhaven
Stadt Mönchengladbach-Firmenlogo
Stadt Mönchengladbach Projektleitung (m/w/d) Gebäudetechnik Mönchengladbach
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Werkstoffkunde, Fügetechnik" Ulm
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart W3-Professur "Systemverfahrenstechnik" Stuttgart
Hochschule Kaiserslautern-Firmenlogo
Hochschule Kaiserslautern Professur (W2) Apparatebau - Fertigungsverfahren in der Prozesstechnik Kaiserslautern
Hochschule Kaiserslautern-Firmenlogo
Hochschule Kaiserslautern Professur (W2) Embedded Systems und Digitaltechnik Kaiserslautern
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.