Heiko Mell

Frauenquote

(als Frage 2.606 erschien hier das Thema Frauenquote, das ziemlich viel an möglichem Konfliktstoff enthält. Nach voraussichtlich abgeschlossenem Eingang der Leserreaktionen gebe ich hier einen Überblick. Dabei musste ich zwangsläufig kürzen, habe aber das Typische der einzelnen Aussagen zu bewahren versucht; H. Mell):

Leserin A: Ihren Beitrag zur (absolut bescheuerten) Frauenquote kann ich nur unterstützen! Bravo!! Das Beste überlebt – scheißegal was im Hosenladen steckt! Danke für Ihren Beitrag. PS: Wer hat eigentlich diese unsägliche Quote eingeführt?

Leser B: Sie sind allemal für (positive) Überraschungen gut – das hat Ihr Beitrag wieder mal gezeigt. Ich glaube wie Sie weiterhin, dass sich Qualifikation von allein durchsetzt. Ich sehe das auch im eigenen Umfeld, wo Zielstrebigkeit und Können, gepaart mit gesundem Selbstbewusstsein, auch junge Frauen in solche Spitzenpositionen geführt haben. Haben Sie also Dank für Ihren Beitrag – er ist sehr nahe an der Wirklichkeit.

Leser C: Diese Diskussion ist komplett überflüssig. Weil sich an den Ursachen nichts ändert. Es wird wieder nur an den Symptomen rumgedoktert.

Ein großes Hindernis für die Karriere von berufstätigen Frauen sind die fehlenden Unterbringungsmöglichkeiten von Kindern. Da sich überwiegend die Frauen um die Kindererziehung kümmern, sind sie durch die fehlende Kinderbetreuung am stärksten benachteiligt. Ich wohne in Bayern, und die sind bei der Anzahl der Krippen- und Hortplätze weit hinten in Deutschland. Vor allem: Was tun in den Ferien? Bei 14 Wochen davon und nur 6 Wochen Urlaub im Jahr ist dies ein Problem. Und andere Familienmitglieder, z. B. Großeltern, ziehen nicht mit um, wenn Sie den Job wechseln.

Für Sachbearbeiter gibt es immerhin wenige Stellen mit reduzierter Stundenzahl, aber eine Bewerbung als „Leiter Konstruktion“ mit 25 Wochenstunden ist völlige Zeitverschwendung.

Auf der einen Seite wird über Fachkräftemangel gejammert, auf der anderen Seite bleiben gut ausgebildete Frauen zu Hause und kümmern sich um die Kinder.Wir brauchen eine verlässliche Kinderbetreuung zwischen 05.30 und 17.00 Uhr, auch in den Ferien.

Leser D: Da ich im Moment in Urlaub bin, die Frage 2606 gerade gelesen und etwas mehr Zeit habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen: Ich würde Sie gerne loben; da dies ggf. zu anmaßend auf Sie wirkt, möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Ich kenne niemanden, der so oft genau den Punkt trifft wie Sie. Ich hoffe und wünsche Ihnen und vor allem uns Lesern, dass Sie uns noch sehr lange mit Ihrem Wirken, Ihrer Präzision in Ihren Worten für die Zukunft erhalten bleiben! Vielen herzlichen DANK.

Leser E: Ich arbeite in einem großen deutschen Konzern, der als sehr sozial gilt. Doch auch bei uns ist die Frauenquote eingeführt worden. „Gender diversity“ wird überall verkündet, es gibt Slogans wie „gemischte Teams sind effizienter“ und „Mehr Frauen – mehr Vielfalt“.

Ich persönlich halte eine Frauenquote, insbesondere in der aktuell praktizierten Form, für nicht gerecht, nicht sinnvoll und nicht zielführend – sowohl unter wirtschaftlichen als auch unter sozialen Aspekten.Zwei Beispiele aus der Praxis:

1. Frauen werden bei uns nach kürzester Zeit in den Förderkreis aufgenommen (Schritt vom Sachbearbeiter zur ersten Führungsposition) und wissen z. T. noch nicht einmal, was dies bedeutet.

2. Es gibt zwei Bewerbungen auf eine Einsteigerstelle „Projektleitung in der Entwicklung“. Soll nun die Frau abgelehnt werden, so ist eine schriftliche Stellungnahme gegenüber Chef und Personalabteilung erforderlich – bei einem Mann reicht ein Mausklick. Ergebnis: Auch wenn der Mann besser sein sollte, ablehnen per Mausklick. Warum? Zeit gespart, kein Stress und das eigene Entgelt stimmt auch, da die Einstellung von Frauen in den gesetzten Zielen steht.

Und ob Frauen die Quote wollen, ist mal ein ganz anderes Thema: Die wirklich guten Frauen, die weiterkommen wollen und auch das Zeug dazu haben, wollen die Quote nicht! Die Kolleginnen sagten mir bei Unterhaltungen über dieses Thema übereinstimmend: „Ich will nicht wegen irgendeiner Quote in den Förderkreis oder Gruppenleiterin werden. Ich will es, weil ich es kann. Eine Quote relativiert hier nur meine Leistung, und ich stehe mit mittelmäßigen Kolleginnen auf einer Stufe, die sonst ‚aussortiert“ worden wären.“

Leser F: Sie beteuern mehrmals, man solle jeweils den besten Kandidaten auswählen, aber wie wäre das festzustellen? Sie haben auch schon geschrieben, dass man den Bewerber nur nach seinen bisherigen Leistungen einschätzen kann, aber nicht weiß, ob er diese Leistungsfähigkeit beibehält und den künftigen Anforderungen genau so gut entsprechen wird. In einer sich schnell verändernden Welt ist das immer weniger sicher.

Wenn man schon über eine Quote spricht, dann müsste es auch eine Quote für weniger gute Mitarbeiter geben … schließlich sind alle als Mensch gleich.

Leser G: Sie sorgen sich in Ihrer Antwort um Ihr Überleben als Autor. Ich glaube, diese Sorge ist unberechtigt. Abgesehen vom Zorn jener Feministinnen, die vielleicht Ihre Kolumne lesen, dürfte Ihnen die Zustimmung von Ingenieuren und Ingenieurinnen sicher sein.

Männlichen Ingenieuren, sofern sie nicht gerade ihre ersten Schritte ins Berufsleben gehen, wird zunehmend bewusst, dass sie unter dem Deckmantel der „Gleichstellung“ um Ihre Chancen gebracht werden.

Mir bekannte Ingenieurinnen stehen Quotenregelungen skeptisch gegenüber, weil sie nicht als Quotenfrauen stigmatisiert sein möchten. Öffentliche und private Arbeitgeber werden wiederum in ihrem Handeln eingeschränkt und durch Quoten zu nicht optimalen Entscheidungen genötigt.

Mir ist eine niedersächsische Universität bekannt, die seit der Ernennung ihrer früheren Gleichstellungsbeauftragten zur Berufungsbeauftragten eine radikale Quotenpolitik betreibt und Professuren seitdem weitgehend ohne Berücksichtigung der fachlichen Qualifikation besetzt. Leider ist diese Universität heute kein Einzelfall mehr.

Als externer Gutachter in zahlreichen Berufungsverfahren erlebe ich zunehmend Bewerber aus renommierten Industrie-Unternehmen, die kleinmütig zugeben, für weitere Entwicklungsperspektiven in ihrem Unternehmen das falsche Geschlecht zu haben.

Ich sehe das ausufernde „Gleichstellungs“-Unwesen, wenn es eben keine Gleichstellung mehr, sondern eine die Qualifikation ignorierende einseitige Privilegierung anstrebt, nicht nur als empfindliches Übel für die Betroffenen, sondern auch als ernsthafte Gefährdung unseres Standorts (gezeichnet Prof. Dr. Ing. …).

Antwort:

Ich habe hier ein besonders „ausgetüfteltes“ System angewandt, um bei dieser hochbrisanten Themenstellung die zum Abdruck vorgesehenen Leserzuschriften auszuwählen: Es waren schlicht alle, die uns in den ersten zweieinhalb Wochen seit Erscheinen jenes Beitrags auf dem üblichen Weg erreichten. Und keiner dieser Leser verteidigt die Quote.

Ich danke allen Einsendern zu diesem Thema. Ganz besonders ans Herz lege ich allen Lesern die Zuschrift C; ich glaube, dass der Einsender die Lösung eines Problems umreißt, dem mit der Quote nicht beizukommen ist: Gebt den Frauen bessere Versorgungsmöglichkeiten für ihre Kinder, dann haben sie alle Chancen, die sie brauchen. Niemand soll seine Kleinstkinder fremdbetreuen lassen müssen, aber wer das will, soll eine problemlose Möglichkeit dafür finden.

Und Leser E beschreibt in seiner Welt, was auf uns alle noch zukommen kann und wie diffizil man „von oben“ seine Ziele durchsetzt. Heute gilt „nur für Frauen“, morgen heißt es vielleicht „Saarländer only“ oder „Protestanten unerwünscht“. Das halte ich für einen gefährlich Irrweg, den sich unser Land keinesfalls leisten kann.

Und Leser F hat recht mit dem Hinweis, es sei schwer, die Besten unter den Kandidaten herauszufinden. Aber das ist ein allgemeines Problem: Wenn sich fünf Frauen um einen Quotenplatz bemühen, muss ja auch wieder irgendwie entschieden werden. Dann nehmen wir jene Maßstäbe doch gleich für alle Bewerber. Komisch ist: Wir dulden keine Altersdiskriminierung. Aber wir führen eine Geschlechterdiskriminierung offen ein. Ich sage ja immer: Vielleicht sind wir alle ein bisschen verrückt …

Frage-Nr.: 2615
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-03-22

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