Heiko Mell

Anneliese und der Schwerenöter

Ich möchte das von Ihnen gelegentlich verwendete Bildnis von der Ähnlichkeit zwischen der Anbahnung einer Anstellung und einer Ehe aufgreifen.

Nun hat sich also der Bewerber voller Tatendrang eine Braut ausgeschaut und mit einem flammenden Liebesbrief ihr Interesse geweckt. Für das erste Date hat er sich fein herausgeputzt, gibt sich eloquent und vielleicht sogar humorvoll. Er verabschiedet sich höflich, fragt vorsichtig, wie es denn jetzt weitergehe und erfährt, dass sie sich in etwa vier Wochen melden werde.

Schließlich hat das bange Warten ein Ende, die Umworbene lässt sich zu einem zweiten Treffen herab, der Kandidat scheint ihr Herz doch zumindest gerührt zu haben. Beide prüfen intensiv die Eignung des anderen für eine lange Beziehung und werden sich immer sympathischer. So romantisch, so schön.

Die Umworbene, nennen wir sie Anneliese, ahnt es hoffentlich nicht, aber der Schwerenöter hat mit der gleichen Hingabe noch Berta, Christa und viele andere umworben, sich mit einigen getroffen und Zukunftspläne geschmiedet. Schließlich hat er ja von berufener Stelle gehört, dass die Erfolgsquote für ihn im Einzelfall (Anneliese) deutlich unter 100% liegt.

Beim dritten Treffen spätestens macht Anneliese klar, dass sie jetzt das Aufgebot bestellen und den Ehevertrag ausarbeiten lassen will. Einerseits freut sich der Womanizer natürlich, aber andererseits muss er seine Unbekümmertheit nun langsam ablegen und sich auf den Ernst des Lebens einstellen. Denn er spürt, dass auf jeden Fall eine wichtige Entscheidung ansteht. Er horcht in sich hinein und merkt, dass Anneliese zwar reiche Eltern hat, sein Herz aber eigentlich für Berta mit ihren süßen Sommersprossen schlägt; nur die hat sich nach dem zweiten Date noch nicht wieder gemeldet. Und richtig begeistert war er vom Facebook-Profil von Christa, aber die ziert sich noch mit ihrer Wahl und einem persönlichen Kennenlernen.

Der Kandidat ist sich natürlich darüber im Klaren, dass er letztlich allein entscheiden muss, ob ihm die wohlsituierten Schwiegereltern wichtiger sind als die Sommersprossen. Er braucht jedoch Ihren Rat, wie und wie lange er Anneliese hinhalten kann, um seine Chancen bei Berta und Christa auszuloten. Ihm widerstrebt es, Anneliese das Eheversprechen zu geben, obwohl er doch in Berta mehr verliebt ist. Trotzdem möchte er erstere aber auch nicht misstrauisch machen, geschweige denn riskieren, dass sie sich für einen anderen Kandidaten entscheidet aus der langen Schlange, die bestimmt auch noch vor ihrer Tür steht, zumindest solange ihm Berta nicht das ersehnte Angebot gemacht hat.

Falls Sie als treuer Ehemann keine Flirtberatung geben möchten, freut sich der Kandidat, wenn Sie ihm in analogen Fällen des beruflichen Kontextes Hilfestellung geben können.

Antwort:

An anderer Stelle schreiben Sie noch, dass Sie nur zur Vereinfachung vom klassischen Fall (Mann wirbt um Frau) ausgehen und dass Sie hier unterstellen, dass „ein Jüngling in seine ersten amourösen Abenteuer zieht“ und sich nicht aus einer bestehenden Beziehung heraus neu orientiert.

Je länger Sie Ihre Geschichte gesponnen haben, desto mehr haben auch Sie gemerkt, dass es so eine Sache ist mit derartigen Vergleichen. Ich arbeite grundsätzlich gern damit – und habe eine Erkenntnis schon häufig gewinnen müssen. Lassen Sie mich sie so formulieren:

Jeder Vergleich hinkt irgendwo. Ich habe seinerzeit auf die große Ähnlichkeit zwischen den beiden Welten in dieser Karrierethematik hingewiesen, um gerade jungen Menschen den Blick zu schärfen für die unbestreitbare Tatsache, dass auch die Entscheidungen größter Konzerne nicht frei sind von allzu menschlichen Empfindungen und Regungen. Pauschal sage ich:

Die Kontaktanbahnung eines Bewerbers zu einem Arbeitgeber ist in wesentlichen Bereichen vergleichbar mit der Kontaktanbahnung zu einem möglichen neuen Partner des anderen Geschlechts.

Damit wird unterstrichen, dass die Arbeitgeber, die Bewerbungsempfänger, die Personalleiter und die so wichtigen Vorgesetzten ebenso reagieren können (!) wie die Annelieses oder die Klaus-Dieters dieser Welt: Sie freuen oder ärgern sich über bestimmte Handlungen des künftigen „Partners“; man kann sie enttäuschen, für sich einnehmen oder sie abstoßen.

Gerade der junge Ingenieur, aus dem Studium logische und berechenbare Zusammenhänge gewohnt, pflegt(e) zu fragen: „Warum kann ich das Unternehmen, das mir einen unterschriftsreifen Arbeitsvertrag vorlegt, nicht ganz offen um sechs Wochen Geduld bitten, weil ich noch andere Angebote prüfen möchte, die sich vielleicht noch ergeben? Wenn ich dann zusage, so hat jenes Unternehmen doch die Gewissheit, dass ich eine wohl abgewogene, auf breiter Basis geprüfte Entscheidung getroffen habe.“

Natürlich weiß ich, dass genau das nicht geht. Aber es ist schwer, dies einem unerfahrenen Berufsanfänger so zu erklären, dass er das versteht und akzeptiert. Also sage ich: „Sie haben eine Freundin. Der schlagen Sie vor, Ihre Lebensabschnittsgefährtin zu werden, mit Ihnen eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, spätere Heirat nicht ausgeschlossen und überhaupt. Darf die dann antworten, das sei ganz nett, aber sie brauche sechs Wochen, um erst einmal zu prüfen, ob nicht Wolfgang oder Klaus noch Angebote für sie hätten – z. B. solche mit größerer Wohnung und attraktiveren Urlaubszielen?“ Nein, das kam spontan, das dürfe sie nicht. „Sehen Sie“, sage ich dann, „so denkt der künftige Chef auch.“ Dann lächelt mein Gesprächspartner – und versteht.

So viel zur Vorgeschichte. In der Sache selbst – was etwa zu tun ist im Fall der Anneliese – gibt es keine regelgerechte, überzeugende Lösung. Hier gilt grundsätzlich: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Es ist seine Entscheidung, sein berufliches Schicksal hängt davon ab. Es hat angefangen mit der Auswahl der Leistungskurse vor dem Abitur, der Wahl der Studienrichtung und – so man eine Wahl hatte – der Hochschule. Es geht weiter über Studienspezialisierungen, Praktika, Auswahl von Themen für die Diplomarbeit. Und jetzt eben die Festlegung auf ein bestimmtes Unternehmen, ohne alle denkbaren Alternativen im Detail zu kennen. Es ist – das Leben.

Denn so ist es doch immer. Auch bei der Festlegung auf die wirkliche „Anneliese“ weiß niemand, ob nicht in Leipzig, Wien oder Paris noch eine potenzielle Partnerin existiert, die viel begehrenswerter gewesen wäre. Auch hier muss entschieden werden, ohne alle denkbaren Möglichkeiten kennengelernt zu haben.Und selbst wenn unser Berufsanfänger seine sechs Wochen Überlegungsfrist bekommt – was sieht er denn in dieser begrenzten Zeit? Einen kleinen Ausschnitt aus dem Markt der eigentlich schier unbegrenzten Möglichkeiten, mehr nicht. Nach vier Monaten hebt vielleicht der Traumarbeitgeber den Einstellstopp auf – dort hätte man dabei sein müssen. Und nur ein halbes Jahr später schreibt die XY AG jene Stelle aus, für die man seinen „linken Arm“ gegeben hätte. Wer diese Geschichte übertreibt, bleibt ewig arbeitslos, kommt nie „zu Potte“.

Als pauschale Empfehlung:

1. Sie wissen nie, ob Sie mit Ihrer Entscheidung alles richtig machen, weil Sie die Alternativen in der Praxis nicht durchspielen können oder sich entscheiden müssen, bevor alle Partner sich ihrerseits festgelegt haben.

2. Sie haben etwa 25 Jahre vor sich, in denen Sie gestalten, an Ihrer Karriere „bauen“ können. In dieser langen Zeit sind Rückschläge unvermeidbar – aber es gilt auch: Qualität setzt sich durch, Können bricht sich Bahn. Die – wie immer man die überhaupt definieren wollte – „falsche“ Entscheidung beim Start mag Ihren Erfolg aufhalten, endgültig unterdrücken kann sie ihn nicht (sofern Sie ihn verdienen).

3. Der konkrete berufliche Erfolg hängt stark auch von schwer zu fassenden Zufällen, Glücks- oder auch Pechkomponenten ab. Aber das gilt erfahrungsgemäß nur für das Detail, nicht für die große Linie. Die heutigen Vorstandsvorsitzenden großer Konzerne (ihre Positionen gelten als der maximal mögliche Karriereerfolg) hätten oftmals „um ein Haar“ ihren derzeitigen Job nicht bekommen. Dazu gehört auch, dass eine begehrte Stelle auch zum richtigen Zeitpunkt frei sein, also zur Neubesetzung anstehen muss. Aber seien Sie versichert: Diese Persönlichkeiten säßen dann zwar woanders, aber garantiert auch irgendwo „oben“.

4. Je größer das Unternehmen ist, desto mehr können Sie von Standard-Umfeldbe­dingungen, durchschnittlichen Chancen und Risiken ausgehen. Sie werden dort nicht nach drei Jahren Vorstandsmitglied, aber nach zwanzig Jahren ist das immerhin theoretisch möglich. Und auch die Risiken (Entlassung, Insolvenz) sind durchschnittlich. Andersherum gesagt: Sie machen mit solch einer Wahl nichts wirklich falsch, werden es aber auch kaum zum Überflieger bringen – es sind zu viele andere da, die „auch nicht schlecht“ sind. Am anderen Ende der Extreme, beim frischgegründeten Kleinstunternehmen, sind Chancen und Risiken ungleich größer, ein irgendwie durchschnittlicher Karriereverlauf ist kaum zu erwarten. Der große „Rest“ der Unternehmen liegt dazwischen.

5. Versuchen Sie nicht, die Regel, dass eine rundum sichere, bis ins Detail abgewogene Entscheidung nicht möglich ist, durch übergroßen Aufwand Ihrerseits auszuhebeln: Es geht nicht!

Beispiel: Selbst wenn Sie „alles“ über alle möglichen Arbeitgeber, die Aufgaben und die Chefs und Kollegen dort sowie über die Entwicklung dieser Firmen in der Zukunft wüssten, nützte das nichts: Sie wüssten nämlich nicht hinreichend viel über deren jetzt einzustellenden neuen Mitarbeiter, also über sich selbst. Wie werden Sie in fünf Jahren in dieser oder jener Situation reagieren, was werden Sie in zehn Jahren wollen oder ertragen können, wie reagieren Sie auf Druck im Job, auf Neid unter Kollegen, auf berufliche Siege und Niederlagen (und, ganz am Rande gefragt: Welchen Einfluss nimmt eines Tages Ihre ganz persönliche Anneliese auf das, was Sie wollen, tun, zu geben bereit sind?)?

6. Als Fazit und damit der Kreis sich schließt: Ein paar Planungen, Zielvorstellungen und gesammelte Informationen sollten vor der Entscheidung sein. Aber dann heißt es: Irgendwann müssen Sie auf unzureichender Informationsbasis (also ohne auch nur fast alles zu wissen) und unter Einbeziehung des „Bauches“ eine Festlegung treffen. Für Anneliese oder doch für Berta – auch bei der Partnerwahl wissen Sie erst in zwanzig Jahren, wie glücklich Sie damit geworden sind. Und wie toll das Leben mit der jeweils anderen geworden wäre, erfahren Sie nie. Das ist ja das Aufregende am Leben – genießen Sie es.

Frage-Nr.: 2769
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-08-13

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