Meine Erfahrungen als Arbeitgeber

Ich bin 57 Jahre alt, Dipl.-Ing. TH und Dipl.-Wirtsch.-Ing. (univ.). Nach einigen Startproblemen im Beruf fand ich einen Arbeitgeber, dem ich dann 25 Jahre treugeblieben bin, obwohl der Wind mehr als nur einmal scharf pfiff. Im Verbund dieses Familienunternehmens wurde ich Geschäftsführer eines Produktionswerkes.Aufgrund von Querelen in der Eigentümerfamilie zwischen „Jung“ und „Alt“ wurde der Unternehmensverbund kürzlich an ausländische Investoren verkauft und ich wurde freigesetzt. Jetzt lebe ich von einem von mir gegründeten Beratungsunternehmen.Aus meinen Erfahrungen als Arbeitgeber, vor allem aus der Zeit als Geschäftsführer jenes Werkes, kann ich sagen (ich bitte um Nachsicht für meine vielleicht zu radikale Sichtweise):1. Ein Unternehmen, welches am Markt operiert und sich beweisen muss, kennt nur einen einzigen Zweck und dieser heißt Gewinnmaximierung. Diesem Zweck hat sich alles unterzuordnen. Auch die Mitarbeiter. Immer. Zu jeder Zeit.2. Unternehmensdarstellungen, nach denen das Wohl des Mitarbeiters das Ziel ist, sind zwar schön und gut. Man sollte dies jedoch nicht mit Menschenfreundlichkeit im Allgemeinen verwechseln. Es geht schlicht und ergreifend darum, dass derart motivierte Mitarbeiter vielleicht bessere und schnellere Ergebnisse liefern.Auf alle Fälle ist ein Unternehmen nicht der richtige Ort, um seine Neigungen, Befindlichkeiten und Vorstellungen über den rechten Gang der Welt auszuleben.3. Als Arbeitgeber habe ich eine Vielzahl von Akademikern eingestellt und auch wieder entlassen müssen. Was zeichnet einen fähigen Akademiker aus? Ich denke, eine universitäre Ausbildung, gleich welcher Richtung, soll den Absolventen befähigen, einen komplexen Sachverhalt in angemessener Zeit zu durchdringen und Lösungen zu erzeugen, die dann möglicherweise die Grundlage von Entscheidungen bilden. Wenn jemand das nicht hinbekommt, ist er leider fehl am Platz.4. Als Arbeitgeber ist mir ein funktionierender Mitarbeiter, der wenig Schwierigkeiten bereitet (z. B. kein ständiges Genörgel hinsichtlich der Nichtauslastung seiner geistigen Kapazitäten) lieber als ein Superhirn, welches sich bei nächster Gelegenheit einen anderen Job suchen wird. Ich kann mich dann wieder mit der Neueinstellung des Nachfolgers herumärgern und mir das Lamento über „schlechte Einarbeitung“ anhören.Zufälligerweise ist meine Frau Personalleiterin bei einem namhaften deutschen Bankhaus. Sie teilt meine Meinung. Sie ist der Auffassung, dass nach Aufnahme der ersten Tätigkeit mindestens drei Jahre Verweilzeit beim Arbeitgeber notwendig sind, bevor eine neue Bewerbungsmaßnahme in Angriff genommen werden sollte. Bereits ein halbes Jahr ohne Anstellung oder Tätigkeit ist ausreichend, um sich am Stellenmarkt nachhaltig zu disqualifizieren.

Antwort:

Originalaussagen der Arbeitgeberseite sind für Angestellte aller Ebenen stets interessant. Ich nun kann garantieren, dass sehr viele Arbeitgeber genau so denken – und danach handeln. Das zu wissen und es in die eigenen Planungen und Aktivitäten einzubauen, kann eine wesentliche Säule der Erfolgs- oder auch nur Überlebensstrategie des Angestellten sein.Zu 1: Das ist hier sehr hart und ungeschminkt formuliert, ist aber in seinem sachlichen Kern absolut richtig. Ein Angestellter sollte das nie vergessen.Zu 2: Auch das ist richtig. „Glückliche“ Mitarbeiter (wenn es nicht zu teuer ist, sie in diesen Zustand zu versetzen) arbeiten besser, tragen mehr zum Unternehmenserfolg bei. Aber bevor der Aktienkurs allzu stark fällt und Gewinneinbrüche drohen, werden renditeschwache Bereiche lieber geschlossen oder mitsamt den eben noch glücklichen Mitarbeitern an Finanzinvestoren verkauft (die sich oft überhaupt nicht für das Metier des Unternehmens oder gar seine Produkte interessieren, sondern nur darauf warten, das billig Erworbene bald wieder teuer zu verkaufen).Zum letzten Satz von Punkt 2: Oder wie ich es formuliere: Angestellt heißt abhängig beschäftigt zu sein – und das ist keine ideale Basis für die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ohne sich anpassen, ein- und unterordnen zu wollen. Wer absolut frei sein will, darf nicht in Abhängigkeit leben.Zu 1 + 2: Gesagt werden muss dabei unbedingt, dass die im geschilderten Sinne handelnden Personen (z. B. Arbeitgeber) sich absolut im Rahmen unseres geltenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystems bewegen. Dieses System ernährt uns alle, es zieht Flüchtlinge aus aller Welt an und ist das bei weitem effizienteste von allen Systemen, die in den letzten paar hundert Jahren weltweit eingeführt und damit in der Praxis erprobt worden sind. Es mag nicht wirklich „gut“ nach absoluten Maßstäben sein – aber ein besseres ist weder aus der Vergangenheit bekannt noch für die Zukunft in Sicht. Dieser Aspekt wird nur allzu leicht vergessen, wenn man am Stammtisch über Details richtet. Aber es nützt natürlich auch nichts, die Augen vor den Gegebenheiten zu verschließen.Zu 3: Dem kann ich nur zustimmen. Aus Ihrer Darstellung geht hervor, dass Sie nicht immer zufrieden sind mit dem Gebotenen. Auch aus meiner Sicht ist oft unbefriedigend, was frischgebackene Akademiker außerhalb engster Fachthemen so bieten.Zu 4: Darüber habe auch ich hier schon geschrieben: Für die betriebliche Praxis ist in der Regel ein Mitarbeiter weniger wertvoll, der zwar gelegentlich geniale Einfälle hat, aber entweder unzuverlässig ist oder ständig unzufrieden oder sich nicht ins Team einordnet. Die Sache ist ganz einfach: Wenn ich einem Mitarbeiter einen Auftrag erteile, etwa innerhalb von drei Tagen eine kundenbezogene technische Lösung zu erarbeiten, dann ist es am wichtigsten, dass ich in der angegebenen Frist eine „gute“ Lösung bekomme, die ich dem Kunden präsentieren kann. Von einem Genie bekomme ich entweder schon heute ein brillantes, alles in den Schatten stellendes Resultat oder wegen unüberwindlicher Unlustgefühle der „Diva“ in den nächsten vier Wochen gar nichts. Das ist gegenüber der „ruhigen Zuverlässigkeit“ des eher etwas mittelbegabten, aber überdurchschnittlich engagierten Kollegen die sehr deutlich schlechtere Lösung.Folglich gibt es nur sehr wenige Abteilungen in sehr wenigen Unternehmen, die sich mit „Superhirnen“ der hier geschilderten Art abgeben können.Aber: Ein „Superhirn“ mit der beständigen Zuverlässigkeit (und Leidensfähigkeit) des anderen beschriebenen Typs hätte eine große Zukunft.Zur Aussage der Bank-Personalleiterin: Die im Idealfall dreijährige Betriebszugehörigkeit beim ersten Arbeitgeber sehen wir in der Industrie im Prinzip ähnlich. Ich erinnere in dem Zusammenhang an die bei Bewerbern gern gesehenen mindestens fünf Jahre pro Arbeitgeber, die wir „wegen Unerfahrenheit und des daraus folgenden Rechts auf Irrtum“ in der ersten Anstellung auf ca. zwei Jahre verkürzen (was nicht etwa eine „Aufforderung zum Wechsel nach zwei Jahren“ bedeutet).Besonders ernst zu nehmen ist die Aussage bezüglich der drastischen Reduzierung der Marktchancen durch Arbeitslosigkeit von mehr als sechs Monaten Dauer. Da man als vernünftiger Mensch nicht „arbeitslos auf eigenen Wunsch“ geworden ist, stehen viele Monate ohne Job automatisch für „arbeitgeberseitige Entlassung“ davor, die niemals eine Empfehlung ist. Und dann müssen in jenen Monaten ja zahlreiche (hundert und mehr) Unternehmen die Bewerbung geprüft haben – alle mit negativem Resultat. Warum soll ich, so denkt der nächste Bewerbungsempfänger, mir dann überhaupt noch die Mühe einer Analyse machen?

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2782
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-10-29

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