Heiko Mell

Leserreaktion – Alle haben Fürsprecher, nur das Unternehmen nicht

Leser: Ich beziehe mich auf „Notizen aus der Praxis“ Nr. 436:

Was ist das „Unternehmen“ in der menschlichen Gesellschaft? M. E. ist es nur ein juristisches Konstrukt, das als Mittel zum Zweck der Interessenabstimmung von Kapitaleignern verwendet wird, also ein Zweckbündnis. Es ist ein Gedankenmodell, das uns den Umgang mit den gebündelten Interessen erleichtert.

Das „Unternehmen“ bündelt die Anteile vieler privater Eigentümer in einer übersichtlichen Weise, setzt gemeinsame „Verwalter“ (Manager) ein, die mit dem Kapital entsprechend einem vorgegebenen Zweck wirtschaften. Die Unternehmensform ist eine rechtliche Musterlösung (Konfektionsware), die die Abstimmung bei einer großen Zahl von Anteilseignern vereinfacht.

Ein Unternehmen zu gründen, ändert gesellschaftlich nichts. Erst unternehmerisches Handeln hat Auswirkungen. Es kommt nicht auf das Unternehmen an, sondern darauf, dass Menschen als Unternehmer wirtschaften – egal, ob mit eigenem oder gebündeltem Kapital.

Das Unternehmen als solches ist eine leere Hülle, die keiner Vertretung bedarf. Es hat per se keine „Interessen“; Interessen haben nur Menschen. Unternehmen handeln auch nicht, es handeln nur Menschen.

Der von Ihnen beschriebene Konflikt, wenn Manager „ihr“ Unternehmen vor den Eigentümern zu schützen versuchen, ist m. E. eine klassische Form eines „Ich weiß besser, was du eigentlich willst oder wollen solltest.“

Unternehmen haben keine Lobby – und das ist auch gut so!

Antwort:

Mir war daran gelegen – Sie unterstreichen das –, den vielen Angestellten großer und kleiner Unternehmen ein bisschen Anlass zum Nachdenken zu geben. Denn für eine sehr große Anzahl dieser Mitarbeiter und der mittleren bis oberen Führungskräfte ist es im Sprachgebrauch häufig sogar schon „mein“ Unternehmen, dem im beruflich relevanten Denken die entscheidende Bedeutung zukommt. Es geht immer um „die Firma“, bei der ich einen Job habe, bei der ich mit netten Kollegen arbeite, die mir anspruchsvolle Aufgaben stellt, von der ich befördert werden will, die sich positiv entwickeln, der es möglichst gut gehen soll. Meine Stellung, meine Erfolge, meine Zufriedenheit im beruflichen Bereich werden alle von diesem Unternehmen bestimmt oder doch dominiert, bei dem ich beschäftigt bin.

Und meine täglichen Bemühungen am Arbeitsplatz sind am „Wohle des Unternehmens“ ausgerichtet, nicht am Wohlergehen der Kapitaleigner. So ist das typische Denken. „Das Unternehmen“ ist die zentrale Spinne im Netz der gesamten Orientierung des dort angestellten einfachen Mitarbeiters und des Managers. Problemlos würden die meisten Angestellten unterschreiben, sie dienten den Interessen des Unternehmens, sie ordneten sich ihnen unter.

Und dann wies ich auf den Umstand hin, dass in dem ganzen Geflecht von Kapitaleignern, Beiräten, Vorständen, Gewerkschaften, Betriebsräten und Mitarbeitern niemand ist, den man exakt zum Vertreter der Interessen der Gesellschaft bestellt hat. Sie, geehrter Einsender, nun drücken es noch brutaler aus: Das Unternehmen habe gar keine Interessen.

Wenn das so ist: Wem gilt eigentlich die Loyalität des Mitarbeiters, für wen engagiert er sich, für wen opfert er sich in Extremfällen auf? Nicht für die Kapitaleigner, die er im Normalfalle nicht kennt und denen er auch in der Regel nie begegnet. Und dann besser wohl auch nicht für das Unternehmen, das letztlich kaum mehr als eine „hohle Hülle“ ist, ein juristisches Konstrukt, das entweder gar keine Interessen hat oder doch niemanden, der sie vertreten würde, gäbe es sie denn.

Bleibt dem Mitarbeiter nur die Ausrichtung auf die Interessen und/oder die Personen seiner Chefs, die er sich immerhin in einer längeren Kette als Unter-Unter-Vertreter der Kapitaleigner vorstellen kann. Da diese Chefs oft wechseln, bleibt von der ganzen Mitarbeiter-Ausrichtung auf sie nichts, wenn diese Vorgesetzten gegangen sind. Ihre Nachfolger wissen nichts von Leistungen des Mitarbeiters für ihre Vorgänger. Also muss der Mitarbeiter während der meist nur ein paar Jahre umfassenden Anwesenheits-/Zuständigkeitsphase seiner Chefs aus denen so viel wie möglich für sich herausholen – denn den Interessen des Unternehmens kann er nicht gedient haben, weil es die gar nicht gibt.

So müsste es laufen – so läuft es aber nicht. Für den Mitarbeiter ist tatsächlich „das Unternehmen“ der zentrale Punkt, an dem er sich ausrichtet, dessen vermeintlichen Interessen er – neben seinen eigenen – dient. Ob es die nun gibt oder nicht. Und nun? Es gibt mehrere Schwachstellen, Lücken oder „Punkte unklarer Definition“ im System. Mein Ziel kann es nicht sein, die alle auszumerzen. Aber ich halte es für ratsam, dass jeder, der im System agiert, so viel wie möglich darüber weiß.Ich kann und muss Ihnen, geehrter Einsender, weitgehend zustimmen. Nur in der zitierten Schlussbemerkung nicht. Ich habe keine konkrete Lösungsidee und kann daher auch keine Forderung erheben, aber schade finden darf ich es – und das immerhin erlaube ich mir.

Was nun heißt das für die Mitarbeiter und Manager des Unternehmens? Das, was ich hier immer sage, wird bestätigt:

1. Arbeiten Sie lieber nicht vorrangig zum Wohle des Unternehmens – das ließe sich gar nicht definieren; so etwas ist als Begriff im Zusammenhang mit einer Konstruktion, die weder Interessen noch Vertreter derselben hat, gar nicht existent.

2. Arbeiten Sie hingegen zum „Wohle“ der Menschen dort, die ihrerseits etwas für Sie tun können (das Unternehmen kann Ihnen gegenüber gar nicht handeln, das können nur von den Eignern eingesetzte Personen, Ihre Chefs). Wechseln die Personen, die als Ihre Vorgesetzten agieren, müssen Sie beim Ringen um deren „Wohl“ wieder von vorne anfangen: „Treue kann nur vergelten, wem sie galt“ (H. Mell).

3. Sie müssen auch an sich und Ihre Interessen denken (Sie haben solche), ein totales Aufopfern im Sinne von „mein Leben für die Firma“ ist für den Angestellten mit hohem Risiko behaftet. „Die Firma“ hat nicht einmal ein kollektives Gedächtnis: Wird sie verkauft und werden die Führungskräfte entlassen, sind alle für sie erbrachten Leistungen verpufft – nur Manager können sich erinnern und dankbar sein, Unternehmen nicht.

4. Dieses unvollkommene System, das eigentlich gar nicht funktionieren dürfte, arbeitet in der Praxis ganz prächtig. Vielleicht weil lauter unvollkommene Menschen damit und darin tätig sind:

Die Mitarbeiter denken und handeln zum Wohle des Unternehmens, das es so gar nicht gibt. Sie ordnen sich den Interessen des Unternehmens unter, die es auch nicht gibt und hoffen auf Belohnung durch Vertreter dieser Interessen, die es schon überhaupt nicht gibt. Sie halten ihre Chefs bei Laune, die eigentlich die Interessen der Eigner vertreten, an deren Wohlergehen die Mitarbeiter nicht interessiert sind und die sie bei Kapitalgesellschaften auch nie kennenlernen (welcher Angestellte liebt schon Aktionäre?).

Würden überall nur kühl, analytisch und streng logisch arbeitende Roboter „schaffen“, bräche vermutlich alles in einer großen Staubwolke zusammen. So aber kittet der Mensch sich ein teils aus Realitäten, teils aus Erwartungen und Illusionen genährtes Bild zusammen, alle spielen mit und am Ende steht ein stolzer Output – den es auch gar nicht geben dürfte.

Frage-Nr.: 2711
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 0
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1970-01-01

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