Kollateralschäden wegen nachgewiesener Dummheit

Ihren Beitrag „Kollateralschäden“ (Notizen aus der Praxis Nr. 363 vom 16.07.2010) sehe ich als Glosse an, in der die einstellende Firma das Ziel ist. Man kann einem technisch orientierten Ingenieur, der auf Wahrhaftigkeit ausgerichtet ist, eventuell vorwerfen, dass er sich ungeschickt oder undeutlich ausgedrückt hat. Andererseits ist es für einen Berufsanfänger normal, dass eine Einstellung zunächst für eine begrenzte Zeit gilt. Oder war Ihre Motivation darzustellen, dass es für eine Führungsstelle erforderlich ist, ein hohes Maß an Verstellung und Unverfrorenheit zu zeigen? Aus der Reaktion der Firma entnehme ich, dass sie genau diesen Typ Führungskraft bekommt und dass diese Methode in dieser Firma üblich ist. Den abgelehnten Bewerbern würde ich raten, eine Firma zu suchen, welche zu ihrer Einstellung zur Wahrhaftigkeit passt und dass sie sich mit ihren Fähigkeiten möglichst langfristig mit Herz und Verstand einsetzen sollten.

Was war aus Ihrer Sicht die erwiesene Dummheit der Bewerber?

Antwort:

Das kommt davon, wenn ich kurze Beiträge schreibe, wie jenen angesprochenen, nicht alle Zusammenhänge ausführlich analysiere – sondern mich darauf verlasse, dass sich die Dinge von selbst erklären. Sie tun es, liebe Kritiker mancher längeren Ausführungen von mir, mitnichten. Und ich bin nun wirklich ein wenig fassungslos ob dieser Fehlinterpretation meiner Aussage.Damit wir es hinter uns haben, lassen Sie mich zunächst feststellen, dass ich im Rahmen dieser Serie keine Glossen schreibe! Alle Aussagen sind im Kern völlig(!) ernst gemeint, nur in der Darstellung setze ich zur Auflockerung verschiedene sprachliche Stilmittel ein. Ich glaube, dass ich bei diesen z. T. existenziellen Themen niemanden im Unklaren lassen darf, wie etwas gemeint ist. Und hier gilt: Sie können den Inhalt getrost so nehmen wie er kommt, nur die Verpackung ist manchmal etwas „bunt“ gestaltet (wegen der Käufer, die „farbig“ lieber kaufen).So auch im zitierten Fall, die Sache mit der Dummheit gilt als Aussage uneingeschränkt. Was war passiert? Wir hatten für ein Kundenunternehmen einen Berufseinsteiger als „Assistent und möglichen Nachfolger eines Geschäftsführers“ (beides dick in der Schlagzeile herausgestellt) gesucht. Wer, bitte schön, soll sich dann wohl bewerben? Jawohl, jemand der als Assistent einsteigt und dann sowohl willens(!) als auch fähig ist, in absehbarer Zeit dort als Geschäftsführer nachzurücken. Richtig? Ohne jedes denkbare Gegenargument richtig.Natürlich lebt das suchende Unternehmen mit dem Risiko, dass der Kandidat als Assistent versagt und gefeuert werden muss, dass er in drei Jahren doch lieber nach Australien auswandert oder Priester wird. Nichts ist unmöglich, die Lebenserfahrung lehrt es.Aber: Man darf doch wohl erwarten, dass sich in einem so klar definierten Fall nur Menschen bewerben, die nach dem Stand von heute a) Assistent und b) später Geschäftsführer werden wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand das anders sieht. Oder stoße ich hier endgültig an meine Grenzen?Aber da man den Kompromiss ja immer im Auge haben soll, hier mein Vorschlag zur Güte: Wenn ein Mensch, der gar nicht Geschäftsführer werden will, sondern irgendetwas anderes, sich dennoch bewirbt, aber sein abweichendes Berufsziel hineinschreibt in die Bewerbung, lassen wir das auch noch gelten. Dann verliert der Empfänger drei Minuten für die Abwicklung, erkennt die glasklare Nichteignung und legt die Bewerbung auf den Stapel „Absage“.Wenn das jedoch nicht in der Zuschrift stand, der Kandidat wegen sonst stimmender Gegebenheiten ausgewählt wird für ein Vorstellungsgespräch, anreist und mir dann gegenüber sitzt, wenn ich ihn dann nach 1,5 Stunden frage, was seine berufliche Langfristzielsetzung ist – darf ich dann auf eine Antwort wie „Geschäftsführer“ hoffen? Ich darf, da bin ich absolut sicher.Was aber hatte ich von einigen Kandidaten zu hören bekommen auf die „ungewöhnlich raffinierte Fangfrage“ hin? „Möchte mich selbstständig machen“, „Leiter eines Labors“, „Hochschulprofessor“ o. Ä. Darauf gibt es eine klare (anders ist gar keine Entscheidung denkbar) Absage. Wegen erwiesener Dummheit. Was aber natürlich nicht drinsteht in der Absage.Jetzt kommen Sie mir mit der reinen, leuchtenden Flamme der Wahrhaftigkeit in der Seele junger Berufsanfänger. Wir sind uns einig, was auf meine Ziel-Frage geantwortet wurde, war vermutlich schon eine Art Wahrheit, wie die Kandidaten sie in diesem Moment empfunden haben (es kann auch eine „geschönte“ Aussage gewesen sein, während die „wirkliche Wahrheit“ vielleicht „keine Ahnung“ gelautet hätte). Ich hab ja nichts gegen Selbstständige, Laborleiter oder Hochschulprofessoren. Aber doch nicht an jener Stelle in jener Situation!Da wurden unnötige Kosten verursacht – und andere Mitbewerber um ihre Chance gebracht (weil nur höchstens zehn Bewerber eingeladen werden und oft hundert Zuschriften vorliegen). Und jene aus genanntem Grund abgesagten Kandidaten haben auch selbst nur Nachteile (Anreise, Gesprächszeit, Abreise, Prestigeverlust bei diesem Adressaten) gehabt. Irgendeine Art von Sinn erkenne ich in dem Handeln dieser Bewerber nicht. Es war einfach dumm.Aber damit Sie nicht denken, ich kennte meine Pappenheimer nicht: Die Bewerber waren nicht wahrhaftig und standen auch nicht tapfer gegen ein unmögliches System. Sondern sie hatten mit höchster Sicherheit -die veröffentlichte Anzeige nie gelesen, sondern nur die Hauptschlagzeile gesehen – und raus geht die Bewerbung, -sich absolut nicht auf das Gespräch vorbereitet und nicht wenigstens jetzt kurz vor der Anreise die Anzeige noch einmal durchgearbeitet, -oder bis zu jenem Gesprächspunkt alles schon wieder vergessen, es war ja auch nicht so wichtig.Falls Ihnen das unglaublich erscheint: Fragen Sie einmal professionelle Bewerbungsleser und Vorstellungsgesprächsführer: Viele „erwachsene“ Manager wissen nicht, was in ihren eigenen Arbeitszeugnissen steht, kennen weder falsche Daten dort noch eklatante Schreibfehler, schon gar nicht wissen sie, welche merkwürdigen Zweideutigkeiten drinstehen. Da wollen wir von Berufsanfängern nicht zu viel verlangen.Und damit auch das sehr deutlich wird: Ich gehe auf dieses Thema nicht so engagiert ein, um ein paar jungen Bewerbern nachträglich ihre „Sünden“ vorzuhalten – was hätte ich davon. Ich gebe hingegen Hunderten aus dieser Zielgruppe die Chance, nicht ebenso durchzufallen, sondern im Gegenteil bei ihren eigenen Aktionen durch überzeugendes Verhalten dem Ziel näher zu kommen.Wenn Sie, geehrter Einsender mich auch jetzt immer noch nicht verstehen, dann weiß ich nicht mehr weiter – besser kann ich es nicht erläutern. Aber ich weiche hier keinen Millimeter – auch ich habe einen Anspruch auf meine spezielle „Wahrhaftigkeit“.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2436
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-10-06

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